GEOpard – wie Laufen ganze Stadtviertel sozialisieren soll

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Laufen als sozial verbindende Tätigkeit für alle? Laufen in der Mitte der Gesellschaft der neuen Generation? Als Revitalisierung europäischer Städte durch eine Community der Jungen? Als fixer Bestandteil der Zukunft? Es sind keine neuen, aber es sind hohe Ziele, die ein Projekt des Italienischen Leichtathletik-Verbandes (FIDAL) anstrebt. Um der Ambition und Seriosität Nachdruck zu verleihen, gestaltete FIDAL die Idee in ein transeuropäisches Projekt, das von der Kommission der Europäischen Union finanziell mit einer sechsstelligen Summe unterstützt wird, und an dem so viele europäische Länder wie möglich teilnehmen sollen. Daher wird die EU sogar als Mitbegründerin der Initiative geführt. Ihr Name: GEOpard. Der Leitgedanke: „Wir sehen den Sport als Chance der Sozialisierung und als Instrument der Integration.“ Der Anspruch: „GEOpard sieht sich als Instrument, junge Menschen mit ihren Gleichgesinnten in ganz Europa unter dem Deckmantel des Running for Fun zu integrieren.“

Gemeinsam integrativ heißt gemeinsam friedlich, gemeinsam sozial

Die Idee zu dieser Initiative gebar auf individueller, sozialer Ebene und hatte mit Einbrechen der Pandemie eine beschleunigte Reife erlangt. In einem Lockdown, der wesentlich strenger war als jener in Österreich, war die italienische Bevölkerung im Frühjahr 2020 neun Wochen lang gezwungen, sich sozial zu isolieren. Besonders für junge Italienerinnen und Italiener, die es aus kulturellen, aber auch klimatischen Gründen gewohnt sind, viel mehr Zeit außer Haus und in Gemeinschaft mit Gleichaltrigen zu verbringen als die hiesige junge Generation, aber auch für jene, die sportlich aktiv sind, war das eine große Belastung.

Als Fachleute auch noch vor einer Beschleunigung der Verschärfung eines gesellschaftlichen Problems in Italiens wirtschaftlich und sozial leidgeprüfter Jugend – von erhöhtem Gewaltpotenzial bis hin zu Radikalisierungsphänomenen – warnten, war die Definition des gesellschaftlichen Werts der Botschaft klar. Das Laufen mit seiner großen integrativen und inklusiven Kraft auf sozialer Ebene sollte mit Nachdruck und nachhaltiger Zukunftsentwicklung betont werden. Und das Gefühl der Einsamkeit beim Laufen, für all diejenigen, die dies stört, verhindern. Den richtigen Ort dafür gaben Erkenntnisse einer 2019 von der FIDAL in Auftrag gegebenen Studie vor: Die idealen Städte für die zukünftige Generation Italiens seien „Sport Cites“. Also urbane Gebiete mit großen Flächen zur Sportausübung.

Das Potenzial multiplikativer Effekte

„Der Sport ist ein sehr mächtiges Instrument“, betont die Initiative. Zu selten werde die Frage gestellt, welche Potenziale Gesellschaftssport ausschöpfen könnte. Die Wirkungen sind vielseitig und multiplizieren sich: Jene auf die gesellschaftliche Gesundheit und auf gesellschaftliches Wohlbefinden seien sehr wichtig und bereits bekannt. GEOpard will den Fokus auf die Sozialisierung der Gesellschaft legen und einen Bremsschirm zu einer befremdlichen Gestaltung des Stadtlebens aktivieren. Die Neugestaltung der europäischen Innenstädte könnte durch das möglicherweise noch nicht gänzlich sichtbare, endgültige Ausmaß der Wirtschaftskrise ohnehin eine der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahre werden. Darauf wiesen etliche Gesellschaftswissenschafterinnen und Gesellschaftswissenschafter nach dem ersten Lockdown hin. Sport im Sinne eines ständigen gesellschaftlichen Ereignisses, als fixer Bestandteil eines neuen Zusammenlebens könnte genau in diese Kerbe schlagen. Belebung, Revitalisierung und Verjüngung anstatt Verfall, Stille und Verlassenheit.

Sport mitten im gesellschaftlichen Leben

Beispiele, die von GEOpard mit Applaus honoriert werden, gibt es jetzt schon. Das prominenteste, auch deshalb, weil die Berichterstattung der italienischen Medien darauf aufgesprungen ist, ist eines aus Padua. Anfang 2020 drückten sich auf der Piazza De Gasperi Drogendealer die Klinke in die Hand, Bandenrivalitäten machten den Ort zum ständigen Polizeieinsatzgebiet und gefährdeten die öffentliche Sicherheit. Bereits ein Jahr später, zierte ein in kräftigem blau und grün lackiertes Basketballfeld mit Beleuchtung die Mitte des Platzes, die Straße führt am Rand des Platzes vorbei, der große Parkplatz musste weichen.

Nun ist die Piazza ein Treffpunkt der friedlichen sozialen Annäherung verschiedener Kulturen, berichteten italienische Medien Anfang des Jahres begeistert. Täglich üben sich junge Menschen im Dreierwerfen oder tragen Matches aus. Sie sei auf einen Schlag der soziale Treffpunkt des Viertels geworden, so Bürgermeister Sergio Giordani in der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ stolz. Der Erfolg der Initiative, die von der Bevölkerung mitgetragen wurde, übertrifft jegliche Erwartungen und Hoffnungen, heißt es aus der Stadtpolitik. Sicherheit und Lebensqualität im Viertel steigen wieder an. Das Besondere: Hier wurde eine Sporteinrichtung nicht abseits des gesellschaftlichen Lebens eingerichtet, auch nicht in ein Sportzentrum integriert oder als solches definiert, sondern mitten ins gesellschaftliche Leben der Stadt.

Ein Projekt, das den Zeitgeist trifft

Abgesehen der gesellschaftlichen Komposition im Stadtleben, die in diversen europäischen Ländern wie auch Italien überhaupt nicht vergleichbar ist mit jener in österreichischen Städten, die oft als europäisches Vorbild herbeigezogen werden: Wir leben in einem Zeitalter, in dem Inklusion und Integration aller Kulturen und aller Menschen, im spezifischen Fall aller Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt oder eines Ortes, nicht nur wichtiger für ein harmonisches Zusammenleben ist denn je, sondern auch den Zeitgeist und die aktuellen Herausforderungen trifft.

Dass Sport und insbesondere das Laufen, das universell ohne großartigen infrastrukturellen Voraussetzungen möglich ist, diese inklusive und integrative Wirkung hin zu einem Zusammenhalt, eines Miteinanders mit nachhaltiger Kraft ausüben kann, ist keine Neuigkeit. Vielleicht helfen Projekte wie jenes von GEOpard oder Ideen wie jene in Padua diese Botschaft insofern zu verstärken, dass sie besser in der Gesellschaft ankommt. Mannschaftssportarten wie Basketball oder Fußball haben per se einen Vorteil in der Sozialisierung, den macht das nur oberflächlich in die Klasse der Einzelsportarten einzuordnende Laufen aber locker wett. Etwa durch seine Universalität – jede und jeder kann laufen und das zu jeder Zeit und überall.

Ganz im Gegenteil ist Laufen die ideale Bewegungsform, um beim Sport ins Gespräch zu kommen, soziale Kompetenzen zu schulen. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen von Ausdauertraining auf die mentale Stabilität. Die Bridge Brunners in New York sind ein bekanntes Beispiel von Sozialisierung aus dem Laufsport im dezidiert urbanen Gebiet. Der Anspruch der Bewegung: „The City is our Gym!“ Vielleicht ist, wie so oft in der Entwicklung des Laufsports, die USA Europa auch in diesem Punkt einfach nur Jahre voraus. Genau genommen liefert jedes organisierte Laufevent einen wertvollen Beitrag hierfür, mit dem Nachteil, dass die Regelmäßigkeit der Wiederkehr in langen Zyklen geschieht, oft einmal jährlich.

Ein zukunftsträchtiges Bild von Laufen

Die Notwendigkeit smarter und zukunftsorientierter Gestaltung des Stadtlebens ist auch auf statistischer Ebene gegeben: 2010 lebte etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2050 sollen es laut Prognosen zwei Drittel sein – und das bei gleichzeitig prognostizierter Vergrößerung der Erdbewohner um über drei Milliarden Menschen. Für den günstigen Zeitpunkt, die Initiative GEOpard weiterzutreiben, sorgte nicht nur die Pandemie, sondern insbesondere der kleine Laufboom, den Italien wie viele andere europäische Länder im Sommer 2020 erfahren hat. Anfang Oktober wurde das Projekt „GEOpard“ im süditalienischen Macerata präsentiert. Die weitere Bewerbung erfolgte in diversen Videobeiträgen.

Ausgelegt auf unter 35-jährige Volljährige wurde eine Social-Media-Plattform entwickelt, auf denen die User Trainingsläufe, Leistungsparameter, Laufstrecken, Fotos und Videos posten, aber auch an virtuellen Trainingslehrgängen mit erfahrenen Trainern teilnehmen oder sich zu Lauftreffs verabreden können. Die Plattform soll so schnell wie möglich über die Landesgrenzen hinaus Läuferinnen und Läufer ansprechen, erstes Interesse fand sich in Deutschland, Belgien, Estland und Portugal. Der transnationale Sozialisierungseffekt soll durch die erweckte oder bereits bestehende Leidenschaft zum Laufen gelingen. Vielleicht bald auch in Österreich, denn nach der Präsentation war das Interesse der Italiener offensichtlich, GEOpard auch den österreichischen Läuferinnen und Läufern nahe zu bringen. Mittlerweile sind Slowenien, Kroatien, Portugal und Bulgarien die offiziellen Partnerländer Italiens innerhalb des Projekts, das weiter wachsen und expandieren soll.

„Pardy Cities“

45 Städte aus fünf Ländern hatten bis Ende Februar 2021 die Zusage zur Beteiligung an der Initative gegeben. London, Lissabon, Mailand, Bordeaux, Warschau, Tallinn. Es werden weitere folgen auf der „Pardy Road“ durch „Pardy Cities“ (die Verweichlichung des vierten Buchstabens ist die Annäherung an den Projektnahmen, Anm.). Auffallend ist: Diese Städte präsentieren sich auf der Website von GEOpard aus der Perspektive der jungen Generation. Als Smart Cites, die auf technologischen Fortschritt setzen und auf die Umwelt achten. Die deutlich dominierenden Themen sind Nachhaltigkeit, digitale Technik, moderne Infrastruktur. Texte, die Bilder von Städten zeichnen, die Moderne versprühen, Inspiration fühlbar, Kreativität und Innovation erkennbar machen, zukunftsfit sind und in denen ein sportlicher Lebensstil Freude macht.

Für diesen sportlichen Lebensstil als flächendeckende Lebensweise möchte GEOpard einige wichtige Puzzleteile liefern. In einem zweijährigen Unterprojekt der Initiative werden Coaches mit sportlichem Fachwissen und hoher Sozialkompetenz gesucht und instruiert, die Lauftreffs anbieten und gleichzeitig eine wichtige Ansprechperson für junge Menschen sind, die es in ihrem Leben nicht einfach haben und für die das gemeinsame Laufen einen enormen Mehrwert auf der sozialen Ebene hat. Rund 50 aus den genannten fünf Ländern beteiligten sich im Frühjahr am ersten virtuellen Ausbildungslehrgang.

Mitte Oktober startete GeoLAB, das Teilprojekt, das sich der Ausbildung der Trainerinnen und Trainer widmet, die erste virtuelle Akademie für die „Street Coaches“, die an mehreren Terminen insgesamt 35 Unterrichtsstunden beinhaltet. Das Hauptaugenmerk liegt auf sportwisenschaftlichen und soziopsychologischen Kompetenzen in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen im Integrationsprozess in den Laufsport. Diese reale, integrative Arbeit wird als wichtiges Basiselement betont, die die integrative Sozialisierung in der digitalen Community erst ermöglicht. Nicht zu missachten, insbesondere im gegenwärtigen Kontext, ist das Potenzial einer hochwertigeren, gesellschaftlichen Gesundheit, die die Initiative GEOpard ausstrahlt. Oder anders formuliert: das Potenzial besserer gesellschaftlicher Gesundheit zukünftig effektiver auszuschöpfen versucht.

Im Laufschritt in die Zukunft

Das Signal, das GEOpard gerade im gegenwärtigen Kontext aussenden möchte, ist wie die gesamte Initiative an die Zielgruppe junge Menschen gerichtet und zukunftsorientiert. Das mag konträr zur allgemeinen Stimmungslage der letzten Monate stehen. Die Zukunftsgedanken, -sorgen, -herausforderungen der jungen Generation orientierten sich – und das war vor Pandemiebeginn deutlich zu erkennen und wird es wohl auch nach Abflachen ihrer Dominanz im Diskurs sein – stark in Richtung Klimaschutz, Umweltbewusstsein, Nachhaltigkeit. Das ist Teil eines geforderten, gesellschaftlichen Wandels auf mehreren Ebenen.

Ein anderer Teil ist eine Neudefinition von Gesundheit und Wohlergehen, ein weiterer ein neuer Lebensstil, in dem Bewegungsreichtum, naturnahe Erlebnisse und Erfahrungen, bewusster Genuss von Momenten eine wichtige Rolle spielen. Als Gegengewicht zu einem immer technologischeren und digitaleren Alltag. Hoffentlich nicht nur für das Abbild der Augenblicke auf Instagram, sondern wirklich für sich. Mit realer sozialer Bindung zum eigenen Umfeld, in Symbiose mit der Natur oder der Attraktionen schöner Städte und gleichzeitig mit digitaler Verbindung zu Gleichgesinnten. Europaweit. Im Laufschritt.