Nächster Titel für Selemon Barega

Selemon Barega, Olympiasieger im 10.000m-Lauf, holte sich in Belgrad zur Mittagsstunde die Goldmedaille im 3.000m-Lauf. Der talentierte Äthiopier hielt seinen Landsmann Lamecha Girma im Zaum. Während die Kenianer ihr kleines „Waterloo“ erlebten, feierte Marc Scott historisches Edelmetall für Großbritannien.

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Mit 22 Jahren hat Selemon Barega, dessen außergewöhnliches Talent erstmals bei der Junioren-WM 2016 in Bydgoszcz im internationalen Rampenlicht erstrahlte, als er seine erste Goldmedaille holte, mehr Triumphe erleben dürfen als der überwiegende Großteil jener, die sich für eine Profikarriere im Laufsport entschieden haben. Junioren-Weltmeister 2016 (5.000m), Jugend-Weltmeister 2017 (3.000m) (interessante Reihenfolge!), WM-Silbermedaillengewinner 2019 (5.000m), Olympiasieger im Jahr 2021 (10.000m) und nun Hallen-Weltmeister 2022 (3.000m). „Wir sind nach Belgrad gekommen, um die Erfolgsgeschichte des äthiopischen Langstreckenlaufs fortzuführen. Unsere Teamtaktik ist aufgegangen und hat uns beiden eine Medaille gebracht. Wir haben ein gutes und komfortables Tempo angeschlagen, das hat zum Erfolg geführt“, analysierte der Sieger.

Gold: Selemon Barega (Äthiopien) Silber: Lamecha Girma (Äthiopien) Bronze: Marc Scott (Großbritannien)

Dass dieser junge Mann zu Großem berufen ist, ahnten viele schon seit Jahren, auch weil er einen überzeugenden Laufstil und taktisches Gefühl für viel Eigenverantwortung in seinen Wettkämpfen in die Waagschale wirft. Auch heute Mittag in Belgrad, als Barega immer wieder Führungsarbeit leistete, in den wilden Positionswechsel im ewig-jungen äthiopisch-kenianischen Duell an der Spitze kurz vor den entscheidenden letzten beiden Runden kühlen Kopf bewahrte, um sich dann sukzessive mit einem Steigerungslauf in die beste Position zu bringen. Wie in Madrid beim Finale der World Athletics Indoor Tour setzte er sich im Duell mit seinem Landsmann Lamecha Girma durch. Damals reichte Girma Rang zwei zum Gesamtsieg, dieses Mal fehlte das gewisse Etwas zu dessen vollster Zufriedenheit. Auch weil Barega am Punkt X in Topform kam. Aus gesundheitlichen Gründen verspätet in die Vorbereitung eingestiegen, brauchte er die hochkarätigen Hallen-Wettkämpfe in Europa, um sich seiner Topform zu nähern. Das Timing passte perfekt. Auch der Zweitplatzierte hob den äthiopischen Zusammenhalt hervor: „Ehrlich gesagt war ich in der Form für Gold. Aber ich bin glücklich, dass Selemon es geschafft hat und wir Gold und Silber eingefahren haben.“

Der Ansatz eines ewigen Zweiten

Lamecha Girma ist wie Barega Jahrgang 2000, aber fast ein Jahr jünger als sein Landsmann und Rivale. Auch seine Medaillensammlung in jungen Jahren ist mehr als beeindruckend, sie ist jedoch wie ein Sprungbrett eines ewigen Zweitens. In Belgrad konnte er seine Silber-Serie nicht beenden, wobei es sicherlich Schlimmeres gibt. 2019 war im WM-Finale des 3.000m-Hindernislauf Conseslus Kipruto einen Hauch schneller, es war Girmas wohl bester Wettkampf bisher. Bei den Olympischen Spielen huschte Soufiane El Bakkali vor ihm über die Ziellinie, nun verantwortete Barega seine dritte Silbermedaille bei den letzten drei Großevents. „In der letzten Runde war Selemon einfach frischer und daher schneller als ich. Ich habe alles gegeben“, erkannte Girma an. Der jüngste Erfolg dürfte dem 21-Jährigen viel Motivation geben, schließlich ist der 3.000m-Hindernislauf seine Hauptdisziplin, nicht der flache Langstreckenlauf.

Dass Äthiopien den 3.000m-Lauf der Männer dominieren würde, hatten nicht nur die Vorleistungen erwarten lassen, es entspricht auch einer gewissen Konstanz. Barega war vor vier Jahren in Birmingham, damals im Alter von 18, Zweiter hinter Yomif Kejelcha. Ein äthiopischer Doppelsieg wie bei den letzten beiden Gelegenheiten hat dennoch Seltenheit, denn den einzigen anderen Doppelsieg in dieser Disziplin feierten die Iren Frank O’Mara und Paul Donovan im Jahr 1987. Dafür haben äthiopische Goldmedaillengewinner Tradition: Haile Gebrselassie 1997, 1999 und 2003, die Bekele-Brüder Kenenisa und Tariku in den Jahren 2006 und 2008 sowie Kejelcha in den Jahren 2016 und 2018. Nicht unbedingt die Liste der chronisch Erfolglosen, in die sich Selemon Barega nun eingeordnet hat.

Die perfekte Schlussrunde des Marc Scott

Eine im Vergleich besondere Note nimmt da die Bronzemedaille von Marc Scott ein. Es ist nämlich die erst zweite für Großbritannien in dieser Disziplin nach Rob Denmark, der 1991 in Sevilla beim zweiten Triumph von O’Mara ebenfalls Dritter war. Der dritte Platz des 28-Jährigen ist allerdings nicht hoch genug einzuschätzen, schließlich hat der Brite nach seinem Olympischen Doppel (Vorlauf-Aus im 5.000m-Lauf, 14. Platz über 10.000m) im Herbst zwei Halbmarathons bestritten hat und das in sehr flottem Schritt. Aber nicht unbedingt jene Disziplin, in der man die Schrittschnelligkeit für eine letzte Runde in einem 3.000m-Lauf übt.

Scott machte in Belgrad alles richtig, lief das gesamte Rennen achtsam in vorderer Position, ohne jemals in der ersten Reihe aufzutauchen, brachte sich in der entscheidenden Phase in die beste Ausgangsposition für eine wirklich gelungene letzte Runde. Mit dem Glockenton nahm er Schwung auf, folgte den Äthiopiern und verblüffte die Kenianer. 7:42,02 Minuten, eine Saisonbestleistung zum richtigen Zeitpunkt und eine Bronzemedaille für das Curriculum. „Ich bin überglücklich. Ich war mir bewusst, in guter Form zu sein. Es kam drauf an, diese am Tag X auf die Laufbahn zu bringen. Auch wenn das Rennen viele Schmerzen gebracht hat: Ich habe immer gewusst, auch auf Weltbühne um Medaillen kämpfen zu können und heute habe ich das gezeigt!“, jubelte der 28-Jährige.

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Kenias Medaillenserie zu Ende

Da schauten die Kenianer hinter der Ziellinie nicht sehr glücklich aus der Wäsche. Sowohl Daniel Simiu als auch Jacob Krop, am Ende Vierter und Fünfter, hatten im Vorfeld in kenianischen Medien offensiv eine Goldmedaille angekündigt, vielleicht auch als Beruhigung für die kenianische Öffentlichkeit, die im Selbstverständnis nichts anders erwartet. Ganz unrealistisch war es nicht, dass Kenia im Gegensatz zu 2018 (Bronze durch Bethwel Birgen) dieses Mal leer ausgehen würde, zu stark war das äthiopische Duo. Dass Marc Scott einen Sahnetag erwischen würde, hätten die beiden wohl nicht gedacht. Das führte aber zu einem Eintrag in die Geschichtsbücher: Erstmals seit 21 Jahren blieb Kenia bei Hallen-Weltmeisterschaften im 3.000m-Lauf der Männer ohne Edelmetall. Damals in Lissabon war ein gewisser Bernard Lagat Sechster.

Thorwirth erreicht sein Ziel

Das Rennen kannte noch einen Enttäuschten: Adel Mechaal konnte nicht an die Leistungen in seinem langen, vielleicht zu langen Wettkampf-Winter anknüpfen. Mehr als Rang sieben ging sich für den Spanier nicht aus. Damit war er um eine Position besser platziert als Maximilian Thorwirth, der im Dunstkreis der Weltelite eines seiner bisher schnellsten 3.000m-Rennen in der Halle auf die Bahn zauberte. Rang acht in 7:45,87 Minuten verdient mehr als einen Schulterklopfer, es ist ein großartiges Ergebnis. „Ein Top-Acht-Platz war das große Ziel. Ich habe mich heute richtig gut gefühlt. Ich bin einfach nur glücklich“, wird der 27-Jährige auf der Website des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zitiert. Es ist dieselbe Position, die vor vier Jahren, damals überraschend, sein Landsmann Clemens Bleistein belegt hatte. Besser als Rang acht, den auch Mirko Döring 1993 und Arne Gabius 2012 erreichten, war aus deutscher Sicht zuletzt Dieter Baumann bei seiner Bronzemedaille 1989.

Auch der Schweizer Jonas Raess, der lange Zeit das Schlusslicht in der 15-köpfigen Perlenkette bildete, wird mit Rang elf nicht unzufrieden aus der serbischen Hauptstadt abreisen. Ein besseres Schweizer Resultat in dieser Disziplin erzielte nur Pierre Délèze beim Vorgängerevent der ersten Hallen-WM 1985 in Paris.

Ergebnis 3.000m-Lauf der Männer, Hallen-WM 2022

Gold: Selemon Barega (Äthiopien) 7:41,38 Minuten
Silber: Lamecha Girma (Äthiopien) 7:41,63 Minuten
Bronze: Marc Scott (Großbritannien) 7:42,02 Minuten *

  1. Daniel Simiu (Kenia) 7:42,97 Minuten
  2. Jacob Krop (Kenia) 7:43,26 Minuten
  3. Zouhair Talbi (Marokko) 7:43,45 Minuten
  4. Adel Mechaal (Spanien) 7:43,60 Minuten
  5. Maximilian Thorwirth (Deutschland) 7:45,87 Minuten
  6. Dillon Maggard (USA) 7:46,16 Minuten **
  7. George Beamish (Neuseeland) 7:46,91 Minuten
  8. Jonas Raess (Schweiz) 7:47,28 Minuten
  9. Matthew Ramsden (Australien) 7:49,82 Minuten *
  10. Michael Somers (Belgien) 7:51,65 Minuten
  11. Baldvin Magnusson (Island) 8:04,77 Minuten

    DNS Isaac Kimeli (Belgien)

* neue Saisonbestleistung
** neue persönliche Bestleistung

Hallen-Weltmeisterschaften 2022 in Belgrad

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