Der größte Sieg des Albert Korir

Es war der fünfte Marathonsieg in der Karriere des Albert Korir, der elfte Stockerlplatz. Keiner ist so wertvoll wie jener am gestrigen Tag beim New York City Marathon, keiner war in seiner Art so beeindruckend. Albert Korir ist das jüngste Beispiel für große Erfolge von Athleten, die mit einem Sieg beim Vienna City Marathon einen ersten wichtigen Schritt in die Marathon-Weltklasse gesetzt haben.

Albert Korir in jenem Augenblick, als er 2017 in Wien seinen bis damals bedeutendsten Sieg gefeiert hat. © VCM / Victah Sailer / photorun.net

Es war der 23. April 2017, als ein junger, international recht unbekannter Marathonläufer auf einem Stuhl in einer Räumlichkeit des Burgtheaters in Wien Platz nahm, der als Pressezentrum des Vienna City Marathon fungierte, und von einem „Traum“ sprach. Einige Zeit zuvor hatte er mit einer Beschleunigung an der 42-Kilometer-Marke seinen Landsmann Ishmael Bushendich abgehängt und unter dem damaligen Wissensstand einen Überraschungssieg gelandet. Noch einige Minuten davor hatte der spätere Sieger zum exakt richtigen Zeitpunkt attackiert und die Spitzengruppe zerteilt, was Rennleiter Johannes Langer anschließend – auch unter Berücksichtigung der relativen Unerfahrenheit des Athleten – von einer „grenzgenialen Attacke“ sprechen ließ. Nun ist Albert Korir 27 Jahre alt, ein seit einigen Jahren erfolgreicher Marathonläufer und seit gestern ein Großer: Sieg beim prestigeträchtigsten Marathonlauf der Welt in New York City. Seine Siegerzeit von 2:08:22 Stunden ist abseits der statistischen Daten äquivalent mit einer persönlichen Bestleistung, schließlich gibt es beim New York City Marathon keine Tempomacher und die Strecke ist alles andere als flach.

Der RunAustria-Bericht des Frauen-Rennens

Entschlossene Attacke für den Triumph

Ein Vorteil der Erfahrung

Albert Korir hatte im Vorfeld nicht zu den absoluten Favoriten gehört, weil er seit exakt zwei Jahren (toller zweiter Platz in New York) nur einen einzigen Wettkampf bestritten hat und dieser war ein Reinfall: Rang zehn beim Eldoret Marathon im Sommer. Knapp fünf Monate später präsentierte sich der Kenianer am „Big Apple“ in Topform und mit dem richtigen Timing. Einige Minuten nach Überquerung der Halbmarathon-Zwischenzeit löste sich Korir gemeinsam mit seinem Landsmann Kibiwott Kandie, der die Initiative ergriff, und Elkanah Kibet aus den USA aus dem Verfolgerfeld ab. Nach gut 30 Kilometern erreichten Kandie und Korir die beiden Führenden Mohamed El Aaraby und Eyob Faniel und zogen sogleich am Duo vorbei.

Albert Korirs Halbmarathon-Splits: 1:04:50 / 1:03:32 Stunden
Albert Korirs 5km-Teilzeiten: 15:35 / 15:08 / 15:20 / 15:14 / 15:22 / 14:11 / 14:57 / 15:43 / 6:52 (2,195 km) Minuten

Es folgte die Stunde des Albert Korir, der – ohne eine statistische Weltklasseleistung zu zeigen – das Rennen nun dominierte. Wunderleistung war vom 27-Jährigen auch deshalb nicht zu erwarten, weil er nicht nur keine Bestleistung im Weltklassebereich unter 2:05 Stunden aufweisen kann, sondern noch nicht einmal unter 2:08 Stunden gelaufen ist. Aber individuell lief er nun mit seinem etwas schrägen Laufstil am Limit und profitierte davon, dass Halbmarathon-Weltrekordhalter Kibiwott Kandie bei seinem ersten Marathon nicht das richtige Timing erwischte. Der 25-Jährige teilte sich seine Ressourcen nicht gut ein und brach im Finale ein, so dass er von der führenden Position noch bis auf Rang neun zurückfiel und über fünf Minuten auf seinen Wegbegleiter im dritten Rennviertel einbüßte.

Sieg in der World Marathon Majors Wertung

„Ich bin überwältigt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich heute gewinnen könnte. Letztendlich ist all das das Resultat meines harten Trainings. Diese Reise begann vor drei Monaten, als ich wusste, hier starten zu können“, sagte der VCM-Sieger 2017 in der Stunde seines größten Erfolgs. Ein besonders finanziell netter Nebeneffekt, aber auch ein enormer für seine Reputation: Albert Korir hat mit den gestrigen 25 Punkten zu den 16 des zweiten Platzes vor zwei Jahren die Gesamtwertung der Abbott World Marathon Majors vor Sisay Lemma (34) und Vincent Kipchumba (32) gewonnen. Alle drei sind ehemalige VCM-Sieger, die nun auch auf der größten Bühne bestechen: Lemma gewann vor fünf Wochen den London Marathon vor Kipchumba. Auf Korirs Konto wandern nun 500.000 US-Dollar (das entspricht und 432.000 Euro).

Der Mut führte aufs Podest

Der New York City Marathon 2021 bestand aus mehr Geschichten als jener, die für Korir im Triumph endete. Zu den positiven Seiten des Rennens darf sich ein Duo zählen, das sich bei Kilometer 12 aus dem Spitzenfeld wagte. Das hatte bis dahin ein moderates Tempo gewählt, was in New York Gang und Gebe ist, allerdings aufgrund der idealen äußeren Bedingungen vielleicht doch etwas überraschte. Wenig überraschend war allerdings die Tatsache, dass sich niemand finden ließ, die Verantwortung des Tempomachens zu übernehmen.

So erarbeiteten sich Mohamed El Aaraby aus Marokko und der Italiener Eyob Faniel sukzessive einen Vorsprung auf die Topgruppe um die großen Namen. Die Verfolger hielten den Abstand jeder Zeit unter einer Minute, beim Halbmarathon waren es 51 Sekunden. Der Vorstoß war aber nicht nur gut durchdacht, sondern auch gut getimt. Denn keiner der beiden verlor im Finale des Marathons an Boden, wenn gleich die Führungsposition abhanden ging. El Aaraby, Sieger des Halbmarathons bei den Mittelmeerspielen 2018 in Tarragona, ist ein guter Halbmarathon- und sehr erfahrener Marathonläufer, der bis dato viermal unter 2:10 Stunden gelaufen ist und das durchaus bei großen Marathons. Sein elfter Platz bei den Olympischen Spielen von Sapporo war für sein Leistungsniveau ein herausragendes Ergebnis, schließlich bedeutet die Leistung von 2:09:06 Stunden, die er gestern im Central Park fixierte, eine neue persönlich Beste. Der Jubel beim Durchbrechen des Zielbandes sprach Bände.

Eyob Faniels Halbmarathon-Splits: 1:03:57 / 1:05:55 Stunden
Eyob Faniels 5km-Teilzeiten: 15:35 / 15:13 / 14:51 / 14:54 / 15:22 / 14:50 / 15:42 / 16:10 / 7:10 (2,195 km) Minuten

Neuer Trainer – neues Glück

Nicht minder zufrieden war Eyob Faniel, Olympia-20. von Sapporo, der als erster Italiener seit Stefano Baldini im Jahr 1997 (ebenfalls Dritter) und erster Europäer im laufenden Jahrhundert beim New York City Marathon auf das Podium lief. „Es ist ein wunderbares Gefühl. Ich habe mich vom Startschuss weg gut gefühlt und daher entschieden, mein Rennen zu laufen. Ich wollte meine Chance heute nutzen und hatte keine Angst, dass es schief gehen könnte“, wird der 27-Jährige auf der Website des Italienischen Leichtathletik-Verbandes (FIDAL) zitiert. Der Traum vom Podest realisierte sich erst auf den letzten Kilometern, als Faniel den einbrechenden Kandie überholen konnte. Der italienische Marathon- und Halbmarathon-Rekordhalter arbeitet seit den Olympischen Spielen mit dem italienischen Trainer Claudio Berardelli zusammen, der aus seiner Tätigkeit in Kenia in den letzten Jahren kein berauschendes Image bezüglich der Sauberkeit mitgebracht hat. Von ihm betreute Top-Athletinnen wurden mit Dopingsperren sanktioniert, er selbst wurde bei Gerichtsverhandlungen in Kenia nicht beschuldigt. Die Vorbereitung auf New York absolvierte Faniel, der aus Eritrea stammt und im Alter von zwölf Jahren seinem Vater nach Italien folgte, der bereits Jahre zuvor emigrierte, in seinem ehemaligen Heimatland und in Kenia, berichtet der Italienische Leichtathletik-Verband. Bis zu den Olympischen Spielen wurde Faniel von Ruggero Pertile betreut, der auch sein großer Förderer war. Pertile war Marathon-WM-Vierter im Jahr 2015 und gehörte jahrelang dem italienischen Marathon-Nationalteam an. Wie die FIDAL berichtet, stand Faniels Start bis zuletzt am seidenen Faden. An den Flughäfen von Nairobi und Dubai steckte er während der Anreise in die USA zweimal fest, ehe der Veranstalter zweimal positiv intervenieren konnte. „Ich habe mich fast schon damit abgefunden, nicht nach New York zu reisen. Aber ich habe versucht, diese negativen Erlebnisse nicht in Stress zu verwandeln.“ Ab heute, Montag dürfen europäische Staatsbürger wieder unter wesentlich einfacheren Voraussetzungen in die USA reisen.

Ein großes Kompliment bescheinigte die US-amerikanische Öffentlichkeit der Leistung von Elkanah Kibet, der im Alter von 38 Jahren eine persönliche Bestleistung von 2:11:15 Stunden aufstellte und hervorragender Vierter wurde. Ebenfalls ein gutes Rennen zeigte Ben True, der noch vor Kandie als Siebter ein einer Zeit von 2:12:53 Stunden das schnellste Marathon-Debüt des Tages ins Ziel brachte.

Neuerliche Enttäuschung für Bekele

Der New York City Marathon schrieb aber auch die Geschichten der Enttäuschten. Denn, dass weder Abdi Nageeye, in Sapporo als Silbermedaillengewinner wesentlich besser im Rennen als El Aaraby und Faniel, noch der große Kenenisa Bekele dieses Rennen gewinnen konnten, verblüfft. Für Kandie, der vom läuferischem Niveau her auch zu den Topfavoriten zu zählen war, gilt noch die Erklärung der Unerfahrenheit für sein enttäuschendes Debüt. Bekele verließ laut einem Artikel auf „Let’s Run.com“ mit Schmerzen in der Hüfte die Bühne und den Worten „Es war hart, sehr hart.“ Physische Probleme mögen eine Erklärung dafür bieten, dass ein Mann, der selbst nach dem Berlin noch vom Weltrekord sprach, nicht in der Lage war, ein Rennen bei optimalen äußeren Bedingungen (ca. 6°C am Start und kaum Wind) nicht in einer Zeit von 2:08 Stunden gewinnen konnte, sondern nach 2:12:52 Stunden auf Rang sechs ins Ziel kam. Die Fragezeichen über seiner Person, auch was die zukünftige Leistungsfähigkeit eines bald 40-Jährigen betrifft, mehren sich.

Kenensia Bekeles Halbmarathon-Splits: 1:04:49 / 1:08:03 Stunden
Kenenisa Bekeles 5km-Teilzeiten: 15:35 / 15:12 / 15:16 / 15:14 / 15:33 / 15:28 / 16:22/ 16:56 / 7:16 (2,195 km) Minuten

Die holländische Tageszeitung „De Telegraaf“ berichtet heute von Problemen mit der hinteren Oberschenkelmuskulatur bei Nageeye. Ein chronisches Problem augenscheinlich bei ihm, denn der Athlet äußerte sich in sozialen Netzwerken voller Enttäuschung, dass ihm dies bereits zum dritten Mal einen großen Marathon vermasselt hat. Dennoch gelang ihm die Einstellung des historisch besten holländischen Resultats beim New York City Marathon von Gerard Nijboer aus dem Jahr 1985. Noch eine Gemeinsamkeit teilt er mit ihm: Nijboer ist der einzige weitere holländische Marathon-Olympia-Medaillengewinner (Silber in Moskau 1980).

Ergebnis New York City Marathon 2021 der Männer

  1. Albert Korir (KEN) 2:08:22 Stunden
  2. Mohamed El Araby (MAR) 2:09:06 Stunden *
  3. Eyob Faniel (ITA) 2:09:52 Stunden
  4. Elkanah Kibet (USA) 2:11:15 Stunden *
  5. Abdi Nageeye (NED) 2:11:39 Stunden
  6. Kenenisa Bekele (ETH) 2:12:52 Stunden
  7. Ben True (USA) 2:12:53 Stunden **
  8. Nathan Martin (USA) 2:12:57 Stunden
  9. Kibiwott Kandie (KEN) 2:13:43 Stunden **
  10. Jared Ward (USA) 2:14:06 Stunden
  11. Patricio Castillo (MEX) 2:14:11 Stunden
  12. John Raneri (USA) 2:15:31 Stunden
  13. Akira Tomoyasu (JPN) 2:16:39 Stunden
  14. Shadrack Biwott (USA) 2:16:50 Stunden
  15. Thijs Nijhuis (DEN) 2:17:25 Stunden
  16. Ryan Archer (USA) 2:18:57 Stunden
  17. Augustine Choge (KEN) 2:20:53 Stunden *
  18. Alvaro Abreu Martin (DOM) 2:20:53 Stunden
  19. Brian Shrader (USA) 2:21:55 Stunden
  20. Teshome Mekonen (ETH) 2:22:16 Stunden **

* neue persönliche Bestleistung
** Marathon-Debüt
*** Landesrekord für die Dominikanische Republik

TCS New York City Marathon

Abbott World Marathon Majors