Eine entschlossene Attacke für den Triumph

Olympiasiegerin Peres Jepchirchir wurde beim New York City Marathon 2021 ihrer Favoritenrolle gerecht. Ihr Sieg bedeutet ein Novum in der Geschichte des Marathonsports. Die Entscheidung fiel auf dem letzten Kilometer, als die zweifache Halbmarathon-Weltmeisterin von ihren Begleiterinnen davon zog.

Peres Jepchirchir bei ihrem Olympiasieg. © SIP / Johannes Langer

Olympiasiegerin im Marathon zu sein war noch nie ein gutes Omen für die darauffolgende Herbstsaison. Ein vierter Platz von Constantina Dita zwei Monate nach ihrem Olympiasieg in Peking 2008 beim Chicago Marathon war bis gestern der historische Bestwert. Fast noch interessanter: Generell hat bisher noch nie eine Olympiasiegerin oder ein Olympiasieger den New York City Marathon gewonnen, unabhängig des zeitlichen Abstandes zur Goldmedaille.

Peres Jepchirchir machte es besser. Auch im vierten Marathon ihrer Karriere durchbrach sie das Zielband als Siegerin. 13 Wochen nach ihrem Triumph bei den Olympischen Spielen in der Hitze von Sapporo über Weltrekordhalterin Brigid Kosgei kontrollierte sie den letzten World Marathon Major des Jahres, wenngleich sie augenscheinlich bis an ihre Leistungsgrenze gehen musste. Doch die 28-Jährige erwischte in den letzten Kurven des Rennens im Central Park exakt den richtigen Augenblick, um aus einer Dreiergruppe mit der Sensationsdebütantin Viola Cheptoo und der ehemaligen Halbmarathon-Weltrekordhalterin Ababel Yeshaneh entscheidend zu attackieren. Am Ende schrammte die kenianische Siegerin dank einer schnellen zweiten Rennhälfte in knapp unter 1:10 Stunden nur um acht Sekunden am seit 2003 bestehenden Streckenrekord ihrer Landsfrau Margaret Okayo vorbei – es war die drittschnellste Siegerzeit der Geschichte des Events, das seine 50. Auflage feierte. „Es ist eine große Ehre, den New York City Marathon zu gewinnen. Es war eine große Chance für mich und ich konnte trotz der kurzen Vorbereitung alles für mein Ziel geben“, kommentierte Jepchirchir nach dem Rennen, das ein Preisgeld von 100.000 US-Dollar (das entspricht rund 86.000 Euro) für Siegerin und Sieger vorsieht, ansonsten heuer auf diverse Prämien verzichtete – für einen Streckenrekord hätte es weitere 50.000 US-Dollar gegeben.

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In den Fußstapfen von Mary Keitany

Der Triumph von Peres Jepchirchir passt aus diversen Gründen harmonisch in ein Gesamtbild. Mit ihrer Bestleistung vom Valencia Marathon 2020 (2:17:16) gehört sie zu den historisch Schnellsten auf der Traditionsdistanz. Im Halbmarathon hält sie zwar nicht den Weltrekord, dominiert jedoch die Szene, was sich in ihren beiden WM-Titeln 2016 und 2020 genauso niederschlägt wie in einer Serie von acht Halbmarathon-Siegen bei den letzten elf Starts. Im Marathon ist Jepchirchir noch gänzlich ungeschlagen und spätestens seit dem gestrigen Erfolg die gegenwärtige Nummer eins in der Szene, wahrscheinlich knapp gefolgt von London-Siegerin Joyciline Jepkosgei. Man darf gespannt sein, wie die Abbott World Marathon Majors dies sehen, denn sie sind gefragt: Jepchirchir, Jepkosgei und Brigid Kosgei haben in der Gesamtwertung das Punktemaximum von 50 Zählern, eine Entscheidung über die Siegerin, die in den Genuss von 500.000 US-Dollar (ca. 432.000 Euro) kommt, muss in Kürze getroffen werden.

Peres Jepchirchirs Halbmarathon-Splits: 1:12:43 / 1:09:56 Stunden
Peres Jepchirchirs 5km-Teilzeiten: 18:00 / 17:02 / 17:02 / 16:55 / 17:12 / 16:32 / 16:19 / 16:39 / 6:58 (2,195 km) Minuten

Es passt auch ins Bild, dass Jepchirchir ihren historischen ersten Triumph bei einem der jährlich wiederkehrenden World Marathon Majors (Olympische Spiele ausgenommen) ausgerechnet in New York feierte. Die 27-Jährige ist jahrelang mit Mary Keitany gelaufen, hat den Großteil ihres läuferischen Könnens von ihr gelernt, Keitany hat ihre jüngere Trainingspartnerin laut kenianischen Medienberichten in der Rolle des Mentors unterstützt. Also jene Mary Keitany, die erst kürzlich ihre spitzensportliche Karriere beendet hat und die insgesamt viermal den New York City Marathon gewonnen hat – nur die unvergessliche Grete Waitz hat mehr Siege in der US-Metropole.

Lagats Freude mit seiner Schwester

Bernard Lagat, nicht mehr als Spitzensportler aktive US-amerikanische Lauflegende, verließ vor Freude und Stolz seinen Platz als TV-Experte im Zielraum des Central Parks, nachdem seine jüngere Schwester Violah Cheptoo ein überragendes Marathon-Debüt finiste. Gerade einmal fünf Sekunden hinter Jepchirchir huschte sie ins Ziel, es fehlte wenig für ein noch sensationelleres Abschneiden. Dabei ist die 32-Jährige nicht als Weltklasseläuferin bekannt: Ihre persönlichen Bestleistungen auf den Mittel- und Langstrecken bewegen sich seit Jahren nicht in jenem Bereich, in denen große internationale Erfolge möglich sind. Das beste war wohl der 10.000m-Lauf in Stockholm Anfang Mai in einer Zeit von 31:11,09 Minuten. Das international beste Abschneiden bisher: ein achter Platz bei den Hallen-Weltmeisterschaften von 2016 im 1.500m-Lauf. Anschließend schaffte sie es ins kenianische Aufgebot für die Olympischen Spiele, wo sie im Halbfinale ausschied.

Doch auf der Straße lief es besser: eine Zeit von 30:55 Minuten in ihrem zweiten 10km-Lauf Ende 2019 in Phoenix, ein starkes Halbmarathon-Debüt in 1:06:47 Stunden in Neapel im Februar 2020. Dann kam die Pandemie-Pause, das Rennen von Stockholm, ein zweiter Platz beim New York Mini 10K (31:39) und ein Halbmarathon in Herzogenaurach (1:09:13) – beide Straßenlauf-Resultate kündigten die Qualität dieses Debüt in 2:22:44 Stunden auf der selektiven Strecke von New York nicht an. Violah Cheptoo trainiert in einer Trainingsgruppe unter dem Franzosen Julien Di Maria in Iten. Auch die Dritte des Trios an der Spitze des Rennens, Ababel Yeshaneh lief zwar nicht persönliche Bestleistung, aber wohl ihren bis dato besten Marathon als Dritte in 2:22:52 Stunden.

Ein typischer New York City Marathon

Der New York City Marathon verlief wie schon so viele Marathonläufe in New York zuvor. Es entwickelte sich eine zwölfköpfige Spitzengruppe, die den Halbmarathon in einer Zeit von 1:12:43 Stunden erreichte – also in einer nicht langsamen Zwischenzeit, aber angesichts der guten Verhältnisse mit rund 5°C beim um 25 Minuten vorgezogenen Frauenstart und praktischer Windstille auch nicht überragend schnellen. Das zeigt auch die Tatsache, dass die US-amerikanische Marathon-Debütantin Annie Frisbie, 24 Jahre jung und am Ende starke Siebte (2:26:18 – laut Laufsportkenner David Monti (Twitter) das viertschnellste Marathon-Debüt einer Amerikanerin überhaupt), das Feld anführte. Noch bei Kilometer 25 lagen neun Läuferinnen gleich auf, als Jepchirchir etwa bei der Marke von Kilometer 30 ein erstes Mal attackierte. Die Äthiopierin Ruti Aga, ihre Landsfrau Yeshaneh, die sich ständig im Windschatten der anderen versteckte, und US-Hoffnung Molly Seidel konnten ihr folgen.

Die überraschende Olympia-Bronzemedaillengewinnerin konnte wenig später das Tempo nicht halten und wurde von Cheptoo überholt, die den Anschluss nach vorne wiederfand, während dort Aga den Schritt von Jepchirchir und Yeshaneh wenig später nicht mehr halten konnte und das Handtuch warf. Vorne bestimmte die Olympiasiegerin das Geschehen und siegte verdient, weiter hinten lief der Kampf gegen die Zeit. Molly Seidel wurde umjubelte Vierte in einer Zeit von 2:24:42 Stunden – als beste Amerikanerin eines insgesamt sehr guten Marathontages für die US-Läuferinnen. Nie zuvor ist eine US-Amerikanerin in New York schneller gelaufen, schneller als Kara Goucher 2008 und sogar um über zwei Minuten schneller als Shalane Flanagan bei ihrem Sieg 2017. „Es war ein tolles Erlebnis, mit diesen Topläuferinnen mitzuhalten und ein so gutes Rennen ins Ziel zu bringen“, war die Lokalmatadorin mit ihrem Abschneiden glücklich. Was ihre Leistung besonders macht, berichtete „Let’sRun.com“: Vor einem Monat hat sie sich zwei Rippen gebrochen, was sie zwar im Rennen nicht mehr störte, aber in der Vorbereitung schon.

Flanagan mit persönlicher Herbst-Bestzeit

Apropos Shalane Flanagan: Die 40-Jährige beendete ihr Projekt, in diesem Herbst alle World Marathon Majors zu absolvieren (den abgesagten von Tokio lief sie virtuell). Der New York City Marathon war in einer Zeit von 2:33:32 Stunden, weniger als sieben Minuten langsamer als bei ihrem Sieg 2017, der schnellste. Nur zweimal blieb sie über 2:40: auf der schwierigen Strecke des Boston Marathon und tags zuvor beim Chicago Marathon, bei dem sie aufgrund der tags darauf folgenden Herausforderung wohl nicht alles in die Waagschale geworfen hat.

Diesbezüglich fast ein „Fun-Fact“: Trotz dieser Serie an tollen Leistungen hat Shalane Flanagan die Masters-Wertung der World Marathon Majors in der Altersklasse W40-44 nicht gewonnen, sondern liegt auf dem zweiten Platz hinter Hanna Lindholm. Zwei Resultate (Points Scores) fielen in die Wertung, die Schwedin holte beim Mailand Marathon und Stockholm Marathon jeweils das Maximum von 4.000 Punkten, Flanagan lediglich in Chicago. Allerdings ist nicht ersichtlich, auf welchen Stand die aktuell auf der Website der Abbott World Marathon Majors dargestellte Rangliste ist, denn es riecht danach, dass auch die US-Amerikanerin sich noch einen zweiten 4.000er verdient hat. Flanagan hat sich in New York entschieden, nicht im Elitefeld der Frauen zu starten, sondern gut eine halbe Stunde später gemeinsam mit den Freizeitläuferinnen und Freizeitläufern. Daher taucht sie im offiziellen Endresultat des Eliterennens nicht auf. Die fast 42-Jährige Lindholm in ihrem sechsten Marathon im laufenden Kalenderjahr dagegen schon. Sie wurde 14. und war gut zwei Minuten „langsamer“ als Flanagan. Beim Berlin Marathon war die Schwedin fünf Minuten schneller als die US-Amerikanerin. Dazwischen absolvierte Flanagan vier, Lindholm, die im Frühling Dritte beim S7 Marathon war, einen Marathon (Stockholm).

Ergebnis New York City Marathon der Frauen 2021

  1. Peres Jepchirchir (KEN) 2:22:39 Stunden
  2. Violah Cheptoo (KEN) 2:22:44 Stunden *
  3. Ababel Yeshaneh (ETH) 2:22:52 Stunden
  4. Molly Seidel (USA) 2:24:42 Stunden **
  5. Helalia Johannes (NAM) 2:26:09 Stunden
  6. Kellyn Taylor (USA) 2:26:10 Stunden
  7. Annie Frisbie (USA) 2:26:18 Stunden *
  8. Laura Thweatt (USA) 2:27:00 Stunden
  9. Grace Kahura (KEN) 2:30:32 Stunden **
  10. Stephanie Bruce (USA) 2:31:05 Stunden
  11. Lanni Marchant (KEN) 2:32:54 Stunden
  12. Haruka Yamaguchi (JPN) 2:34:04 Stunden
  13. Andrea Ramirez Limon (MEX) 2:34:51 Stunden
  14. Hanna Lindholm (SWE) 2:35:54 Stunden
  15. Obsie Birru (USA) 2:38:54 Stunden
  16. Rachel Hannah (CAN) 2:39:15 Stunden
  17. Beverly Ramos (PUR) 2:39:22 Stunden
  18. Joanna Thompson (USA) 2:39:47 Stunden **
  19. Makenna Myler (USA) 2:40:45 Stunden **
  20. Ana Johnson (USA) 2:40:45 Stunden

* Marathon-Debüt
** neue persönliche Bestleistung

TCS New York City Marathon

Abbott World Marathon Majors