Kosgei läuft drittschnellste Marathonzeit der Geschichte

Weltrekordhalterin Brigid Kosgei dominierte den Tokio Marathon und knackte in einer Siegerzeit von 2:16:02 Stunden den Streckenrekord von Lonah Chemtai Salpeter um 1:43 Minuten. Es ist die Rückkehr zur alt bekannten Dominanz der 28-Jährigen.

© Tokyo Marathon Foundation

Wenn ein fünfter Platz beim Istanbul Halbmarathon, eine Olympische Silbermedaille und Rang vier beim London Marathon nach kurzer Regenerationszeit in einer Leistung von 2:18:40 Stunden ausreichen, um von einem enttäuschenden Wettkampfjahr zu sprechen, zeigt das deutlich, wie hoch der Standard davor war. Eineinhalb Jahre nach ihrem Sieg im strömenden Regen von London kehrte Brigid Kosgei beim auf 2022 verschobenen Tokio Marathon 2021 wieder zurück auf die Siegerstraße und tat dies mit einer beeindruckend dominanten Vorstellung wie damals in London und generell in den Jahren 2018 bis 2020, in denen die Kenianerin die Szene dominiert hat. Unter anderem, als sie 2019 in Chicago den Weltrekord pulverisierte. In Tokio lief sie in 2:16:02 Stunden ihren zweitschnellsten Marathon, nur sie selbst und Paula Radcliffe beim London Marathon 2003 waren jemals schneller.

Top-Fünf der Marathonleistungen der Frauen

  • Brigid Kosgei (KEN) 2:14:04 Stunden (Chicago Marathon 2019) – Weltrekord
  • Paula Radcliffe (GBR) 2:15:25 Stunden (London Marathon 2003) – Europarekord
  • Brigid Kosgei (KEN) 2:16:02 Stunden (Tokio Marathon 2021)
  • Mary Keitany (KEN) 2:17:01 Stunden (London Marathon 2017)
  • Ruth Chepngetich (KEN) 2:17:08 Stunden (Dubai Marathon 2019)

Spätestens in der entscheidenden Phase des Wettkampfs spielte Kosgei erneut in einer eigenen Liga und kann nach dieser Darbietung die nächste Auseinandersetzung mit ihren Landsfrauen Peres Jepchirchir (Olympiasiegerin) und Joyciline Jepkosgei, die beide den Boston Marathon laufen werden, selbstbewusst angehen. Auf große Jubelarien und einen überaus freundlichen Gesichtsausdruck verzichtete die Läuferin in ihrer typischen, introvertierten Art im Zielraum, vielleicht gezeichnet von ihrer Vergangenheit als Kind, das aus ärmlichen Verhältnissen stammt und deren Leben und das ihrer Familie sich dank ihrer läuferischen Erfolge dramatisch verbessert hat. Selbst nach ihrem Weltrekordlauf in Chicago, erzählte Paula Radcliffe einst, damals Ehrengast im Zielraum, lenkte die Kenianerin ihre Emotionen nicht nach außen. Sie habe sich irgendwie gefreut, irgendwie, wurde die Britin damals zitiert.

RunAustria-Bericht des Männer-Rennens:

Kipchoges Siegerlächeln erreicht Tokio

Negativ-Split mit Dominanz im Finale

Die Weltrekordhalterin diktierte das Rennen an einem sonnigen Morgen in der japanischen Hauptstadt mit nahezu idealen Temperaturen und nur wenig Wind nach ihren Vorlieben: ein sehr schnelles Rennen, bei dem sie ab Kilometer 30 und insbesondere ab Kilometer 35 sogar noch zulegen konnte, so dass sie einen negativen Split erzielte, was in Tokio alleine deshalb bemerkenswert ist, weil die erste Streckenhälfte als die schnellere gilt. Dass der Wettbewerb lange Zeit offen blieb, obwohl bereits nach 1:08:06 Stunden der Halbmarathon erreicht war, lag an der unheimlichen Qualität ihrer Kontrahentinnen. Ein Quartett ging das Tempo eine Halbzeit lang mit der Favoritin mit. Als die Zwischenzeit bei Kilometer 30 in 1:36:59 Stunden erreicht war, teilten die Äthiopierinnen Ashete Bekere und Gotytom Gebreslase immer noch die Spitzenposition mit der späteren Siegerin. Angela Tanui und Hiwot Gebrekidan waren gerade erst zurückgefallen.

Brigid Kosgeis Halbmarathon-Splits: 1:08:06 / 1:07:56 Stunden
Brigid Kosgeis 5km-Teilzeiten: 16:05 / 16:09 / 16:07 / 16:14 / 16:13 / 16:11 / 16:09 / 15:48 / 7:06 (2,195 km) Minuten

Doch Kosgei schien sich ihrer Sache sicher, sie hatte das Ausscheidungsrennen auf höchstem Niveau im Griff. Erst verlor Bekere den Anschluss, auf dem 37. Kilometer dann auch Gebreslase. Während die Weltrekordhalterin bis zur kurzen Zielgerade auf den Kaiserpalast zu einen kraftvollen Schritt zeigte, ging es für die anderen mehr um ein Durchhalten. 15:48 Minuten war Kosgeis 5km-Teilzeit zwischen Kilometer 35 und Kilometer 40, 71 Sekunden schneller als die nächstschnellsten Bekere und Tanui. Hier, in dieser Phase, wurde sie ihrer Dominanz am aussagekräftigsten gerecht. Weil auch das Finish so stark war, stand am Ende eine Zeit von 2:16:02 Stunden zu Buche und die Marathon-Welt staunte. Es ist die schnellste je in Asien aufgestellte Marathonzeit und erst die dritte unter 2:17 Stunden. Die Addition der beiden Siegerleistungen von Eliud Kipchoge und Brigid Kosgei von 4:18:42 Stunden ist ein neuer inoffizieller Weltrekord, sofern es diese Wertung braucht. Sie zeigt aber einerseits die Qualität des World Marathon Majors in Japan mit seiner schnellen Strecke und andererseits die Klasse der beiden Weltrekordhalter.

© Tokyo Marathon Foundation

Konkurrenz sorgt für historische Dichte

Auch wenn am Ende die Siegerin unerreichbar war, auch dahinter konnten die ostafrikanischen Eliteläuferinnen überwiegend mit guten Gefühlen ins Hotel fahren. Die 33-jährige Ashete Bekere, die 2021 beim London Marathon verblüffte, als sie als Zweite hinter Jepkosgei u.a. vor Kosgei blieb, steigerte ihren individuellen Bestwert um 20 Sekunden auf eine Zeit von 2:17:58 Stunden. Sie ist nun die vierte Äthiopierin und zwölfte Läuferin insgesamt, die unter 2:18 Stunden blieb – 17 Sekunden über dem Landesrekord von Worknesh Degefa. In ihrem erst zweiten Marathon überhaupt – zur Premiere gab es den fantastischen Sieg von Berlin – bugsierte sich Gotytom Gebreslase mit einer Steigerung von fast zwei Minuten auf Rang 14 der ewigen Weltbestenliste im Marathonlauf der Frauen. Angela Tanui als Vierte (2:18:42) und Hiwot Gebrekidan (2:19:10, persönliche Bestleistung) komplettierten ein historisches Endresultat: Außerhalb von Valencia schafften nur beim London Marathon 2021 fünf Läuferinnen eine Zeit unter 2:20 Stunden. Wobei Gebreslase die historische Bestmarke einer Drittplatzierten einstellte, Tanui nur zwei Sekunden hinter der schnellsten Viertplatzierten aller Zeiten blieb (Kosgei in London 2021, Anm.) und auch Gebrekidan nun die zweitschnellste Fünftplatzierte der Geschichte in einem Marathon ist. In London 2021 schafften es gar fünf Läuferinnen unter 2:19 Stunden zu bleiben.

Die sechs schnellsten äthiopischen Marathonläufe der Geschichte

  • Worknesh Degefa 2:17:41 Stunden (Dubai Marathon 2019) – äthiopischer Rekord
  • Tirunesh Dibaba 2:17:56 Stunden (London Marathon 2017)
  • Degitu Azimeraw 2:17:58 Stunden (London Marathon 2021)
  • Ashete Bekere 2:17:58 Stunden (Tokio Marathon 2021)
  • Ashete Bekere 2:18:18 Stunden (London Marathon 2021)
  • Gotytom Gebreslase 2:18:18 Stunden (Tokio Marathon 2021)

Nicht erfolgreiche Jagd auf Landesrekorde

Ein zweites, ebenfalls hoch interessantes Rennen im Rennen entwickelte sich in der Verfolgergruppe, die eine besondere Marke im Blick hatte: 2:19:12 Stunden. Diese entspricht nämlich dem japanischen und dem US-amerikanischen Landesrekord von Mizuki Noguchi (Berlin 2005), Olympiasiegerin von Athen 2004 und WM-Zweite von 2003, und Keira D’Amato (Houston 2022). In der ersten Marathon-Hälfte, die aufgrund einer Bergabpassage auf den ersten fünf Kilometern in Tokio die in der Theorie etwas schnellere ist, lief alles nach Plan. Angeführt von Tempomachern und gut abgeschirmt dahinter Mao Ichiyama erreichte die Gruppe die Zwischenzeit beim Halbmarathon in einer Zeit von 1:09:29 Stunden, nur eine Minute über Ichiyamas Halbmarathon-Bestleistung. Mit dabei waren auch Helen Bekele, Marathon-Rückkehrerin Hitomi Niiya und die US-Amerikanerin Sara Hall. Für Hall bedeutete dies, sie absolvierte die erste Marathonhälfte nur 2:15 Minuten „langsamer“ als ihren US-Rekord im Halbmarathon, aufgestellt zu Jahresbeginn in Houston.

Das japanische Duo war auch bei Kilometer 30 mit einer Durchgangszeit von 1:39:02 Stunden (das war nur gut zwei Minuten hinter der entfesselten Spitze!) auf Kurs, dann konnten Ichiyama und Niiya das hohe Tempo allerdings nicht mehr halten und verloren Noguchis Bestmarke aus dem Blick. Ichiyama finishte in einer Zeit von 2:21:02 Stunden, 33 Sekunden hinter ihrer Bestleistung. Es war der zweitschnellste Marathon in der noch recht jungen Karriere der 24-Jährigen. Dass sie das Potenzial hat, einen japanischen Rekord zu laufen, zeigen nicht nur ihre tollen Erfolge (Siege in Nagoya 2020 und Osaka 2021), sondern auch ihre Konstanz auf hohem Niveau. Ichiyama hält drei der Top-sieben japanischen Marathonleistungen der Geschichte – selbst Noguchis zweitschnellster Marathon war nicht so schnell wie der drittschnellste Ichiyamas und auch Naoko Takahashi, Olympiasiegerin von 2000, lief nur einmal schneller als Ichiyama am heutigen Tag. Niiya folgte 15 Sekunden später und verzeichnete eine Steigerung ihrer persönlichen Bestleistung um neun Minuten, was aber fabelhafter klingt als es in Wirklichkeit ist.

Meilenstein in Niiyas zweiter Karriere

Denn die 34-Jährige hat ihren bisher letzten Marathon vor 13 Jahren bestritten und dann ihre Fokus auf eine Bahnkarriere gelenkt. Für den Tokio Marathon ist sie aber ein VIP in der Geschichte des Events, denn sie gewann die Premierenausgabe des Tokio Marathon, wie wir ihn heute kennen, kurz vor ihrem 19. Geburtstag. Das war im Jahr 2007, als sie eine Zeit von 2:31:02 Stunden erzielte, die sie zwei Jahre später um vier Sekunden toppte. Niiya gewann kontinentale Medaillen im 5.000m- und 10.000m-Lauf, wurde 2013 WM-Fünfte über 10.000m und beendete direkt darauf vermeintlich ihre Karriere.

Hitomi Niiyas Halbmarathon-Splits: 1:09:30 / 1:11:47 Stunden
Hitomi Niiyas 5km-Teilzeiten: 16:18 / 16:29 / 16:30 / 16:36 / 16:32 / 16:37 / 17:04 / 17:23 / 7:48 (2,195 km) Minuten

Erst nach vielen Jahren bekam sie wieder Lust, nahm mit dem Traum von Olympischen Spielen in der Heimat wieder Fahrt auf. 2019 belegte sie bei den Weltmeisterschaften in Doha den elften Platz über 10.000m, bei den Olympischen Spielen jedoch gelang kein Glanzauftritt. Doch beim Houston Halbmarathon 2020 signalisierte ein deutlicher japanischer Landesrekord im Halbmarathon (1:06:38, 48 Sekunden schneller als der bisherige), wo ihre zukünftige Stärke beheimatet sein könnte. Die Olympia-Qualifikation im Marathon war in Japan zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen. Der starke Auftritt beim Tokio Marathon beeindruckte als neue Nummer sechs der ewigen japanischen Bestenliste, ganz verwunderlich war er doch nicht, auch wenn er ein „heimliches Debüt“ darstellte.

Hall übertrumpft Kastor

Für Hall, selbst in ihrem hohen Sportleralter von beinahe 39 Jahren ein kleines Wunder an Konstanz und rascher Erholung von Belastungen, driftete der Wunsch den US-amerikanischen Rekord von Keira D’Amato zu unterbieten schon auf den ersten Kilometern der zweiten Streckenhälfte ins Unrealistische ab. Sie verlor den Kontakt zum japanischen Duo genauso wie Bekele wenig später, zu der sie in der Schlussphase noch einmal aufschloss und sie sogar überholte. Allerdings deshalb, weil die in der Schweiz lebende Äthiopierin dann ziemlich einbrach und sich am Ende mit einem für sie enttäuschenden neunten Platz zufrieden geben musste. Die 27-Jährige war in Tokio schon einmal Zweite (2019) und bei ihrem letzten Marathon in Berlin Dritte.

Sara Halls Halbmarathon-Splits: 1:09:30 / 1:13:26 Stunden
Sara Halls 5km-Teilzeiten: 16:18 / 16:30 / 16:29 / 16:37 / 16:31 / 17:21 / 17:22 / 17:48 / 8:00 (2,195 km) Minuten

Hall finishte in 2:22:56 Stunden, es war ihr viertschnellster Marathon. Vier Marathons unter 2:23 Stunden hat noch keine US-Amerikanerin jemals geschafft, der Olympia-Medaillengewinnerin von Athen 2004 und langjährigen Landesrekordhalterin Deena Kastor gelangen drei. Dass der Traum vom US-Rekord – aus Altersgründen wird der Traum von Chance zu Chance rasch unrealistischer – eine unerreichte Sehnsucht blieb, mag auch an Kniebeschwerden in der Vorbereitung liegen, von denen die US-amerikanische Laufplattform „Let’s Run“ heute schreibt.

Ergebnis Tokio Marathon 2021 der Frauen

  1. Brigid Kosgei (KEN) 2:16:02 Stunden * / **
  2. Ashete Bekere (ETH) 2:17:58 Stunden ***
  3. Gotytom Gebreslase (ETH) 2:18:18 Stunden ***
  4. Angela Tanui (KEN) 2:18:42 Stunden
  5. Hiwot Gebrekidan (ETH) 2:19:10 Stunden ***
  6. Mao Ichiyama (JPN) 2:21:02 Stunden
  7. Hitomi Niiya (JPN) 2:21:17 Stunden ***
  8. Sara Hall (USA) 2:22:56 Stunden
  9. Helen Bekele (ETH) 2:24:33 Stunden
  10. Kaori Morita (JPN) 2:27:38 Stunden ****
  11. Rika Kaseda (JPN) 2:28:28 Stunden ****
  12. Miharu Shimokado (JPN) 2:29:20 Stunden
  13. Shiho Kaneshige (JPN) 2:29:26 Stunden
  14. Yui Okada (JPN) 2:30:03 Stunden ***
  15. Hitomi Mizuguchi (JPN) 2:32:47 Stunden
  16. Chaiki Morikawa (JPN) 2:35:06 Stunden ***
  17. Tomomi Sawahata (JPN) 2:36:08 Stunden
  18. Mai Fujisawa (JPN) 2:38:46 Stunden
  19. Akane Sekino (JPN) 2:39:39 Stunden
  20. Miho Nakata (JPN) 2:39:51 Stunden ***

* neuer Streckenrekord
** neue Weltjahresbestleistung
*** neue persönliche Bestleistung
**** Marathon-Debüt

Tokio Marathon

Abbott World Marathon Majors