Lovisa Lindh mit Frust zum Memorial van Damme

Lovisa Lindh hätte sich nach sportlichen Kriterien locker für die Olympischen Spiele qualifiziert, wurde vom Schwedischen Olympischen Komitee allerdings nicht nominiert. Die enttäuschte Schwedin quittierte die Olympischen Spiele aus Frust mit Desinteresse und versucht zu Saisonende neuen Schwung aufzunehmen. Beim Memorial Van Damme gehen zahlreiche Laufstars auf die Strecke.

© Wanda Diamond League

In der Startaufstellung für den 800m-Lauf der Frauen des Diamond-League-Meetings am Abend in Brüssel steht eine Läuferin, die in den letzten Wochen und Monaten viel Ärger hinunterschlucken musste. Die Schwedin Lovisa Lindh, EM-Medaillengewinnerin von 2016, ist nämlich vom Schwedischen Olympischen Komitee nicht für die Olympischen Spiele in Tokio nominiert worden, obwohl sich die 30-Jährige über die Weltrangliste qualifiziert hätte. Dreimal hat sie im laufenden Kalenderjahr die Marke von zwei Minuten unterboten, kam allerdings an das Olympia-Limit von 1:59,50 Minuten nicht heran. Das SOK argumentierte mit voller Härte: Lindh hätte die Direktqualifikation nicht geschafft und sei daher keine Athletin mit Potenzial auf eine Finalteilnahme, weshalb die Nominierung nicht ausgesprochen wurde. Eine Ausnahme des „Top 8“-Kriteriums, also Athleten mit Potenzial auf Top-8-Platzierungen, wird vom SOK nur für junge Talente ausgesetzt. Lindh lag zum Nominierungszeitpunkt auf Rang 22 der Weltrangliste, 48 Startplätze waren in Tokio vorgesehen. Die ganze Unterstützung des Schwedischen Leichtathletik-Verbandes (SFIF) für seine Athletin half nichts.

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Scharfe Kritik

Für dieses Vorgehen im Falle Lindhs hat Peter Reinebo, CEO des SOK, massive Kritik erhalten. Aus Athleten-, Journalisten- und Trainerkreisen. Zumal viele schätzen, dass eine Athletin mit dem Leistungsniveau von Lindh bei einem taktischen Event wie dem 800m-Lauf tatsächlich eine Chance, wenn auch eine geringe, auf eine Final-Teilnahme gehabt hätte. Das Verwehren des Olympischen Traums ist eine andere Angriffsfläche. Fünf Jahre Training, der harte Kampf der Rückkehr nach Verletzungen, seien unbelohnt, findet Lindh. Was ebenfalls nicht ins Bild passt: Etliche schwedische Läuferinnen und Läufer, die nominiert wurden, verfehlten eine Top-Acht-Platzierung in Tokio deutlich. Zum Beispiel 800m-Kollege Andreas Kramer, der folgerichtig nach einer verpatzten Saison im Vorlauf ausschied. Immerhin hat Reinebo gegenüber Medien die Bereitschaft signalisiert, die Nominierungskriterien zu adaptieren.

Lindh hilft das in ihrer Enttäuschung nichts mehr. In einem Interview mit dem erfahrenen Laufsport-Journalist Christopher Kelsall auf der Website von „Athletics Illustrated“ berichtet sie über die Nachteile, die ihr nun aufgrund der Nicht-Teilnahme widerfahren: „Mir geht nicht nur die Erfahrung, auf der wichtigsten sportlichen Bühne zu performen ab, sondern auch Förderungen und Boni, die ich nur als Olympia-Teilnehmerin erhalten hätte. Außerdem ist mein Wert als Athletin sicherlich geringer, nachdem ich nicht bei Olympia war.“

Kampf um die Diamond-League-Finalplätze

Aus persönlichem Frust erzählte sie, habe sie die Olympischen Laufbewerbe in Tokio nicht verfolgt. Nun soll der Neustart mit dem Ziel Olympia-Teilnahme 2024 beginnen. Am vergangenen Wochenende wurde Lovisa Lindh schwedische Meisterin, das Diamond-League-Rennen heute Abend beim Memorial Van Damme ist ihr dritter Auftritt in der wichtigsten Meetingserie der Welt in diesem Jahr und sie hat Möglichkeiten, mit einem guten Resultat sich für das Diamond-League-Finale in Zürich zu qualifizieren. Was allerdings aufgrund der Qualität im Feld eine schwierige Herausforderung wird.

Für Zürich qualifiziert sind lediglich Olympiasiegerin Athing Mu, die in Brüssel fehlt, und Natoya Goule aus Jamaika. Die Britinnen Keely Hodgkinson und Jemma Reekie, die Äthiopierin Habitam Alemu, die US-Amerikanerin Kate Grace und die Kenianerin Mary Moraa, die nach etlichen Erfolgen in der World Athletics Continental Tour ihr Diamond-League-Debüt feiert, komplettieren das starke Feld, in dem selbst Weltmeisterin Halimah Nakaayi krasse Außenseiterin ist.

Hassan plant schnelle Meile

Laufstar des Events ist Sifan Hassan, für die der Auftritt in der belgischen Hauptstadt ein halbes Heimrennen ist. Die zweifache Olympiasiegerin von Tokio bestreitet ein Meilenrennen und ist als Inhaberin des Weltrekords die klare Favoritin. Insbesondere, weil im Feld keine Läuferin ihr realistischerweise das Wasser reichen kann. Die einzige Frage ist daher, wie schnell das Rennen der Holländerin wird. Auf der Pressekonferenz sagte die 28-Jährige, dass sie sich etwas müde fühlt, aber zuletzt gut trainiert habe und den Auftritt im Koning Boudewijn Stadion mit den Tausenden Fans genießen möchte.

Mit Hallen-Europameisterin Elise Vanderelst steht eine echte Lokalmatadorin im Feld. Auch die 23-Jährige will ein schnelles Rennen laufen und hat den belgischen Rekord von Almensh Belete, der bei einer Zeit von 4:28,11 Minuten steht, fest im Blick.

Stark besetzter 5.000m-Lauf mit Klosterhalfen

Die dritte Laufentscheidung bei den Frauen ist der 5.000m-Lauf, der von Weltmeisterin Hellen Obiri angeführt wird. Die Kenianerin, die sich bei den Olympischen Spielen Sifan Hassan geschlagen geben musste, findet ein starkes Feld vor: Francine Niyonsaba, die Äthiopierinnen Ejgayehu Taye und Fantu Worku, Obiris Landsfrauen Margaret Kipkemboi, wie Niyonsaba und Taye zuletzt mit einer sehr starken 3.000m-Leistung in Paris, und Beatrice Chebet zählen ebenfalls zu den Siegeskandidatinnen. So weit ist Konstanze Klosterhalfen noch nicht, die nach gesundheitlichen Problemen im Frühjahr in der Reihung nach Saisonbestleistungen im Feld nur auf Position zehn liegt. Für die Deutsche geht es allerdings darum, einige Punkte zu sammeln, um noch in die Top-Zwölf der Diamond-League-Wertung zu kommen, um damit sich einen Startplatz für Zürich zu erkämpfen. Gute Chancen, beste Europäerin zu werden, hat demnach auch die Britin Eilish McColgan.

Punktejagd über „metrische Meile“

Bei den Männern geht es lediglich im 1.500m-Lauf um Diamond-League-Punkte. Mit Jakob Ingebrigtsen und Timothy Cheruiyot, beide neben Stewart McSweyn fix für Zürich qualifiziert, fehlen die beiden Topstars der Szene. Nicht nur deshalb ist der Australier der Favorit im Rennen. Eine bessere Bestleistung hat lediglich der spanische Rekordhalter Mohamed Katir. Allerdings ist es fraglich, ob er noch in jener Verfassung wie vor den Olympischen Spielen ist, als er reihenweise Traumzeiten sowohl über 1.500m als auch über 5.000m produzierte. Mit Charles Simotwo und Abel Kipsang sind zwei starke Kenianer am Start, auch der Äthiopier Samuel Tefera, der Spanier Adel Mechaal und der Australier Olivier Hoare kommen für Spitzenplätze in Frage.

Kurz vor Beginn der internationalen TV-Fensters steht auch ein 800m-Lauf der Männer auf dem Programm, in dem Olympia-Silbermedaillengewinner Ferguson Rotich für Starbesetzung sorgt. Ansonsten gehört die Bühne jungen Belgiern, darunter Eliott Crestan.

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