Crosslauf-EM: Hoffnung auf ein Spitzenresultat

Wenn am Sonntag um 11 Uhr MEZ der Startschuss für das Juniorenrennen bei Crosslauf-EM in Dublin fällt, ist rot-weiß-rotes Daumendrücken angebracht. Ein Spitzenergebnis ist möglich.

© ÖLV / Alfred Nevsimal

Wenn Sebastian Frey (DSG Wien) seine Laufschuhe geschnürt und die Spikes für den befürchet tiefen irischen Boden befestigt hat, wird er mit breiter Brust auf die sechs Kilometer lange Strecke gehen. Das große Selbstvertrauen des Silbermedaillengewinners bei den Österreichischen Meisterschaften im Crosslauf (Kurzdistanz) ist in diesen Tage spürbar, wenn man mit ihm spricht. Es ist begründet: In Graz musste er lediglich Andreas Vojta (team2012.at) den Vortritt lassen, der eigentlich immer österreichischer Meister wird, wenn er irgendwo mitmacht. In der europäischen Jahreswertung im 10.000m-Lauf ist der Wiener hinter dem Israeli Adisu Guadia zweitplatziert, über 5.000m liegt er auf Rang sechs. Beste Voraussetzungen also für einen guten Wettkampf am Sonntag, zumal die Vorbereitung Mut macht.

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„Genau richtig“

„Es ist in den letzten Wochen alles super gelaufen, daher freue ich mich umso mehr auf Sonntag“, erzählt der 19-Jährige. Seinen guten Vorwert über 10.000m schätzt er für das sechs Kilometer lange Rennen als Vorteil ein. „Bei einer kürzeren Strecke müsste ich sicher noch mehr aktiv arbeiten. Sechs Kilometer ist genau die richtige Distanz für meine Fähigkeiten“, schätzt er. Die großen Fortschritte, die er in fachkundiger Betreuung durch Karl Sander in den letzten Monaten gemacht hat, bringen ihn nun in die Position, auf europäischer Ebene eine Topplatzierung in Angriff zu nehmen, wie es sie zuletzt zu den besten Crosslauf-Junioren-Zeiten von Günther Weidlinger und Martin Pröll gegeben hat. „Ich will vom Start weg an der Spitze mitlaufen, dranbleiben und im Finale alles mobilisieren. Dann ist sicherlich einiges möglich“, meint Frey. „Wenn ich die Form mit jener, die ich bei meinem österreichischen Juniorenrekord im 5.000m-Lauf hatte, vergleiche, bin ich schon in einer sehr guten Verfassung.“

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Vojta ÖLV-Einzelkämpfer – Ingebrigtsen Goldfavorit

Mehrere taktische Varianten

Sander, der Frey schon seit Jahren begleitet, bestätigt die Authentizität von Selbstvertrauen und Zielsetzung. Schließlich habe Frey mit Ausnahme der Junioren-EM in Tallinn im Sommer, als ihm eine Erkältung im Vorfeld die gute Form verhagelte, im letzten Jahr eine tolle Entwicklung genommen und sich mit hervorragenden Leistungen im Vergleich mit seinen Alterskollegen in der europäischen Spitze etabliert. „Wenn er das, was er sich erarbeitet hat, am Sonntag gut umsetzen kann, ist er vorne mit dabei“, ist der Coach von der realistischen Möglichkeit eines guten Abschneiden überzeugt, zumal die Vorbereitung im Crosslauf sehr gut war. Das betont auch der junge Athlet: „Ich bin in einer super Verfassung. Ich will vorne mitlaufen, dranbleiben und im Finale alles mobilisieren.“ Sander gibt ihm Recht: „Das hohe Tempo zu Beginn wird eine Herausforderung. Da muss er schlau laufen und abwarten, um am Ende seine Fähigkeiten Richtung 10.000m ausspielen.“ Ganz so simpel ist die taktische Vorbereitung natürlich nicht: „Wir werden mehrere taktische Varianten für unterschiedliche Situationen vorbereiten. Sebastian muss dann selbst die Entscheidung treffen und situativ die richtige Taktik umsetzen.“

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Lissabon als Messlatte – Enorm starkes Feld

„Tiefen Boden kann man nicht trainieren“

Crosslauf-Europameisterschaften sind mitunter deshalb so spannend, weil vieles unvorhersehbar ist: wenige Parameter aus Vorbereitungswettkämpfen, ein erster Höhepunkt nach der Saisonpause, variierende Anforderungen, die auf einer Strecke kombiniert sind, Teilnehmende mit unterschiedlichen Stärken von Mittelstreckenläufern über Langstreckenläufern bis sogar hin zu Straßenläufern in den Allgemeinen Klassen. Ein wichtiges Kriterium könnte in Dublin die Beschaffenheit des Bodens sein. Sanders Befürchtung, der viele Regen in Irland könnte den Kurs ordentlich aufgeweicht haben und damit das Laufen weit anstrengender machen, ist folgende: „Man kann Cross-spezifische Elemente gut trainieren, einen tiefen Boden aber nicht. Da haben britische oder irische Läufer, die diese Bedingungen gut kennen, sicherlich einen Vorteil.“ Gerade diese beiden Teams gehen mit einem leistungsstarken Aufgebot in das Rennen.

© ÖLV / Alfred Nevsimal

Junges, leistungsstarkes Team

Dublin bietet die Gelegenheit für den Österreichischen Leichtathletik-Verband (ÖLV), nicht nur mit Frey erste Früchte einer sehr talentierten Generation zu pflücken. Die Hoffnungen auf eine gute Einzelplatzierung durch den Teamleader, der sich in seinem letzten Junioren-Jahrgang befindet, sowie auf ein gutes Abschneiden in der Nationenwertung scheinen berechtigt, auch wenn der ÖLV bemüht ist, aufgrund des altersbedingten Mangels an Erfahrung auf der großen Bühne seines jungen Teams den Ball flach zu halten. Mit Emil Bezecny (Leichtathletik Akademie Eisenstadt) und Kevin Kamenschak (ATSV Linz LA) feiern zwei 17-Jährige ihr Crosslauf-EM-Debüt, das Quartett ergänzt Raphael Siebenhofer (TUS Kainach), für den der Auftritt in Dublin ebenfalls der bisherige Karriere-Höhepunkt ist. Der Steirer feierte am gestrigen Donnerstag seine erlangte Volljährigkeit.

Bezecny und Kamenschak bearbeiteten in den letzten beiden Jahren etliche Jugendrekorde auf Landes- und Bundesebene und stellen große Versprechen für die Zukunft dar. Daher geht es bei den beiden nicht nur darum, ihren Erfahrungsschatz mit internationalen Wettkämpfen und Meisterschaften anzureichern, sondern auch mit guten Leistungen ihr aktuelles Können unter Beweis zu stellen und damit Puzzleteile für ein erfolgreiches Abschneiden des heimischen Junioren-Nationalteams zu liefern. „Ich bin schon sehr aufgeregt und finde es enorm spannend, gemeinsam mit den besten Nachwuchsläufern Europas an einer Startlinie zu stehen“, freut sich Bezecny auf den Wettkampf, bei dem er eine „Topleistung“ von sich erwartet. „Ich habe gut trainiert und mich mit Intervallen auf Rasen und Hügelläufen auf die Crosslauf-EM vorbereitet.“ Auch zwei gemeinsame Trainings mit den Teamkollegen in Dublin standen auf dem Programm.

Neue Trainingspartnerschaft mit Potenzial

Intensiver haben Sebastian Frey und Kevin Kamenschak zuletzt gemeinsam trainiert. Kamenschak hat dafür viel Zeit im Zug verbracht, die gute Bahnverbindung von Linz nach Wien machte die gemeinsamen Trainings möglich – und in Vorbereitung der Hallensaison kann Kamenschak seine Trainingspartner des Öfteren in Linz begrüßen. Die beiden sind die Spitze eines gemeinsamen Projekts der Trainer Karl Sander, Karin Haußecker und Andreas Prem unter dem Titel „Lauf 2024“, das vom ÖLV ideologisch und finanziell unterstützt wird.

Frey hebt die besondere Stimmung und das freundschaftliche Verhältnis der beiden hervor. Der Oberösterreicher hat ein gutes Gefühl mitgenommen, mit dem Wiener in den Trainingseinheiten gut mitgehalten zu haben. „Für mich wird es ein zähes Rennen, weil ich die Distanz von sechs Kilometern im Wettkampf noch nicht oft gelaufen bin. Aber ich nehme mir einiges vor und möchte im vorderen Drittel landen“, sagt er. Um diese Ambitionen zu erfüllen, ist er bereit Risiko zu gehen: „Ich laufe lieber den ersten Kilometer etwas schneller, damit ich mich nicht dann durch das Feld durchkämpfen muss. Da würde ich es sogar in Kauf nehmen, wenn ich hinten raus die ein oder andere Position verlieren würde.“

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Karriere-Höhepunkt für Siebenhofer

Raphael Siebenhofer hat sich sehr gefreut, als er nach seiner starken Leistung bei den Österreichischen Crosslauf-Meisterschaften in Graz (Bronze in der Altersklasse U20 hinter Frey und Bezecny) für die EM nominiert wurde. „Das wird mein bisheriger Karriere-Höhepunkt und ich werde versuchen, mich so gut wie möglich zu verkaufen. Das heißt: nicht zu schnell loslaufen, um am Schluss nicht einzugehen, und dann kämpfen, um mit dem Feld gut mitgehen zu können.“ Dass Österreich ein gutes Ergebnis in der Nationenwertung erzielen kann, glauben die Burschen übereinstimmend, auch wenn alle primär auf ihre individuelle Leistung achten werden. Eine gewisse Aufbruchstimmung ist zu spüren. Durch die gemeinsamen Trainingstage sei ein Teamgedanke schon entwickelt, beobachtet Sander: „Keine Frage, das ist ein starkes Team.“

Eine genauere Prognose wagt er nicht. Etliche Fragezeichen bei anderen Teams, insbesondere, was die dritte Platzierung für die Wertung betrifft, lassen diese auch schwerlich zu. Die besten drei Platzierungen pro Nation fallen in die Wertung und werden addiert.

Der Zeitplan für die Crosslauf-EM 2021 (Angaben in mitteleuropäischer Zeit)
11:00 Uhr – Altersklasse U20, Burschen – Distanz: 6.000m (vier große Runden) – mit Sebastian Frey, Emil Bezecny, Kevin Kamenschak und Raphael Siebenhofer
11:28 Uhr – Altersklasse U20, Mädchen – Distanz: 4.000m (eine kleine und zwei große Runden)
11:50 Uhr – Altersklasse U23, Männer – Distanz: 8.000m (zwei kleine und vier große Runden)
12:23 Uhr – Altersklasse U23, Frauen – Distanz: 6.000m (vier große Runden)
13:21 Uhr – Mixed-Staffel – Distanz: 6.000m (vier große Runden)
14:13 Uhr – Allgemeine Klasse, Männer – Distanz: 10.000m (eine kleine und sechs große Runden)
14:53 Uhr – Allgemeine Klasse, Frauen: 8.000m (zwei kleine und vier große Runden)

Starke Konkurrenz

Die internationale Konkurrenz ist sowohl in der Einzel- als auch Nationenwertung groß. Schließlich kommen in Dublin die besten Nachwuchsläufer diverser Distanzen aus ganz Europa in einem Wettkampf zusammen. Starke Teams stellen die klassischen Crosslauf-Nationen wie Spanien mit Hindernislauf-Talent Pol Oriach als bekanntesten Teilnehmer und Junioren-EM-Medaillengewinner David Cantero (5.000m), Großbritannien, dessen Aufgebot von Osian Perrin, Henry McLuckie und Alex Melloy angeführt wird, oder auch das bärenstarke Team der Gastgeber mit dem Junioren-Europameister Nicholas Griggs (3.000m), frische 17 Jahre jung, und Dean Casey. Cian McPhillips, ebenfalls Junioren-Europameister (1.500m), musste kurzfristig verletzungsbedingt passen. Ebenfalls hervorragend besetzt ist das dänische Team mit den zwei hochtalentierten Nachwuchsläufern Axel Vang Christensen, ein Jahrgangskollege von Kamenschak und Bezecny, und Joel Ibler Lillesö, amtierender Junioren-Europameister über 5.000m. Neben den genannten und Guadia drängt sich auch der Norweger Philipp Massacand als Medaillenkandidat in der Einzelwertung auf.

Redlinger fällt mit Ermüdungsbruch aus

Der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) ist in Dublin mit einem schlagkräftigen, sechsköpfigen Team am Start. Damit wurde man dem eigenen Anspruch gerecht, leistungsorientiert zu nominieren. Die siebte Teilnehmerin wäre laut Nominierung Lisa Redlinger (TS Lustenau) gewesen, die aber ihren Antritt im Juniorinnenrennen absagen musste. Nach ihrem starken Auftritt bei den Staatsmeisterschaften in Graz, als sie die Bronzemedaille gewann, die U20-Wertung dominierte und sich somit für eine Nominierung aufdrängte, wurde ein Ermüdungsbruch im Fuß diagnostiziert. „Es ist ein kleiner Ermüdungsbruch. Ich werde jetzt zwei Wochen Pause machen und mich erst Alternativtraining widmen, bevor ich die nächsten Ziele ansteuere“, so die junge Vorarlbergerin, die bei den kommenden Crosslauf-Staatsmeisterschaften im März 2022 ein Heimspiel haben wird.

Lisa Redlinger bei den Crosslauf-Staatsmeisterschaften 2021 in Graz. © ÖLV / Alfred Nevsimal

Drei der talentiertesten europäischen Nachwuchsläuferinnen am Start sind die 18-jährige Spanierin Carla Dominguez, die 17-jährige Finnin Ilona Mononen, die an den Junioren-Weltmeisterschaften von Nairobi teilgenommen hat, und die 18-jährige Norwegerin Ingeborg Östgaard. Im sechsköpfigen Schweizer Team stehen unter anderem Livia Wespe und Valentina Rosamilia, im deutschen Emma Heckel, die zuletzt in den USA starke Leistungen abgerufen hat, und Anneke Vortmeier.

Offene Rennen in den Altersklasse U23

Zwei starke Schweden und zwei starke Briten sind heiße Kandidaten auf Edelmetall im Rennen der Altersklasse U23: Millan de la Oliva, Schnellster europäischer Halbmarathonläufer der Altersklasse U20 aller Zeiten und amtierender schwedischer Crosslauf-Meister, sowie Omar Nuur, vor zwei Jahren Siebter bei den Junioren, und Tom Mortimer sowie Charles Hicks, 2019 Fünfter bei den Junioren. Dazu kommen der spanische 10.000m-Europameister dieser Altersklasse, Eduardo Menacho und dessen Landsmann Aaron Las Heras sowie die Franzosen Florian Le Pallec und Valentin Gondouin als Medaillenkandidaten.

In der Altersklasse U23 der Mädchen ist die zweimalige Junioren-Europameisterin Nadia Battocletti aus Italien am Start. Neben ihren Dauerrivalinnen der letzten Jahre, Mariana Machado aus Portugal und Klara Lukan aus Slowenien gehören das britische Duo Izzy Fry und Amelia Quirk, die Holländerin Diane van Es sowie die Französinnen Melody Julien, Aude Klavier und Flavie Renouard zum weiteren Kreis der Kandidatinnen für Top-Positionen. Auch die Irinnen haben mit Sarah Healy ein heißes Eisen im Feuer.

Österreich ist in beiden Bewerben nicht vertreten, genauso wenig wie in der Mixed-Staffel, die zwölf teilnehmende Nationen zählt. Gastgeber Irland hat ein starkes Team aus Mittelstreckenläufern zusammengebastelt. Die üblichen Verdächtigen, Spanien, Großbritannien und Frankreich, zählen ebenfalls zum Favoritenkreis. Deutschland stellt kein Team, die Schweiz schon. 800m-Spezialistin Lore Hoffmann ist dabei.

Crosslauf-Europameisterschaften 2021 in Fingal Dublin

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