Kipchoges Siegerlächeln erreicht Tokio

Sieben Monate nach seinem Olympiasieg 800 Kilometer weiter nördlich triumphierte Eliud Kipchoge beim Tokio Marathon und erweiterte seine triumphale Visitenkarte um einen weiteren World Marathon Major.

© Tokyo Marathon Foundation

Wenn Eliud Kipchoge ein Zielband durchtrennt, dann ist sein breites, ehrliches Lächeln und seine Freude über sein Marathonerlebnis, praktisch immer auch von Erfolg gekrönt, so ansteckend, dass nicht nur die schlechte Laune im Kollektiv vorbei ist, sondern sein Marathon-Enthusiasmus ansteckend wird. Eine kleine Geste des Dankeschöns an Japan und dann wieder Freude. „Ich bin wirklich glücklich“, bekräftigte er im Siegerinterview. „Ich bin sehr aufgeregt, hier in Japan gelaufen zu sein, speziell nach meinem Olympischen Erfolg in Sapporo. Ich mag es, vor so vielen Leuten zu laufen.“

Es sind jene Bilder aus London, Berlin, Wien, Sapporo und nun Tokio, die für viele das Bild von Marathonlaufen in der Kipchoge-Ära bilden. Und zeigen sie, so wird dokumentiert, die einzige kurze Phase des Jubels und der Freude über einen gelungenen Lauf im Leben des Meisters. Der gestern in der japanischen Metropole war mehr als gelungen, denn er dauerte nur 2:02:40 Stunden lang – 1:18 Minuten kürzer als jener von Wilson Kipsang 2017, der bisher schnellste Tokio Marathon. Dann, wenn Kipchoge den Zielraum verlässt, ist’s vorbei mit dem Jubel. Dann ist das Rennen abgehakt und der Kenianer taucht wieder ein in seine Welt der Disziplin mit dem nächsten Ziel vor Augen. Egal ob vor dem Kaiserpalast in Tokio, im Prater oder in anderen Marathon-Metropolen – es ist immer gleich.

In seinem Element

Davor zeigt der Blick ins Gesicht des kenianischen Marathon-Meisters den zweiten von ihm allseits bekannten Gesichtsausdruck, gut zwei Stunden lang. Voll konzentriert, mental ganz seinem Tun verfallen, das ihn neuerlich problem- und fehlerlos von Meter eins bis Kilometer 42,195 Kilometer führte. Am Start trotz fast 8°C plus mit Haube am Haupt, in der heißen Phase ohne. Äußerlich schien er sich stets zu 100% sicher, dass seine Mission, erstmals den Tokio Marathon zu gewinnen, gelingen würde, auch wenn sein Landsmann Amos Kipruto bis Kilometer 36 an seinen Fersen hing. Es war dem Weltrekordhalter schlichtweg egal, er zog seine Sache durch und freute sich mit seinem Landsmann, der im August ebenfalls im Olympischen Rennen von Sapporo war, im Ziel über dessen neue persönliche Bestleistung: 2:03:13 Stunden. Es sah, wie immer bei ihm, so leicht aus. Kipchoge konnte mit seiner Darbietung in Tokio auch jene letzten Zweifler rund um den London Marathon 2020, jenem Marathon, bei dem Kipchoge seine einzige Niederlage in den letzten acht Jahren einstecken musste, eines besseren überzeugen, die der Meinung waren, dass der 37-Jährige nicht mehr in der Lage sein würde, die ganz schnellen Marathonzeiten abzuspulen. Kipchoge konnte, es war sein drittschnellster Marathon, der viertschnellste überhaupt. In seinem 21. Jahr als Spitzensportler, ohne jede Unterbrechung! 20 Jahre, nachdem er in Lausanne Crosslauf-Junioren-Weltmeister wurde. Seine Geschichte hat so viele einzigartige Facetten.

Die neun sub-2:03-Läufe der Marathongeschichte

  • Eliud Kipchoge (KEN) 2:01:39 Stunden (Berlin Marathon 2018) – Weltrekord
  • Kenenisa Bekele (ETH) 2:01:41 Stunden (Berlin Marathon 2019)
  • Eliud Kipchoge (KEN) 2:02:37 Stunden (London Marathon 2019)
  • Eliud Kipchoge (KEN) 2:02:40 Stunden (Tokio Marathon 2021)
  • Birhanu Legese (ETH) 2:02:48 Stunden (Berlin Marathon 2019)
  • Mosinet Geremew (ETH) 2:02:55 Stunden (London Marathon 2019)
  • Dennis Kimetto (KEN) 2:02:57 Stunden (Berlin Marathon 2014)
  • Titus Ekiru (KEN) 2:02:57 Stunden (Mailand Marathon 2021)
  • Evans Chebet (KEN) 2:03:00 Stunden (Valencia Marathon 2020)

Schrecksekunde in der Anfangsphase

Yuriko Koike, Gouverneurin der Metropolregion Tokio, gab um kurz nach 9 Uhr Ortszeit den Startschuss zu jenem 42,195 Kilometer langen Weg, der die sechste sub-2:04- und zwölfte sub-2:05-Stunden-Leistung Eliud Kipchoges bringen sollte. Als nächstbester hat Kipsang, der seit zwei Jahren eine vierjährige Dopingsperre absitzt, vier sub-2:04-Marathons. Nur 29% Luftfeuchtigkeit und leichter Wind von unter 10 km/h komplettierten zu den Temperaturen die idealen Marathonbedingungen in Tokio, die breiten Straßen mit langen Geraden luden trotz einiger scharfer Kurven zum schnellen Rhythmus ein. Es wurde trotz eines rasanten ersten Zehners mit einer Durchgangszeit von 28:37 Minuten nicht ganz absurd, wie im Vorfeld spekuliert: Bei der Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:01:03 Stunden lag noch eine größere Gruppe vorne, nicht jedoch Shura Kitata, Sieger des London Marathon 2020. Dass die erste Hälfte nicht noch schneller war, lag auch an einem Schreckmoment: Beinahe wäre die Führungsgruppe falsch abgebogen, ein „Hoppala“, das wenig Zeit kostete, aber die Herzfrequenz wohl kurz nach oben getrieben hat. Vielleicht beim Veranstalter intensiver als bei den Athleten.

Geremews Aus kurz nach Halbzeit

Als Erster musste Mosinet Geremew aufstecken, der äthiopische Vizeweltmeister stieg nach 24 Kilometer aus. Als der letzte Tempomacher aus dem Rennen ging, fielen erst Laban Korir und dann Tamirat Tola zurück. Das Rennen wurde zum kenianischen Duell mit besagtem Ausgang, weil der Superstar sein Tempo halten konnte und sich auf den letzten sechs Kilometern langsam eine Lücke vergrößerte.

Eliud Kipchoges Halbmarathon-Splits: 1:01:03 / 1:01:37 Stunden
Eliud Kipchoges 5km-Teilzeiten: 14:17 / 14:20 / 14:39 / 14:37 / 14:33 / 14:25 / 14:39 / 14:33 / 6:37 Minuten (2,195 km)

Kipchoge freute sich im Ziel mit seinem Landsmann, der sich eine Zeit lang hauptsächlich über seinen dritten Platz bei den Weltmeisterschaften definierte und dessen Olympia-Nominierung umstritten war, so dass der ein oder andere Nicht-Berücksichtigte seine Enttäuschung an die Öffentlichkeit getragen hat. Doch nun ist Kipruto zum zweiten Mal nach Valencia 2020 in die Weltklasse-Dimensionen vorgestoßen. Tola, dessen Finish von Kilometer 40 weg fast so schnell war wie jenes von Kipchoge, komplettierte in 2:04:14 Stunden das Stockerl. Es war der viertschnellste des 30-jährigen Vize-Weltmeisters von London 2017 – das liest sich auch nicht schlecht auf der Visitenkarte.

Eliud Kipchoges sechs sub-2:04-Läufe

  • 2:01:39 Stunden (Berlin Marathon 2018) – Weltrekord
  • 2:02:37 Stunden (London Marathon 2019)
  • 2:02:40 Stunden (Tokio Marathon 2021)
  • 2:03:05 Stunden (London Marathon 2016)
  • 2:03:32 Stunden (Berlin Marathon 2017)
  • 2:04:00 Stunden (Berlin Marathon 2015)

Kipchoges neue Mission

Siebeneinhalb Jahre, nachdem Eliud Kipchoge in Chicago seinen ersten Sieg bei einem World Marathon Major gefeiert hat, machte er in Tokio einen riesigen Schritt zu seinem Ziel, alle sechs mindestens einmal zu gewinnen. Der japanische Marathon ist die Nummer vier auf der Liste. Nun fehlen noch die Klassiker in Boston und New York mit ihren schwierigen Strecken, bei denen das taktisch richtige Verhalten in einem Rennen ohne Tempomacher entscheidend für Erfolg oder Nicht-Erfolg ist. Eine Eigenschaft, die der Kenianer sehr gut beherrscht, wie seine beiden überlegenen Olympiasiege 2016 und 2021 beweisen. Seine neun Siege bei World Marathon Majors, elf inklusive der beiden Olympiasiege, sind ohnehin weit unerreichter Weltrekord.

© Tokyo Marathon Foundation

Shalane Flanagan hat im Herbst 2021 alle sechs World Marathon Majors bestritten. Dabei schaffte die vom Leistungssport zurückgetretene US-Amerikanerin tolle Leistungen. Sie alle zu gewinnen erweist sich aber als enorme Herausforderung. Wie Kipchoge hat auch sein Landsmann Wilson Kipsang, Vorgänger als Streckenrekordhalter in Tokio, vier Siege bei World Marathon Majors aufzuweisen. 2012 und 2014 triumphierte er in London, 2013 in Berlin, 2014 in New York und 2017 in Tokio. Olympiasieger wurde Kipsang nie, er gewann 2012 Bronze und startete bei den Weltmeisterschaften 2015, wo er aufgab. Einen WM-Start hat Kipchoge wohl nicht in seinen Planungen vorgesehen (wobei, der WM-Marathon 2022 findet in der Nähe des Nike-Zentrums statt, Anm.), dafür hat er zweifaches Olympisches Gold. Die beiden großen globalen Meisterschaftsentscheidungen zählen ebenfalls zu den World Marathon Majors, werden aber naturgemäß nicht jährlich durchgeführt. Bei den Frauen besticht die Bilanz von Edna Kiplagat, Weltmeisterin in den Jahren 2011 und 2013. Sie hat an allen sechs großen Marathons teilgenommen, gewann 2010 den New York City Marathon, 2014 den London Marathon und 2017 den Boston Marathon. Drei weitere Male wurde sie Zweite in London, zwei weitere Male Zweite in Boston und stand sowohl in Tokio als auch in Chicago als Dritte bzw. Zweite am Stockerl – nur in Berlin war Rang vier im Jahr 2018 das beste der Gefühle.

Japans neue Nummer eins

Ein Jahr nach seinem fantastischen wie überraschenden japanischen Landesrekord beim Lake Biwa Marathon hat Kengo Suzuki gestern in Tokio bestätigt, dass er aktuell die Nummer eins im japanischen Marathonlauf ist. Der 26-Jährige lief als Vierter des Rennens eine Zeit von 2:05:28 Stunden und damit eine Sekunde schneller als die persönliche Bestleistung des zweitschnellsten Japaners der Geschichte. Dabei überzeugte, dass Suzuki, der in der zweiten Gruppe anlief, die eine Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:02:33 Stunden erreichte, sich in der zweiten Hälfte aus seiner Gruppe nach vorne setzen, den ein oder anderen Kontrahenten überholen und weiterhin offensiv sein Tempo laufen konnte.

Kengo Suzukis Halbmarathon-Splits: 1:02:33 / 1:02:55 Stunden
Kengo Suzukis 5km-Teilzeiten: 14:49 / 14:54 / 14:51 / 14:48 / 14:38 / 14:42 / 14:53 / 15:08 / 6:45 (2,195 km) Minuten

20 Japaner unter 2:10 Stunden

Seine war nur die Spitze der japanischen Marathonleistungen an diesem Sonntagmorgen in Tokio. Die Breite ab einer Leistungsfähigkeit von 2:08 Stunden war atemberaubend: 22 Läufer waren im Ziel, bevor die Zeitmessung auf 2:09 Stunden umsprang, 27 (davon 20 Japaner) blieben unter 2:10 Stunden. Am deutlichsten war der Sprung des achtplatzierten Shun Yuzawa, der seine persönliche Bestleistung gleich um acht Minuten steigerte. 86 Läufer schafften einen schnelleren Marathon als 2:20 Stunden, wer nicht deutlich unter drei Stunden blieb, hatte keine Chance auf einen Platz unter den Top-500. Die Dichte des japanischen Marathonlaufs ist abgesehen der ostafrikanischen Laufhochburgen im internationalen Vergleich unfassbar gut. So blieben nicht weniger als 42 japanische Läufer unter dem EM-Limit von 2:14:30 Stunden – bei einem einzigen Rennen.

Die Top-Fünf japanischen Marathon-Leistungen

  • Kengo Suzuki 2:04:56 Stunden (Lake Biwa Marathon 2021) – japanischer Rekord
  • Kengo Suzuki 2:05:28 Stunden (Tokio Marathon 2021)
  • Suguru Osako 2:05:29 Stunden (Tokio Marathon 2020)
  • Suguru Osako 2:05:50 Stunden (Chicago Marathon 2018)
  • Yuta Shitara 2:06:11 Stunden (Tokio Marathon 2018)

Tokio Marathon gelingt Neustart

Nach dem Eliterennen 2020, als die Welt mit Furcht auf die aufkeimende Pandemie blickte, und der Verschiebung 2021, als weder im Frühling noch im Herbst eine Austragung unter japanischen Vorbedingungen möglich war, gelang dem Tokio Marathon das Comeback. 18.265 Marathonläufer, davon 15.035 männliche, absolvierten gestern den Marathon in der japanischen Hauptstadt. Im Laufe des Tages strömten immer mehr Menschen an den Streckenrekord und sorgten für einen guten atmosphärischen Rahmenbedingungen.

Ergebnis Tokio Marathon 2021 der Männer

  1. Eliud Kipchoge (KEN) 2:02:40 Stunden * / **
  2. Amos Kipruto (KEN) 2:03:13 Stunden ***
  3. Tamirat Tola (ETH) 2:04:14 Stunden
  4. Kengo Suzuki (JPN) 2:05:28 Stunden
  5. Shura Kitata (ETH) 2:06:12 Stunden
  6. Laban Korir (KEN) 2:06:37 Stunden
  7. Kenya Sonota (JPN) 2:07:23 Stunden ***
  8. Shun Yuzawa (JPN) 2:07:31 Stunden ***
  9. Kento Kikutani (JPN) 2:07:55 Stunden
  10. Michael Githae (KEN) 2:07:55 Stunden
  11. Hidekazu Hijikata (JPN) 2:08:02 Stunden
  12. Jonathan Korir (JPN) 2:08:04 Stunden
  13. Yuki Sato (JPN) 2:08:17 Stunden ***
  14. Keisuke Hayashi (JPN) 2:08:21 Stunden ***
  15. Kensuke Horio (JPN) 2:08:25 Stunden ***
  16. Daiji Kawai (JPN) 2:08:31 Stunden ***
  17. Hiroto Inoue (JPN) 2:08:33 Stunden
  18. Toshiki Sadakata (JPN) 2:08:33 Stunden
  19. Yuta Shimoda (JPN) 2:08:35 Stunden
  20. Kazuma Kubo (JPN) 2:08:48 Stunden ***

* neuer Streckenrekord
** neue Weltjahresbestleistung

*** neue persönliche Bestleistung

Tokio Marathon

Abbott World Marathon Majors