Vojta ÖLV-Einzelkämpfer – Ingebrigtsen Goldfavorit

Andreas Vojta ist die Konstante im ÖLV, wenn es um Crosslauf-Europameisterschaften geht. Zum zwölften Mal ist er beim kontinentalen Höhepunkt dieser spannenden Teildisziplin des Laufsports am Start und nimmt sich in einem starken Teilnehmerfeld, das wie immer Spezialisten von den Mittelstrecken bis hin zum Marathon vereint, sein bestes Resultat vor. Im Kampf um die Medaillen orientiert sich ganz Europa an Jakob Ingebrigtsen, der nach vier Junioren-EM-Titeln erstmals in der Allgemeinen Klasse an den Start geht.

Andreas Vojta bei den Crosslauf-Staatsmeisterschaften 2021. © ÖLV / Alfred Nevsimal

„Es war nass. Wir sind knöcheltief durch den Gatsch gelaufen. Alle Klischees über Crossläufe auf den Britischen Inseln wurden erfüllt“, skizziert Andreas Vojta (team2012.at) eine Erinnerung an die Crosslauf-EM 2009. In der Altersklasse U23 gab der Niederösterreicher im Alter von 20 Jahren seine Premiere bei internationalen Meisterschaften für den ÖLV. In Dublin. Ein durchaus prägendes Erlebnis also für den späteren Olympia- und WM-Teilnehmer. Die zweite wichtige Erinnerung an damals ist die herausragende Stimmung der vielen, vielen Zuschauer. „Irland ist eine Crosslauf-Nation. Damals wurde mir bewusst, was das bedeutet.“

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Hoffnung auf ein Spitzenresultat

Back to the roots

Es ist die zwölfte EM-Teilnahme im Crosslauf für Andreas Vojta und zwar in Folge (2020 ist sie ausgefallen) und seine persönliche Rückkehr in jene Stadt, in der seine internationale Karriere ihren Anfang genommen hat: die Crosslauf-EM am Sonntag vor den Toren der irischen Hauptstadt. Wie außergewöhnlich diese Zahl ist, zeigt ein Blick in die Statistik. Nur der ehemalige Serien-Europameister Sergej Lebid aus der Ukraine (19) und der Italiener Gabriele De Nard (17) haben mehr, auch der Holländer Michel Butter, diesmal nicht nominiert, kommt auf zwölf Teilnahmen. Für Vojta ist dies ein schönes Detail am Rande: „Es zeigt meine Kontinuität über viele Jahre. Das ist für mich schon wichtig, weil ich über einen langen Zeitraum meine Leistung bringen konnte.“

Wie beeindruckend diese Serie ist und wie weit 2009 tatsächlich zurückliegt, zeigt ein Blick in die historischen Ereignisse. 2009, das war jenes Jahr, als in New York eine Notlandung eines Passagierflugzeugs auf dem Hudson River gelang. Als in Island weltweit erstmals eine Frau eine Regierung anführte, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebte. Oder als in Griechenland die bittere Staatsschuldenkrise ihre Dynamik aufnahm.

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Lissabon als Messlatte – Enorm starkes Feld

Nicht im Hauptfokus

Bei seiner zweiten Crosslauf-EM in Dublin – auch der Spanier Ayad Lamdassem war 2009 schon am Start, sogar damals bereits in der Allgemeinen Klasse – nimmt sich Österreichs einziger Teilnehmer eine solide Platzierung vor. „Für mich ist es schwer einzuschätzen, sowohl was meine Verfassung als auch die der anderen betrifft. Ich nehme mir eine Top-30-Platzierung vor, dafür muss die Tagesverfassung passen.“ Das wäre seine beste Platzierung bei Crosslauf-Europameisterschaften in der Allgemeinen Klasse. „Grundsätzlich habe ich gut trainiert und verfüge über eine gute Ausdauerbasis. Nachdem ich meinen Hauptfokus nicht auf die Crosslauf-EM gelegt habe, sondern auf das Wettkampfjahr 2022, habe ich nur einige spezifische Trainingseinheiten und -elemente in der Vorbereitung absolviert“, ergänzt der 32-Jährige.

Für ein gutes Ergebnis ist Risiko gefragt. Schärfer anlaufen lautet Vojtas Devise, damit er in den ersten Kurven des Rennens gut platziert ist und in einen ökonomischen Mittelteil übergehen kann. Angesichts der Dichte und Qualität des Feldes ist das keine leichte Aufgabe. Gelingt sie nicht, wird das Feld in der Anfangsphase hinten oft zusammengestaucht und Aufholjagden sind im Crosslauf generell schwierig. „Ich werde versuchen, das Mittelmaß zwischen optimistisch anlaufen und dennoch meine Kräfte gut einzuteilen zu finden“, so der Staatsmeister. 10.000 Meter lang ist die Strecke am Sport Ireland Campus, das Profil wirkt moderat, ein tiefer Boden ist zur Jahreszeit am Rande des Nordatlantiks immer zu erwarten.

RunAustria Tipp: Alle Bewerbe der Crosslauf-EM werden im Livestream auf der Website von European Athletics übertragen

Livestream von European Athletcis

Ingebrigtsen-Hype

Als Jakob Ingebrigtsen vor wenigen Wochen seinen Start bei der Crosslauf-EM in Dublin bekannt gab, schwappte eine kleine Euphoriewelle durch die europäische Leichtathletik – zumindest, was der Berichterstattung vom Veranstalter und von European Athletics zu entnehmen ist. Das norwegische Ausnahmetalent ist längst das Aushängeschild der kontinentalen Laufszene auf der Bahn. Viermal – und damit öfters als jeder andere in der Geschichte – hat er den Juniorenbewerb bereits gewonnen, womit Norwegen auf Platz eins im ewigen Medaillenspiegel dieser Altersklasse bei den Burschen steht (Einzelwertung).

Nun überspringt er die Altersklasse U23 und greift nach seinem ersten Titel bei den Erwachsenen. Als zweifacher Europameister, Olympiasieger und zweimal in den Top-Fünf bei Weltmeisterschaften Platzierter ist man geneigt zu sagen: Er hätte schon einige Crosslauf-EM-Titel auf der Habenseite, hätte er nicht den Rekord bei den Junioren gejagt. Andererseits ist das Gegenargument zulässig, dass nicht alle Crosslauf-Auftritte bisher rundum überzeugend waren. Zum Beispiel die WM 2019 in Aarhus, als er in der Juniorenwertung keine Chance auf eine Medaille hatte. Gegen junge Ostafrikaner, die er heute auf der Bahn größtenteils dominiert.

Fragezeichen über dem Bruder

Dennoch ist der Norweger aufgrund seiner herausragenden Leistungen – in den letzten beiden Jahren gelangen weitere beeindruckende Fortschritte – der klare Favorit auf den zweiten norwegischen Einzelsieg nach Filip Ingebrigtsen (2018) bei seit 1994 jährlich durchgeführten Crosslauf-Europameisterschaften. Norwegen ist wohl auch im Kampf um die Goldmedaille in der Nationenwertung ein Kandidat. Hinter Filip stehen nach einer bescheidenen Wettkampfsaison freilich einige Fragezeichen. Aber Zerei Kbrom, der zuletzt fast Majestätsbeleidigung betrieb, als er in Valencia Jakob Ingebrigtsen den norwegischen Rekord im 10km-Straßenlauf abgenommen hat, ist in Topform. Mit Narve Gilje Nordas und Tom Erling Karbö ist auch das Potenzial einer dritten guten Leistung gegeben, für den Fall, dass Filip Ingebrigtsen nicht in Form gekommen ist.

Das Duell der Serien-Europameister

Ein spannender Aspekt ist, dass Jakob Ingebrigtsen und Jimmy Gressier zum zweiten Mal bei Crosslauf-Europameisterschaften gegeneinander laufen. Das erste Mal in der Altersklasse U20 wurde der Franzose 2016 Vierter und war Teil des siegreichen Teams in der Nationenwertung. Seither hat der 24-Jährige dreimal den EM-Titel in der Altersklasse U23 geholt und als zweifacher U23-Europameister auch auf der Bahn (2019) greift er in Dublin nach seiner ersten Medaille in der Allgemeinen Klasse. Bei den französischen Meisterschaften siegte er vor einigen Wochen auf der Kurzdistanz und übersprang das Zielband als Zeichen der Genugtuung. Eine Woche später gewann er den Cross du Maine Libre als erster Franzose seit 2007. Frankreich ist nicht nur dank des formstarken Gressier auch ein überzeugender Kandidat für die Goldmedaille in der Nationenwertung: Hugo Hay, Felix Bour, Mehdi Frère, Yann Schrub und Duncan Perrillat vervollständigen das Team, die drei besten Platzierungen kommen in die Wertung.

Starke Teams stellen traditionell auch die Spanier und Briten. Mit Carlos Mayo und Abdessamad Oukhelfen, der zuletzt einen Crosslauf der World Cross Country Tour Gold gewinnen konnte, sowie – an einem guten Tag – Adel Mechaal haben drei Läufer auch gute Chancen auf eine Top-Platzierung in der Einzelwertung. Die stärksten Briten sind voraussichtlich Jack Rowe und Andrew Butchart.

Der Zeitplan für die Crosslauf-EM 2021 (Angaben in mitteleuropäischer Zeit)
11:00 Uhr – Altersklasse U20, Burschen – Distanz: 6.000m (vier große Runden)
11:28 Uhr – Altersklasse U20, Mädchen – Distanz: 4.000m (eine kleine und zwei große Runden)
11:50 Uhr – Altersklasse U23, Männer – Distanz: 8.000m (zwei kleine und vier große Runden)
12:23 Uhr – Altersklasse U23, Frauen – Distanz: 6.000m (vier große Runden)
13:21 Uhr – Mixed-Staffel – Distanz: 6.000m (vier große Runden)
14:13 Uhr – Allgemeine Klasse, Männer – Distanz: 10.000m (eine kleine und sechs große Runden) – mit Andreas Vojta
14:53 Uhr – Allgemeine Klasse, Frauen: 8.000m (zwei kleine und vier große Runden)

DLV und Swiss Athletics mit Potenzial auf Top-Platzierungen

In den Kampf um die Medaillen eingreifen könnten auch der multiple italienische Rekordhalter Yemaneberhan Crippa, der zweimal Junioren-Europameister war und vor zwei Jahren in Lissabon die Silbermedaille gewann, der Belgier Isaac Kimeli, der Deutsche Samuel Fitwi, vor zwei Jahren Fünfter, die Schweizer Julien Wanders und Jonas Raess, der Holländer Mike Foppen und natürlich der Türke Aras Kaya. Der 27-Jährige, der mit Geburtsnamen Amos Kibitok heißt, erbte 2019 die Goldmedaille vom wegen Dopings disqualifizierten Robel Fsiha und hat seine besten internationalen Ergebnisse im Crosslauf erzielt. Auch 2016 war der gebürtige Kenianer Europameister. Fünf der letzten sechs Crosslauf-EM-Titel gingen an türkische Vertreter.

Im Schweizer Team stehen neben dem Bronzemedaillengewinner von 2019, Wanders und Raess, der vor zwei Wochen den Crosslauf in Tilburg gewinnen konnte, Joey Hadorn und Urs Schönenberger, eine ordentliche Platzierung in der Nationenwertung scheint möglich. Neben Fitwi vertreten der Crosslauf-Spezialist Markus Görger, der Fitwi überraschend in Pforzheim besiegte und erstmals in der Allgemeinen Klasse startet, Berglauf-Spezialist Filimon Abraham, Jonathan Dahlke und Johannes Motschmann den DLV.

Neue Heimat aus notwendiger Improvisation

Stärkster Lokalmatador ist erwartungsgemäß der frisch gebackene irische Meister Hiko Tonosa. Der 26-Jährige hat ein bewegtes Leben hinter sich. Nachdem der der Volksgruppe der Oromo angehörige Läufer nach einem Stipendium für einen Bildungsaufenthalt in Japan aufgrund von Verletzungen in seine äthiopische Heimat zurückkehrte und sich an Protesten gegen die damalige Regierung beteiligte, wurde er festgenommen und für drei Monate ins Gefängnis gesteckt. Als er während eines Aufenthalts bei einem Leichtathletik-Meeting in Dublin davon erfuhr, dass einer seiner Mitstreiter bei Demonstrationen ermordet wurde und von einem Freund gewarnt wurde, dass nach ihm gesucht würde, entschied er aus Sicherheitsgründen, in Irland spontan um Asyl anzusuchen.

Sein Status wurde 2019 anerkannt, er schloss sich einer Trainingsgruppe in der irischen Hauptstadt rund um einige der besten Läuferinnen und Läufer Irlands an und erhielt vor einigen Monaten die Staatsbürgerschaft. Mittlerweile haben sich die politischen Mehrheitsverhältnisse in Äthiopien geändert, die Unterdrückung der Oromo gelöst und Tolosa ist im letzten Jahr nach Äthiopien zurückgekehrt, um seine Mutter zu besuchen und ein Trainingslager anzuhängen. Seine neue Heimat ist allerdings die Grüne Insel, wie er in einem Feature auf der Website von European Athletics schildert: „Ich bin so happy, the Green Jersey zu tragen.“

Grün ist es auf der Grünen Insel auch zu dieser Jahreszeit, der konstante Regen der letzten Tage hielt den Untergrund frisch. Für Sonntag sind die Wettervorhersagen aber nicht ungünstig. Es soll trocken bleiben, bei Temperaturen im niedrigsten, zweistelligen Bereich.

Crosslauf-Europameisterschaften 2021 in Fingal-Dublin

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