Houston Marathon: Ein großes Comeback zum 50er

Vor 50 Jahren schlug die Geburtsstunde des Houston Marathon, der damit zu den ältesten City-Marathons der Welt zählt. Fast 195.000 Finisherinnen und Finisher zählen Sporthistoriker seither beim Event in der viertgrößten Stadt und fünftgrößten Metropolregion der USA am Golf von Mexiko. Das Jubiläum ist gleichzeitig das Comeback nach der COVID-19-Pause und die Stimmung beim Veranstalter ist gut: Alle Startkontingente sind ausverkauft.

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Rund 28.000 Angemeldete zählt der Houston Marathon 2022, was Wade Morehead, Geschäftsführer des Houston Marathon Komitees beim „Goldenen Jubiläum“ zum Schwärmen bringt: „Angeführt von einigen der besten Marathon- und Halbmarathonläufer der Welt, freuen wir uns auf einen großartigen Tag in der Geschichte dieses Rennens und der Stadt. Es wird ein großes Lauffest auf den Straßen von Houston.“ Der Veranstalter begrüßt die Titelverteidiger zurück an der Startlinie. Vor zwei Jahren waren die Äthiopier Kelkile Gezahegn und Askale Merachi die Besten im Marathon. Während Gezahegn, Sieger des Frankfurt Marathon 2018, neuerlich der Favorit ist, muss sich Merachi in einem ausgeglichenen Spitzenfeld behaupten.

D’Amatos Chance auf einen Heimsieg

Real sind die Hoffnungen beim Houston Marathon der Frauen sogar auf den ersten US-amerikanischen Heimsieg seit Kelly Keane im Jahr 2005 – das war noch bevor die Siegesserie der ostafrikanischen Athletinnen in Houston startete. Keira D’Amato, die im Dezember 2020 bei einem Marathon-Projekt in Arizona ihre Bestleistung von 2:22:56 Stunden gelaufen ist, hält diese hoch. Die 37-Jährige strotzt angesichts ihrer Trainingsleistungen nur so vor Selbstvertrauen, wie die US-amerikanische Laufplattform Let’sRun.com berichtet. Und zwar so, dass sie sogar den US-amerikanischen Rekord von Deena Kastor, der bei einer Zeit von 2:19:36 Stunden liegt, nicht aus der Welt sieht. Diese Marke läge fast vier Minuten unterhalb des Streckenrekords in Houston.

Das Selbstvertrauen begründet sich auch in den letzten Wettkämpfen: Beim Chicago Marathon im Oktober wurde D’Amato Vierte. An Thanksgiving lief sie einen schnellen Straßenlauf in Manchester, wo sie nur der entfesselten Weini Kelati unterlegen war, und Anfang Dezember gewann sie den US-amerikanischen Meistertitel im Halbmarathon in einer mehr als beachtlichen Zeit von 1:07:55 Stunden, ein Meisterschaftsrekord. Damit nichts schief ging in der Vorbereitung, hat D’Amato sogar ihre beide Kinder aus der Schule genommen, um das Risiko einer COVID-19-Infektion zu verringern. „Dafür bekomme ich sicher nicht den ,Mom of the Year’-Award“, zitierte sie Let’s Run. Es ist vielleicht auch biologisch bedingt eine der letzten Chancen für einen ganz schnellen Marathon für D’Amato, die außergewöhnliche Maßnahmen möglich machten. „Die ganze Familie hat eine Menge an Opfer gebracht. Hoffentlich kann ich das mit einer besonderen Leistung am Sonntag wertvoll machen.“

D’Amato gegen mächtige äthiopische Siegesserie

D’Amato will am Sonntag also schnell laufen und die äußeren Bedingungen könnten passen. Prognostiziert sind Temperaturen im Bereich von 13°C., allerdings könnte der Wind eine hemmende Rolle spielen. Neben der 35-jährigen Merachi, die 2020 neben dem Houston Marathon auch den Taipei Marathon gewinnen konnte, ist Bruktayit Eshetu die dritte Sieganwärterin. Sie startet zum siebten Mal in Folge beim Houston Marathon, nicht weniger als dreimal siegte sie, 2020 war sie Zweite. Damit hat die 31-Jährige erneut die Chance, Rekordsiegerin des Events zu werden und ist Teil der seit 2007 anhaltenden, äthiopischen Siegesserie in Houston.

Schnellste auf der Meldeliste ist Atsede Bayisa aus Äthiopien, die 2016 überraschend den Boston Marathon gewann. Ihr schnellster Marathon stammt vom Chicago Marathon 2012, den sie ebenfalls gewann. Ihre besten Zeiten liegen viele Jahre zurück, ein Comeback auf der ganz großen Bühne wäre eine Überraschung. Die zweite US-Amerikanerin mit einer Bestleistung unter 2:30 ist Roberta Groner. Die 21-jährige Äthiopierin Tsige Haileslase, am vergangenen Sonntag noch im Crosslauf unterwegs, soll ihr Debüt geben.

Bei den Männern sind der Kenianer John Langat, Dritter beim Eindhoven Marathon 2019, und Kenta Uchida aus Japan, der als 20. des Lake Biwa Marathon 2021 eine persönliche Bestzeit von 2:08:12 Stunden lief, die größten Kontrahenten für Gezahegn, der eine klare Favoritenrolle inne hat. Aus US-amerikanischer Sicht ist das Marathon-Debüt des schnellen Halbmarathonläufers Frank Lara von Interesse. Kenenisas Bruder Tariku steht mit dem Nationenkürzel KEN in der Ankündigung des Veranstalters – was auch zeigt, dass sein Bekanntheitsgrad weit weg ist von jenem seines älteren Bruders.

Gut besetzte Rennen im Halbmarathon

Üblich haben in Houston die Starterfelder im Halbmarathon die höhere Qualität als jene im Marathon, heuer ist dies vor allem bei den Frauen ausgeglichen. Bei den Männern, wo mit den Kenianerin Shadrack Kimining und Wilfred Kimitei sowie dem Äthiopier Milkesa Mengesha drei Läufer mit Bestleistungen unter einer Stunde am Start sind, ist die Spitze im Halbmarathon viel breiter. Kimining war vor zwei Jahren Dritter, World Athletics stuft diesen Lauf in 59:27 Minuten als seinen besten Wettkampf überhaupt ein. Fünfmal ist der 25-Jährige bereits unter einer Stunde gelaufen. Crosslauf-Junioren-Weltmeister Mengesha lief im November in Lissabon eine Zeit von 59:48 Minuten.

Traditionell nützen viele Nordamerikaner die Bühne des Houston Halbmarathon zum Jahreseinstieg. Der best gemeldete ist Reed Fischer. Bester Nicht-Afrikaner im Feld ist der Australier Patrick Tiernan, vor drei Jahren Sechster. Der Kanadier Ben Flanagan, ein guter Straßenläufer auf kürzeren Distanzen, versucht sich an seinem ersten richtig schnellen Marathon und halt laut dem Canadian Running Magazine den kanadischen Rekord von 1:01:28 Stunden im Auge.

Halbmarathon-Debüt für Britin Judd

Das Feld der Frauen führen die beiden Kenianerinnen Victory Chepngeno, die vor knapp zwei Monaten den Philadelphia Halbmarathon in einer persönlichen Bestleistung von 1:07:22 Stunden gewann, und Monicah Ngige an. Ngige war Vierte vor drei Jahren und zuletzt beim Boston Marathon 2019. Prominenteste US-Amerikanerin ist die nimmermüde Sara Hall. Auch Nell Rojas, im Oktober beste US-Amerikanerin beim Boston Marathon, ist im Feld. Die Britin Jessica Judd, Olympia-Teilnehmerin von Tokio im 5.000m- und 10.000m-Lauf und zuletzt starke Vierte bei den Crosslauf-Europameisterschaften in Dublin, gibt ihr Debüt im Halbmarathon.

Polarisierende Diskussionen in Houston

Die Strecke des Marathons und des Halbmarathons ist rund zwölf Kilometer lang dieselbe. Die Marathonläuferinnen und Marathonläufer laufen in diesem Jahr durch die brandneuen Tunnel im Memorial Park, ein großes Verkehrsprojekt der Stadt, welches für den Verkehr noch nicht eröffnet wurde. Ihr Debüt gibt Renndirektorin Carly Caulfield, die erste weibliche Besetzung in dieser Position in der langen Geschichte des Houston Marathon.

Dass der Houston Marathon am Sonntag mit Zig-Tausenden Läuferinnen und Läufern normal durchgeführt wird, ist nicht jedem in Houston recht. Lokale Medien berichten über ansteigende COVID-19-Fälle und Lockdown-Forderungen für die Metropole. Lars Thestrup, medizinischer Direktor des Laufevents, konterte gegenüber ABC 13: „Wenn unser medizinisches Personal und die Krankenhäuser normal arbeiten können, haben wir das Gefühl, angesichts unserer vorbereiteten Protokolle, ein sicheres Event für unsere Läuferinnen und Läufer durchführen zu können.“ Thestrup rief alle Leute, die Krankheitssymptome verspüren oder den Verdacht haben, sich an SARS-Cov-2 infiziert zu haben, dem Event fern zu bleiben. Außerdem gilt Maskenpflicht in Innenräumen und Abstandsverpflichtung im Eventbereich.

Chevron Houston Marathon