D’Amato sensationell zu US-Rekord

Acht Jahre lang setzte sie mit Sport aus, nun ist sie am Höhepunkt ihres Schaffens angekommen: Die 37-jährige Keira D’Amato verbesserte beim Houston Marathon den fast 16 Jahre alten US-Rekord von Deena Kastor auf eine Zeit von 2:19:12 Stunden und beendete eine perfekte Phase in ihrem sportlichen Leben mit einer Sternstunde.

© Carlos Alfonso / Unsplash

Kurz vor dem Chicago Marathon im Oktober 2021 stellte die US-amerikanische Plattform „Runner’s World“ eine Frage, die gestern an einem kühlen, sonnigen und – entgegen einiger Prognosen – windarmen Sonntagmorgen in Houston durch Keira D’Amato ihre Antwort fand: „Warum hält der US-Rekord im Marathon so lange?“ Dem Verfasser des Artikels erschien dies unlogisch: Überall auf der Welt wurden auch dank der innovativen Schuhtechnologie neue Bestzeiten und -marken gelaufen und die USA hatte einige Topmarathonläuferinnen in den letzten Jahren bzw. hat sie gegenwärtig noch. Auch Deena Kastor, die 2006 den London Marathon in einer historischen Zeit von 2:19:36 Stunden gewonnen hatte (sie blieb als achte Athletin der Geschichte unter 2:20 Stunden), kam in diesem Artikel zu Wort und staunte: „Ich habe immer geglaubt, dass mein US-Rekord lange vor dem Weltrekord von Paula Radcliffe fällt.“ Es kam anders, Brigid Kosgei knackte Radcliffs Bestzeit beim Chicago Marathon 2019. Knapp zweieinhalb Jahre später fiel auch der US-Rekord, der nun bei einer Zeit von 2:19:12 Stunden steht. Rang 22 in der ewigen Weltbestenliste, zeitgleich mit einer ganz Großen: Mizuki Noguchi, Olympiasiegerin von Athen 2004 und immer noch Asienrekordhalterin.

Aus der Sportpause zum Rekord

Man kann dem Verfasser kaum einen Vorwurf machen, dass er im erwähnten Artikel nicht Keira D’Amato in Erwägung zog, Kastor abzulösen, sondern den Artikel auf Sara Hall zuschnitt. Hall, die gestern den US-Rekord im Halbmarathon steigerte (RunAustria-Bericht folgt), scheiterte in Chicago bei schwierigen Bedingungen, D’Amato lief rund eine Minute langsamer als sie und wurde Vierte. Damit hat sie sich nach dem Auswahlverfahren des US-amerikanischen Verbandes (USATF) einen Startplatz für den WM-Marathon von Eugene im Sommer verdient, nun hält nicht nur die 37-Jährige die US-Hoffnungen auf eine Heim-Medaille hoch. Das ist Zukunftsmusik, die noch in junger Vergangenheit völlig absurd klang.

Keira D’Amatos Halbmarathon-Splits: 1:09:40 / 1:09:32 Stunden
Keira D’Amatos 5km-Teilzeiten: 16:25 / 16:20 / 16:29 / 33:16 (10km) / 16:39 / 16:28 / 16:26 / 7:04 (2,195 km)

In ihrem früheren Leben war D’Amato Mittelstreckenläuferin, aber weit weg von der nationalen Spitze. Acht Jahre lang zog sie sich vom Sport zurück und gründete eine Familie, aus beruflichen Gründen ihres Mannes zog sie mehrmals um. Sie kehrte als Hobbyläuferin zurück, allerdings im Straßenlauf und lief einen Marathon in 2:47 Stunden. Sie intensivierte ihre Bemühungen und wurde professioneller, gab aber ihren Job als Immobilienmaklerin nie auf.

Der Leistungssprung in neue Dimensionen startete 2019 und erreichte in den Folgejahren kometenhafte Geschwindigkeit: In Philadelphia lief sie einen Halbmarathon in 1:13:32, zwei Wochen später den Berlin Marathon in 2:34:55 Stunden. 2020 war sie 15. bei den Marathon-Trials für Olympia, nachdem sie in Houston einen Halbmarathon in 1:10:01 Stunden zur Vorbereitung absolviert hatte. Im Oktober lief sie einen Halbmarathon von 1:08:57 Stunden auf einer nicht genormten Strecke in Michigan, zu Jahresende bestach sie beim Marathon Project in Arizona in 2:22:56 Stunden und war angekommen in der nationalen Spitze. Nach Platz vier in Chicago im Oktober folgte nun das Feuerwerk in Houston. „Ich habe eine einzigartige Karriere. Sie ist aus meinem Leben heraus entstanden. Ich kann es nicht glauben, dass diese Geschichte dazu führte, dass ich nun als US-Rekordhalterin hier sitze“, sagte die furiose Siegerin nach ihrem Husarenstück. „Ich bin mit der Einstellung ins Rennen gegangen, dass heute alles möglich sein würde.“

Der RunAustria-Bericht des Houston Halbmarathon

Chepngeno und Hall zaubern in Houston

Äthiopierinnen chancenlos

D’Amatos Superleistung fußte auf einen konstanten Lauf vom ersten bis zum letzten Kilometer, ein leicht negativer Split stand am Ende in der Statistik. Von Beginn an zeigte die 37-jährige Amerikanerin klar, dass sie gewillt war, um Sieg und Streckenrekord mitzukämpfen. Tempomacher Calum Neff sorgte für beste organisatorische und psychische Unterstützung. Nach 32:45 Minuten waren die ersten zehn Kilometer absolviert, abgesehen von der dreifachen Houston-Siegerin Bruktayit Degefa waren alle bereits zurückgefallen. Titelverteidigerin Askale Merachi, die nach zwei Dritteln der Distanz aufgab, beispielsweise lag schon über eine halbe Minute hinten, beim Halbmarathon schon dreieinhalb. Kurz vor der Zwischenzeit zur Halbzeit löste sich die entfesselte und voller Selbstbewusstsein agierende Amerikanerin auch von Degefa, nach 25 Kilometern lag eine Minute zwischen den beiden.

Zwischen Kilometer 30 und 35 verlor die Äthiopierin fast drei Minuten auf die Führende und entschied sich kurz darauf, das Handtuch zu warfen. Somit kam bis auf den fünftplatzierten Altstar Atsede Baysa keine der äthiopischen Spitzenläuferinnen in die Wertung. Der erste US-amerikanische Sieg beim Houston Marathon seit 2005 stand fest, der Streckenrekord von Alemitu Abera aus dem Jahr 2012 (2:23:14) fiel um über vier Minuten. Maggie Montoya aus Colorado übernahm unverhofft Rang zwei und wurde auf der Zielgerade noch von der Britin Alice Wright abgefangen. Beide unterboten das WM-Limit für Eugene in einer Zeit von 2:29:08 Stunden, trotz fast zehn Minuten Rückstand auf die Siegerin. Im Falle von Montoya ist das wenig bedeutend, da für Großbritanniens beste Läuferinnen im Sommer gleich drei Höhepunkte anstehen (WM, EM, Commonwealth Games), könnte dieses Rennen das Eintrittsticket für die in Arizona lebende Wright zu einer internationalen Meisterschaft sein.

Debütant gewinnt Marathon der Männer beim großen Jubiläum

Das Männerrennen produzierte keine Siegerzeit unter 2:10 Stunden, es war auch von Beginn an nicht superschnell, was angesichts der Besetzung keine Überraschung war. Zur Halbzeit lagen acht Läufer gemeinsam an der Spitze, der US-amerikanische Debütant Frank Lara führte das Feld in 1:05:29 Stunden durch. Die Spitze rund um Favorit und Titelverteidiger Kelkide Gezahegn blieb bis zur Schlussphase zusammen, bei Kilometer 40 verzeichneten noch sechs Läufer die gleiche Zwischenzeit (2:04:34). An der Spitze lag Marathon-Debütant James Ngandu, ein in Ohio studierender Kenianer, der dann auch im Finale der Schnellste war und in einer Zeit von 2:11:03 Stunden vor Abdi Abdo aus dem Bahrain und Elisha Barno aus Kenia gewann.

Der Japaner Kenta Uchida und Gezahegn verpassten das Stockerl knapp, Lara kämpfte sich beim Debüt zur Rang sechs in 2:11:32 Stunden. Auch der Brite Luke Caldwell lieferte mit einer Laufzeit von 2:11:33 Stunden ein gutes Debüt ab. 6.251 Läuferinnen und Läufer finishten den Marathon in Houston, der seinen 50. Geburtstag feierte.

James Ngandus Halbmarathon-Splits:
James Ngandus 5km-Teilzeiten: 15:17 / 15:00 / 15:33 / 32:20 (10km) / 15:48 / 15:17 / 15:19 / 6:29 (2,195 km) Minuten

Ergebnisse Houston Marathon 2022

Frauen

  1. Keira D’Amato (USA) 2:19:12 Stunden * / **
  2. Alice Wright (GBR) 2:29:08 Stunden ***
  3. Maggie Montoya (USA) 2:29:08 Stunden ***
  4. Robera Groner (USA) 2:32:02 Stunden
  5. Atsede Baysa (ETH) 2:32:28 Stunden
  6. Brittney Feivor (USA) 2:32:29 Stunden ****
  7. Kathya Mirell Garcia (MEX) 2:32:54 Stunden ****
  8. Christina Welsh (USA) 2:33:00 Stunden ****
  9. Molly Bookmyer (USA) 2:33:19 Stunden ****
  10. Andrea Pomaranski (USA) 2:33:35 Stunden ****

Männer

  1. James Ngandu (KEN) 2:11:03 Stunden ***
  2. Abdi Abdo (BRN) 2:11:11 Stunden
  3. Elisha Barno (KEN) 2:11:16 Stunden
  4. Kenta Uchida (JPN) 2:11:19 Stunden
  5. Kelkile Gezahegn (ETH) 2:11:20 Stunden
  6. Frank Lara (USA) 2:11:32 Stunden ***
  7. Luke Caldwell (GBR) 2:11:33 Stunden ***
  8. Josh Izewski (USA) 2:12:45 Stunden ****
  9. Augustus Maiyo (USA) 2:13:17 Stunden
  10. Rodgers Gesabwa (KEN) 2:14:46 Stunden

* neuer nordamerikanischer Kontinentalrekord
** neuer Streckenrekord
*** Marathon-Debüt
**** neue persönliche Bestleistung

Chevron Houston Marathon