Hailu rettet äthiopische Ehre gegen Purriers Attacke

Mit einer genialen letzten Runde durchbrach die US-Amerikanerin Elle Purrier St. Pierre die äthiopische Dominanz, konnte aber Lemlem Hailu nicht mehr einholen. Anstatt des erhofften „Sweeps“ mussten die Äthiopierinnen sich in der Auseinandersetzung mit den Nordamerikanerinnen mit Gold, Bronze und Rang fünf zufrieden geben.

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Anstatt der erhofften Dominanz wurde das äthiopische Trio dank der starken Auftritte von US-Meisterin Elle Purrier St. Pierre und der kanadischen Rekordhalterin Gabriela DeBues-Stafford in einen spannenden Kampf um die Medaillen verwickelt. Dank einer grandiosen Schlussrunde durchbrach die US-Amerikanerin in einem Steigerungslauf – sowohl das Tempo als auch die Spannung betreffend – die äthiopische Phalanx und gewann die Silbermedaille. „Es war ein hartes Rennen. Ich fühlte mich in einer perfekten Ausgangsposition für eine Medaille und habe mich auf ein hartes Finish vorbereitet“, berichtete die Amerikanerin nach dem Rennen. Schlussendlich war die intendierte Nummer drei Äthiopiens die große Siegerin des Tages: Lemlem Hailu hat ihren letzten 3.000m-Lauf unter dem Hallendach vor fast 13 Monaten absolviert, es war ihr erst zweiter Wettkampf in diesem Winter überhaupt. In Belgrad war sie am Start, weil sie als Gesamtsiegerin der World Athletics Indoor Tour 2021 eine Wildcard für sich und damit auch den äthiopischen Verband erarbeitet hat, wodurch der Traum vom „Sweep“ überhaupt erst realistisch wurde.


Gold: Lemlem Hailu (Äthiopien) Silber: Elinor Purrier St. Pierre (USA) Bronze: Ejgayehu Taye (Äthiopien)

Sternstunde für 20-jährige Hailu

Hailu, 20 Jahre jung, vom spanischen Manager mit dem musikalischen Klang in der Aussprache seines Namens, Juan Pedro Pineda de la Losa vertreten und Jugend-Weltmeisterin im 1.500m-Lauf im Jahr 2017, gewann das Rennen deshalb, weil sie 600 Meter vor der Ziellinie die Führung von ihrer Landsfrau Ejgayehu Taye übernahm und den Platz an der Sonne nicht wieder abgab. Eine Schlussrunde in 29,63 Sekunden sicherte ihr den größten Erfolg in ihrer noch jungen Karriere. Nach ihrem Triumph, den sie in äthiopisch-typischen, zurückhaltenden Emotionen genoss, bedankte sie sich bei ihrem Ehemann, ihrem Coach und bei ihren Teamkolleginnen für die gegenseitige Unterstützung im Vorbereitungscamp und im Wettkampf selbst.

Es ist das vierte äthiopische Hallen-WM-Gold in dieser Disziplin in Folge, nach dem Hattrick von „Hallen-Queen“ Genzebe Dibaba, die mittlerweile im Straßenlauf ihr Glück versucht, gegenwärtig schleppenden Schrittes. Insgesamt war es das sechste Gold für Äthiopien alleine seit 2003, dazu fallen vier Silber- und drei Bronzemedaillen in die Wertung. Der 3.000m-Lauf der Frauen ist in der Halle klar in der Hand der ostafrikanischen Läuferinnennation.

Die Kilometer-Splits der jeweils Führenden: 3:03,31 (Seyaum) – 2:55,78 (Taye) – 2:46,04 (Hailu)

Von fünf auf zwei im letzten Umlauf

Als eine halbe Minute vor dem Wettkampfende der Glockenton die letzte Runde ankündigte, schlug die Stunde von Elinor Purrier St. Pierre, von allen „Elle“ gerufen. Fünf Läuferinnen zierten die Spitze des Rennens, Hailu hatte bereits einige Schritte Vorsprung. Die 27-jährige US-Amerikanerin schlängelte sich exakt im richtigen Moment durch eine kleine Lücke zwischen DeBues-Stafford und Taye hindurch, schnappte sich auf der Gegengerade außen Dawit Seyaum, die auf den letzten Metern immer langsamer wurde, und scherte ausgangs der Kurve aus, um eine Attacke auf Hailu anzudeuten.

Mehr als das ließ die Rivalin nicht zu, doch die Silbermedaille war ein großer Erfolg für die US-Amerikanerin, zumal sie beim letzten Großereignis, den Olympischen Spielen von Tokio, als Geheimtipp eine ziemliche Bauchlandung hinlegte. Der zehnte Platz über 1.500m war damals auch das Resultat einer nicht rundum gelungenen Vorbereitung. Dieses Mal aber belohnte sie sich für einen unheimlichen Aufwand, denn unterwegs war sie in etliche Positionskämpfe mit Berührungen und Lästigkeiten verwickelt, und wandelte ihre Leistungsfähigkeit in ein entsprechendes Ergebnis um. „Das ist definitiv ein Booster für mein Selbstvertrauen!“ Mit ihrem ersten internationalen Edelmetall steigt sie nun zu den Größen des US-Laufsports auf. Auf dieser Distanz hat zuletzt Shannon Rowbury beim Heimspiel 2016 in Portland eine Medaille gewonnen (Bronze). Silber holte vor Purrier St. Pierre lediglich Lynn Jennings im Jahr 1995.

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Taye mit erster internationaler Medaille

Im Gegensatz zu Purrier St. Pierre hatte die Jahresschnellste der US-Liste, Alicia Monson, bei den US-Meisterschaften Zweite, keine Chance auf einen Medaillengewinn. Bei ihrem ersten Auftritt bei einer internationalen Meisterschaft wurde sie ordentliche Siebte. Zweitbeste Äthiopierin hinter Hailu war Taye, die in der letzten Runde mit der Amerikanerin mitging und in ihrem Windschatten Bronze gewann. „Ich war in großartiger Form, daher ist das Resultat unter meinen Erwartungen. Andererseits ist eine WM-Bronzemedaille irgendwie doch cool. Sie wird mich motivieren, noch härter zu arbeiten“, war die 22-Jährige hin- und hergerissen. Es ist die erste internationale Medaille für die Weltrekordhalterin im 5km-Straßenlauf, bei den Olympischen Spielen von Tokio belegte sie Rang fünf im 5.000m-Lauf. Die negative Überraschung aus äthiopischer Sicht war der fünfte Platz der Weltjahresschnellsten Seyaum. Zwischen die beiden schob sich Gabriela DeBues-Stafford mit ihrer in die ukrainischen Landesfarben getauchten Kurzhaarpracht am Ende eines beherzten Rennens, bei dem der 26-Jährigen eine Dreiviertel Sekunde auf einen Medaillengewinn fehlte. Es wäre das erst zweite Edelmetall für die Kanadierinnen bei Hallen-Weltmeisterschaften im 3.000m-Lauf gewesen und eigentlich sogar das erste. Denn der Sieg von Debbie Scott beim Vorgängerevent der zwei Jahre später stattfindenden, Premierenausgabe Hallen-WM, 1985 in Paris, wird in der World-Athletics-Statistik mitgeführt.

Die weiteren Laufentscheidungen bei der Hallen-WM 2022

  • Samstag, 19. März um 11:40 Uhr: 800m-Vorläufe der Frauen
  • Samstag, 19. März um 12:15 Uhr: 1.500m-Vorläufe der Männer
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  • Samstag, 19. März um 19:10 Uhr: 800m-Lauf der Männer, Finale
  • Samstag, 19. März um 20:35 Uhr: 1.500m-Lauf der Frauen, Finale
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  • Sonntag, 20. März um 12:05 Uhr: 3.000m-Lauf der Männer, Finale
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  • Sonntag, 20. März um 18:05 Uhr: 800m-Lauf der Frauen, Finale
  • Sonntag, 20. März um 18:35 Uhr: 1.500m-Lauf der Männer, Finale

Klein als Elfte beste Europäerin

Ein historisch gutes Resultat schafften auch Jessica Hull aus Australien als Sechste (besser war Landsfrau Krishna Wood 1987 als Vierte) und die achtplatzierte Eritreerin Rahel Daniel mit einem nationalen Hallenrekord. Das 3.000m-Feld von Belgrad war mit 20 Läuferinnen ein großes und ein buntes noch dazu: Denn gleich vier Nationen beteiligten sich erstmals in der Eventgeschichte am 3.000m-Lauf der Frauen: Eritrea, Mexiko, Israel und Albanien.

Beachtlich war auch die Rolle, die Hanna Klein einnahm. Als Elfte wurde sie in einer Zeit von 8:48,73 Minuten beste Europäerin und erfüllte mehr als das Soll. In der Auflistung der Saisonbestleistungen war die 27-jährige Deutsche die Nummer zwölf, der persönlichen Bestleistungen die Nummer 15 im Starterfeld. „Ich bin zufrieden mit meiner Leistung. Klar wären die Top Ten auch schön gewesen. Aber ich denke, in dem Rennen kann ich mir nicht viel vorwerfen“, wird Klein auf der Website des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zitiert, wo sie an die vielen Positionskämpfe angesichts des großen Starterfeldes erinnerte.

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Ergebnis 3.000m-Lauf der Frauen, Hallen-WM 2022

Gold: Lemlem Hailu (Äthiopien) 8:41,82 Minuten *
Silber: Elinor Purrier St. Pierre (USA) 8:42,04 Minuten
Bronze: Ejgayehu Taye (Äthiopien) 8:42,23 Minuten

  1. Gabriela DeBues-Stafford (Kanada) 8:44,55 Minuten
  2. Dawit Seyaum (Äthiopien) 8:44,97 Minuten
  3. Jessica Hull (Australien) 8:44,97 Minuten
  4. Alicia Monson (USA) 8:46,39 Minuten
  5. Rahel Daniel (Eritrea) 8:46,53 Minuten **
  6. Laura Galvan (Mexiko) 8:46,65 Minuten
  7. Beatrice Chebet (Kenia) 8:47,50 Minuten
  8. Hanna Klein (Deutschland) 8:48,73 Minuten
  9. Selamawit Teferi (Israel) 8:50,91 Minuten
  10. Luiza Gega (Albanien) 8:53,14 Minuten
  11. Edinah Jebitok (Kenia) 8:53,25 Minuten
  12. Amy-Eloise Markovc (Großbritannien) 8:53,57 Minuten
  13. Marta Perez (Spanien) 8:57,81 Minuten
  14. Meraf Bahta (Schweden) 8:58,68 Minuten
  15. Julie-Anne Stähli (Kanada) 8:58,73 Minuten
  16. Lauren Ryan (Australien) 9:13,93 Minuten
  17. Jhoselyn Camargo Aliaga (Bolivien) 9:28,98 Minuten ***

* neue Saisonbestleistung (Saisondebüt)
** neuer eritreeischer Hallenrekord
*** neuer bolivianischer Hallenrekord

Hallen-Weltmeisterschaften 2022 in Belgrad

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