Obiri auch im dritten Halbmarathon unter 1:05 Stunden
Hellen Obiri wurde ihrer Favoritenrolle beim Halbmarathon in Istanbul gerecht und vollendete auch ihren dritten Halbmarathon im Weltklassebereich. Drei Halbmarathonzeiten unter 1:05 Stunden hat außer der Kenianerin nur Yalemzerf Yehualaw. Bei den Männern stürmte Rodgers Kwemoi in beachtlicher Dominanz zu einem neuen Streckenrekord.

© Spor Istanbul
Mit der zehntschnellsten Halbmarathonzeit der Geschichte finishte Hellen Obiri den Istanbul Halbmarathon standesgemäß. Ihre außergewöhnliche Klasse zeigte sich nicht nur in der Qualität ihrer Siegerleistung, sondern im Verhältnis zu den Leistungen der starken Konkurrenz, die sie klar hinter sich ließ. Damit knackte die 32-Jährige ihre beim Debüt im Vorjahr aufgestellte Zeit um drei Sekunden, blieb jedoch deutlich hinter ihrer persönlichen Bestleistung von vor fünf Wochen beim RAK Halbmarathon, was auch mit den äußeren Bedingungen zu tun hatte. „Ohne Wind hätte sich sicherlich ein bisschen schneller laufen können. Während der zweiten Rennhälfte war es wirklich windig. Aber ungeachtet dessen: Es war ein guter Wettkampf!“, analysierte der Star, der auch mit einer kleinen Überraschung aufhorchen ließ. Entgegen des vermeintlich klaren Plans des Fokus auf die Straße will sie für die Weltmeisterschaften in Eugene – und damit für die kommende Sommersaison – noch einmal auf die Bahn zurückkehren. Ihr Marathon-Debüt hinsichtlich eines Olympia-Stars in Paris 2024 verschiebt sich daher wohl auf 2023. Womit Obiri, die alle ihre ersten drei Halbmarathon-Wettkämpfe in einer Zeit von unter 1:05 Stunden bestritten hat (in der Historie gab es ingesamt bisher 17 Halbmarathonleistungen unter 1:05 Stunden, Anm.), ihre Straßenlauf-Ambitionen mit dem Triumph in Istanbul vorerst unterbrochen hat.
Die Anfangsphase des Rennens genoss die Spitze der Frauen den Wind, denn er blies ihnen in den Rücken. Und so veranlasste die Favoritin ihre Tempomacher ein horrendes Tempo anzuschlagen. Nach 14:45 Minuten waren die ersten fünf Kilometer absolviert, eine Teilzeit, die in der Theorie eine Attacke auf den Weltrekord zugelassen hätte. Für Tsehay Gemechu, mit Siegen in Kopenhagen, Lissabon oder Neu Delhi eine mehr als in der Weltklasse etablierte Läuferin, war dieses Tempo zu schnell, kurz nach dieser Zwischenzeit konnte sie Obiri nicht mehr folgen, die mit ihren Tempomachern nun alleine unterwegs war und in fast genau einer halben Stunde die Zwischenzeit bei Kilometer zehn erreichte.
Die amtierende Weltmeisterin im Crosslauf und im 5.000m-Lauf hielt die Pace Richtung einer niedrigen 1:04er-Zeit bis Kilometer 15, ehe sie das Tempo etwas reduzieren musste. Im Ziel hatte sie in einer Zeit von 1:04:48 Stunden satte 64 Sekunden Vorsprung auf die 23-jährige Gemechu, was den Sieg der Kenianerin wertvoll machte. Gemechus Landsfrau Bekelch Gudeta gelang als Dritte gar eine persönliche Bestleistung. In einer Zeit von 1:06:35 Stunden blieb sie um 19 Sekunden unter ihrem bisherigen Bestwert, den sie vor einem Jahr bei dieser Veranstaltung erzielt hatte.
Neuer tschechischer Rekord
Wie hochkarätig das Feld in der Metropole am Bosporus war und wie möglich gute Leistungen trotz des Windes waren, zeigte die unheimliche Dichte im Feld. Elf Läuferinnen blieben unter 1:10 Stunden, darunter mit der fünftplatzierten Lokalmatadorin Yasemin Can und der seit kurzem für Rumänien an den Start gehenden Stella Rutto auch zwei Europäerinnen – beide stammen gebürtig aus Kenia.
Gar einen neuen Landesrekord lief die Tschechin Moira Stewartova. Die 26-Jährige lief ein ausgeglichenes Rennen und blieb in einer Zeit von 1:10:14 Stunden 47 Sekunden unter dem alten Bestwert von Eva Vrabcova-Nyvltova, EM-Bronzemedaillengewinnerin im Marathonlauf von Berlin 2018. In der gleichen Gruppe mit der Tschechin lief bis zum Schluss auch die in Deutschland lebende und auf die deutsche Staatsbürgerschaft wartende Kristina Hendel. Die 25-Jährige beendete das Rennen nach 1:10:38 Stunden und ist nach dieser individuellen Steigerung um fast eine Minute nun die neue Nummer zwei der ewigen kroatischen Bestenliste hinter dem neun Jahre alten Rekord von Lisa Christina Nemec.
Kwemoi mit Alleingang auf der zweiten Streckenhälfte
Wie das Rennen der Frauen begann auch jenes der Männer mit einer Teilzeit von 13:40 Minuten auf den ersten fünf Kilometern rasant. Überraschenderweise zeichnete sich nicht nur ein Duell zwischen den beiden Kenianerin Rodgers Kwemoi und Daniel Mateiko ab, sondern kämpfte ihr Landsmann Emmanuel Bor munter an der Spitze mit. Das Trio erreichte die Zwischenzeit bei Kilometer zehn in 27:35 Minuten. Kurz darauf löste sich Kwemoi von seinen Kontrahenten, weil diese das hohe Tempo an der Spitze nicht mehr mithalten konnten. Der 24-jährige Olympia-Siebte und WM-Vierte im 10.000m-Lauf hielt das Tempo auch in den Gegenwindpassagen einigermaßen hoch und erarbeitete sich so einen deutlichen Vorsprung von 50 Sekunden auf Mateiko und 65 Sekunden auf Bor, der seine persönliche Bestleistung um 49 Sekunden auf 1:00:20 Stunden schraubte.
Für Kwemoi war es in seinem dritten Halbmarathon die dritte Top-Leistung und der erste Sieg. „Insgesamt war es ein gutes Rennen. Leider habe ich in der zweiten Hälfte meine Oberschenkelmuskulatur etwas gespürt und auch der Wind hat dafür gesorgt, dass ich nicht mehr schneller laufen konnte“, sagte der Trainingskollege von Eliud Kipchoge in Kaptagat. Er blieb mit einer Siegerzeit von 59:15 Minuten als einziger unter einer Stunde und verbesserte den Streckenrekord des Vorjahressiegers Kibiwott Kandie um 20 Sekunden. Bester Europäer war der zwölftplatzierte Rumäne Nicolae Alexandru Soare.
Veranstalter setzt nächsten Schritt
Der Istanbul Halbmarathon war vor einem Jahr einer der wenigen Laufevents in Europa, der stattfand und Freizeitläufer an die Startlinie ließ. In diesem Jahr nahmen rund 7.000 Läuferinnen und Läufer an der Veranstaltung teil, was die Organisatoren zu einem positiven Fazit bewegte. „Es war ein großartiger Event, auf den wir aufbauen können. Trotz der Einschränkungen rund um COVID-19 ist es ein Fortschritt in der Entwicklung des N’Kolay Istanbul Halbmarathon“, so Renndirektor Renay Onur.
Ergebnisse N’Kolay Istanbul Halbmarathon 2022
Männer
- Rodgers Kwemoi (KEN) 59:15 Minuten *
- Daniel Mateiko (KEN) 1:00:05 Stunden
- Emmanuel Bor (KEN) 1:00:20 Stunden **
- Edmond Kipngetich (KEN) 1:00:30 Stunden
- Brian Kwemoi (KEN) 1:00:50 Stunden ***
- Tamerat Tegegn (ETH) 1:01:15 Stunden ***
- Isaac Kipkemboi (KEN) 1:01:40 Stunden ***
- Daniel Kiprotich (KEN) 1:01:43 Stunden **
- Kiros Ashenafi (ETH) 1:01:44 Stunden ***
- Gerald Vincent (KEN) 1:01:47 Stunden **
Frauen
- Hellen Obiri (KEN) 1:04:48 Stunden
- Tsehay Gemechu (ETH) 1:05:52 Stunden
- Bekelech Gudeta (ETH) 1:06:35 Stunden **
- Vicoty Chepngeno (KEN) 1:06:58 Stunden
- Yasemin Can (TUR) 1:07:57 Stunden
- Mahden Gebrselassie (ETH) 1:08:27 Stunden **
- Stella Rutto (ROM) 1:08:29 Stunden
- Nigisti Haftu (ETH) 1:08:32 Stunden
- Pauline Esikon (KEN) 1:09:11 Stunden
- Ayinadis Teshome (ETH) 1:09:21 Stunden
…
12. Moira Stewartova (CZE) 1:10:14 Stunden ****
16. Kristina Hendel (CRO) 1:10:38 Stunden **
* neuer Streckenrekord
** neue persönliche Bestleistung
*** Halbmarathon-Debüt
**** neuer tschechischer Landesrekord