„Ich hoffe auf zwei Schweizer Siege“

Die Schweizer Marathon-Rekordhalter Tadesse Abraham und Fabienne Schlumpf wollen am Sonntag im Kampf um den Sieg beim Vienna City Marathon mitmischen. Die Äthiopierin Gelete Burka ist die schnellste Marathonläuferin, die je in Wien am Start war. Victoria Schenk und Hans-Peter Innerhofer zielen auf die Goldmedaille bei den ÖLV-Staatsmeisterschaften ab.

© VCM / Leo Hagen

Als Tadesse Abraham 2019 beim Vienna City Marathon als Zweiter über die Ziellinie vor dem Burgtheater gelaufen ist und die zweitschnellste Marathonzeit seiner Karriere verbucht hat, hatte er ein Laufwochenende voller positiver Erlebnisse hinter sich. Er versprach, zu Österreichs größtem Laufevent zurückzukehren, hätte dies schon 2020 getan und löst sein Wort nun 2021 ein. Bei der Pressekonferenz am Freitag im Radisson Blue Royal Park in Wien, dem offiziellen VCM-Partnerhotel, formulierte er seinen Wunsch für Sonntag: zwei Schweizer Siege.

Angeknüpft an die Olympia-Vorbereitung

Für einen Part wird er selbst verantwortlich sein. Hinter dem Äthiopier Betesfa Getahun, der 2019 als Vierter beim Amsterdam Marathon eine persönliche Bestleistung von 2:05:28 Stunden erzielt hat, ist der Schweizer Rekordhalter die Nummer zwei im Feld, das leistungsstarke Mitstreiter aus Kenia und Japan vorsieht. Zehn Läufer sind in ihren Laufbahnen bereits unter 2:10 Stunden gelaufen. Der 39-jährige Routinier, 2016 Olympia-Siebter und davor in Amsterdam Europameister im Halbmarathon, musste den Olympischen Marathon 2021 in Sapporo mit Atemproblemen nach zwei Drittel der Distanz aufgeben. Nach einer kurzen Regenerationsphase, in der vorwiegend die mentale Regeneration und das Wiederentdecken der Motivation im Vordergrund standen, knüpfte er an die gute Vorbereitung auf Olympia an und fühlt sich fit für Sonntag.

Die Schweizer Marathonrekordhalter Fabienne Schlumpf und Tadesse Abraham. © VCM / Leo Hagen

Zwei Marathons binnen fünf Wochen

Auch Fabienne Schlumpf, die im April bei ihrem Marathon-Debüt in Bern einen Schweizer Rekord von 2:26:14 Stunden gelaufen ist, nahm an den Olympischen Spielen teil und überzeugte dort als drittbeste Europäerin mit Platz zwölf. Daher war die Regeneration eine wesentlich größere Herausforderung als für ihren Landsmann, denn zwei volle Marathons binnen so kurzer Zeit sind ungewöhnlich und eine enorme Herausforderung für den Körper. Die unmittelbare Erholungsphase gestaltete sie aktiv mit Radfahren und Schwimmen und wechselte dann zur finalen Vorbereitung auf den VCM ins Höhentrainingslager nach St. Moritz. „Es war eine große Herausforderung für mich, die Balance zwischen Regeneration und neuen Trainingsreizen zu finden“, schilderte sie und ist der Meinung, dass ihrem Trainer Michael Rüegg und ihr diese Gratwanderung gelungen ist. „Ich fühle mich mental und körperlich fit.“

Ein Experiment

Die 30-Jährige nimmt sich trotz der schwierigen Vorzeichen eine Verbesserung ihres Landesrekordes vor und will den Wettkampf mit viel Risiko angehen. Also wesentlich schneller als bei ihren beiden bisherigen Marathons. „Es ist ein Experiment. Ich will so schnell laufen wie möglich. Wir werden sehen, was bei Kilometer 30 oder 35 noch geht“, kündigte sie an. Vielleicht hilft die Kulisse: „Meine Vorfreude ist riesengroß, weil ich noch nie vor so einem großen Publikum einen Marathon gelaufen bin“, so Schlumpf. Favoritin auf den Sieg beim VCM ist sie allerdings nicht. Die Äthiopierin Gelete Burka ist mit einer persönlichen Bestleistung von 2:20:45 Stunden (Dubai 2018) die Läuferin in der VCM-Geschichte, die mit dem besten Vorwert zu Österreichs größtem Marathon gekommen ist. Beim Chicago Marathon 2019 blieb die 35-Jährige ein zweites Mal unter 2:21 Stunden, dazu zieren die Siege beim Ottawa Marathon 2018 und Paris Marathon 2019 ihre Vita. Die Äthiopierin ist sehr erfahren und war vor ihrem Wechsel auf die Marathonstrecke international sehr erfolgreich auf der Bahn, in der Halle und im Crosslauf.

Wo genau sie leistungsmäßig momentan steht, kann sie schwer einschätzen, da ihr letzter Straßenlauf bereits 20 Monate zurückliegt, ihr letzter Marathon fast zwei Jahre. Bei der Pressekonferenz erzählte sie, dass es aufgrund der Einschränkungen rund um die Pandemie für die äthiopischen Spitzenläuferinnen und Spitzenläufer sehr schwierig war, vernünftig zu trainieren. Im Jahr 2021 lief das Training besser, aus Sicherheitsgründen seien sie und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen allerdings lediglich fürs Training aus dem Haus gegangen und hätten sonst ihre Bewegung sehr eingeschränkt.

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Schenk und Innerhofer haben Staatsmeistertitel im Fokus

Die rot-weiß-roten Höhepunkte beim Marathonlauf werden bei den ÖLV-Staatsmeisterschaften gesetzt, die in den Vienna City Marathon integriert sind. Victoria Schenk (LCU Euratsfeld), im Dezember 2020 im Wiener Prater hinter Eva Wutti (SU Tri Styria) Staatsmeisterschaftszweite, peilt ihren ersten Marathon-Staatsmeistertitel und ihre erste Leistung unter 2:40 Stunden an. „Ich bin sehr optimistisch, diese Zielsetzung zu erreichen“, so die 33-jährige Niederösterreicherin, die als Lehrerin für Mathematik und Sport arbeitet und daher am Tag nach dem Vienna City Marathon in Oberösterreich ins neue Schuljahr startet. Im Sommer absolvierte sie ein Trainingslager in St. Moritz. Die erhoffte neue Marathon-Bestleistung sieht sie als ersten Schritt zu ihrer Ambition, sich für diverse internationale Herausforderungen zu bewerben.

In Abwesenheit zahlreicher der besten heimischen Marathonläufer der letzten Jahre – entweder aufgrund der Olympia-Teilnahme (Peter Herzog, Lemawork Ketema), geplanter Marathonstarts im Spätherbst (Timon Theuer, Christian Steinhammer) oder gar Ende der spitzensportlichen Karriere (Valentin Pfeil, Stephan Listabarth) – ist Marathon-Debütant Hans-Peter Innerhofer (LC Oberpinzgau) der aussichtsreichste Kandidat auf die Goldmedaille. Auch weil Titelverteidiger Isaac Kosgei (TGW Zehnkampf Linz), ein seit vielen Jahren in Linz lebender und mit einer Österreicherin verheirateter kenianischer Staatsbürger, aufgrund einer 2021 schlagend gewordenen, neuen Regel des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV) lediglich Österreichischer Marathonmeister der Altersklasse M40 werden kann, nicht jedoch Staatsmeister.

Österreichs beste Marathonläuferin der letzten Jahre, Eva Wutti startet am Sonntag im Halbmarathon. Sie fühlt sich nach zwei Vorbereitungswettkämpfen noch nicht bereit, um über die 42,195 Kilometer eine Topleistung abzuliefern.

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