Die erwartete Show der Weltrekordhalter

© SIP / Johannes Langer

Ein Jahr nach den unter besonderen Umständen durchgeführten Olympischen Spiele, die den Hoffnungsschimmer des Neustarts nach der Pandemie zünden sollten, ist der Tokio Marathon in der ersten Reihe der internationalen Marathonläufe angekommen – und zwar so richtig, endgültig. Und auch hier hatte die Pandemie sicherlich ihre Finger im Spiel: Weil der London Marathon früh eine Austragung im Herbst festlegte, war es dem jüngsten Mitglied der World Marathon Majors leichter möglich, das stärkst besetzte Elitefeld seiner jungen Geschichte zu verpflichten. Die Bandbreite der potenziellen sportlichen Schlagzeilen mögen am Sonntag unbegrenzt sein. Beide Marathon-Weltrekordhalter in einem Rennen, dazu jenes von Eliud Kipchoge eingebettet in ein bärenstarkes Elitefeld – für die Metropole Tokio ist es vielleicht eine kleine Wiedergutmachung, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Olympischen Marathonläufe im vergangenen Sommer nach Sapporo ausgelagert hat. Ein Touch von Olympia ist am Sonntag sicherlich vorhanden, schließlich kommt der Olympiasieger endlich auch zum Laufen in die Hauptstadt.

RunAustria-TV-Tipp: Der Tokio Marathon wird in der Nacht von Samstag auf Sonntag im Eurosport Player (abopflichtig) live übertragen. Eurosport 2 zeigt am Sonntagnachmittag um 17 Uhr eine Zusammenfassung, welche auf Eurosport 1 am Montagabend um 22:05 Uhr wiederholt wird.

Kipchoges Plan: Auftakt zu einem Triple

Eliud Kipchoge hat sich in den letzten Jahren akribisch seinen gigantischen Zielen gewidmet: den Marathon-Weltrekord zu brechen, eine Marathon-Distanz in einer Zeit unter zwei Stunden zu absolvieren, was im zweiten Versuch am 12. Oktober 2019 in Wien auch in einem knapp zweistündigen Spektakel gelang, sowie sein zweiter Olympiasieg. In diesen Jahren blieb der Kenianer, wenn er bei klassischen Marathons startete, ausschließlich dem London Marathon und dem Berlin Marathon mit seiner pfeilschnellen Strecke treu. Für die Zeit nach seinem zweiten Olympiasieg schwenkte er auf sein neues Ziel hin: alle World Marathon Majors zumindest einmal zu gewinnen. Die Jagd auf die noch fehlenden drei Sterne beginnt am Sonntag beim Tokio Marathon.

RunAustria-Lesetipp: ein ausführliches Feature zu Eliud Kipchoge und seinen kommenden Zielen lesen Sie hier:

Eliud Kipchoges nächste Mission

Ist Tokio eine Weltrekordstrecke?

Bezüglich Veranstaltungsqualität und Strecke darf der einzige asiatische Vertreter in den World Marathon Majors nicht unterschätzt werden. Denn mit dem neuen Kurs, auf dem seit 2017 gelaufen wird, sind absolute Weltklassezeiten realisierbar. Die Streckenrekorde von Kipchoes Vorgänger als Weltrekordhalter, Wilson Kipsang (2:03:58, 2017) und Lonah Chemtai-Salpeter (2:17:45, 2020) sind Vorboten dessen, was am Sonntag für Kipchoge und seine Hauptrivalen möglich sein könnte. Dass der Superstar als Favorit ins Rennen geht, steht außer Zweifel: Seit 2014 hat er nur einen Marathon nicht gewinnen können, die Siege 2021 in Enschede und besonders die Darbietung in Sapporo haben demonstriert, dass der 37-jährige Kenianer die alt bekannte Souveränität weiterhin auf die Straße bringt, wenn er sich akribisch auf ein Ziel vorbereitet. Und die Vorbereitung auf den Tokio Marathon lief wohl trotz der Unsicherheiten nach Plan.

Nach der langen Pause im Herbst soll sich der Olympiasieger gesund und topfit fühlen. Das Canadian Running Magazine berichtete am gestrigen Donnerstag von den Rennplänen für Sonntag, die, sollten sie nur annähernd der Wahrheit entsprechen, nur einen Schluss auf die körperliche Verfassung des Stars zulassen. Kipchoge wolle demnach eine Halbmarathon-Durchgangszeit von sehr deutlich unter 1:01 Stunden gepact bekommen, um auf der zweiten Hälfte den Weltrekord im Blick zu behalten.

Eliud Kipchoge auf dem Weg zu seinem Olympiasieg in Sapporo. © SIP / Johannes Langer

Wer kann den Unantastbaren besiegen?

Dennoch ist die Präsenz von Eliud Kipchoge an der Startlinie nicht nur ein Highlight für alle, die daneben und dahinter Aufstellung nehmen, sondern auch eine Extraportion Motivation, an diesem Tag nach einem ganz speziellen Triumph zu greifen. Dafür braucht es aber eine sehr mutige Herangehensweise, wenn Kipchoge tatsächlich die Karte „Vollgas“ von Anfang an ausspielen sollte. Auf dem Papier ist der Tokio Marathon 2021 (kein Tippfehler! Der Tokio Marathon 2021 wurde auf 6. März 2022 verschoben, der Tokio Marathon 2022 wurde abgesagt und findet nur mit virtuellem Angebot statt, Anm. d. Red.) herausragend besetzt: Drei der schnellsten vier Marathonläufer der Geschichte stehen am Start, fünf Läufer haben eine Bestleistung unter 2:04 Stunden, drei weitere eine Bestleistung unter 2:05 Stunden.

Der wahrscheinlich größte Kontrahent Kipchoges wäre sein NN Running Teamkollege Birhanu Legese gewesen, der 2019 in Berlin unter 2:03 Stunden gelaufen ist, als er sich aber Kenenisa Bekele geschlagen geben musste. Seine größten Triumphe feierte der 27-Jährige ausgerechnet beim Tokio Marathon, wo er 2019 und 2020 in jeweils respektablen 2:04er Zeiten gewann. Seit drei Jahren bewegt sich der Äthiopier nur bei den exklusiven Marathonläufen der Welt und das auf Spitzenpositionen, wobei sein letzter Marathon in London mit Rang fünf keine Sternstunde war. Beim Tokio Marathon kann er nun kein weiteres Erfolgskapitel produzieren, denn er hat seinen Start zurückgezogen, wie der Veranstalter am Freitag ohne weitere Anführung von Gründen bekannt gab. Vize-Weltmeister Mosinet Geremew knackte die 2:03 Stunden beim London Marathon 2019 als Zweiter hinter Eliud Kipchoge und seit seinem Sieg beim Dubai Marathon 2018 platzierte er sich bei fünf World Marathon Majors in Folge unter den Top-Vier, darunter die WM-Silbermedaille im nächtlichen Marathon von Doha 2019.

Elitefeld des Tokio Marathon, Männer (Auswahl)

  • Eliud Kipchoge (KEN) – PB: 2:01:39 Stunden (Weltrekord)
  • Mosinet Geremew (ETH) – PB: 2:02:55 Stunden
  • Amos Kipruto (KEN) – PB: 2:03:30 Stunden
  • Tamirat Tola (ETH) – PB: 2:03:39 Stunden
  • Jonathan Korir (KEN) – PB: 2:04:32 Stunden
  • Shura Kitata (ETH) – PB: 2:04:49 Stunden
  • Kengo Suzuki (JPN) – PB: 2:04:56 Stunden

Kitatas spezieller Sieg in London

Vielleicht ist aber Shura Kitata der interessanteste äthiopische Teilnehmer beim Tokio Marathon, einfach aus dem Grund, dass er der einzige Kontrahent des großen Meisters ist, der schon einmal einen Marathon gewonnen hat, bei dem Kipchoge dabei war: 2020 im Regen von London. Damals beeinträchtigte ein blockiertes Ohr nach einer mehr oder minder nicht idealen Vorbereitung den Kenianer und Kitata nutzte die Gunst der Stunde. Seine Leistungen im Jahr 2021 waren aus Verletzungsgründen nicht repräsentativ für seine Leistungsfähigkeit, genau so wenig wie seine Bestleistung knapp unter 2:05 Stunden. Der vierte pfeilschnelle Äthiopier im Feld ist Tamirat Tola, der 2021 den Amsterdam Marathon gewann und damit der schnellste Äthiopier im vergangenen Marathon-Jahr war.

Neben Kipchoge starten mit WM-Bronzemedaillengewinner Amos Kipruto, der 2020 in Valencia seine persönliche Bestleistung von 2:03:30 Stunden gelaufen ist, und der 35-jährige Jonathan Korir, Vierter beim schnellen Amsterdam Marathon 2021, zwei weitere starke Kenianer, die nicht in Japan leben. Dazu kommen die in Japan lebenden Kenianer Simon Kariuki, Dritter des Lake Biwa Marathon 2021, und Michael Githae, Sieger des Fukuoka Marathon im Dezember. Halbmarathonläufer Nicholas Kosimbei gibt seine Premiere im Marathon. Mit diesem Elitefeld ist der Tokio Marathon übrigens der best besetzte World Marathon Major seit den Olympischen Spielen und enthält sogar einen sub-2:05-Läufer mehr als das Feld in Sapporo. Er ist auch dank der unheimlichen japanischen Dichte einer der best besetzten World Marathon Majors der Geschichte (vgl. Let’sRun.com).

Breite japanische Qualität in der Tiefe

In diesem Weltklasseumfeld ostafrikanischer Topathleten finden sich in Tokio die besten Läufer Japans ein. Angeführt von Landesrekordhalter Kengo Suzuki, der erstmals bei einem so großen Marathon läuft wie jenem in Tokio, stellt Japan in diesem Rennen gleich sieben Läufer mit Bestleistungen unter 2:07 Stunden, die meisten Zeiten wurde 2021 erzielt. Zum Vergleich: Eine derartige Leistungsdichte gab es im vergangenen Jahr abgesehen von Kenia und Äthiopien lediglich in Eritrea. Für den 26-jährigen Suzuki gilt es, seinen Wunderlauf von 2:04:56 Stunden vor einem Jahr in Otsu zu bestätigen. Beim Chicago Marathon im Oktober gelang ihm als Vierter einigermaßen. Die weiteren sub-2:07-Läufer sind Hidekazu Hijikata, Kyohei Hosoya (Start zurückgezogen), Ryu Takaku, Hiroto Inoue, Yusuke Ogura und Daisuke Uekado. Zusätzlich stehen zwölf weitere sub-2:08-, acht weitere sub-2:09- und vier weitere sub-2:10-Stunden-Läufer, die aus Japan stammen oder dort wohnhaft sind, auf der Startliste.

Brigid Kosgei beim Olympischen Marathon von Sapporo. © SIP / Johannes Langer

Kosgei sucht Weg auf die Siegerstraße

Der große Name im Frauenfeld ist Brigid Kosgei, die 2019 in Chicago ihren sensationellen Weltrekord von 2:14:04 Stunden gelaufen ist. Die 28-jährige Kenianerin gewann bei den Olympischen Spielen die Silbermedaille hinter ihrer Landsfrau Peres Jepchirchir und wurde nach kurzer Regenerationsphase Vierte beim London Marathon. Damit liegt ihr letzter Marathonsieg bereits eineinhalb Jahre zurück, war aber im Regen von London damals umso beeindruckender. Der Tokio Marathon scheint die ideale Bühne für sie, zurück auf die Siegerstraße zu kehren. Denn die Konkurrenz ist durchaus namhaft, aber sie ist nicht von allererster Güte oder enthält Läuferinnen, die einzelne Ausnahmeleistungen noch bestätigen müssen, dass dies keine Eintagsfliegen waren. So zum Beispiel Angela Tanui, die in Amsterdam zu einem sensationellen Streckenrekord von 2:17:57 Stunden gestürmt ist. Davor war sie jahrelang in ihrer Entwicklung gebremst geworden, ehe sie 2021 in Dhaka gewinnen, beim Elitemarathon in Siena aufzeigen und in der holländischen Hauptstadt mit einer weiteren kräftigen Steigerung triumphieren konnte. Ashete Bekere, Siegerin des Berlin Marathon 2019, bestach beim London Marathon 2021 mit einer fantastischen persönlichen Bestleistung um zwei Minuten. Die vierte sub-2:20-Läuferin ist Hiwot Gebrekidan, Siegerin des Mailand Marathon 2021 und Zweite wenige Monate später in Berlin.

Das internationale Elitefeld ergänzen die US-Amerikanerin Sara Hall, der auch im Alter von 38 Jahren vieles zuzutrauen ist und die im Jänner mit einem US-amerikanischen Landesrekord im Halbmarathonlauf aufhorchen ließ, was den US-Rekord im Marathon von Keira D’Amato (2:19:12, Houston 2022) irgendwie automatisch zumindest in den Hinterkopf rücken lässt, Berlin-Siegerin Gotytom Gebreslase und die in der Schweiz lebende Helen Bekele. Die einzige japanische Weltklasseläuferin am Start ist Mao Ichiyama, die vielleicht Beste ihres Landes in der Gegenwart. Sie belegte bei den Olympischen Spiele Rang acht, die beiden anderen ihrer letzten Marathonläufe gewann die 24-Jährige: in Nagoya 2020 und in Osaka 2021.

Elitefeld des Tokio Marathon, Frauen (Auswahl)

  • Brigid Kosgei (KEN) – PB: 2:14:04 Stunden (Weltrekord)
  • Angela Tanui (KEN) – PB: 2:17:57 Stunden
  • Ashete Bekere (ETH) – PB: 2:18:18 Stunden
  • Hiwot Gebrekidan (ETH) – PB: 2:19:35 Stunden
  • Gotytom Gebreslase (ETH) – PB: 2:20:09 Stunden
  • Mao Ichiyama (JPN) – PB: 2:20:29 Stunden
  • Sara Hall (USA) – PB: 2:20:32 Stunden
  • Helen Bekele (ETH) – PB: 2:21:01 Stunden

Alle Augen auf den Tokio Marathon

Die Spannung vor dem Tokio Marathon, der am Sonntag um kurz nach 9 Uhr japanischer Zeit gestartet wird, ergründet sich nicht nur in der qualitativ hochwertigen Besetzung, sondern entlädt sich auch durch die lange bestehende Unklarheit, ob eine Austragung mit einem internationalen Elitefeld überhaupt möglich sein würde. Diese Unsicherheit wurde verstärkt, da die Tokyo Marathon Foundation öffentlich bekannt gab, bei Notwendigkeit zu einer Absage bereit zu sein, womit man weniger kämpferische Signale aussandte als andere japanische Marathonläufe wie in Osaka oder Nagoya (nächste Woche).

Gerade rechtzeitig hat die japanische Regierung die Einreiseregelungen aufgeweicht. Und noch ein großer Unterschied herrscht zwischen dem Tokio Marathon und beispielsweise dem Osaka Marathon, der erst letzte Woche als reiner, japanisch geprägter Elitemarathon über die Bühne gegangen ist: der Tokio Marathon begrüßt auch Freizeitläufer, die Größe des Feldes ist a priori auf 25.000 gedeckelt – und damit um 5.000 Läufer größer als es der Osaka Marathon geplant gehabt hätte.

Die Wetterprognose für schnelle Rennen ist übrigens sehr gut: Zum Startschuss erwarten die Stars Temperaturen zwischen 9 und 11°C, der Wind könnte eine Rolle spielen. „Halten Sie die Augen auf den Tokio Marathon gerichtet. Nicht, dass sie noch den Moment des Weltrekordes verpassen!“ Diese Aussage von Renndirektor Tadaaki Hayano passt nicht zu japanischer Zurückhaltung, sie ist der ultimative Aufbau eines Spannungsbogens.

Tokio Marathon

Abbott World Marathon Majors