Die Marathon-Rückkehr des Allrounders und Kipchoge-Erbfolgers

Geoffrey Kamworor hat wahrlich schon viel gewonnen. Sein Triumph beim New York City Marathon 2017 war dennoch einer der herausragenden Siege in der facettenreichen Karriere des 29-Jährigen, 2019 ließ er am Big Apple einen weiteren Sieg folgen. Bei seinem Comeback in Valencia soll der erste Schritt in ein neues Karriere-Kapitel gesetzt werden.

Geoffrey Kamworor bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften 2018 in Valencia. © IAAF / Jean Pierre Durand

Dass Geoffrey Kamworor, Trainingspartner und potenzieller Nachfolger von Eliud Kipchoge als Nummer eins im Trainingscamp von Patrick Sang in Kaptagat, seit zwei Jahren keinen Marathon mehr gelaufen ist, kam unfreiwillig. Im Juni 2020 verletzte sich der Kenianer im Training schwer und konnte gar nichts dafür. Ein Motorrad rammte ihn bei einem Morgenlauf in der Dämmerung von hinten, die Unterschenkel waren gebrochen, weitere Verletzungen an Knie und Kopf ließen anfänglich Sorge über ein Weiterführen der Karriere herumschwirren. Nach einer erfolgreichen Operation im Krankenhaus von Eldoret begann ein langer Weg zurück. „Es hat Zeit in Anspruch geworden, aber ich habe mich gut vom Unfall erholt“, so Kamworor. Diese Rückkehr kam mit Rang zwei beim Istanbul Halbmarathon im April und bei einem überzeugenden Sieg bei den Kenya Trials für die Olympischen Spiele über 10.000m im Juni zustande. Die Olympischen Spiele sah der dreifache Weltmeister im Halbmarathon und zweifache Weltmeister im Crosslauf dennoch nicht, eine Verletzung am Fuß verhinderte dies.

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„Eine Erfahrung reicher“ und Fokus auf den Marathon

Und so ist der Valencia Marathon im zweifachen Sinne sein großes Comeback. „Ich habe große Träume und Ambitionen im Marathon. Ich will so schnell laufen, wie ich kann. Valencia wird meinen Horizont in dieser Disziplin jedenfalls erweitern“, schlägt der Kenianer in einem Feature Loic Malroux auf der Website des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) die großen Töne an. Sorgen, dass er nicht mehr an die Leistungsfähigkeit von früher anknüpfen könne, hegt er keine: „Ich bin nach der Erfahrung des Unfalls definitiv stärker. Es war eine Challenge, aber der Unfall ist ein Teil dessen, wie ich heute als Athlet bin. Der Weg zurück hat mir unheimliche Motivation gegeben.“ Diese Motivation ist Richtung Marathon getrimmt, denn irgendwann wolle er vollständig auf die längste Olympische Distanz umsteigen – vielleicht schon hinblicklich der WM 2022 in Eugene mit all den üblichen Zielen eines vor Selbstvertrauen strotzenden kenianischen Athleten: Weltrekord, sub-2-hours. Teamleader Eliud Kipchoge jedenfalls bezeichnete seinen designierten Nachfolger als „Man to watch“ für die Zukunft.

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Disziplin und Opfer für den Erfolg

An Valencia hat Kamworor beste Erinnerungen: 2018 wurde er mit einem phänomenalen letzten Rennviertel Weltmeister im Halbmarathon. Dass seine Rückkehr in die spanische Hafenstadt ähnlich erfolgreich wird, daran arbeitet der Kenianer im Camp in Kaptagat, in dem er seit elf Jahren den Großteil seiner Zeit verbringt. „Ich bin die ganze Woche getrennt von meiner Frau und meinen Kindern. Nur so kann ich mit voller Seriosität trainieren und die notwendigen Opfer für die großen Ziele bringen. Dafür benötigt es den 100%igen Fokus auf das Laufen“, sagt der Kenianer im WA-Feature. Diese Worte hätten auch aus dem Mund von Eliud Kipchoge kommen können, von dem er viel gelernt hat. Kipchoge bezeichnet er als „role model“ für alle, Coach Patrick Sang als seinen Mentor. Das Opfer dieses Lebensstils ist groß: Kamworor und seine Frau haben fünf Kinder, die Jüngsten sind Drillinge.

Gute Vorbereitung

Die leistungsstarke Konkurrenz in Valencia macht das Ziel, den Marathon zu gewinnen, zu einem schwierigen. Leichter ist es, eine persönliche Bestleistung zu laufen. Denn die liegt bei einer Zeit von 2:06:12 Stunden, die er als 20-Jähriger beim Berlin Marathon gelaufen ist. „Ich habe keinen Zweifel: Ich kann viel schneller laufen.“ Auch bezüglich seiner körperlichen Verfassung hat er keine Zweifel – die Vorbereitung verlief gut. Um beim Valencia Marathon zu gewinnen, wird eine Topleistung von Nöten zu sein. Härtester Rivale für Kamworor und aufgrund seiner Marathonerfolge vielleicht sogar leichter Favorit ist Lawrence Cherono, der die Startnummer eins bekommt. Kamworor die zwei.

2020 knapp am Sieg vorbei

Als Sieger des Amsterdam Marathon 2017 und 2018, Boston Marathon 2019 und Chicago Marathon 2019 war der heute 33-Jährige vor Pandemiebeginn der erfolgreichste Kenianer im Marathon hinter Kipchoge. Der vierte Platz bei den Olympischen Spielen von Tokio 2020, als sich der zuvor als endschnelle Läufer bekannte Kenianer im Endspurt Abdi Nageeye und Bashir Abdi geschlagen geben musste, passte nicht in dieses Bild und ist als Niederlage zu werten. Auch vor einem Jahr in Valencia triumphierte Cherono nicht, obwohl er in 2:03:04 Stunden einen „Hausrekord“ erzielte. Evans Chebet war um vier Sekunden schneller.

In der durch die Absage des Boston Marathon 2020 entstandenen Trainingspause sorgte Cherono für positive Schlagzeilen in kenianischen Medien, da er mitten in der schwierigen Zeit für viele kenianische Kinder ein Kinderheim mit Essenspenden unterstützte. Die weiteren starken Kenianer im Feld sind Nobert Kigen und Philemon Kacheran.

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Überraschungssieger von 2019

Mit Herpasa Negassa, Kinde Atanaw, Abebe Negewo und Chalu Deso stehen neben Cherono und Gabriel Geay, als Sechster des Mailand Marathon 2021 neuer Landesrekordhalter für Tansania in 2:04:55 Stunden, vier Äthiopier mit Bestleistungen unter 2:05 Stunden auf der Startliste. Negasa hat seit dem Dubai Marathon 2019, als er als Zweiter eine persönliche Bestleistung von 2:03:40 Stunden gelaufen ist, keinen Marathon mehr bestritten. Für Schlagzeilen sorgte der 28-Jährige damals, weil er einen Nike Vaporfly gelaufen ist und das Logo überklebt hat, um seinen Ausrüster nicht zu verärgern – was dieser allerdings herausgefunden hat. Der 28-jährige Atanaw hat ein herausragendes Resultat in seiner Karriere erreicht: 2019 gewann er völlig überraschend in einer Zeit von 2:03:51 Stunden den Valencia Marathon. Negewo war in Valencia bereits Vierter und Achter, Chalu Deso im Vorjahr Sechster. Mit Spannung erwartet wird das Marathon-Debüt des starken Halbmarathonläufers Andamlak Belihu.

Mit Marathon-WM-Medaillengewinner Amos Kipruto, den starken Äthiopiern Getaneh Molla und Mule Wasihun hat ein hochkarätiges Trio abgesagt, welches aus dem Valencia Marathon 2021 ein noch stärker besetztes Rennen gemacht hätte. Aus dem internationalen Teilnehmerfeld visiert Ben Preisner, 46. im Olympischen Marathon von Sapporo, den kanadischen Marathonrekord von Cam Levins (2:09:25) an. Im Starterfeld des Valencia Marathon befindet sich eine Reihe prominenter europäischer Teilnehmer, denen RunAustria einen eigenen Vorbericht schenken wird.

Marathon Valencia Trinidad Alfonso