Sehne 1, Herzog 0 – Enttäuschung in Sevilla

Bis zur Rennhälfte war es die schnellste Marathonhälfte in Herzogs Karriere, dann traten die Befürchtungen aller in seinem Umfeld ein und schmerzende Stiche in der Sehne am hintern Oberschenkel beendeten seinen Auftritt in Sevilla frühzeitig. Das besonders Bittere am Ausstieg: Es hätte sein Tag sein können.

© SIP / Johannes Langer

Am Ende konnte Peter Herzog (Union Salzburg LA) die unmittelbare Enttäuschung über die neuerlich auftretenden Schmerzen im hinteren Oberschenkel leichter überwinden als gedacht. Zu sehr war dieses Szenario als potenzielle Möglichkeit für den gestrigen Sevilla Marathon in seinem Kopf präsent. Elf Tage zuvor bei der letzten richtig anspruchsvollen Trainingseinheit in der Vorbereitung, als der Schmerz an seiner Sehne erstmals richtig einschoss, war sie größer. Auf denkbar unangenehme Art und Weise wurde dem Salzburger vor Augen geführt, dass die Krönung seiner aufwändigen und hervorragenden Vorbereitung massiv gefährdet war. „Ich hatte in den letzten Wochen immer leichte Probleme an der hinteren Oberschenkelmuskulatur, hatte sie aber mit Massagen und weiteren therapeutischen Maßnahmen im Griff“, blickte er zurück. Die letzten Tage konnte er abgesehen von leichten Laufrunden nicht trainieren, was das physische Problem aber beruhigen ließ. Und so kletterte das Hoffnungsbarometer die letzten Tage etwas hoch: „Ich habe gehofft, dass es irgendwie hält.“

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Unbegrenzte Möglichkeiten, leider im Konjunktiv

Die positiven Gedanken waren auch während der ersten Kilometer auf dem Vormarsch. „Ich habe mich heute richtig stark gefühlt. Die Möglichkeiten für meine Leistungskategorie waren hier beinahe unbegrenzt: eine perfekte Strecke, super Wetterbedingungen, ein optimales Laufgefühl und eine hervorragende Form.“ Das schlug sich auch in der Zeit nieder: 30:34 Minuten nach zehn Kilometern, 1:04:42 zum Halbmarathon. Diese Leistung, rund 3:03 Minuten pro Kilometer im Schnitt, bedeutet die bis dato schnellste Marathon-Hälfte in der Karriere des Pinzgauers, fünf Sekunden schneller als die zweite Marathon-Hälfte bei seinem Rekordrennen in London 2020.

Das Laufvergnügen war jedoch nach 20 Kilometern vorbei. Der Schmerz schoss erbarmungslos ein, Herzog versuchte noch etwas weiterzulaufen, doch der Schritt war unrund und zwang ihn, kurz nach der Halbmarathon-Durchgangszeit aufzugeben. „Ich habe es versucht, in der Hoffnung, dass es sich etwas löst. Aber mir war schnell klar, dass es das war, denn die Schmerzen waren höllisch.“ Bis dahin konnte er tadellos laufen. „Es hätte auch keinen Sinn mehr gemacht, mit Schmerzen weiterzukämpfen. Ich konnte den Schritt einfach nicht mehr laufen, den ich für die Geschwindigkeit gebraucht hätte“, schilderte er. Im Gespräch mit RunUp-Chefredakteur und VCM-Pressesprecher Andreas Maier zeichnete der 34-Jährige metaphorisch: Im letzten Teil der Vorbereitung auf den Marathon habe er ein Rad verloren. Selbst eine perfekt geölte Maschine, ein leistungsstarker Motor und eine schnittige Karosserie konnten diesen Verlust nicht kompensieren.

„Leider schief gegangen“

Trainer Johannes Langer, der am Streckenrand mitfieberte, teilte die Enttäuschung über das befürchtete, vorzeitige Ende des Sevilla Marathon: „Es hing unglaublich viel an diesem Tag heute.“ Die Entscheidung für einen Start fiel aufgrund der hervorragenden physischen Verfassung seines Schützlings, abseits der Sehne. „Das Risiko war uns bewusst, leider ist es schief gegangen“, bilanzierte der Coach. Letztendlich dominierte die Enttäuschung bei den beiden vor allem aus zwei Gründen: Erstens ob des unheimlichen finanziellen und emotionalen Aufwands, drei Wochen Trainingslager in Kenia und sieben Wochen Trainingslager in Portugal, weit entfernt von seiner Familie in der Heimat. Und zweitens ob der idealen Rahmenbedingungen beim Sevilla Marathon für eine, angesichts seiner Form, Verbesserung seines österreichischen Rekords auf eine einstellige Zahl hinter der 2.

Detaillierte Ursachenforschung

Nun hat eine exakte Diagnose nach der Rückkehr nach Salzburg die Priorität, betont Langer. Herzog erinnerte mit dankender Anerkennung daran, dass einzig ein perfektes Zusammenspiel mit seinem Umfeld, Trainer Johannes Langer, Physiotherapeut Andreas Herzog und Sportmediziner Mahdi Sareban an der Universitätsklinik in Salzburg, überhaupt ein Antreten in Andalusien ermöglicht hatte. „Nur wenn wir jetzt schlau agieren, werde ich noch einmal mein wahres Leistungsniveau aufdecken können“, ist sich Herzog sicher, dass eine Komplettgenesung gelingen muss. Denn seit einem Jahr, als er sich beim Halbmarathon in Dresden an der Wade verletzte, stellten sich ihm immer wieder „kleine Baustellen“ in den Weg. Nur wenn die muskulären Probleme im Oberschenkel gründlich aussortiert werden, kann der baldige Konter zum – mindestens – 1:1 erfolgen. Mit der Sehne, nicht gegen sie.

Zurich Sevilla Marathon