Swiss Athletics wird 50

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Am Samstag wird gefeiert und der Anlass ist ein rundes Jubiläum. Rund 1.000 Gäste sind zur Swiss Athletics Night in Interlaken geladen. Es kommen die bekanntesten Schweizer Leichtathletinnen und Leichtathleten der Gegenwert und natürlich jene aus vergangenen Zeiten. Sie feiern die vielen Erfolge aus 50 Jahren Swiss Athletics und schwelgen in Erinnerungen an die Sternstunden der helvetischen Leichtathletik-Geschichte. Auch der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics), Sebastian Coe hat sich angekündigt.

Fusionierung im Jahr 1971

Swiss Athletics heißt erst seit 15 Jahren Swiss Athletics, davor lautete die Bezeichnung Schweizer Leichtathletik-Verband, Federation Suisse d’Athlétisme und Federazione Svizzera d’Atletica Leggera mit den jeweiligen Abkürzungen SLV und FSA – je nachdem, in welchem Landesteil man wohnte. Gegründet wurde der SLV am 4. November 1971 in einer Fusion der beiden zuvor zerstrittenen Verbände Schweizerischer Amateur-Leichtathletik-Verband und Eidgenössischer Leichtathletik-Verband. Das erklärt, warum Swiss Athletics im europäischen Vergleich für einen nationalen Leichtathletik-Verband ein verhältnismäßig junges Küken ist. Der ÖLV beispielsweise ist 71 Jahre älter.

Ein halbes Jahrhundert später ist das Selbstvertrauen bei Swiss Athletics, dessen Sitz in Ittingen, einer Gemeinde im Dunstkreis der Schweizer Hauptstadt Bern ist, groß. Die Mitgliedszahlen erreichten vor Pandemiestart Rekordzahlen (über 12.000), die Schweizer Leichtathletinnen und Leichtathleten sind erfolgreicher denn je. Und zwar in mehreren Disziplinen gleichzeitig, nicht wie zu früheren Zeiten, als immer wieder einzelne Schweizer Leichtathleten Edelmetall sammelten – man denke an Kugelstoßer Werner Günthör oder 800m-Weltmeister André Bucher. (Wohl) Kein anderes Land weltweit ist Gastgeber von so vielen hochkarätigen Leichtathletik-Meetings im internationalen Kalender im Verhältnis zu seiner geographischen Größe und Einwohnerzahl.

Schweizer Lauferfolge in 50 Jahren

Künstler im Endspurt
Die ersten großen internationalen Lauferfolge in der Ära Swiss Athletics gelangen Markus Ryffel, der 1978 in Mailand mit Schweizer Landesrekord Europameister im 3.000m-Lauf war. Der endschnelle Läufer gewann wenige Monat später die Silbermedaille bei den Europameisterschaften in Prag und wurde als Schweizer Sportler des Jahres ausgezeichnet. 1979 wiederholte er den Hallen-EM-Titel im Ferry-Dusika Stadion von Wien. Den größten Erfolg feierte Ryffel, heute u.a. Veranstalter des Schweizer Frauenlaufs und des Greifenseelaufs, bei seiner dritten Olympia-Teilnahme 1984 in Los Angeles. Vier Jahre nach Rang fünf in Moskau jubelte er über Silber hinter dem überlegenen Sieger Said Aouita aus Marokko. Sein damals aufgestellter Schweizer Rekord ist heute noch gültig.
Fünf Medaillen bei der Hallen-EM 1984
Die Hallen-EM 1984 mit fünf Medaillen war das bis dato erfolgreichste Großevent für Swiss Athletics. Peter Wirz gewann im 1.500m-Lauf Gold, Sandra Gasser über dieselbe Distanz Bronze und Markus Ryffel sorgte mit Silber über 3.000m für die dritte Schweizer Lauf-Medaille. Silber gewann damals auch Werner Günthör, der erfolgreichste Schweizer Leichtathlet der Geschichte. Dreimal wurde der ehemalige Weltrekordhalter Weltmeister, einmal Hallen-Weltmeister und 1986 Europameister. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gewann der Kugelstoßer, über den rückwirkend ein Dopingverdacht gehüllt wurde, die Bronzemedaille. Verurteilt wurde Günthör nie, er argumentierte, nur damals nicht verbotene Therapien durchgeführt zu haben.
Die Sternstunde von Zürich
Wenn Sebastian Coe morgen in Interlaken weilt, wird er sich vielleicht an eine Schweizer Sternstunde gut erinnern können. Pierre Délèze, je zweifacher WM- und EM-Finalist, besiegte bei Weltklasse Zürich 1985 überraschend den zweifachen Olympiasieger und heutigen WA-Präsidenten. Es war das beste Rennen in der Karriere jenes Mannes, der heute noch die Schweizer Rekorde über 1.500m und die Meile hält. Jenen im 1.500m-Lauf markierte er damals im Letzigrund: 3:31,75 Minuten.
Dopingschatten über Sandra Gasser
Die Schweizer Leichtathletik-Geschichte ist nicht frei von dunklen Dopingschatten. Sandra Gasser wurde nach ihrem dritten Platz bei den Weltmeisterschaften 1987 in Rom positiv auf Testosteron getestet und gesperrt. Weil laut Chroniken von Swiss Athletics die A- und B-Probe bei der Analyse im Römer Labor nicht identisch waren, gilt die Sperre als umstritten. Nach dem zweijährigen Wettkampfverbot gewann sie Medaillen bei Hallen-Welt- und -Europameisterschaften und trainierte später die VCM-Siegerin Maja Neuenschwander. Ihr Schweizer Rekord von 1:58,90 Minuten über 800m wurde erst 28 Jahre später von Selina Büchel gebrochen. Bei der WM 1987 in Rom rückte Cornelia Bürki nach Gassers Disqualifikation auf Rang vier vor – eine „Blecherne“ hatte sie vier Tage zuvor bereits über 3.000m eingefahren.
Das Supertalent
Zehn Jahre nach Gassers vermeintlicher Bronzemedaille und drei Jahre nach der EM-Medaille im 10.000m-Lauf (Bronze) für Daria Nauer in immer noch gültiger Landesrekordzeit jubelte wieder eine Schweizer Läuferin bei Weltmeisterschaften. In Athen stürmte die erst 19 Jahre alte Anita Weyermann als amtierende Junioren-Weltmeisterin zu WM-Bronze im 1.500m-Lauf. Ein Jahr später gewann sie beim Triumph der zweifachen Olympiasiegerin Svetlana Masterkova in Budapest EM-Bronze, in Velenje krönte sich Weyermann im Dezember 1999 als bisher einzige Schweizerin zur Crosslauf-Europameisterin. Diverse Verletzungen und Operationen beendeten allerdings den Erfolgslauf der Hochtalentierten, die nie wieder an frühere Erfolge anknüpfen konnte. 2013 sorgte sie als Mutter von Drillingen für Schlagzeilen.
Die Sternstunde von New York
Bis dato hatte die Schweiz im Marathon keine Erfolgsgeschichten geschrieben. Das änderte sich am 2. November 1997 als Franziska Rochat-Moser überraschend den New York City Marathon in einer Zeit von 2:28:43 Stunden gewann. Als erste und bisher einzige Schweizerin versteht sich. 1999 wurde Rochat-Moser Zweite beim Boston Marathon. Erst 18 Jahre später gelang Maja Neuenschwander beim Vienna City Marathon der nächste große Marathonsieg einer Schweizer Läuferin. Neuenschwander verbesserte auch den offiziellen Schweizer Rekord von Rochat-Moser – die Zeit aus Boston (2:25:51) blieb inoffiziell. Die beliebte „Grande Dame“ des Marathons hatte ihre Karriere im Alter von 35 Jahren beendet, wenige Monate später verunglückte sie unter einer Lawine in der Westschweiz und verstarb tags darauf.
Die Traumsaison von André Bucher
Der bisher letzte Schweizer Leichtathletik-Weltmeister heißt André Bucher. In einer Ära, in der längst die Stars aus Ostafrika die Laufdistanzen bestimmten, erlebte der Olympia-Fünfte von 2000 im Folgejahr eine traumhafte Saison und gewann bei zwölf Rennen über 800m elf. Darunter das Heimrennen bei „Weltklasse Zürich“ in einer Zeit von 1:42,55 Minuten, nach wie vor Schweizer Rekord und eine der schnellsten europäischen Zeiten überhaupt. Wenige Wochen davor triumphierte Bucher auch bei den Weltmeisterschaften in Edmonton. Zweimal wurde Bucher Schweizer Sportler des Jahres.
Marathon-Erfolge durch Röthlin und Abraham
Bei den Weltmeisterschaften 2007 in Osaka gewann Viktor Röthlin als erster Schweizer einen WM-Medaille im Marathon. Ein Jahr nach der überraschenden Bronzemedaille in der zweitgrößten japanischen Metropole gewann er den Marathon in der größten. Auch auf kontinentaler Ebene war Röthlin sehr erfolgreich: Nach Silber 2006 wurde er 2010 in Europameister, nur beim Heimspiel in Zürich 2014 reichte es nicht mehr für das Stockerl. Vor geschätzt 250.000 Fans entlang der Strecke belegte er im letzten Marathon seiner Karriere Position fünf. 2008 lief Röthlin bei den Olympischen Spielen von Peking als bester Nicht-Afrikaner auf dem sechsten Platz ins Ziel.

Röthlins Marathon-Erfolge führte Tadesse Abraham fort, der sowohl bei Olympischen Spielen als auch Weltmeisterschaften in die Top-Ten lief und 2018 EM-Silber im Marathon gewann. Den größten Erfolg feierte der gebürtige Eritreer allerdings 2016 im Halbmarathon, als er in Amsterdam Gold gewann und auch das Schweizer Team zur Goldmedaille führte.

Erfolge in der Breite des Laufsports
In den letzten Jahren glänzten die Schweizer Läufer auch in anderen Disziplinen. Martina Strähl gewann 2015 die Weltmeisterschaften im Berglauf. Ihre zwei Europameistertitel stehen den mittlerweile drei von Maude Mathys gegenüber. Unter dem Hallendach glänzte Selina Büchel mit zwei Hallen-EM-Titeln im 800m-Lauf in den Jahren 2015 und 2017. Ein Doppelschlag, der in der Schweizer Leichtathletikgeschichte einzig Markus Ryffel gelungen ist. In der Stadionleichtathletik verbuchte Fabienne Schlumpf bei der EM in Berlin die Silbermedaille, wenige Monate später gewann sie Silber bei der Crosslauf-EM. Mittlerweile ist sie in den Marathon gewechselt und wurde Olympia-Zwölfte in Sapporo und ist Schweizer Marathonrekordhalterin.

Für die Zukunft im Marathon der Männer hat die Schweizer Leichtathletik mit Julien Wanders bereits ein Toptalent im Talon. Der junge Genfer, der hauptsächlich im kenianischen Iten lebt, ist Europarekordhalter im 10km-Lauf und im Halbmarathon. Bei jenem im Halbmarathon in Ras Al Khaimah verbesserte er die Leistung von Mo Farah auf eine Zeit von 59:13 Minuten.

Die nachhaltig erfolgreiche EM im „Letzi“

Ein Meilenstein in der Geschichte der Schweizer Leichtathletik war freilich ein Veranstaltungserfolg. Im Zuge der Leichtathletik-Europameisterschaften 2014 in Zürich, die sportlich für den Gastgeber gar nicht so erfolgreich verlief, wurden tolle und nachhaltige Initiativen umgesetzt und eingeführt. Der 2011 erstmals durchgeführte UBS Kids Cup als größte von gleich drei Nachwuchsprojekten der Schweizer Leichtathletik erreichte zuletzt bis zu 180.000 Schweizer Kinder jährlich und versuchte, sie von der Leichtathletik zu begeistern. Die Laufszene fand bei Swiss Running, einem Flügel von Swiss Athletics, den richtigen Platz, der digitale Laufguide erfreut sich großer Beliebtheit.

„History Maker“

Bei der Jubiläumsfeier in Interlaken stehen zwar die Größen der Schweizer Leichtathletik aus den letzten fünf Jahrzehnten im Vordergrund. Der Verband hat aber die essentielle Basisarbeit in den Vereinen und die dahinter stehenden Leichtathletik-Helden nicht vergessen. Jeder Verein durfte einen oder eine „History Maker“ nominieren, der/die durch besonderes Engagement im Vereinsleben und der Leichtathletik bestach und damit die Geschichte des eigenen Vereins mitgeprägt hat. Eine Auswahl wird am Samstag von Swiss Athletics geehrt.

Portugals Verband wird 100

Ein weiterer europäischer Nationalverband feiert im November 2021 ein rundes Jubiläum. Einen Tag nach dem Schweizer Leichtathletik-Verband, nämlich am 5. November jährte sich die Gründung des portugiesischen Verbandes Federacao Portuguesa de Athletismo (FPA) zum 100. Mal. In der langen Geschichte der portugiesischen Leichtathletik konnten vier Olympiasiege gefeiert werden, gleich drei im Laufsektor. Carlos Lopes, acht Jahre zuvor über 10.000m der erste portugiesische Leichtathlet mit einer Olympia-Medaille, triumphierte 1984 beim Olympischen Marathon in Los Angeles, die zweifache Marathon-Europa- und -Weltmeisterin Rosa Mota zog 1988 in Seoul ebenfalls im Marathon nach und Fernanda Ribeiro, auch Europa- und Weltmeisterin, wurde 1996 in Atlanta Olympiasiegerin im 10.000m-Lauf. Mit vier Olympischen Medaillen waren die Spiele in Tokio die bisher erfolgreichsten für das iberische Land.

Auch eine der tragischsten Episoden in der Geschichte der portugiesischen Leichtathletik hat mit Marathon zu tun. Francisco Lazaro verstarb beim Olympischen Marathon in Stockholm 1912 bei unüblich hohen Temperaturen für die schwedische Hauptstadt. Bei der Autopsie wurde Dehydrierung als Todesursache festgestellt.

Quelle: Swiss Athletics