Im Schwitzkasten des Business

Symbolfoto. © SIP / Johannes Langer

„Nein, danke!“ – die Ablehnung europäischer Marathonläuferinnen und Marathonläufer gegen EM-Marathons zur Mittagszeit ist ausgeprägt. Doch die Athletenstimme wurde weder in der Planung noch danach erhört. Eine von Deutschlands Top-Marathonläufern ins Leben gerufene Petition (#AthletesHealthFirstTeamGER) soll die Funktionäre zum Umstimmen bewegen. Ihre Erfolgsaussichten in der Welt des heutigen Sportbusiness scheinen überschaubar.

Flashback
Es war der 17. Juli 1994, ein brütend heißer Tag im kalifornischen Sommer. Die Sonne brannte erbarmungslos auf die über 94.000 Menschen im ausverkauften, völlig offenen Rose Bowl Stadium in Pasadena. Die Luft flimmerte, der Schweiß floss in Strömen. 28°C. zeigte das Thermometer laut historischen Wetteraufzeichnungen bei hoher Luftfeuchtigkeit, Berichte von damals schrieben übereinstimmend von 36°C. am Spielfeldrand. Es ist 12:30 Uhr, Lunch Time in Kalifornien. 21:30 Uhr und Primetime in Europa. Die europäischen Fußballfans sollten das WM-Finale 1994 zwischen Brasilien und Italien zur besten Sendezeit sehen. So bestimmten es Verantwortlichen der Turnierorganisation, so wollten es die europäischen TV-Rechte-Erwerber. Die Quittung: Die Sommerhitze sorgte für das wahrscheinlich langweiligste WM-Finale der Geschichte. Kein Spektakel, null Tore, nur die eigene Dramatik rettete dem Tag einen besonderen Eintrag in die Geschichtsbücher.

Der europäische Laufsport ist drauf und dran, sein eigenes Hitzedrama zu kreieren. Zumindest geht er ein gewisses Risiko ein. Die Marathonläufe im Rahmen der Europameisterschaften 2022 in München sind am 15. August für 10:30 Uhr (Frauen) und 11:30 Uhr (Männer) angesetzt. Wohlgemerkt: Startzeiten, nicht intendierte Zielankünfte. Ins Ziel gelaufen wird dann, wenn die Tagestemperaturen den Höhepunkt erreichen werden. Nun zeigen die Wetterdaten der bayerischen Landeshauptstadt der letzten Jahre, dass das Risiko einer gravierenden Hitzeschlacht statistisch nicht sehr groß ist (siehe RunAustria-Bericht). Darauf beruht möglicherweise auch eine Argumentation der Ersteller des Zeitplans. Das reale Risiko hätte sich mit üblichen Marathon-Startzeiten am frühen Morgen aber leicht minimieren lassen.

Ins Ziel gelaufen wird dann, wenn die Tagestemperaturen den Höhepunkt erreichen werden.

Im Kontext der Erlebnisse der letzten Jahre scheint es fast absurd, dass das Argument unpassende Laufbedingungen so wenig Gewicht hat. Ausdauerhöchstbelastung im möglichst flotten Laufschritt bei sengender Hitze und Sonneneinstrahlung ist hochgradig anstrengend, treibt die Akteure als Limit und darüber hinaus und ist gesundheitsschädigend, sagen Sportmediziner. Lassen wir die Ereignisse im Marathon der letzten Jahre kurz Revue passieren: Bei den Weltmeisterschaften in Doha, als die Marathonläufe als beinahe lächerliche, aber ultimative Notlösung um Mitternacht angesetzt wurden und sich saunaähnliche Bedingungen bei den Frauen dennoch nicht vermeiden ließen, kam fast die Hälfte des Teilnehmerinnen nicht ins Ziel. Viele Läuferinnen brachen vor Anstrengung zusammen oder kämpften tapfer in wenig ästhetischer Laufbewegung gegen die Widrigkeiten an.

Es passierte Gott sei Dank nichts gesundheitlich Dramatisches, aber die Bilder aus Doha erschreckten das IOC sehr. Vor lauter Sorge vor unmenschlichen Laufbedingungen bei den Olympischen Spielen von Tokio, angesetzt inmitten der japanischen Hitzeperiode, wurden die Marathonläufe aus dem Olympischen Herzen herausgerissen und ins 800 Kilometer Luftlinie entfernte Sapporo verfrachtet. Im Katar und in Japan waren es klimatische Voraussetzungen, die trotz einiger organisatorischer Flexibilität nicht aus der Welt geschafft werden konnten. Gibt es in München 2022 ein unattraktives Hitzerennen, ist es einzig und allein der organisatorischen Planung geschuldet. Da zwischen Doha 2019 und dem Pandemiebeginn kaum ein Thema im internationalen Marathonlauf so heiß diskutiert wurde wie die Hitzebedingungen im japanischen Sommer, wäre eine tatsächliche Hitzeschlacht in München 2022 im Rückblick kaum zur rechtfertigen. Ein Bauchfleck aus großer Höhe und mit Anlauf.

Flashback
Es war der 14. Jänner 2014. Der australische Bundesstaat Victoria gehört im Südhalbkugel-Sommer zu den heißesten der bewohnten Regionen weltweit. In Melbourne standen die Australian Open, eines der wichtigsten Tennisturniere der Welt auf dem Programm. Am zweiten Wettkampftag brannte die australische Sonne gnadenlos vom Himmel, die Temperaturen kletterten erbarmungslos bis auf sagenhafte 43,9°C.

Gespielt wurde trotzdem, die rekordverdächtige Hitzewelle zog sich über die gesamte erste Turnierwoche. Die Mittagszeit australischer Zeit entspricht der Primetime des Vortags amerikanischer Zeit. Und Tennis ist nicht nur in den USA, sondern auf dem gesamten amerikanischen Kontinent eine beliebte Sportart und ein Kassenschlager in den Medien, wie auch in Australien selbst. Während die Tribünen und Dächer in den größeren Arenen zumindest ein bisschen Schatten warfen, waren die Spielerinnen und Spieler auf den kleineren Courts der Hitze schutzlos ausgeliefert. Neun Spielerinnen und Spieler warfen das Handtuch und brachen ihre Matches ab. „Es ist ein furchtbares Bild für den gesamten Sport, wenn Spieler, Ballkinder und Zuschauer kollabieren“, schimpfte Olympiasieger Andy Murray seinerzeit. Erst zwei Tage später reagierte der Veranstalter und legte in einer „Extreme Heat Policy“ fest, ab einer Temperatur von 40°C Spiele zu unterbrechen und eventuell bei geschlossenem Dach fortzusetzen. Hitzeschlachten gehören zum Grand Slam Turnier Down Under aber Jahr für Jahr zum Inventar.

Die Entscheidung zum Zeitplan in München fällt nicht der Europäische Leichtathletik-Verband alleine, aber European Athletics ist an den Prozessen beteiligt und hat kein Veto gegen die Marathon-Startzeiten ausgesprochen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband, nationaler Verband des Gastgeberlandes und immerhin der größte nationale Leichtathletik-Verband der Welt, hat gleich gar keinen Einfluss. Im Gegensatz zu Berlin 2018 ist der DLV nicht in die Organisation involviert, betont man in Darmstadt. Das sei ein Novum bei Leichtathletik-Europameisterschaften. Alle anderen nationalen Verbände waren sowieso machtlos, der Widerstand gegen die Marathon-Startzeiten zieht sich aber quer über den Kontinent. Auch der Österreichische Leichtathletik-Verband hat vergeblich versucht, seinen Standpunkt darzulegen. Der lautete: Start in den Morgenstunden. So wie beispielsweise bei den Weltmeisterschaften einen Monat vorher in Eugene, wo die Marathonläufe um 6:15 Uhr starten werden.

Wir hoffen noch immer, auf der Gesprächsebene eine athletenfreundliche Lösung zu finden.“

Idriss Gonschinska

Beim DLV ist man ebenfalls alles andere als glücklich. Aus Athletenkreisen, sowohl in Deutschland, als auch in Österreich, hört man ärgerliche Töne. Vor allem von jenen, die den Olympischen Hitzemarathon von Sapporo (trotz früher Startzeit) noch in frischer Erinnerung haben. Alle gegenwärtigen deutschen Topläufer, darunter Melat Kejeta, Amanal Petros und Richard Ringer, nach jetzigem Stand Medaillenkandidaten bei der EM, haben eine Petition gestartet, die gegen die Startzeiten der Marathons ankämpft. Der DLV hat sich unlängst hinter die Petition gestellt. „Wir können die Athletinnen und Athleten sehr gut verstehen. Ein Hitzerennen sollten wir deshalb im Sinne ihrer Gesundheit unbedingt vermeiden“, sagt DLV-Präsident Jürgen Kessing. Und der DLV-Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska ergänzt: „Wenn der Marathon in die frühen Morgenstunden verlegt würde, dann würde es mit Sicherheit keine gesundheitlichen Risiken durch eine mögliche Hitzewelle geben. Wir hoffen noch immer, auf der Gesprächsebene eine athletenfreundliche Lösung zu finden.“ Beim ÖLV war der Optimismus bezüglich einer solchen Entwicklung vor kurzem nicht sehr ausgeprägt.

Flashback
Es war der 23. Juli 2019, das Peloton der Tour de France radelte durch den Süden Frankreichs, der von einer tagelangen Hitzewelle übermannt wurde. Das Thermometer auf dieser Flachetappe kletterte auf 39°C, der Asphalt erhitzte bis auf 80°C und wurde zur Herausforderung für Mensch und Material. Eine Verkürzung der Etappe aufgrund der außergewöhnlichen Bedingungen wurde nicht diskutiert – das TV-Fenster sollte schließlich gut gefüllt werden. Direkte gesundheitliche Folgen hatten die regelmäßigen Hitzewellen beim Radsport-Spektakel in Frankreich in den letzten Jahren selten, etliche Fahrer klagten jedoch immer wieder über die hohen Temperaturen.

München 2022 ist eine Multisport-EM, genannt „European Championships“. Ein erhofftes TV-Spektakel, das Tausende und Abertausende Sportfans in ganz Europa tagelang jeweils stundenlang an den Bildschirmen fesseln soll. Und für deren Übertragungsrechte gewaltige Summen bewegt wurden. Der Zeitplan sollte zeitgleiche, sportartenübergreifende Höhepunkte verhindern. Der 15. August ist Feiertag, ein attraktiver Mediensporttag wie ein Wochenende. Die Marathonläufe passten aus dieser Perspektive perfekt ins Programm, als Attraktion für ein reges Stadtleben zur Mittagszeit. Diese leichtfertige Entscheidung wurde auf Kosten der Läuferinnen und Läufer, deren Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie der Qualität des Wettkampfs getroffen. Potenziell. Dabei sollten das Komponenten im Sport sein, denen eine hohe Wertigkeit geschenkt wird!

Von einem Hitzemarathon spricht man bereits ab Temperaturen von 20°C aufwärts.

Den Teufel vorab, etwas spekulativ an die Wand zu malen, ist kein vernünftiger journalistischer Stil. Aber der Kurzsichtigkeit des Funktionärswesen seinen einige Erinnerungen aufgefrischt. 2018 kollabierte Callum Hawkins auf dem Weg zum Sieg bei den Commonwealth Games im australischen Gold Coast knapp vor dem Ziel. Es war April, vier Monate nach der australischen Sommersonnenwende, dennoch herrschten zu diesem Zeitpunkt 28°C. Es war kurz vor halb Elf vormittags, gut zwei Stunden nach dem Start. Der langsamste WM-Marathon der Geschichte (Männer), 2007 in Osaka war das Produkt des Wetters: Temperaturen über 30°C und eine hohe Luftfeuchtigkeit setzten den Athleten bereits beim Start um 7 Uhr morgens zu. Übrigens: Von einem Hitzemarathon spricht man aufgrund der langandauernden Belastung über mehr als zwei Stunden bereits ab Temperaturen von 20°C aufwärts.

Flashback
Es war der 9. Februar 2019, ein Samstag im nordschwedischen Are. Die Ausrichtung der Ski-WM stand unter keinem guten Stern. Orkanartiger Wind und Temperaturen bis zu -25°C hatten nicht nur die Anreise einiger Delegationen verzögert, sondern auch das Programm durcheinander gebracht. Eine Woche lang war an Skifahren kaum zu denken. Doch die Abfahrt der Männer sollte an diesem Samstag auf jeden Fall durchgeführt werden, trotz ungünstiger Bedingungen. Tausende norwegische Fans hatten Eintrittskarten gekauft und sind über die Grenze gepilgert, um das letzte Rennen von Aksel Lund Svindal zu sehen. Das ideale TV-Fenster Samstagmittag und jenes einen Tag später für die Abfahrt der Damen rund um den Abschied von Lindsey Vonn sollte keinesfalls verstreichen. Auch hierzulande (im Skisport ist Österreich ein mächtiger Akteur) versammelten sich über eine Million Menschen durchgehend vor dem Fernseher, der ORF jubelte über einen Marktanteil von zwei Drittel. Beide Abfahrten wurden wegen des Windes erheblich verkürzt und damit in ihrer sportlichen Wertigkeit beschnitten, die Inszenierung gelang aber: Beide Legenden traten mit Medaillen ab. Doch andere Mitfavoriten schimpften bemängelten Fairness aufgrund wechselnder Bedingungen.

„Thomas, hast du wirklich gedacht, da wird irgend ein Athlet gefragt?“, erwischte mich ÖLV-Sportvorstand Hannes Gruber bei einem Telefonat vor einigen Monaten kurz auf dem falschen Fuß. Nein, natürlich nicht! Sport ist Business. Und Athleten haben selten das Recht mitzusprechen, obwohl sie eine starke Stimme verdienten. Aber es auf diese drastische Weise aufgezeigt zu bekommen wie mit diesem Beispiel bei der Multisport-EM in München 2022, hinterlässt einen großen Reflektionsraum darüber, worum es im Spitzensport überhaupt gehen soll. Wer ist Hauptdarsteller, wer Marionette? Wer beteiligt sich wie stark am Gelingen des Events? Wer muss welche Kompromisse eingehen? Und wie wird Profit aufgeteilt? Diejenigen, die die Hauptdarsteller laut ursprünglicher Definition sein sollten, nämlich die Athletinnen und Athleten, sind es nicht mehr oder nur mehr im Schein des Scheinwerferlichts im Wettkampf selbst. Das wissen wir längst von anderen Sportarten, nun auch aus dem Marathon.

Die Frage, ob diese traditionelle Ansicht den modernen Umständen noch entspricht, stellt sich freilich. Der Spitzensport hat sich wegbewegt vom sportlichen Wettkampf der Besten der Welt, automatisch von außen bewundert, hin zu einem vielseitigen Gesamtprodukt, das maximale Unterhaltung, eine attraktive wirtschaftliche Bühne und die maximal multimediale Reichweite bieten soll. Und angesichts der gesteigerten Medienkonsummöglichkeiten der heutigen Zeit auch muss, um seine Popularität zu verteidigen.

Wenn Spitzensport ein erfolgreiches Business ist – und das ist er häufig, auch die Multisport-EM könnte ein guter Schritt in dieser Richtung sein – profitieren auch die Athletinnen und Athleten davon und es ist letztendlich eine Frage des Preises, inwieweit auf Privilegien und Vorlieben die Hauptdarsteller verzichten können und müssen, um auf anderer Ebene einen Profit zu genießen. Brisant wird diese Positionierung allerdings, wenn Gesundheit als wichtiger Aspekt auftritt – und dass Gesundheit essentiell ist, wissen wir nicht erst seit den letzten beiden Jahren. Der Spitzensport trägt nicht den Anspruch in sich, besonders gesund zu sein, aber es ist der völlig falsche Weg und überdies ein katastrophales Zeichen an die Gesellschaft, wenn das Produkt Spitzensport eine potenzielle, unmittelbare Gesundheitsgefährdung seiner Athletinnen und Athleten auf leichtfertige Art und Weise billigt.

Es ist katastrophales Zeichen an die Gesellschaft, wenn das Produkt Spitzensport eine potenzielle, unmittelbare Gesundheitsgefährdung seiner Athletinnen und Athleten auf leichtfertige Art und Weise billigt.

European Athletics wählte in der Diskussion den langweiligen, eine Art Bremsschirm der Kritik intendierenden, diplomatischen Weg und veröffentlichte ein Statement, dass man sich offen halten lassen möchte, bei prognostizierten, risikoreichen Wetterbedingungen kurzfristig die Startzeiten zu verlegen oder gar die Rennen abzusagen. Die Gesundheit und Sicherheit der Athleten habe oberste Priorität. Eine kurzfristige Verlegung der Marathonläufe in einem mit Fernsehstationen, die Übertragungsrechte teuer erworben haben, im Detail abgestimmten Programmablauf über mehrere Tage – ob so ein Vorgehen bei der aus vergangenen Beispielen im Spitzensport bekannt mächtigen Position der Medien in der Praxis so leicht umzusetzen wäre, ist fraglich.

Wir erwarten viele Tausend Zuschauer an der Strecke und hohe TV-Einschaltquoten. Wir wollen dies nutzen, um den Laufsport und einen gesunden Lebensstil zu bewerben.

European Athletics

Was auch bei den Funktionären beim europäischen Verband weit oben in der Prioritätsliste steht, liest sich in einem anderen Statement: „Wir erwarten in München angesichts der Startzeiten viele Tausend Zuschauer an der Strecke und hohe TV-Einschaltquoten und wollen dies nutzen, um den Laufsport weiter zu bewerben. Und damit auch einen gesunden Lebensstil.“

Wenn, ja wenn am 15. August in der bayerischen Landeshauptstadt ein kühler Sommertag mit 18°C Höchsttemperatur herrscht, werden die Herren bei European Athletics Recht bekommen damit. Die schnellsten Marathonläuferinnen und Marathonläufer könnten die Kulisse der Münchner Innenstadt für faszinierende und hochklassige Darbietungen nutzen. Und der Laufsport mitsamt seinen Marathon-Hauptdarstellern würde als Gewinner dastehen. Wenn…