Ruth Chepngetich Star des Chicago Marathon

Seit einiger Zeit dominieren Läuferinnen mit Weltklassevorleistungen im Halbmarathon bei den wichtigsten Marathons. Ruth Chepngetich ist die schnellste Halbmarathonläuferin unter den Marathonstars. Beste Voraussetzungen für eine große Show auf der Weltrekordstrecke.

Ruth Chepngetich bei ihrem WM-Titel 2019 in Doha. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein

Der Olympische Marathon soll kein Vorbote für den Auftritt am Sonntag beim Chicago Marathon sein, vielmehr der Halbmarathon von Istanbul Anfang April. Dort stürmte Ruth Chepngetich zu einer Zeit von 1:04:02 Stunden, mittlerweile abgelöster Weltrekord. Seither stellt sich aber die Frage, zu welchen Leistungen die 27-Jährige, die keinen Coach hat und sich von der Agentur Rosa Assocati vertreten lässt, im Marathon fähig ist. Vermutlich zu Großartigem. Ihre persönliche Bestleistung von 2:17:08 Stunden ist schon zweieinhalb Jahre alt, in der schnelllebigen Zeit der technischen Evolutionen am Laufschuhmarkt eine nicht gerade kurze Zeitspanne. Die Halbmarathon-Bestleistung hat laut World-Athletics-Punktesystem einen wesentlich höheren Wert, der vergleichbar wäre mit einer Marathonzeit direkt auf Höhe des Weltrekords von Brigid Kosgei (2:14:04), gelaufen 2019 – genau – in Chicago.

Ein Traum

„Ich bin noch nie in den USA gelaufen, davon habe ich immer geträumt“, freut sich die 27-Jährige gegenüber der kenianischen Tageszeitung „The Star“. „Ich will alles geben und so schnell wie möglich laufen“, so die viertschnellste Marathonläuferin der Geschichte weiter. Beim Olympischen Marathon stieg sie nach zwei Dritteln aus. Sisay Lemma hat letzten Sonntag den London Marathon gewonnen, nachdem er das Olympische Rennen frühzeitig aufgegeben hatte. Warum sie sich als Autodidakten an diese großen Ziele herantastet, erzählte sie vor einem Jahr der kenianischen Tageszeitung „Daily Nation“: „Ich weiß natürlich, was für mich im Training funktioniert, also brauche ich keinen Trainer. So lange ich ein paar gute männliche Trainingspartner habe, die mich puschen, fühle ich mich wohl.“

Bisher hat sie gute Erfahrungen damit gemacht. Chepngetich ist eine Spätzünderin, auch, weil sie im Teenageralter Mutter wurde. Ihre Tochter Sharleen ist mittlerweile zehn Jahre alt. Ab 2017 ging es kontinuierlich voran, erst im Halbmarathon, dann im Marathon mit einem zweiten Platz beim Paris Marathon 2018, einem überragenden Sieg in Istanbul (2:18:35) und der neuerlichen Verbesserung beim Dubai Marathon 2019. Ein gutes halbes Jahr später wurde Ruth Chepngetich Weltmeisterin in Doha – ein gutes Vorzeichen für Sonntag. Zwar werden die Bedingungen nicht so drastisch wie damals, aber die Wetterprognose sieht bereits 20°C zum frühen Startzeitpunkt um 7:30 Uhr vor, bei ordentlicher Luftfeuchtigkeit und mittelstarkem Wind. Einfach wird es also nicht für den Star des diesjährigen Chicago Marathon, das Optimum herauszuholen.

Sara Hall nimmt den US-Rekord in den Mund

Die Strategie des Chicago Marathon war in den letzten Jahren, stets in einem für einen World Marathon Major vergleichsweise dünn besetzten Elitefeld einen Superstar zu präsentieren. Das waren in den letzten Jahren erst Florence Kiplagat, dann Tirunesh Dibaba und zuletzt zweimal Brigid Kosgei. Chpengetich passt genau in diese Reihe und strebt ein individuelles Rennen gegen die Zeit an, mit Unterstützung männlicher Tempomacher versteht sich. Doch in diesem Jahr schreibt der Chicago Marathon vielleicht eine zweite faszinierende Geschichte. Sara Hall, Überfliegerin in fortschreitendem Alter, hat angekündigt, den US-Rekord von Deena Kastor (2:19:36) zu attackieren.

Kastor hat ihren Rekord beim London Marathon 2019 aufgestellt, die 38-jährige Hall ist seit dem Elite-Marathon in Arizona im vergangenen Dezember, ein Rennen bei besten Bedingungen und vermutlich in der Form ihres Lebens, die Nummer zwei der ewigen US-Bestenliste: 56 Sekunden hinter Kastor. Die Leistungen der letzten Wochen und Monate zeigen bei Hall allerdings nicht diese traumhafte Verfassung, die sie im Herbst 2020 auch zu Platz zwei beim London Marathon hinter Kosgei geführt hat. Bei der Generalprobe, den US-Meisterschaften über zehn Meilen, blieb sie nur knapp unter dem Kilometerschnitt, den sie über die 2,6fache Distanz im Marathon bräuchte, um den US-Rekord zu verbessern.

Kiplagat: Mit Siegesserie und guter Generalprobe

Abgesehen von Chepngetich und Hall ist das Elitefeld der Frauen überschaubar. Aus Ostafrika kommen Vivian Kiplagat aus Kenia und Meseret Belete aus Äthiopien hinzu. Kiplagat scheint bestens in Form zu sein, schließlich lief sie vor vier Wochen in Kopenhagen einen Halbmarathon in 1:06:07 Stunden. Und sie kann auf eine beachtliche Siegesserie vor Pandemiestart verweisen. 2019 gewann sie die Marathons in Mailand, Mexiko City und Abu Dhabi (PB: 2:21:11), 2018 in Mailand, Buenos Aires und Honolulu. Das waren nicht weniger als sechs Siege aus sieben Rennen.

Die besten US-Amerikanerin hinter Sara Hall sind Keira D’Amato, Emma Bates, die aus Burundi stammende Diane Nukuri und Lindsay Flanagan. Startberechtigt sind alle Läuferinnen und Läufer, die entweder einen Impfnachweis oder ein negatives Testergebnis eines COVID-19-Tests vorlegen können, zweiteres mit einer maximalen Gültigkeit von 72 Stunden. Am Veranstaltungsgelände herrscht Maskenpflicht, alle Menschen, die Symptome zeigen, werden angehalten, dem Event fernzubleiben. An die 35.000 Läuferinnen und Läufer haben sich für den Bank of America Chicago Marathon 2021 registriert – ein Jahr nach der Corona bedingten Absage.

Bank of America Chicago Marathon

Abbott World Marathon Majors