Mariano Garcias historischer 800m-Triumph

Mit einem eindrucksvollen Lauf von der letzten Position nach einem Rennviertel an die Spitze hat der Spanier Mariano Garcia einen historischen Triumph erzielt. Noah Kibet holte die erste Medaille für Kenia seit zehn Jahren, auch für Bryce Hoppel ist es die erste auf internationalem Niveau.

© Getty Images for World Athletics / Maja Hitij

„Das Rennen hat ja wirklich nicht gut für mich begonnen“, gab Mariano Garcia nach dem Rennen vor den Mikrophonen von World Athletics zu. Die erste Runde vollendete er als Letzter im achtköpfigen Finalfeld, auf der engen Bahn einer Indoor-Anlage bedeutet das ein ordentliches Verkehrsaufkommen. Doch dann initiierte eine Tempoverschärfung seinerseits ein traumhaftes 800m-Rennen aus individueller Sicht. Der 24-Jährige überholte binnen kürzester Zeit vier Kontrahenten und war plötzlich mitten drin im Kampf um die Medaillen. Diese Aktion war kraftaufwändig, schließlich war der Kanadier Marco Arop wie von der Tarantel gestochen losgestürmt, um mit seiner bevorzugten Taktik eines Vollgas-Frontruns mit Hoffen auf einen Energieverlust erst nach 800,01 Metern zum Erfolg zu kommen. Um es vorwegzunehmen – Arop handelte an diesem Tag mit Zitronen. Aber er gestaltete das Rennen so, dass er trotz seiner schnellen ersten Runde noch einen Gegenangriff starten konnte, als Garcia in der vorletzten Runde kurz an die Spitze gegangen war. Doch mit der Glocke konterte der Iberer eingangs der letzten Runde und gab seinen Platz an der Sonne nicht wieder ab.

Gold: Mariano Garcia (Spanien) Silber: Noah Kibet (Kenia) Bronze: Bryce Hoppel (USA)

Erst drittes iberisches Gold

„Vor dieser WM hatte ich wirklich das Gefühl, so gut drauf zu sein, um um Gold mitkämpfen zu können. Ich fühlte mich voller Selbstvertrauen, die ganze Vorbereitung und die Wintersaison waren top. Ich war heute unfassbar fokussiert und habe alles gegeben“, kommentierte der Sieger des Tages, der seinen Triumph seinem Heimatort in der Nähe von Murcia und ganz speziell seinem Vater widmete – in Spanien ist der 19. März Vatertag. Für sein Heimatland war dieser Erfolg ein besonderer. Vor 37 Jahren hatte Coloman Trabado in Paris vor seinem Landsmann Benjamin Gonzalez gewonnen – es war damals noch keine offizielle Hallen-Weltmeisterschaft. Vier Jahre nach der überraschenden Bronzemedaille durch Saul Ordonez in Birmingham hat Spanien nun wieder einen 800m-Hallen-Weltmeister. Und – man mag es kaum glauben – es ist erst das dritte Hallen-WM-Gold der Leichtathletik- und Läufernation Spanien in der Geschichte von Hallen-Weltmeisterschaften (bei 20 Silber- und 15 Bronzemedaillen exklusive jener, die 2022 dazukommen). Ein Ausnahmeereignis also.

Mariano Garcias 100m-Splits (Position): 12,63 (8.) / 12,66 (8.) / 12,37 (4.) / 13,09 (3.) / 13,42 (1.) / 14,09 (3.) / 13,55 (1.) / 14,39 (1.) Sekunden
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Kibet jüngster Medaillengewinner seit kubanischer Hochsprunglegende

Auch wenn trotz Arops Tempomacherrolle am Ende im historischen Vergleich keine außergewöhnliche Siegerzeit herauskam – das Finale über 800m der Männer in Belgrad war insofern ein spannendes, weil ständig etwas passierte, das den Rennverlauf änderte. Andreas Kramer war neben Arop die zweite Konstante, auch er war an einem schnellen Rennen interessiert. Nach 50,50 Sekunden ging der Kanadier in die zweite Hälfte, hinten gab es nun Positionswechsel im Sekundenabstand. Neben Garcia lief der junge Kenianer Noah Kibet die dritte Runde am aggressivsten. Doch der Spanier wehrte die zarte Attacke des 17-Jährigen auf der Außenseite ab, es war das entscheidende Duell vor der letzten Kurve. Der noch nicht Volljährige finishte gut und jubelte über die Silbermedaille, es ist seine erste internationale bei den Erwachsenen. „Ich bin sehr glücklich. Obwohl ich erst 17 bin, habe ich den Druck gespürt. Es war eine großartige Erfahrung!“, so der talentierte Kenianer.

Dieser Erfolg ist aus zwei Gründen historisch: Erstens wartete Kenia seit zehn Jahren auf einen Medaillengewinn auf der kürzesten Laufdistanz, damals gewann Boaz Lalang ebenfalls die Silbermedaille. Und zweitens ist Noah Kibet der jüngste Medaillengewinner bei Hallen-Weltmeisterschaften der Geschichte. Jünger war lediglich der legendäre Hochspringer Javier Sotomayor beim Vorgängerevent 1985 in Paris, der Kubaner gewann damals Silber.

Marco Arops 100m-Splits: 12,10 (1.) / 11,87 (1.) / 12,92 (1.) / 13,45 (1.) / 14,24 (4.) / 13,25 (1.) / 14,03 (2.) / 15,72 (8.) Sekunden

Erste Medaille für Hoppel

Da Marco Arop der Sprit auf den letzten 100 Metern komplett ausging („Mein Körper hat einfach den Ausschaltknopf gedrückt.“), er aber die Innenbahn besetzte, entwickelte sich ein nicht einfacher Endspurt um die Bronzemedaille. Die schnellste Endgeschwindigkeit hatte Alvaro de Arriba auf der Außenbahn, doch der Hallen-Europameister von 2019 kam einen Schritt zu kurz und wurde Vierter. Dass er sich damit um einen Platz besser klassierte als bei der letzten Hallen-WM wird kein Trost gewesen sein. So ging Bronze an den US-Amerikaner Bryce Hoppel, der damit sein erstes globales Edelmetall gewann und entsprechend glücklich war: „Es ist eine Ehre, eine Medaille zu gewinnen.“ Den Rennverlauf habe er richtig eingeschätzt: „Das ist es, wie Marco seine Rennen liebt. Er macht sie schwierig für alle. Ich habe mein Rennen fast richtig getimt, vielleicht hätte ich meinen Kick etwas früher zünden müssen.“ Zum dritten Mal in Folge gelang den US-Mittelstreckenläufern damit ein Medaillengewinn bei der Hallen-WM, was den 800m-Lauf betrifft.

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Tsegay führt äthiopischen „Sweep“ an

Mit guten Ergebnissen aus Belgrad reisen auch der fünftplatzierte Andreas Kramer, erster schwedischer Finalist in dieser Disziplin bei Hallen-Weltmeisterschaften überhaupt, und Eliott Crestan aus Belgien ab. Dessen sechster Platz ist das beste belgische Resultat in dieser Disziplin seit dem vierten von Luc Bernaert im Jahr 1993 und dem fünften von Jan van den Broeck im Jahr 2012. Eine untergeordnete Rolle spielte der zweite Amerikaner im Rennen, Isaiah Harris, der nach dem Vorlauf noch getönt hatte, er sei auf nichts weniger eingestellt als auf einen Medaillengewinn.

Die Laufentscheidungen am Finaltag

  • Sonntag, 20. März um 12:05 Uhr: 3.000m-Lauf der Männer, Finale
  • Sonntag, 20. März um 18:05 Uhr: 800m-Lauf der Frauen, Finale
  • Sonntag, 20. März um 18:35 Uhr: 1.500m-Lauf der Männer, Finale
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Ergebnis 800m-Lauf der Männer, Hallen-WM 2022

Gold: Mariano Garcia (Spanien) 1:46,20 Minuten
Silber: Noah Kibet (Kenia) 1:46,35 Minuten
Bronze: Bryce Hoppel (USA) 1:46,51 Minuten

  1. Alvaro de Arriba (Spanien) 1:46,58 Minuten
  2. Andreas Kramer (Schweden) 1:46,76 Minuten
  3. Eliott Crestan (Belgien) 1:46,78 Minuten
  4. Isaiah Harris (USA) 1:47,00 Minuten
  5. Marco Arop (CAN) 1:47,58 Minuten

Hallen-Weltmeisterschaften 2022 in Belgrad

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