Jubiläum in New York: Jepchirchirs Griff nach den Geschichtsbüchern

Zum 50. Mal geht der New York City Marathon über die Bühne. Peres Jepchirchir geht als Favoritin ins Rennen und könnte als erste Marathonläuferin der Geschichte nach einem Olympiasieg einen großen Herbstmarathon gewinnen.

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Am 13. September 1970 versammelten sich an einem Sonntagmorgen bei hohen Temperaturen 127 Marathonbegeisterte an der Startlinie der Erstaustragung des New York City Marathon. Was damals eine symbolisch beachtliche Zahl war und dem Veranstalter Einnahmen von 127 US-Dollar brachte, war in Wahrheit eine verlorene Gruppe Läufer, die damals nicht als Trendsetter angesehen wurden. Doch der erste Schritt in der Geschichte des New York City Marathon war gesetzt und damit auch ein wichtiger in der Entwicklung der US-amerikanischen und globalen Laufszene. Bereits im zweiten Jahr durften Läuferinnen mitmachen.

50 bzw. 49 Jahre später ist der New York City Marathon gezeichnet von der Pandemie. Das Präventionskonzept lässt nicht das Event zu, das es vor der Pandemie war. Und auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nicht in vollem Umfang zurück. 33.000 Anmeldungen akzeptierten die New York Road Runners und damit um über 20.000 weniger als vor der Pandemie, als sich jährlich etwa eine sechsfache Anzahl für einen Startplatz bewarb. Startberechtigt sind alle mit Impfnachweis oder einem negativen Testergebnis eines anerkannten
Verfahrens. Insbesondere die Läuferinnen und Läufer aus dem transkontinentalen Ausland fehlen beim Event, das wie kaum ein anderes in die ganze Welt ausstrahlte und hoffentlich auch bald wieder ausstrahlt. Das generelle Einreiseverbot für Bürger aus der EU in die USA fällt ausgerechnet am 7. November, die Reiseeinschränkungen lassen vermuten, dass nur ein Teil der 33.000 den Weg nach New York findet.

RunAustria-TV-Tipp: Der 50. New York City Marathon wird am Sonntag mit Übertragungsbeginn um 14:30 Uhr MEZ auf Eurosport 2 live übertragen.

50 New York City Marathons

Wenn am Sonntag der Startschuss zur 50. Ausgabe des New York City Marathon fällt – neben der Ausgabe in Pandemiezeiten musste auch jene 2012 aufgrund der Zerstörungen in der Stadt durch Hurricane Sandy ausfallen – gehören die Scheinwerfer auf einen Mann gelenkt, der als 16-Jähriger bereits 1970 seine Schuhe geschnürt hat. Larry Trachtenberg, ein pensionierter Lehrer aus der Metropole, ist laut eines amerikanischen Medienberichts der einzige Teilnehmer, der alle bisherigen 49 New York City Marathons bestritten hat. Logisch, dass zum großen Jubiläum auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten an den Start gehen, darunter die ehemalige Olympiasiegerin und Weltmeisterin im Fußball, Abby Wambach.

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Der Traum der Olympiasiegerin

Prädestiniert, das Jubiläum für einen herausragenden Triumph zu nützen, ist die kenianische Olympiasiegerin Peres Jepchirchir. Vier Monate nach ihrem Coup in Sapporo, als sie der Weltrekordhalterin Brigid Kosgei im direkten Duell um Gold keine Chance ließ, kann Jepchirchir beim New York City Marathon eine besondere historische Errungenschaft erzielen. Nie in der Geschichte der Marathonlaufs der Frauen hat eine Olympiasiegerin einen anschließenden Top-Herbst-Marathon gewonnen, wie die US-amerikanische Plattform „Let’s Run“ berichtet. „Es war immer mein Traum, den New York City Marathon zu laufen“, sagt die 28-Jährige.

Die Zeitspanne zwischen dem Marathon in Sapporo und jenem in New York ist mit vier Monaten aber eine, die ein solches Doppel erlauben könnte. Bei den Männern hat laut „Let’s Run“ ein Läufer einen Sieg bei einem großen Herbstmarathon gefeiert, nachdem er im selben Jahr Olympiasieger war: Der unvergessene Frank Shorter, der nach den Olympischen Spielen 1972 in München auch den Fukuoka Marathon gewann. Nahe kam diesem Doppel auch Carlos Lopes, der nach den Olympischen Spielen 1984 beim Chicago Marathon nur vom Weltrekordlauf des Briten Steve Jones ausgebremst wurde. Jepchirchirs Vorteil gegenüber allen historischen Beispielen: Die neuen Eliteschuhe unter ihren Füßen erlauben eine schnellere Regeneration von einem Marathon, weil sie – bei entsprechender körperlicher und muskulärer Komposition – den Körper bei gleicher Leistung später im Rennen an die Grenze bringen. In den vergangenen Wochen haben Brigid Kosgei (Olympia-Silber und Vierte in London), Galen Rupp (8. bei Olympia, 2. in Chicago) und Bashir Abdi (Olympia-Bronze und Sieg in Rotterdam) unter Beweis gestellt, dass ein schneller Herbstmarathon nach Olympia realisierbar ist.

Peres Jepchirchir bei ihrem Olympiasieg in Sapporo. © SIP / Johannes Langer

Im Marathon noch ungeschlagen

Ungeachtet des Trends, dass vor einigen Jahren erfolgreiche Halbmarathonläuferinnen – Jepchirchir war 2017 kurzzeitig Halterin des Weltrekords – immer deutlicher beginnen, die Marathonszene zu dominieren, was nicht nur Jepchirchirs Sieg beim Valencia Marathon 2020, sondern auch durch die Triumphe von Joyciline Jepkosgei in New York 2019 und London 2021 dokumentiert wird, ist die 28 Jährige eine große Nummer im internationalen Straßenlauf. Sie holte WM-Gold im Halbmarathon 2016 und 2020, ein mögliches Triple „verhinderte“ eine Babypause. Jepchirchir gewann ihren ersten Marathon in Saitama 2019 auf Anhieb, steigerte sich als Siegerin des Valencia Marathon (2:17:16) auf Rang fünf der ewigen Bestenliste des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) und blieb bekanntlich auch unter Olympischen Ringen ungeschlagen. Ein Erfolg in New York würde Jepchirchir in der aufgrund der Pandemie auf zwei Jahre ausgedehnten Gesamtwertung der Abbott World Marathon Majors zu Brigid Kosgei und Joyciline Jepkosgei aufschließen lassen, die jeweils zwei Siege und 50 Punkte verzeichnen (Chicago 2019 und London 2020 bzw. New York 2020 und London 2021). Jepchirchir hat 25 Punkte für den Sieg in Sapporo auf ihrem Konto.

Äthiopisches Duo als Herausforderinnen

Die Favoritinnenrolle der Kenianerin wird auch dadurch gestützt, dass das Feld der Kontrahentinnen nicht so riesig ist wie bei anderen Topmarathons. Dennoch werden insbesondere die beiden Äthiopierinnen Ababel Yeshaneh und Ruti Aga versuchen, die Olympiasiegerin auf den falschen Fuß zu erwischen. Auch Helalia Johannes und Lokalmatadorin Molly Seidel werden versuchen, durch die Charakteristik des Rennens in New York ohne Tempomacher und die selektive Strecke mit dem schwierigen Finale im Central Park für sich als Vorteil auslegen zu können und damit der Favoritin nahe zu kommen. Yeshaneh teilt mit Jepchirchir eine erfolgreiche Vita im Halbmarathon, zwischen 2020 und 2021 hielt sie den Weltrekord in dieser Disziplin. Im Marathon ist die 30-Jährige unerfahrener als Jepchirchir, zudem liegen ihre beiden Marathonläufe als Top-Athletin länger zurück als die drei bei Jepchirchir. 2019 wurde sie beim Tokio Marathon Vierte, beim Chicago Marathon in einer respektablen persönlichen Bestleistung von 2:20:51 Stunden Zweite. Beim New York City Marathon stehen persönliche Bestleistungen trotz der prognostizierten hervorragenden Wetterbedingungen normalerweise nicht zur Disposition – generell hat Yeshanehs „Hausrekord“ das Potenzial einer Verbesserung. 2020 bestritt die Äthiopierin keinen Marathon, aber gleich drei sehr schnelle Halbmarathonläufe.

Ruti Aga zählt zu den schnellsten äthiopischen Marathonläuferinnen der Geschichte, hat jedoch ein bisschen mit der Konstanz zu kämpfen. Der beste Marathon gelang ihr 2018 in Berlin, als sie in 2:18:34 Stunden Zweite wurde. Ein halbes Jahr darauf gewann sie den Tokio Marathon, in Valencia 2020, bei ihrem letzten Marathon bisher, kratzte sie als Siebte an der 2:20er-Marke. Aga, die als junge Marathonläuferin beim Vienna City Marathon 2016 den zweiten Rang belegte, kann sechs Stockerlplatzierungen bei World Marathon Majors aufweisen, was beeindruckend ist. Und sie hat im Gegensatz zu Jepchirchir und Yeshaneh auch schon Erfahrung in New York, wo sie 2019 Dritte war. Ob dies den offensichtlichen Unterschied in der Klasse zu Jepchirchir wettmachen kann, ist allerdings fraglich. Eine hochinteressante Läuferin ist die vierte nicht in den USA lebende, ostafrikanische im Elitefeld, Helalia Johannes. Die Rekordhalterin aus Namibia ist bereits 41 Jahre alt, verzeichnete in den vergangenen Jahren aber erstaunliche Erfolge: Bei den Weltmeisterschaften von Doha wurde sie bei außergewöhnlichen Bedingungen Dritte und feierte mit WM-Bronze ihren größten Erfolg. Auch der elfte Platz bei den Olympischen Spielen ist beachtlich, der dritte Rang beim Valencia Marathon 2020 als 40-Jährige in knapp unter 2:20 Stunden noch viel mehr. Ihre eindrucksvolle Serie: Bei den letzten acht Marathonstarts finishte sie sechsmal am Stockerl und gewann dreimal.

Die Kenianerin Viola Lagat bestreitet ihr Marathon-Debüt. Das ist in den USA deshalb so interessant, weil sie die Schwester des in die USA emigrierten Superstar Bernard Lagat ist. Der Bruder wird das Rennen seiner Schwester, das jüngste von zehn Kindern der Familie, übrigens als TV-Experte verfolgen. Die dreifache VCM-Siegerin Nancy Kiprop steht nicht mehr auf der Startliste.

Olympia-Medaillengewinnerin Seidel führt starkes US-Aufgebot an

Fünf der schnellsten acht Läuferinnen bei den US-Olympic-Trials in Atlanta 2020 – und ohne die kurzfristigen Absagen von Aliphine Tulikamuk und Desiree Linden wären es sogar sieben gewesen – nehmen beim New York City Marathon 2021 teil. Der neue Star der US-Marathon-Szene ist natürlich Molly Seidel, die in Sapporo sensationell zu Olympia-Bronze gestürmt ist. Vor Jahren litt die Läuferin noch unter Depressionen, ihre Karriere hing am seidenen Faden. Seit sie von den psychischen Problemen genesen und in den Marathon eingestiegen ist, läuft es bei ihr. Beim Marathon-Debüt belegte sie Rang zwei bei den Trials, im Herbst wurde sie im strömenden Regen von London Sechste, bevor der Medaillengewinn unter Olympischen Ringen gelang. Dieser führte zu unheimlicher medialer Aufmerksamkeit, die sie in den Wochen nach den Olympischen Spielen belastete.

Die weiteren starken US-Amerikanerinnen im Feld sind die Olympia-17. Sally Kipyego, die sich gegenüber „Athletics Illustrated“ sehr gut erholt von den Spielen fühlt und sich in ihrem Geburtsland Kenia auf den New York City Marathon vorbereitet hat, Laura Thweatt, Stephanie Bruce und Kellyn Taylor, die in New York bereits zweimal in den Top-Ten war. Aufgrund einer Knieverletzung nicht dabei sein kann Emily Sisson. Shalane Flanagan, im Jahr 2017 letzte amerikanische Siegerin am „Big Apple“, absolviert im Feld der Freizeitläuferinnen auch den fünfen World Marathon Major seit dem Berlin Marathon Ende September. „Laufen ist mein Leben!“, so die Botschaft des Projekts von Flanagan, die zwischendurch noch einen Marathon in Portland gelaufen ist – allesamt übrigens im Bereich von 2:35 bzw. 2:40 Stunden.

TCS New York City Marathon

Abbott World Marathon Majors