Bashir Abdi nimmt in Rotterdam Europarekord ins Visier

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Es war einer der eindringlichsten Indizien der letzten Zeit dafür, dass Marathon irgendwie doch ein Individualsport mit Teamcharakter ist, wie Eliud Kipchoge nicht nur im Zuge der INEOS 1:59 Challenge in Wien schon seit Jahren bei jeder Gelegenheit betont. Die letzten Sekunden des Olympischen Marathonlaufs in Sapporo tickten, der große Meister wartete im Ziel wie Zig-Millionen TV-Zuschauer weltweit auf die Entscheidung, mit wem er gemeinsam nach Tokio jetten sollte, um rechtzeitig zur Medaillenzeremonie im Rahmen der Schlusszeremonie der Olympischen Spiele das Stockerl besteigen zu können. Es sollten zwei Europäer sein. Abdi Nageeye war im Endspurt eines Trios um Silber nicht nur der Stärkste. Der Holländer fand auch noch die Energie, Bashir Abdi aus Belgien gestenreich Anfeuerung zu geben, doch bitte alles aus sich herauszuholen. Zwei Monate lang hatten sich die Trainingspartner täglich gemeinsam auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Der Versuch gelang, der 32-Jährige schnappte sich den Kenianer Lawrence Cherono und wurde Dritter.

Europarekord in der „Marathon-Stadt“?

Es war selbstredend Abdis größter Erfolg in seiner sportlichen Laufbahn. Für den Rotterdam Marathon am Sonntag, der das spannende Marathon-Triple in den Niederlanden nach Eindhoven und Amsterdam beendet, hat sich der wie Nageeye aus Mogadischu in Somalia stammende Athlet ein weiteres hochkarätiges Ziel vorgenommen. Er will den Europarekord von Kaan Kigen Özbilen unterbieten. Diesen hat der Türke beim Valencia Marathon 2019 auf eine Zeit von 2:04:16 Stunden gestellt, Abdi wurde beim Tokio Marathon 2020 der zweite Europäer, dem eine Marathonzeit unter 2:05 Stunden gelang: 2:04:49 Stunden.

„Wenn ich an Rotterdam denke, denke ich an Marathon. Es ist die Marathon-Stadt für mich“, lobt Abdi die Veranstaltung. „Die Strecke ist superschnell, die Organisation exzellent. Wenn ich eine Chance auf den Europarekord habe, dann bestimmt hier. Dafür muss ich aber mein Bestes geben.“ Abdi, der als Kind mit seiner Familie aus Somalia geflohen und als Jugendlicher nach Aufenthalt in Dschibuti und Äthiopien nach Belgien gekommen ist, bezeichnet den Rotterdam Marathon als „Heimspiel“. Nicht zu unrecht, denn Abdi, Vater von zwei Kindern, lebt zwar in Belgien, ist aber mit einer Holländerin verheiratet. Und er hat beim Rotterdam Marathon 2018 sein Debüt über die 42,195 Kilometer gefeiert, als er nach einem Sturz beim Start mit aufgeschürften Knie das Ziel nach 2:10:46 Stunden erreichte. Der von Mo-Farah-Coach Gary Lough betreute Athlet fühlte sich von den Olympischen Spielen rasch gut erholt und bestritt mit dem Great North Run Mitte September bereits wieder einen Wettkampf in 1:02:08 Stunden (Halbmarathon).

Kipserem um Titelverteidigung

Bashir Abdi, so die Hoffnung des Veranstalters, könnte mit seiner Leistung die große Geschichte bei der 40. Auflage des Traditionsmarathons in der holländischen Hafenstadt spielen. Die Wetterprognose ist für ambitioniertes Schnellaufen gut: Temperaturen um 11°C beim Start um 10 Uhr, eine leichte Wolkendecke und für Rotterdam moderater Wind sind vorhergesagt.

Abdi ist in ein sehr leistungsstarkes Elitefeld eingepackt, das einen spannenden Kampf um den Sieg verspricht. Angeführt wird es vom Kenianer Marius Kipserem, der 2019 den Rotterdam Marathon gewann und dabei in einer Zeit von 2:04:11 Stunden einen neuen Streckenrekord markierte. Auch 2016 hatte er in Rotterdam gewonnen (damals exakt zwei Minuten „langsamer“), 2018 wurde er Fünfter. Neben ihm und Abdi ist mit dem Äthiopier Solomon Deksisa ein dritter Athlet mit einer Bestleistung von unter 2:05 Stunden am Start. Der 27-jährige Äthiopier ist der Sieger des Hamburg Marathon 2018, danach lief er in Amsterdam zweimal auf das Stockerl, 2019 nur sieben Sekunden hinter Sieger Vincent Kipchumba. Ebenfalls Chancen auf den Sieg rechnen sich die Kenianer Emmanuel Saina, 2019 in Rotterdam Dritter, und der 38-jährige Routinier Gideon Kipketer aus. Das Feld der sub-2:07-Läufer ergänzen die Äthiopier Dawit Wolde, ein ehemaliger 1.500m-Läufer und Gewinner des Prag Marathon 2019, Kebede Wami und Limenih Getachew.

Ein deutsches Duo in Rotterdam

Aus deutscher Sicht interessieren auch die Auftritte von Johannes Motschmann und Frank Schauer, die die Veranstaltungsqualität in Rotterdam für eine Steigerung ihrer persönlichen Bestleistungen nutzen wollen. Motschmann feierte sein Marathon-Debüt im Dezember 2020 im Wiener Prater und lief nach 2:14:38 Stunden ins Ziel. Die Rotterdam-Generalprobe gelang mit einem Halbmarathon in 1:02:42 Stunden an seinem Studienort New York. Schauer, deutscher Marathonmeister von 2013, jagt seine vom Frankfurt Marathon 2017 stammende Bestleistung von 2:16:30 Stunden. Sein letzter Wettkampf war vor zwei Wochen ein 10km-Lauf in Berlin in 29:44 Minuten, im Frühjahr gab er den Einladungsmarathon in Dresden frühzeitig auf.

Kenianisches Duell um Frauen-Sieg

Das kleinere Elitefeld der Frauen wird angeführt von den beiden Ostafrikanerinnen im Feld, Bornes Kitur und Stella Barsosio aus Kenia. Die 34-jährige Kitur lief ihren schnellste Marathon 2019 in Lubljana, als sie den ersten Platz erzielte (2:21:26). Ebenfalls gewann sie den Prag Marathon 2018. Barsosio hat zwischen 2015 und 2019 nicht weniger als zwölf Marathonläufe gewonnen, der größte Sieg war jener in Sydney, das insgeamt beste Resultat der zweite Platz von Rotterdam 2019 in persönlicher Bestleistung von 2:23:36 Stunden. Die schnellsten Europäerinnen im Feld sind Nataliya Lehonkova aus der Ukraine, Zweite beim Hannover Marathon 2017, die Britin Clara Evans und Runa Skrove Falch aus Norwegen.

Rund 40.000 Läuferinnen und Läufer angemeldet

Seit rund einem Monat unterliegen holländische Laufveranstaltungen keinen staatlich verordneten, allgemein gültigen COVID-Regeln. Der NN Marathon Rotterdam konnte alle seine rund 17.000 Startplätze für den Marathon verkaufen, auch der Viertelmarathon ist mit 16.000 Teilnehmenden laut Veranstalter ausverkauft, dazu kommen noch rund 7.000 Registrierte auf kürzeren Distanzen inklusive der Kinderbewerbe.

NN Rotterdam Marathon