Vorfreude auf spannendes Neues

Auch wenn Andreas Vojta amtierender Staatsmeister im Halbmarathon ist, bezeichnet er seinen Auftritt beim Sportisimo Prag Halbmarathon am Samstag als eine Art Premiere. Es ist sein erster Halbmarathonlauf, auf den er sich spezifisch vorbereitet hat. Der Wettkampf ist vielleicht ein Schaufenster für die Zukunft.

Andreas Vojta (r.) bei seinem bisher längsten Wettkampf. Bei den Marathon-Staatsmeisterschaften 2020 absolvierte er als Tempomacher mehr als einen Halbmarathon. © ÖLV / Alfred Nevsimal

Noch in der ersten Wochenhälfte stolzierten Zig-Tausende Läuferinnen und Läufer bei frühlingshaften Temperaturen im Laufschritt über Österreichs schönste Laufstrecken. Ein euphorisierendes Signal habe er in seinem Körper bei den Laufrunden im sommerlichen Outfit gespürt, erzählt Andreas Vojta (team2012.at). Nun, kurz vor dem kommenden Laufwochenende, blickt die Laufszene nicht mit Enthusiasmus auf das Wetterradar über Europa. 1°C und leichter Schneefall erwarten etwa Österreichs bestem Bahnläufer der letzten Jahre laut Wetterprognose in der tschechischen Hauptstadt. Wenn am Samstag um 10 Uhr der Startschuss fällt, könnte auch Wind aufkommen. Vojta hätte es naturgemäß lieber anders gehabt, nimmt die schlechte Wetterprognose aber locker. „Auch wenn ich im Halbmarathon kein Routinier bin. Mit 32 werde ich mich davon nicht drausbringen lassen. Ich konzentriere mich auf meinen Schritt und auf einen guten Laufrhythmus“, lenkt er die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche. Der Rest sei nicht so wichtig, auch nicht, ob die Luft 1 oder 5 Grad warm sein wird. Nur Schneeregen wäre angesichts der vielen Kopfsteinpflaster auf der Prager Laufstrecke durch einen dann zu rutschigen Untergrund sehr unangenehm.

RunAustria-Tipp: Der Sportisimo Prag Halbmarathon mit Andreas Vojta soll am Samstag mit Start um 10 Uhr im Livestream auf der Website von RunCzech übertragen werden.

Vorfreude und Ambitionen

Viel mehr freut sich Vojta auf ein neues Kapitel in seiner Karriere und insbesondere auf die coole Atmosphäre. Ein Halbmarathon auf internationalem Boden mit trotz der schlechten Wettervorhersage erwartbar guten Stimmung vom Streckenrand ist eine neue, attraktive Erfahrung. Der 32-Jährige hat in den letzten Jahren zwei Halbmarathons absolviert, plus der überzeugende Auftritt als Tempomacher bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften im Marathonlauf 2020. Der schnellste führte ihn zu einer Zeit von 1:04:19 Stunden und dem Staatsmeistertitel im August in Klagenfurt. Doch dieses Mal sind Erwartungshaltung und Ambitionen anders, weil bereits vor Monaten die Saisonplanung gemeinsam mit seinem Trainer Willy Lilge einen schnellen Halbmarathon im Frühling vorsah. Und darauf wurde hintrainiert. „Damals hab ich den Halbmarathon aus dem Training heraus mitgenommen, weil es eine schöne Möglichkeit eines Heimrennen war. Ich war locker und hatte keinen Druck, das klassische Wettkampfgefühl war nicht da. Dieses Mal war die Vorbereitung zielgerichtet mit spezifischen Trainings im abgestimmten Tempobereich“, erzählt der Niederösterreicher. Nur in einem Punkt wünscht er sich keinen Unterschied zum Wörthersee Marathon. Damals war das Laufgefühl nach zehn und 15 Kilometern so gut, dass er sich Selbiges für Samstag wünscht.

Ein negativer Split als Plan

Der Prag Halbmarathon ist der wahrscheinliche erste Schritt in Richtung einer Orientierung an den langen Strecken mit Asphalt als Untergrund. Der ehemalige Mittelstreckenläufer liegt bereits jetzt auf Rang zehn der ewigen heimischen Bestenliste im Halbmarathon (auch wenn die Strecke beim Wörthersee Halbmarathon als Punkt-zu-Punkt-Strecke nicht bestenlistentauglich ist, Anm.), das Potenzial einer Verbesserung liegt auf der Hand. „Mit der Vorbereitung bin ich insgesamt sehr zufrieden. Nach meinem 10km-Lauf in Berlin (siehe RunAustria-Bericht), der den erhofften Effekt hatte, dass ich trotz des kleinen Schocks für den Körper nachher auf einer halben Stufe weiter oben wieder ins Training eingestiegen bin, ging es nach meiner subjektiven Einschätzung im Training sukzessive leicht bergauf“, versprüht der 32-Jährige leichten Optimismus. Das gesteigerte Level in den Trainingseinheiten erlauben, dass er sich in jenem Tempobereich, das er für Samstag anstrebt, wohl fühlt. Und das liegt bei einer Angangszeit von etwa 29:30 Minuten für die ersten zehn Kilometer, plus/minus flexibler Abweichungen in beide Richtungen. Das würde ihn bei gutem Rennverlauf in die Dimension einer 1:02er-Zeit führen, das haben in der heimischen Halbmarathon-Geschichte erst Günther Weidlinger, Timon Theuer und Michael Buchleitner erreicht. Für einen Halbmarathonläufer mit wenig Erfahrung sieht er einen negativen Split als die bessere Strategie für sich vor.

Kenianisches Trio soll sich am Streckenrekord orientieren

Einige Fragezeichen bietet noch die Zusammenstellung des Feldes, das insbesondere bei den Männern mit hoher Qualität an der Spitze glänzt. Nicht selten wurde bei Rennen der RunCzech Running League, die mit dem Prag Halbmarathon in ihre erste volle Saison seit 2019 starten möchte, an der Spitze ein horrendes Tempo für spektakuläre Siegerzeiten angeschlagen. Die Gefahr für die zweite Reihe dabei ist, dass sich dort keine guten Gruppen bilden. Das geplante Tempo und einen günstigen Rennverlauf verbinden zu können, ist aber ein Erfolgsgeheimnis. „Für einen Hobbyläufer sieht es vielleicht so aus, als wären ein Kilometerschnitt von 2:50 oder 2:56 Minuten fast dasselbe – ein vernachlässigbarer Unterschied von nur wenigen Sekunden“, erklärt Vojta. „In Wahrheit ist es ein großer Unterschied, den man spürt, wenn man bei jedem Schritt Druck machen muss.“

An der Spitze plant der Veranstalter trotz der Wettervorhersage, die auch ostafrikanische Eliteläufer kaum zu Jubelstürmen veranlassen wird, ein pfeilschnelles Rennen. Philemon Kiplimo, einer der schnellsten Halbmarathonläufer der Geschichte, soll den Streckenrekord des Äthiopiers Atsedu Tsegay aus dem Jahr 2012 von 58:47 Minuten ins Visier nehmen. Der 23-Jährige hält bei einer Bestleistung von 58:11 Minuten, aufgestellt beim Valencia Halbmarathon 2020. Ein Jahr später lief er in der spanischen Hafenstadt ein weiteres Mal deutlich unter 59 Minuten, vor eineinhalb Monaten musste er den RAK Halbmarathon aufgeben. Erfahrungen mit Prag hat der junge Kenianer ebenfalls bereits gesammelt – als Zweiter beim Halbmarathon 2020.

Seine Landsleute Kennedy Kimutai, zuletzt Zehnter beim RAK Halbmarathon, aber im Oktober 2021 Vierter in Valencia (58:28), und Keneth Renju, der beim RAK Halbmarathon als Dritter eine persönliche Bestleistung von 58:35 Minuten aufgestellt hat, vor zwei Wochen in Lille einen 10km-Lauf in einer grandiosen Zeit von 26:57 Minuten gewonnen hat und damit am Höhepunkt seiner bisherigen Karriere nach Prag kommt, ergänzen eine leistungsstarke Spitzengruppe, die auf der schnellen Strecke mit der herrlichen Kulisse der Stadt Prag, allerdings versehen mit viel Kopfsteinpflaster und einigen Wellen bei Brücken über die Moldau, hohen Ambitionen nachjagen wird. Sechs weitere Läufer haben eine Bestleistung unter 60 Minuten, darunter Mathew und Benard Kimeli aus Kenia. Der beste Tscheche im Rennen ist Jiri Homolac, der laut Vorleistung beste Europäer der Holländer Khalid Choukoud.

Kenianische Favoritinnen

Auch bei den Frauen ist ein starkes Elitefeld verpflichtet worden, wenn gleich die Trauben angesichts der Resultate in den letzten Jahren mit fünf Siegerzeiten unter 1:06 Stunden in Folge, darunter der ehemalige Weltrekordlauf von Joyciline Jepkosgei und der aktuelle Weltrekordlauf für reine Frauen-Rennen von Peres Jepchirchir, hoch hängen. Die Kenianerinnen Irene Cheptai, eine ehemalige Crosslauf-Weltmeisterin und vor zwei Wochen Zweite beim New York City Halbmarathon, und Brenda Jepleting, die beim Valencia Halbmarathon 2021 eine persönliche Bestleistung von 1:05:44 Stunden erzielt hat, sowie die für den Bahrain laufende Nelly Jepchumba, Siegerin des Madrid Marathon 2021, sind die Favoritinnen. Europäische Topläuferinnen fehlen in Prag.

Auftakt zu den Super Halfs 2022

Aufgrund der aktuellen kriegerischen Auseinandersetzung in der Ukraine, gegen die der Prag Halbmarathon mit einer Symbolik für den Frieden ein Statement setzen wird, hat RunCzech seine Jahreskampagne kurzfristig verändert. Die war in Erinnerung an die drei Olympischen Goldmedaillen der Prager Lauflegende Emil Zatopek, die er vor 70 Jahren in Helsinki errang, mit einem „Z“ ausgerichtet. Da dieser Buchstabe nun aber Symbol der russischen Militäraktivitäten ist, hat RunCzech-Präsident Carlo Capalbo diese Kampagne gestoppt. Eine weitere wichtige Neuigkeit von der Serie der beliebtesten Laufevents in unserem nördlichen Nachbarland ist die neue sechsjährige Partnerschaft mit adidas.

Der Sportisimo Prag Halbmarathon bildet den Auftakt der fünfteiligen Serie der Super Halfs 2022, die am 23. Oktober in Valencia endet. Es wird die erste vollständige, nachdem die für 2020 erstmals eingeplante Eliteserie von europäischen Halbmarathonläufen aufgrund der beiden Pandemiejahre Ausfälle zu verzeichnen hatte. Bisherige Resultate wurden eingefroren, der Verbund der Veranstalter gibt Freizeitläuferinnen und Freizeitläufer 36 Monate Zeit, alle fünf Halbmarathons zu finishen.

Am Sonntag werden bis zu 11.000 Läuferinnen und Läufer den Startschuss in die tschechische Laufsaison und in die Serie der Super Halfs setzen.

RunCzech

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