Schwitzen im Süden

Österreichs beste Läuferinnen und Läufer traf man zu Jahresbeginn nicht auf den heimischen Laufstrecken. Der klimatische Süden bot ihnen bessere Bedingungen für ein Trainingslager zur Vorbereitung auf die großen Aufgaben der neuen Saison.

Kevin Kamenschak (l.), Sebastian Frey (2. v. r.) und Marcel Tobler (r.) mit Andy Butchart, Olympia-Sechster von Rio 2016. © Karin Haußecker

„Unter klimatisch günstigen Bedingungen mit einem entsprechendem Programm und Umfang qualitätsvoll das vorbereiten, was man im Frühjahr und im Sommer leisten möchte“, bringt Trainer-Routinier Karl Sander in einem Satz die Zielsetzung des Trainingslagers in Monte Gordo auf den Punkt. Dorthin, in den Süden Portugals, reisten die Athletinnen und Athleten des vom ÖLV unterstützten Projekts „Lauf 2024“, eine gemeinsame Initiative der Trainer Karl Sander, Karin Haußecker und Andreas Prem und verbrachten die letzten beiden Wochen mit vollem Fokus auf das Training und die Vorbereitung des Wettkampfjahres 2022. Sebastian Frey (DSG Wien), Kevin Kamenschak (ATSV Linz LA), Marcel Tobler (ULC Riverside Mödling), Cordula Lassacher (ATUS Knittelfeld), Bernhard Neumann (DSG Wien) und Timo Hinterndorfer (DSG Wien) bilden die Gruppe der hoffnungsvollen Nachwuchsläuferinnen und Nachwuchsläufer mit Potenzial. Dazu gesellen sich die bereits etablierte Julia Mayer (DSG Wien), zurzeit Österreichs beste Läuferin, die in Wien studierende Deutsche Hanna Bruckmayer (DSG Wien) und kurzfristig auch Raphael Siebenhofer (TUS Kainach), der mit Frey, Kamenschak und Bezecny Österreichs Juniorenteam bei der Crosslauf-EM 2021 gebildet hat. Karin Haußecker und Karl Sander teilten sich die Betreuung vor Ort auf.

Erstes gemeinsames Trainingslager für „Lauf 2024“

Monto Gordo habe sich als europäische Lösung für das winterliche Trainingslager bewährt, betont Sander. Die Sport-Infrastruktur vor Ort ist hervorragend, selbst im Jänner liegen die Tageshöchstwerte stabil im zweistelligen Plusbereich, Minusgrade kennt man hier kaum und die Sonne schaut regelmäßig vorbei. So auch in diesem Jahr. Es war das erste große Trainingslager für die jungen Talente außerhalb der österreichischen Landesgrenzen, welches auch zu einer Annäherung diente. Abgesehen der Vereinskollegen haben nur Frey und Kamenschak bisher regelmäßig gemeinsam trainiert. „Lauf 2024“ ist im ersten Stadium der Initiative auch ein Zusammenführen der Talente im ostösterreichischen Raum und ein Etablieren eines Wir-Gefühls. Ein zweites, kleineres gibt es bei der Leichtathletik Akademie in Eisenstadt. Die Trainingsgruppe von Rolf Meixner um Emil Bezechny und Marie Glaser verweilte um die Jahreswende zum Trainingslager auf der Iberischen Halbinsel.

Meet & Greet des europäischen Laufsports

Monte Gordo beherbergt nur eines von mehreren modernen Trainingszentren im südlichen Portugal, das zu dieser Jahreszeit einen Teil der besten Läuferinnen und Läufer Europas anzieht. Trainingsgruppen aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Polen und Norwegen verweilten zur gleichen Zeit im kleinen Dorf rund 40 Kilometer östlich von Faro, dazu Einzelkämpfer wie der Brite Andy Butchart. Der Compexo Desportivo Vila Real de Santo Antonio sowie die Laufstrecken rund um Monte Gordo bis über den nahen Grenzfluss Rio Guadiana hinüber ins benachbarte Spanien sind nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Begegnungsorte für Läufer unterschiedlicher Herkunft.

Erstes großes Saisonziel: Hallen-Staatsmeisterschaften

Die Trainingsgruppe blieb dennoch größtenteils unter sich. Trotz der unterschiedlichen Distanzen in der Wettkampfphase glichen sich die Ziele und Programme im Trainingslager – die drei Trainer hatten sich vorab im Detail abgestimmt: Training im Grundlagen-Ausdauerbereich, der Umfang an der Schwelle, aber ohne zu übertreiben. Auf Basis des in Portugal Erarbeiteten sollen die Athleten mit einigen gezielten intensiven Einheiten zurück in Österreich zum Hallen-Saisonhöhepunkt, den Staatsmeisterschaften am letzten Februar-Wochenende in Linz, in gute Form kommen, blickt Sander voraus. Für Sebastian Frey hofft er noch den ein oder anderen internationalen Startplatz zu ergattern, die Plätze sind rar und höchst begehrt.

Frey musste wie Neumann etwas früher aus Portugal zurück in die Heimat fliegen, Prüfungen an der Uni standen auf dem Programm. Dagegen hat Mayer kurzfristig ihr Trainingslager bis Ende Jänner verlängert, auch weil sich eine für sie ideale internationale Trainingsgruppe gebildet hat. Sander zeigte sich im Gespräch mit RunAustria Ende letzter Woche zufrieden mit dem zweiwöchigen Aufenthalt seiner Schützlinge und der Schützlinge seiner Trainingskollegen und erwartet, dass die positiven Auswirkungen des Trainingslagers während der Hallensaison sichtbar werden.

Das Marathon-Trio von neben an

Nur einen Steinwurf vom Hotel, in dem die Trainingsgruppe und der Coach einquartiert waren, residierte zeitgleich eine kleine Gruppe heimischer Marathonläufer. Peter Herzog (Union Salzburg LA) klinkte sich in eine Trainingseinheit mit seinen jungen Landsleuten ein, zeigten Social-Media-Postings. Die meisten Trainingseinheiten absolvierte der Salzburger mit Timon Theuer (Union St. Pölten) und Christian Steinhammer (ULC Riverside Mödling), spezifische Einheiten alleine. Denn während sich Theuer und Steinhammer in einem Aufbau für einen Marathon im April befinden, trainiert Herzog in einem anderen Stadium. In einem Monat steht für ihn mit dem Sevilla Marathon der erste wichtige Saison-Höhepunkt auf dem Programm. „Es ist hier einfach viel leichter als daheim im Pinzgau, die gewünschte Qualität der Trainingseinheiten umzusetzen. Die Temperaturen passen und auch die Stimmung, weil hier viele Läufer im Stadion und auf den Straßen unterwegs sind“, berichtet Herzog. Das motiviere ihn sehr und ließ die beschwerliche Anreise kurz nach dem Jahreswechsel schnell vergessen. Zwei Tage war er unterwegs, musste am Flughafen München eine Nacht im Auto verbringen und in Lissabon umbuchen.

Entscheidende Trainingsphase für den Sevilla Marathon

Für Herzog ist es bereits das zweite Wintertrainingslager. Vor Weihnachten flog er erstmals in die Laufhochburg Kenia. In Iten habe er eine gute Grundlage legen können, zeigt er sich mit dieser neuen Erfahrung zufrieden. „Es ist beeindruckend, wie anders das Leben und damit auch der Bezug zum Laufen in Kenia ist“, so Herzog. Volle Konzentration, keine Ablenkung, ein Leben für das Laufen. Ursprünglich wollte Herzog im Jänner in Kenia trainieren, da aber eine Erkrankung im Herbst einen Start beim Valencia Marathon verunmöglichte, kommt ihm mit dem adaptierten Wettkampfplan das Trainingslager in Europa entgegen. „In der unmittelbaren Marathon-Vorbereitung setzte sich lieber auf Vertrautes. Die Laufstrecken sind hier flach, die Bedingungen optimal, die Infrastruktur tadellos“, erklärt der Salzburger, der zu dieser Jahreszeit in den letzten Jahren regelmäßig auf der Iberischen Halbinsel weilte. Rund fünf Wochen verbringt Herzog an der Südspitze Portugals. „Wir befinden uns nun in der letzten Phase von sehr harten Trainingswochen“, erklärt sein Trainer Hannes Langer.

Gutes Körpergefühl und höchste Aufmerksamkeit

Knapp zwei Wochen vor seinem Test-Wettkampf, ein Halbmarathon in Sevilla, trainiert der 34-Jährige einen hohen Umfang bei hoher Intensität. „Die Tempoeinheiten orientieren sich an der Zielgeschwindigkeit im Marathon. Das bedeutet aktuell ein Trainingstempo von 3:00 bis 3:10 Minuten pro Kilometer“, erklären beide unisono. Langer ist zufrieden mit dem Verlauf des Trainingslagers, Minimalziel für den Sevilla Marathon ist die Erlangung des EM-Limits (2:14:30 Stunden), knapp viereinhalb Minuten über Herzogs österreichischem Rekord.

Die Schwerstarbeit unter der winterlichen Sonne an der Atlantikküste soll sich für den EM-Zehnten von 2018 also am 20. Februar rentieren. „Die Richtung, die ich in diesem Trainingslager erkenne, stimmt mich positiv. Ich habe Vertrauen in unser System Marathon-Vorbereitung und mein Körpergefühl stimmt“, verbreitet er Optimismus. Oberste Priorität in den nächsten Wochen hat Gesundheit. COVID-19 ist nach den Anstiegen der gemeldeten Infektionen auf der Iberischen Halbinsel natürlich ein großes Thema im Trainingslager, die individuelle Vorsicht und Aufmerksamkeit sind hoch. In der Phase vor einem großen Wettkampf gilt es jedoch nicht nur dieses Virus und die Quarantäne als Folge auszusparen, sondern auch alle anderen Infekte, die die harte Arbeit der letzten Woche vernichten könnten.

Ketema und Vojta auf Steppvisite bei den Besten

Zwei heimische Topläufer sind im noch jungen Jahr über die europäischen Grenzen hinaus zum Trainingslager geflogen. Olympia-Teilnehmer Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) trainiert seit Mitte Jänner wie schon in den letzten Jahren in der Höhe Äthiopiens. Dort tummeln sich einige der besten Läufer der Welt, an denen er sich orientieren kann. Wie für Herzog und die anderen heimischen Marathonläufer ist auch sein erstes Nahziel die Erfüllung des EM-Limits von 2:14:30 Stunden, um im Sommer in München am Start sein zu können.

Andreas Vojta (team2012.at) ist das erste Mal seit vielen Jahren wieder nach Kenia gereist. Dort verfeinert er auf den berühmten staubigen und hügeligen Laufpisten in Iten im kenianischen Hochland, wo zurzeit nicht nur unzählige kenianische Athleten trainieren, sondern auch zahlreiche aus Europa angereiste, die Grundlage für die kommende Wettkampfsaison, die als erstes großes Ziel einen schnellen Halbmarathon vorsieht. „Perfekter können Trainingsbedingungen für ernsthaft trainierende Athleten kaum sein“, beschreibt Vojtas Trainer Wilhelm Lilge in sozialen Netzwerken. Die Höhenlage von 2.300 Metern sei ideal für das Grundlagentraining seines Schützlings.