EM-Marathon wohl mit viel Schweiß

Der Leichtathletik-Zeitplan der Multisport-Europameisterschaften 2022 in München ist veröffentlicht. Was sehr verwundert: Die Marathon-Entscheidungen gehen am ersten Tag der Leichtathletik-Bewerbe zur Mittagszeit über die Bühne – mitten im Sommer.

Symbolfoto. © Salzburg Marathon / Uwe Brandl

Der 15. August, das ist der Sehnsuchtstermin für die heimische Marathonelite. Dann finden die Marathonläufe bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in München statt. Die Erinnerungen an die beiden Top-Ten-Plätze von Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) und Peter Herzog (Union Salzburg LA) kombiniert mit der EM-Bronzemedaille in der Nationenwertung (inklusive der Leistung von Christian Steinhammer (ULC Riverside Mödling)) in Berlin 2018 sind erwärmende für den österreichischen Laufsport.

Startschüsse um zehn und halb zwölf

Warm anziehen müssen sich die Athletinnen und Athleten dabei vielleicht aufgrund der sportlichen Herausforderung, nicht aufgrund der erwartbaren Bedingungen. Denn die Entscheidungen auf der längsten Laufdistanz im EM-Programm wurden unsensibel in die Mittagsstunden gelegt. Start um 10 Uhr für die Frauen, um 11:30 Uhr für die Männer. Angesichts etlicher Beispiele von Hitzeschlachten bei internationalen Meisterschaftsmarathons, oft einfach bedingt durch die klimatischen Bedingungen am Ausrichtungsort, hätte eine klassische Startzeit in den Morgenstunden in München 2022 die Wahrscheinlichkeit guter Marathonbedingungen enorm erhöht. Die WM-Marathons 2021 in Eugene starten jeweils um 6:15 Uhr Ortszeit – nicht einmal drei Wochen zuvor. Die Stadt in Oregon liegt auf einem etwas südlicheren Breitengrad als München und es ist im Sommer im Schnitt etwas wärmer.

ÖLV suchte das Gespräch erfolgslos

Die Entscheidung der Startzeiten sei „unumstößlich“, erzählt Hannes Gruber, Sportdirektor beim Österreichischen Leichtathletik-Verband. Beim ÖLV ist man alles andere als glücklich über die Terminierung der Marathonläufe und bezeichnete sie aus Sicht der Läuferinnen und Läufer als Katastrophe. Der Verband suchte das Gespräch mit höherer Ebene, blitzte aber mit dem Anliegen bei den Verantwortlichen ab. Besonders nach den Erfahrungen der Weltmeisterschaften von Doha 2019 (Start um Mitternacht) sowie den Olympischen Spielen 2020 (Verlegung nach Sapporo), erstaunen die Münchner Planungen und bringen manch hochkarätigen Repräsentant der internationalen Leichtathletik zum Kopfschütteln.

Eine Frage des Geschäfts

Es ist augenscheinlich, dass sich die Entscheidungsträger in München nicht um die Bedürfnisse der Marathonläuferinnen und -läufer sowie deren Vertreter in den Verbänden geschert haben. Die Wahl dürfte vorwiegend in Absprache mit TV-Partnern, die viel Geld für die Übertragungsrechte zahlen, und in der Herausforderung, neun Sportarten in ein kompaktes Programm zu stopfen, ohne Überlappungen wichtiger Medaillenentscheidungen begründet sein – 176 sind es ingesamt an zwölf Wettkampftagen. Dass Kompromisse für einen kontinentalen, transdisziplinären Sporthöhepunkt, der 2018 (Glasgow & Berlin) zurecht positiv bewertet wurde, in der Terminplanung notwendig sind, liegt auf der Hand. Ob die Platzierung der Marathonläufe Marathonlaufs in den hitzeanfälligen Mittagsstunden dabei eine sinnvolle Variante ist, kann aber aus Sicht der Aktiven verneint werden.

Der Feiertagstermin dürfte für die Veranstalter attraktiv sein, das Stadtleben abseits der klassischen Sportstätten mit hochkarätigen sportlichen Entscheidungen zu beleben. Der Marathon ist eine der wenigen Sportwettkämpfe insgesamt, der zu den Leuten kommt – und nicht die Leute ins Stadion bittet. Gelaufen wird auf einem attraktiven Kurs in der Münchner Innenstadt, Start und Ziel befinden sich auf dem Odeonsplatz vor dem Hofgarten und führt zu etlichen Sehenswürdigkeiten der bayerischen Landeshauptstadt.

Peter Herzog findet Entscheidung „verantwortungslos“

Dass es aus der Athletenszene wenig Zustimmung für die Startzeit gibt, ist logisch. „Mitte August einen Marathon zur Mittagszeit anzusetzen, ist verantwortungslos. Eigentlich ein absoluter Wahnsinn!“, findet der Pinzgauer, dessen nächstes großes Ziel der EM-Marathon in München ist. Dabei denkt er in erster Linie an die Gesundheit der Teilnehmer, in zweiter auch an die Leistungsfähigkeit bei extremen Bedingungen. Daher hat er zwei Wünsche: erstens, dass er sich für die EM qualifiziert und zweitens, dass es am Tag X nicht zu heiß ist. Das wünschen sich wohl die meisten derer, die an diesem Tag die Laufschuhe schnüren, denn bei Hitze würde nicht nur die kollektive sportliche Leistungsfähigkeit leiden, sondern auch die Attraktivität des Rennens.

Leichte Hoffnung auf einen EM-Marathon unter akzeptablen sommerlichen Bedingungen macht ein Blick auf die historischen Wetterdaten für München. Seit 2000 lag die Tageshöchsttemperatur am 15. August laut chroniknet.de zweimal über 30°C. und siebenmal über 25°C., sechsmal regnete es.

Leichtathletik-Europameisterschaften 2022 in München