Weltrekordlerin Kosgei geht auf London-Triple los

Acht Wochen nach ihrem zweiten Platz bei den Olympischen Spielen geht Brigid Kosgei als Favoritin in den London Marathon. Die Konkurrenz riecht dennoch ihre Chance, die Weltrekordhalterin besiegen zu können.

© Virgin Money London Marathon / Bob Martin

Eigentlich ist die Versuchung groß, Brigid Kosgei als die beste Marathonläuferin der Jetzt-Zeit zu titulieren – nicht erst, seitdem Mary Keitany ihren Rückzug aus dem Leistungssport bekannt gegeben hat (siehe RunAustria-Bericht). Der Weltrekordlauf von Chicago 2019 in einer Zeit von 2:14:04 Stunden ist zu überzeugend. Er hat eine neue Ära eröffnet, wenngleich die Entwicklung des Weltrekords im Halbmarathon der Frauen darauf hindeutet, dass diese Fabelzeit von Kosgei vielleicht nicht so unerreichbar durch Kontrahentinnen oder sie selbst ist, wie der Abstand zu den nächstbesten Leistungen in der ewigen Weltbestenliste den Eindruck erweckt. Aber, und das ist ein Aber: Im Gegensatz zu ihrem Landsmann Eliud Kipchoge ist die Weltrekordläuferin nicht Olympiasiegerin. Peres Jepchirchir war im Hitzerennen von Sapporo die bessere der beiden Kenianerinnen. Ein Fakt, der Kosgei sicherlich stört. „Ich mag dieses heiße Wetter nicht“, sagte die 27-Jährige bei der Pressekonferenz in London. „Die Bedingungen hier liegen mir besser als jene in Tokio.“

Der RunAustria-Vorbericht auf das Männer-Rennen:

Der sportliche Höhepunkt des Marathon-Herbsts

Zurückhaltung wegen Müdigkeitsgefühl

Von einem Weltrekordlauf spricht in London vorerst ohnehin niemand, viel mehr widmet sich die Öffentlichkeit der Frage, wie frisch Kosgei am Sonntag sein wird. „Ich spüre noch eine gewisse Müdigkeit in meinen Körper, allerdings habe ich mich gut vorbereitet und es sollte in Ordnung gehen. Ich bin hier, um mein Bestes zu gehen“, so die Kenianerin. Die neuen elitären Laufschuhe sind zwar für diverse Körperpartien fordernd, geben insgesamt aber die Chance auf eine schnellere Regeneration nach einem Marathon. So sind frische Beine nach acht Wochen längst nicht mehr so ungewöhnlich wie früher, die Schweizerinnen Fabienne Schlumpf (Wien) und Martina Strähl (Berlin) haben das gezeigt. Nur zwei Tage komplette Ruhe habe sich Kosgei nach der Rückkehr aus Japan gegeben. „Das Feld ist extrem stark. Alle wollen auf das Podium. Ich wünsche allen das Beste und bin gespannt, wer am Sonntag gewinnt“, gab die Weltrekordhalterin ein Rätsel auf, würde sich aber über den dritten Sieg in Folge in London freuen.

Auch Salpeter und Dereje mit kurzer Regenerationspause

Die verbale Zurückhaltung Kosgeis lässt die Hoffnungen bei der Konkurrenz stiegen. Das Feld ist in der Tat voller Weltklasse, gleich neun Läuferinnen haben persönliche Bestleistungen unter 2:20 Stunden. Das hat es selbst beim London Marathon noch nie gegeben. Lonah Chemtai Salpeter, die den Olympischen Marathon kurz vor dem Ende aufgab und wenige Tage später in einem Aufsehen erregenden Interview mit der „Times of Israel“ dies mit plötzlich auftretenden Menstruationskrämpfen begründete, ist die Nummer zwei der Startliste. Die 32-jährige, gebürtige Kenianerin ist die siebtschnellste Marathonläuferin der Geschichte und hofft auf ihren zweiten Sieg bei einem World Marathon Major nach Tokio 2020.

Sechs Jahre ist es her, als zuletzt eine Äthiopierin den London Marathon gewinnen konnte (Tigist Tufa). Diese Serie zu beenden ist die Ambition von Roza Dereje, Siegerin des Valencia Marathon 2018, Birhane Dibaba, Zweite beim Tokio Marathon 2020, Degitu Azimeraw, Siegerin des Amsterdam Marathon 2019, Tigist Girma, Zweite beim Amsterdam Marathon 2019, Ashete Bekere, Siegerin des Rotterdam und Berlin Marathon 2019 und Vorjahres-Vierte in London, sowie Zeineba Yimer, in Valencia bereits Vierte und Fünfte. Wie Kosgei und Salpeter hat auch die 24-jährige Dereje den Olympischen Marathon in den Knochen, den sie als unglückliche Vierte beendete. Dibaba und Yimer dagegen sind bereits früh aus dem Rennen ausgeschieden und konnte sicherlich viel schneller regenerieren.

Jepkosgei mit Schwung aus Berlin

Das Elitefeld komplettieren die starken Kenianerinnen Joyciline Jepkosgei und Valary Aiyabei. Die 27-jährige Jepkosgei dürfte in Topform in die britische Hauptstadt kommen. Sie gewann 2019 bei ihrem ersten vollen Marathon in New York, steigerte sich auf eine Zeit von 2:18:40 Stunden, als sie beim Valencia Marathon 2020 Zweite wurde und stimmte sich mit einer Halbmarathonzeit von 1:05:16 Stunden Ende August in Berlin ein. Sie gab ihrer London-Premiere der Möglichkeit, beim New York City Marathon den Titel zu verteidigen, beachtlicherweise den Vorzug. Auch Valary Aiyabei, die beim Frankfurt Marathon 2019 ihre Sternstunde erlebte, möchte das Rennen gewinnen. Im kenianischen Medium „The Star“ betonte sie, in der Form ihres Lebens zu sein und bezeichnete die Gewichtsreduktion auf lediglich 40 Kilo als ideal für sie, so schnell wie möglich zu laufen.

Purdue mit Wut im Bauch

Hinter der großen ostafrikanischen Topgruppe führt der australische Dauerbrenner Sinead Diver, mittlerweile 44 Jahre alt und vor acht Wochen beachtliche Zehnte bei den Olympischen Spielen in Sapporo, die Gruppe der englischsprachigen Topläuferinnen an. Mit enormer Wut im Bauch wird Charlotte Purdue als erwartungsgemäß stärkste Britin ins Rennen gehen. Die 30-Jährige konnte nämlich nicht verstehen, warum sie nicht für die Olympischen Spiele nominiert wurde, obwohl sie mit einer Bestleistung von 2:25:38 Stunden (London 2019) und diversen beachtlichen Halbmarathonzeiten beste Karten in der Hand zu haben schien. Die Trials verpasste sie verletzungsbedingt, neben Trial-Siegerin Steph Davies wurden ihr Jess Piasecki, Siegerin des Florenz Marathon 2019, und Steph Twell vor die Nase gesetzt. Nicht nur Purdue wunderte sich: „Es war hart, denn Olympia war das große Ziel.“

Als ob ein Bus über sie drübergerollt wäre, habe sie sich gefühlt, als sie von der Nicht-Nominierung erfuhr, erzählte sie später britischen Medien. Nun hat sie den Schock überwunden und neue Ziele: ein guter London Marathon als Basis einer WM-Teilnahme 2022 in Eugene und langfristig Olympia 2024. „Wenn ich an den Start gehe, will ich immer 100% geben. Heuer bin ich ganz besonders motiviert“, sagte sie dem britischen Leichtathletik-Magazin „Athletics Weekly“. Das WM-Limit ist dasselbe wie für Tokio: 2:29:30 Stunden bei den Frauen, 2:11:30 Stunden für die Männer.

Ein Marathon in Skischuhen

46.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich für den London Marathon 2021 angemeldet. Wie bei anderen internationalen Marathonläufen in den letzten Wochen wird aber auch in der britischen Hauptstadt ein Teil davon nicht erscheinen, weshalb der Veranstalter bereits im Vorfeld konservativ von rund 40.000 Marathonbegeisterten sprach. Nicht weniger als 49 Guiness-Weltrekord-Versuche wurden offiziell angemeldet, die am Sonntag für einige nette Kuriositäten sorgt. Ein Auszug: Schnellster Marathon einer Läuferin in Feuerwehr-Uniform, schnellster Marathon einer Läuferin in einem Kostüm einer dreidimensionalen Pflanze, schnellster Marathon eines Läufers, der als Spitalspatient verkleidet ist, schnellster Marathon mit einem Fahrrad auf der Schulter, schnellster Marathon mit einer U-Boot-Verkleidung und – für uns Österreicher sehr interessant – schnellster Marathon in Skischuhen.

Die Marathonwelt ist so schön, wenn sie wieder in all ihrer Buntheit erstrahlt. RunAustria wünscht viel Vergnügen und einen besonders schönen Moment beim Ausziehen der Skischuhe im Ziel.

Virgin Money London Marathon

Abbott World Marathon Majors