Anges Tirop: Lauter Nachhall einer Tragödie

Der Mord an Agnes Tirop ist Anlass für einen schockierenden Blick in die kenianische Gesellschaft und zwischengeschlechtliche Hierarchien, die junge Frauen bedrohen. Er hat in Kenia die ganz große Bühne der gesellschaftlichen Debatte eröffnet. Der Aufschrei ist schonungslos. Und der Name Agnes Tirop ist in Kenia groß genug, dass ein gesellschaftlicher Prozess zur Besserstellung junger Frauen starten soll. Kenianerinnen sollen ihren Männern zukünftig die Stirn bieten.

Agnes Tirop (r.) bei einer Laufeinheit im Olympischen Dorf von Tokio. © SIP / Johannes Langer

„Die Ermordung von Agnes Tirop ist ein Attentat auf die Freiheit und auf die Frauenrechte“, schimpfte Joan Chelimo, eine der schnellsten Halbmarathonläuferinnen der Welt, über soziale Netzwerke und stellte die Frage: „Wie viele Agnes gibt es da draußen noch? Wie lange wird unsere Gesellschaft noch schweigen und diese Art von Tragödien hinnehmen. Wie lange wird die Gesellschaft sich vor den Missbrauch von Frauen stellen. Diese Tragödie muss ein Weckruf für uns alle sein. Es muss aufhören!“

Mary Ngugi, zwei Tage vor dem Tod von Agnes Tirop noch Zweite beim Boston Marathon, war die Ehefrau des ehemaligen Marathonstars Sammy Wanjiru, der 2011 bei einem Sturz vom Balkon verstarb – viele sagen, er wäre ermordet worden. Sie konkretisierte, ebenfalls in Social Media: „Ich sehe das so oft, dass ein ,Ehemann’ seine Frau kontrolliert, sie wie seine Sklavin behandelt, obwohl sie das Geld nach Hause bringt. Körperlicher und psychischer Missbrauch sind das Druckmittel für die Manipulation. Ich fordere den Verband, die Regierung und alle Bewohner Kenias auf, die Tragödie rund um Agnes als Anstoß zu nehmen, Plattformen zu schaffen, die Frauen dabei helfen, diesen Torturen zu entkommen.“ Ngugi nützt ihre Bekanntheit in sozialen Medien und hat in den letzten Tagen einige Botschaften lanciert, die kenianische Frauen ermutigen, ihre Gefühle nach außen zu tragen und Misstände anzuklagen. Sie selbst will federführend an einer Organisation mitwirken, die zukünftige Betroffene unterstützt. Der Hashtag: #notyourproperty!

Junge Athletinnen als Beute

Oft, so unterstrich Marathonstar Mary Keitany in kenianischen Medien, tragen kenianische Athletinnen die gesamte Last ihrer Familien auf ihren Schultern. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung, früh heiraten und Kinder bekommen zu müssen, setze viele zusätzlich unter massiven Druck, die aufgrund fehlender oder mangelnder Bildung, ohnehin schon überfordert wären, plötzlich über Geld zu verfügen. Gleichzeitig sehen sie in schnellem sportlichem Erfolg in jungen Jahren ihr einziges Ticket in ein besseres Leben.

Es gäbe zahlreiche Wölfe, die nur darauf warten, solche Mädchen zu ihrer Beute zu machen, formulierte es die ehemalige Weltklasseläuferin Tegla Loroupe gegenüber der französischen Presseagentur (AFP). Dominic Ondieki, Pressesprecher des Kenianischen Leichtathletik-Verbandes (Athletics Kenya), schlug in dieselbe Kerbe und fordert den Aufbau von psychotherapeutischen Strukturen, die junge Athletinnen stützen. Und zeichnet in kenianischen Medien dasselbe schlimme Bild vom kenianischen Mann wie Loroupe: „Von jungen Athletinnen wird erwartet, dass sie Kinder auf die Welt bringen, mit aller Macht so schnell wie möglich Gewicht abnehmen, um wieder in Form und zurück ins Wettkampfgeschehen zu kommen, um das Essen auf den Tisch der Familie zu zaubern. Und die Männer warten einfach und genießen die Früchte des Schweißes ihrer Frauen. Das muss sich dringend verändern!“ (vgl. Website des kenianischen Radiosenders Capital FM). Einige ehemalige Weltklasseläufer äußerten sich in kenianischen Medien mit dem Aufruf an junge weibliche Talente, erst zu heiraten, wenn sie in stabilen Beziehungen sind, sich ansonsten auf ihre sportliche Laufbahn zu konzentrieren.

„Mord an einem Champion!“

Ein Rückblick: Zehn Tage sind vergangen, seit Agnes Tirop in ihrem Haus in Iten, mutmaßlich von ihrem Ehemann durch Stichverletzungen ermordet – so der Ermittlungsstand der kenianischen Behörden bzw. das, was öffentlich bekannt ist – leblos aufgefunden worden ist (siehe RunAustria-Bericht). Die bekannte kenianische Tageszeitung „Daily Nation“ titelte auf der Titelseite: „Mord an einem Champion!“ Die Kleinstadt, die so ein bedeutender Flecken Erde für die Laufwelt ist, hüllt sich nach wie vor in Trauer, doch in dieser kurzen Zeit ist viel passiert. Das Ableben dieser international erfolgreichen, 25-jährigen Athletin, die zu den Besten ihres Fachs gehörte und seit Jahren die Weltklasse mitgestaltet hat, erlaubt auch in Kenia augenscheinlich keinen raschen Übergang zur Normalität. Bereits direkt nach Bekanntwerden des Todesfalls haben sich weltbekannte Läuferinnen, darunter London-Marathon-Siegerin Joyciline Jepkosgei, vor dem Tatort versammelt, kenianische Medien zeigten Bilder mit den schockierten Gesichtern von Lauf-Prominenten. Stunden später warteten dutzende Stadtbewohner hinter der Absperrung. Die Einblicke in die kenianischen Verhältnisse gemäß, die in den letzten Tagen auch bei uns bekannter wurden, mussten sie sofort geahnt haben, was warum passiert ist.

Die Ermittlungen laufen

Der Kriminalfall an sich schien auf den ersten Blick klar. Der geflüchtete Ehemann Tirops, von dem sie sich zwischenzeitlich getrennt hatte und eine On-Off-Beziehung führte, wurde auf der Flucht in Mombasa von der kenianischen Polizei in Gewahrsam genommen und sitzt gegenwärtig in Haft. Die Plattform „Insidethegames“ berichtete am Donnerstag unter Berufung auf einen Sprecher der Familie darüber, was der Grund für den Streit im Hause Tirops gewesen sein könnte. Während die Athletin bei den Olympischen Spielen in Tokio weilte, sollen einige Besitztümer Tirops, darunter Immobilien, unter mysteriösen Begleitumständen den Besitzer gewechselt haben. Die Vermutung ihrer Familie: Tirops Ermordung ist Teil eines Komplotts rund um diese Geldgeschäfte. Der Bericht zitierte den führenden kenianischen Ermittler, der versprach, in dieser Sache keinen Stein auf den anderen zu lassen.

Kenianische Leichtathletik steht für Veränderung bereit

Zur gleichen Zeit steht die kenianische Leichtathletik still. Alle in den zwei Wochen nach dem tragischen Ereignis geplanten Wettkämpfe wurden verschoben. Doch es sind die Worte, die Jackson Tuwei, Präsident von Athletics Kenya, zitiert in kenianischen Medien, bei dieser Verkündung wählte, die ein deutlicheres Signal aussenden. „Wir können uns nicht mehr vor der Realität verstecken. Diese bedauernswerten Ereignisse sind das Produkt psychischer Ängste, unter denen eine Reihe von Sportlerinnen leidet. Sie suchen sich keine Hilfe, um einer Stigmatisierung zu entgehen. Sie werden als Vorbilder gesehen, die nichts falsch machen dürfen, wie vielleicht andere Menschen. Der Druck, dieser Erwartungshaltung gerecht zu werden, drängt sie in ein Schweigen im Umgang mit ihrem Leid.“

Das Eis war auch von offizieller (außerdem: männlicher) Seite gebrochen und Tuwei blieb bei der Pressekonferenz in ernster Stimme: „Tirops Tod ist nur das jüngste Kapitel einer unsäglichen Serie von Unglücken, die kenianische Athletinnen und Athleten in Vergangenheit produziert haben: Selbstmorde, familiärer Streit, Alkoholismus, Drogen, Mord.“ Noch frisch gedruckt erschienen die Schlagzeilen über den Selbstmord des ehemaligen Crossläufers Hosea Macharinyang, der sich im Alter von 35 Jahren, geplagt von psychischen Problemen, entschied, sich aufzuhängen. Wie später bekannt wurde, soll auch einer international nicht bekannten, kenianischen Sprinterin und Mittelstreckenläuferin namens Edith Muthoni, 27 Jahre alt, am selben Tag wie Tirop von ihrem Lebenspartner im Schreit tödliche Kopfverletzungen zugefügt worden sein. Auch er wurde von der kenianischen Polizei geschnappt.

„Dieses Unrecht geht alle Sportler rund um den Globus an“

Hinter dem Tod Tirops, der eine ganze Nation wachgerüttelt hat und sie animiert, über gesellschaftliche Verhältnisse im Zusammenleben zwischen Mann und Frau nachzudenken, steckt natürlich auch ein tragisches, familiäres Schicksal. Anges’ Mutter Tirop erzählte in kenianischen Medien, ihre Tochter habe für alle Kinder in der Familie die Schulgelder und die Kleidung bezahlt. Sie habe dafür gesorgt, dass alle genügend zu essen haben. Ihrem Vater hat sie einen Molkereibetrieb spendiert, der laut eines Berichts der „Daily Nation“ kurz vor der Fertigstellung steht. „Meine Tochter hatte gute Pläne, unsere Familie ökonomisch abzusichern“, wird er zitiert.

Am heutigen Samstag, dem Tag, an dem Agnes Tirop 26 geworden wäre, wurde sie in Iten beerdigt. „Ich habe getrauert, ich habe geweint, ich habe alle meine Tränen aufgebraucht“, sagte ihre Mutter bei der Bestattung, wie die BBC berichtet. Ein aus dem Nandi County stammender Senator hatte sich bereit erklärt, die Kosten für die Beerdigung zu übernehmen, an der rund 4.000 Menschen teilnahmen, darunter zahlreiche kenianische Laufstars und ehemalige Teamkolleginnen wie Hellen Obiri und Faith Kipyegon. Aus dem Nachbarland sind die Olympasieger Joshua Cheptegei und Peruth Chemutai angereist. „Das Unrecht gegen Athletinnen hier in Kenia geht uns Sportler rund um den Globus an“, begründete Cheptegei seine Anwesenheit laut SID.

Am gestrigen Freitag versammelten sich Tausende Kenianerinnen und Kenianer vor dem Krankenhaus in Eldoret für einen Protestmarsch. Sie hielten großdimensionale Bilder von Agnes Tirop gleich wie Botschaften wie „Stoppt Gewalt von Männern gegen Frauen!“ in die Höhe. Wie die „Daily Nation“ berichtet, waren etliche Athletinnen und Athleten und Leichtathletik-Coaches unter den Beteiligten. Auch Eliud Kipchoge ist extra angereist.

Eine Foundation zugunsten von häuslicher Gewalt betroffener Frauen wird in Ehren der Verstorbenen eingerichtet. Der Crosslauf in Eldoret, Teil der neuen World Cross Country Tour, soll den Namen Agnes Tirop tragen.