Mary Keitany – Karriereende einer Marathon-Größe

Mit Mary Keitany hat am gestrigen Mittwoch eine der erfolgreichsten Marathonläuferinnen aller Zeiten und der wahrscheinlich größte weibliche Marathon-Star der letzten Jahre das Ende ihrer spitzensportlichen Karriere bekannt gegeben. „Es ist der Zeitpunkt gekommen, zu dem Sport, den ich liebe, Goodbye zu sagen. Auch wenn lediglich als Eliteläuferin.“

Mary Keitany bei ihrem Sieg beim Halbmarathon in Olmütz 2015. © SIP / René van Zee

Sie endete irgendwie unvollendet, die große Marathon-Karriere von Mary Keitany. Dreimal Siegerin beim London Marathon, viermal beim New York City Marathon. Obwohl es im letzten Jahrzehnt Phasen gab, in denen sie die internationale Marathonszene dominierte. Dennoch gelang es ihr nie, den damaligen Weltrekord von Paula Radcliffe zu brechen. Und ganz unglücklich wurde sie mit den Olympischen Spielen. 2012, bei ihrer einzigen Teilnahme, musste sie sich als haushohe Favoritin mit der „Blechernen“ zufrieden geben. 2016 wurde sie in einer umstrittenen Entscheidung des Kenianischen Leichtathletik-Verbandes (Athletics Kenya) nicht für Rio nominiert, nachdem sie beim London Marathon wenige Monate davor ihr schlechtestes Marathonresultat überhaupt produziert hatte. Ihren Frust münzte sie in einen Sieg in New York um, wo sie über dreieinhalb Minuten Vorsprung auf die Zweitplatzierte herauslief. Und jetzt, zum Karriereende, fehlt ihr der glorreiche Abschied bei einem ihrer Lieblingsmarathons, da Rückenprobleme ein Antreten verhindern.

Langwierige Rückenprobleme

Gerne hätte sie nach ihrem zweiten Platz beim New York City Marathon 2019 noch weitere Marathonläufe bestritten, erklärt sie in einem Statement, das ihr Manager Gianni Demadonna veröffentlicht hat. Doch die Pandemie kam ihr in die Quere. Die Reisebeschränkungen im Frühjahr 2020 verhinderten, dass Keitany ihre bereits längere Zeit hinderlichen Rückenschmerzen in Europa behandelt. Als sie dachte, Besserung wäre eingetreten, trat die Verletzung bei Wiedereinstieg ins harte Training neuerlich auf. Der Schluss der mittlerweile 39-Jährigen: Karriereende.

Marathon-Queen und zweifache Mutter

Mit Bestleistungen im Marathon von 2:17:01 Stunden und im Halbmarathon von 1:04:55 Stunden liegt sie gegenwärtig auf den Rängen drei und acht in den ewigen Bestenlisten. Dreimal gewann sie die Gesamtwertung der World Marathon Majors. Mit sieben Tagessiegen bei World Marathon Majors hält sie den Rekord, seitdem die Serie so genannt wird. Alle sieben Marathonsiege feierte sie als Mutter, fünf nach ihrer zweiten Schwangerschaft.

Halbmarathon-WM-Titel als Sprungbrett in den Marathon

Keitany genoss über die zeitliche Distanz von mehr als einem Jahrzehnt eine äußerst erfolgreiche Laufbahn. Erstmals international in Erscheinung trat sie im Jahr 2007, als sie nach zwei Halbmarathon-Siegen in Frankreich bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften in Udine WM-Silber gewann. Geschlagen geben musste sich die Kenianerin lediglich Lornah Kiplagat, die einen Weltrekord für reinen Frauenrennen aufstellte, der elf Jahre lang hielt. Zwei Jahre später gewann die frisch gebackene Mutter in Birmingham die Goldmedaille und wechselte in den Marathon. 2010 feierte sie in New York ihr Debüt, ein Jahr später fiel sie sinnbildlich ordentlich auf die Nase. Nach einer irren ersten Marathon-Hälfte, mit der sie sich auf der bekannt schwierigen Strecke am „Big Apple“ auf Weltrekordkurs brachte, brach sie ziemlich ein und wurde nur Dritte.

Denkwürdiger Auftritt beim London Marathon 2017

Ein halbes Jahr zuvor hatte sie den zweiten Marathon ihrer Karriere in London gewonnen und erstmals die Marke von 2:20 Stunden geknackt. Nur Wochen zuvor hatte sie beim RAK Halbmarathon einen neuen Weltrekord aufgestellt: 1:05:50 Stunden, er hielt drei Jahre lang. Darin war ihr unerschöpfliches Selbstvertrauen begründet. Es folgten zwei weitere Siege in der britischen Hauptstadt, der beeindruckendste war jener 2017, als ihr das wohl stärkste Rennen ihrer Karriere gelang. Im Alleingang stürmte sie, laut Let’sRun.com ohne innovativen Topschuh, zu einer Zeit von 2:17:01 Stunden, die mit Abstand schnellste Zeit bisher, die im Frauen-Marathon ohne die Unterstützung männlicher Tempomacher erzielt wurde. 1:06:54 Stunden lautete ihre unheimliche Halbmarathon-Durchgangszeit.

Die Liebe zu New York

Noch besonderer wurde nur ihre Beziehung zum New York City Marathon, mit dem sie 2014 Frieden schloss und erstmals gewann. Es folgte eine Serie, die bis dato nur Grete Waitz vorweisen konnte. Den vierten Sieg in Folge vereitelte im Jahr 2017 die US-Amerikanerin Shalane Flanagan, als Keitany, geschwächt von ihrem Zyklus, nicht die Topleistung abrufen konnte und mit diesem Tabuthema im Laufsport recht offen umging. Ein Jahr später folgte der vierte Triumph beim New York City Marathon, stets in Begleitung ihrer Kinder Jared und Samantha, nun 13 und acht Jahre alt.

16 Marathonläufe hat die Kenianerin bestritten, keinen außerhalb Londons oder New Yorks. Ihr geplantes Debüt beim Boston Marathon 2020 kam aufgrund ihrer Verletzung nicht zustande, die Pandemie hätte es ohnehin unmöglich gemacht. Mit einer Körpergröße von 1,58m und einem Wettkampfgewicht von zeitweise nur 44 Kilogramm galt sie selbst in der Marathonszene als Leichtgewicht, war aber mit ihrer Erscheinung beim Laufen oft die Größte. In naher Zukunft möchte Keitany mehr Zeit mir ihrer Familie und im speziellen ihren Kindern verbringen. Sie lebt mit ihrem Mann Charles auf einer Farm und besitzt ein Hotel in Eldoret. Außerdem ist sie für diverse karitative Einrichtungen in ihrer Heimat tätig.