Ingebrigtsen souverän – Vojtas beste Crosslauf-EM

Jakob Ingebrigtsen knüpfte an die vier EM-Titel in der Altersklasse U20 in Dublin nahtlos an und gewann seinen ersten Titel in der Allgemeinen Klasse in Überlegenheit. Andreas Vojta schaffte erstmals den Sprung in die Top-30.

© ÖLV / James Veale

Es war ein guter Ort, um das beste Ergebnis bei seinem neunten Antreten in der Allgemeinen Klasse – insgesamt war er zum zwölften Mal bei Crosslauf-Europameisterschaften am Start – zu feiern. 2009 hatte Andreas Vojta (team2012.at) in Dublin sein internationales Debüt in rot-weiß-rot gegeben. Zwölf Jahre später verzeichnete er bei der Rückkehr in die irische Hauptstadt sein bestes Abschneiden: Platz 29. „Es war auch vom Gefühl her war das mein bester Auftritt bei einer Crosslauf-EM. Ich habe den richtigen Zugang zwischen zügig anlaufen, mich aber nicht zu zerschießen, ganz gut getroffen. Ich konnte mich gut positionieren, das Tempo in einem guten Rhythmus konstant halten. Es hat alles gut zusammengepasst: meine Leistung, meine Einschätzungen während des Rennens, mein Endspurt und meine Konkurrenzfähigkeit“, analysierte der 32-Jährige.

Gelungene Renneinteilung

Vojta lief nach 10.000 Metern in einer Zeit von 31:35 Minuten ins Ziel und hielt auch den zeitlichen Rückstand zum überlegenen Sieger Jakob Ingebrigtsen, einziger europäischer Olympiasieger auf einer Laufdistanz von Tokio (1.500m), in Grenzen. Die von ihm beschriebene, gelungene Renneinteilung äußerte sich in Position 21 nach einem engagierten Start des Niederösterreichers, dessen gute Anfangsplatzierung sich auch vom nicht ganz so drastisch hohen Anfangstempo wie in anderen Bewerben des Tages nährte. Danach hielt sich der Routinier gut im Rennen und verblieb Kilometer lang am Ende einer größeren Gruppe. Eine gelungene Strategie, die Karl Sander, der die ÖLV-Athleten vor Ort und damit auch Vojta betreute, auch bei seinem Schützling Sebastian Frey im U20-Rennen (siehe RunAustria-Bericht) beobachtet hat: „Wenn man sich am Ende einer Gruppe halten kann und es gelingt, trotzdem an sein Limit heranzulaufen, aber nicht überpact, ist das ein gutes Gefühl. Das ist fast wie Fliegen im Gelände. Wenn es nicht gelingt, kann Crosslauf brutal sein. Andi hat natürlich die Erfahrung, da wird in der Vorbereitung auch über Details gesprochen. Er hat seinen Plan ziemlich genau getroffen und dann kommt ein Ergebnis wie heute heraus.“ Top-30 – das sei noch europäische Spitze.

Bestes Feld seit langem

Vojta zeigte sich erleichtert, dass das schlechte Rennen von Tilburg vor zwei Wochen, das er sich nur schwerlich erklären konnte, eine Eintagsfliege blieb. In Dublin war er um rund eine Minute näher an Jonas Raess und Mike Foppen dran, die in Tilburg die Besten waren. Zwischenzeitlich fiel Vojta knapp aus den Top-30 heraus, überholte aber im letzten Renndrittel den ehemaligen Europameister Filip Ingebrigtsen, der kurze Zeit später frustriert das Handtuch warf. In die Top-30 kehrte er in den letzten Augenblicken des Rennens zurück, weil er im Endspurt aus einer kleinen Gruppe der schnellste war. „Hätte der Endspurt nicht so gut geklappt, hätte ich mich geärgert. Schließlich waren die Top-30 mein Ziel. Dieses Abschneiden ist meiner Einschätzung nach viel Wert, weil es das stärkste Feld bei Crosslauf-Europameisterschaften seit längerer Zeit war“, bilanzierte der Routinier, der nach der kommunizierten Absage des Silvesterlaufs in Peuerbach („Schade, gerade auf diesen Strecken bin ich gerade gut in Form“) sein Wettkampfjahr damit beendet: „Ein schöner Abschluss.“

Lobende Worte hatte der erfahrenste Athlet in der Delegation für seine jungen Landsleute parat: „Die Leistung von den Burschen war unglaublich, richtig stark!“

Favoritensieg mit Stil

Es war nicht so, als hätte sich die Konkurrenz keine Gedanken gemacht, wie sie den schier unbezwingbaren Jakob Ingebrigtsen besiegen könnten. Nach einer eher ruhigen Anfangsphase übernahm in der ersten der zweiten langen Runden erst Jimmy Gressier die Tempoarbeit und tatsächlich wurde das Rennen etwas schneller. In der vierten Runde setzte sich ein Quartett vom Rest des Feldes ab: Neben Ingebrigtsen und dem dreifachen U23-Europameister im Crosslauf, Gressier liefen auch Yemaneberhan Crippa, Silbermedaillengewinner von Lissabon 2019, und Aras Kaya, zweifacher Europameister im Crosslauf, vorne. Der Italiener und der Türke versuchten nun, das Tempo hochzuhalten, um die beiden jungen Läufer zu kitzeln. Doch Crippa, der wie bewährt im Spätherbst in Kenia trainiert hat, musste in der fünften Runde urplötzlich stehen bleiben und aufgeben – wie er in einem Zitat auf der Website des Italienischen Leichtathletik-Verbandes (FIDAL) erklärte, aufgrund eines plötzlichen Stechens in der Gegend rund um die Leber. „Ich bin sehr verärgert, das wird einige Tage brauchen, um das zu schlucken. Aber leider passieren solche Dinge. Meine Beine waren gut, schade!“, sagte der zweifache Junioren-Crosslauf-Europameister.

Ingebrigtsens Souveränität

Kaya mit Ingebrigtsen an den Fersen setzten sich kurz vor der letzten Runde leicht von Gressier ab, der mit mehrfachem Umblicken zur Orientierung signalisierte, seinen Fokus auf das Absichern der Bronzemedaille zu legen. Was ihm gelang, sein Landsmann Hugo Hay gewann das Spurtduell gegen den Belgier Michael Somers um Platz vier erst vier Sekunden, nachdem Gressier im Ziel war. Vorne wartete Ingebrigtsen auf den richtigen Moment, attackierte und ließ Kaya keine Chance. Nach 10.000 Metern erreichte mit seiner geteilt schnellsten Runde das Ziel in einer Zeit von 30:15 Minuten. „Ich habe mich gut gefühlt, auch wenn ich zugeben muss: Die 10 Kilometer sind wirklich nicht meine Distanz. Aber wir haben uns gut auf diese Aufgabe vorbereitet. Es war ein schweres Rennen mit vielen guten Kontrahenten“, fasste der 21-Jährige den Wettkampf zusammen und hatte ein Extralob für das Publikum übrig: „Die Zuschauer waren verrückt. Das hat uns extrem motiviert. Ich bin wirklich glücklich, dass so viele hierher gekommen sind.“

Kaya und Gressier mit dem Maximum

Seine lockerer und nach außen hin entspannt wirkender Laufstil, gepaart mit der Fähigkeit auch taktisch keine Fehler zu machen und immer bewusst in der Position zu laufen, in der er laufen möchte, lassen die Siege Ingebrigtsens auf kontinentalem Niveau wohl etwas irreführend einfacher ausschauen, als sie es sind. Doch die Überlegenheit des norwegischen Ausnahmeläufers ist keine Überraschung, weswegen Aras Kaya mit Silber das Maximum herausgeholt hat und sich dementsprechend auch zufrieden zeigte. Es war seine bereits vierte Medaille bei Crosslauf-Europameisterschaften, kein türkischer Läufer hat mehr. Für die Türkei bedeutete es Einzelmedaille Nummer zehn bei den Männern, nur die Ukraine war dank Sergej Lebid erfolgreicher.

Gressier sicherte sich die erste französische Einzelmedaille bei den Männern seit Hassan Chahdi 2012. „Ich bin glücklich, denn in diesem Rennen gab es einige Schmerzen zu überwinden. Daher habe ich versucht, so vorsichtig wie möglich zu laufen, denn Jakob war deutlich stärker als ich“, bekannte der Franzose, der auch für die nächsten Jahre nicht mehr ins Auge zu fassen wagt: „Ingebrigtsen ist unschlagbar. Auch im Crosslauf!“

Frankreich dominiert die Teamwertung

Gressier führte das bärenstarke französische Team zum ersten Sieg in der Nationenwertung seit zehn Jahren und zur ersten Medaille seit sechs Jahren. Hugo Hay als Vierter, Yann Schrub als Sechster und Felix Bour als Achter strahlten im Kollektiv eine unfassbare Dominanz aus. 13 Punkte ist der niedrigste Score, den je eine Nation bei den Männern erzielte – allerdings wurden lange Zeit die Top-Vier pro Nation gewertet, nicht „nur“ die Top-Drei. Spanien mit drei Top-Zwölf-Plätzen und Norwegen sicherten die weiteren Medaillen, Gastgeber Irland schrammte als Vierter knapp am Stockerl vorbei, den Belgiern fehlte ein guter Dritter. Deutschland mit Filimon Abraham (14.), Samuel Fitwi (19.) und Johannes Motschmann (39.) erzielte Platz sieben, die Schweiz folgte auf Platz acht. Bester Eidgenosse war Jonas Raess als 17., während Julien Wanders früh zurückfiel und als 63. gänzlich enttäuschte. Vor zwei Jahren war er Dritter.

Ergebnisse Crosslauf-Europameisterschaften 2021 in Dublin, Männer (10.000m)

Gold: Jakob Ingebrigtsen (Norwegen) 30:15 Minuten
Silber: Aras Kaya (Türkei) 30:29 Minuten
Bronze: Jimmy Gressier (Frankreich) 30:34 Minuten

  1. Hugo Hay (Frankreich) 30:38 Minuten
  2. Michael Somers (Belgien) 30:38 Minuten
  3. Yann Schrub (Frankreich) 30:39 Minuten
  4. Nassim Hassaous (Spanien) 30:42 Minuten
  5. Felix Bour (Frankreich) 30:44 Minuten
  6. Isaac Kimeli (Belgien) 30:45 Minuten
  7. Brian Fay (Irland) 30:45 Minuten
  8. Carlos Mayo (Spanien) 30:51 Minuten
  9. Abdessamad Oukhelfen (Spanien) 31:03 Minuten
  10. Niko Tonosa (Irland) 31:05 Minuten
  11. Filmon Abraham (Deutschland) 31:07 Minuten
  12. Raul Celada (Spanien) 31:12 Minuten
  13. Adel Michael (Spanien) 31:12 Minuten
  14. Jonas Raess (Schweiz) 31:16 Minuten
  15. Jack Rowe (Großbritannien) 31:18 Minuten
  16. Samuel Fitwi (Deutschland) 31:19 Minuten
  17. Mike Foppen (Niederlande) 31:20 Minuten

    29. Andreas Vojta (Österreich) 31:35 Minuten
    39. Johannes Motschmann (Deutschland) 32:02 Minuten
    40. Joey Hadorn (Schweiz) 32:03 Minuten
    47. Markus Görger (Deutschland) 32:16 Minuten
    50. Urs Schönenberger (Schweiz) 32:29 Minuten
    55. Jonathan Dahlke (Deutschland) 32:44 Minuten
    63. Julien Wanders (Schweiz) 33:13 Minuten

Nationenwertung (Top-Drei pro Nation)

Gold: Frankreich 13 Punkte
Silber: Spanien 30 Punkte
Bronze: Norwegen 47 Punkte

  1. Irland 51 Punkte
  2. Belgien 59 Punkte
  3. Großbritannien 65 Punkte
  4. Deutschland 72 Punkte
  5. Schweiz 108 Punkte
  6. Portugal 114 Punkte
  7. Athlete Refugee Team 141 Punkte

Crosslauf-Europameisterschaften 2021 in Fingal-Dublin

European Athletics