Junioren-WM: Nairobis nächster Schritt

© Olaf Brockmann

Dass Margaret Kenyatta, Kenias First Lady, kurz vor Beginn der Junioren-Weltmeisterschaften der Leichtathletik, also der Nationalsportart schlechthin in Kenia, noch einmal überraschenderweise das Moi International Sports Centre Kasarani in Kenias Hauptstadt Nairobi besuchte und damit das besichtigte, was Barnabas Korir, Chef des lokalen Organisationskomitees, als „Wir sind perfekt vorbereitet und bereit, loszulegen“ bezeichnete, untermalt ein weiteres Mal die Wichtigkeit dieser Veranstaltung für die ostafrikanische Nation. Sie trat in Begleitung der kenianischen Leichtathletik-Legende Kipchoge Keino und Jon Ridgeon, CEO von World Athletics, auf. Ihr Mann, Uhuru Kenyatta, einer der reichsten Männer Afrikas und seit acht Jahren der starke Mann in Kenia, hat seit Monaten gefühlt keine Gelegenheit ausgelassen, sich im Umfeld der Vorbereitung der U20-WM zu präsentieren. Kenia will die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2025 ins Land holen und sich damit in der internationalen Sportevent-Landschaft endgültig etablieren. Auch als Vorbild für ganz Afrika. Mit dem ersten richtigen Großereignis von globaler Bedeutung auf kenianischem Boden. Die Junioren-WM 2020, ausgetragen 2021, ist der zweite Schritt der „Tauglichkeitsprüfung“ unter den Argusaugen der westlichen Welt nach der ziemlich stimmungsvollen WM der Altersklasse U18 vor vier Jahren.

RunAustria-Tipp: Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Altersklasse U20 von Nairobi werden in vollem Umfang auf dem Youtube-Kanale von World Athletics übertragen.
 
 
Livestream von World Athletics

„Seltsame“ Weltmeisterschaften

Damals strömten am Wochenende bis zu 60.000 Zuschauer ins Stadion und schenkten der Leichtathletik-Jugend aus aller Welt eine einzigartige Atmosphäre. Darauf müssen die Nachwuchshoffnungen dieses Mal verzichten, unter Verweis auf die Pandemie werden die Wettkämpfe ohne Publikum über die Bühne gehen. Oder besser gesagt, gehen müssen. Man bereite „seltsame“ Weltmeisterschaften vor, liest man in der kenianischen Presse. Der Gastgeber zeigt sich dennoch bemüht, kenianische Medien verstärken die Botschaften seit Monaten. Kenia ist bereit, zu glänzen und vielleicht auch angestachelt. Denn nachdem World-Athletics-Präsident Sebastian Coe vor Monaten signalisiert hatte, die Leichtathletik-WM 2025 unbedingt auf afrikanischem Boden austragen zu wollen – Nairobi wäre wohl der Favorit und hat Bewerbungsunterlagen bereits eingereicht, brachte der Brite unlängst Tokio als Gastgeber der noch nicht vergebenen Titelkämpfe in vier Jahren ins Spiel. Unter den Eindrücken der Olympischen Spiele, vielleicht in einer Mischung aus Mitleid mit dem japanischen Veranstalter, Wettkämpfe ohne Publikum durchgeführt zu haben, und Begeisterung über die Organisationsqualität.

Zahlreiche Leichtathletik-Großmächte fehlen

COVID-19 ist leider auch bei der Junioren-WM in Nairobi das bestimmende Thema außerhalb des Sports. Etliche Leichtathletik-Kernländer halten die weite Reise als verzichtbar, schienen den kenianischen Voraussetzungen teilweise bereits vor Monaten nicht zu vertrauen und strichen ihre Teilnahme, darunter die USA, Kanada, Großbritannien, Deutschland, Japan, China, Australien und Neuseeland. Im Falle der australischen Leichtathletinnen und Leichtathleten ist diese Entscheidung vermutlich nervenschonender, nachdem das komplette Olympia-Team nach der Rückreise aus Japan für zwei Wochen in Quarantäne musste – und das nicht zu Hause, sondern in Quarantänehotels – und Sportlerinnen und Sportler, die in den Bundesstaat New South Wales weiterreisen, in den Genuss 14 weiterer Quarantänetage kommen. Was nach Bubble in Vorbereitung und in Tokio sowie Durchimpfung im Olympia-Team so absurd ist, dass sogar das Australische Olympische Komitee (AOC) wüst protestiert.

Österreich ist erfreulicherweise als eine von 119 Nationen in Nairobi dabei und stellt zwei der knapp 1.000 Athleten, unter denen auch 13 Olympia-Teilnehmer von Tokio weilen. Swiss Athletics ist mit einem Athleten-Quintett angereist. In Zeiten wie diesen ist allerdings die Anreise nach Ostafrika nicht ganz so einfach, dazu kommen die verschärften Maßnahmen. Aus organisatorischen Gründen musste das Programm kurzfristig um einen Tag verkürzt werden, die Wettkämpfe starten erst am Mittwoch anstatt am Dienstag.

Das Programm der Laufentscheidungen (Finals)

  • Mittwoch, 18. August um 16:45 Uhr: 3.000m-Lauf der Männer
  • Donnerstag, 19. August um 15:30 Uhr: 5.000m-Lauf der Männer
  • Donnerstag, 19. August um 16 Uhr: 3.000m-Lauf der Frauen
  • Freitag, 20. August um 17:05 Uhr: 3.000m-Hindernislauf der Frauen
  • Samstag, 21. August um 15:30 Uhr: 1.500m-Lauf der Männer
  • Samstag, 21. August um 15:45 Uhr: 800m-Lauf der Frauen
  • Sonntag, 22. August um 14:30 Uhr: 800m-Lauf der Männer
  • Sonntag, 22. August um 14:50 Uhr: 1.500m-Lauf der Frauen
  • Sonntag, 22. August um 15:05 Uhr: 3.000m-Hindernislauf der Männer
  • Sonntag, 22. August um 16:10 Uhr: 5.000m-Lauf der Frauen
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    alle Zeitangaben: mitteleuropäische Zeit

Äthiopiens Läufer können Gastgeber in die Suppe spucken

In vielen Laufentscheidungen gibt es laut Entry List klare Favoriten. So etwa im 3.000m-Lauf der Männer mit Tadese Worku, Zweiter der Junioren-Crosslauf-Weltmeisterschaften 2019. Der 19-Jährige ist heuer in Szekesfehervar eine Zeit von 7:34,75 Minuten gelaufen und liegt mit dieser Leistung in den Top-Ten der Weltjahresbestenliste – der Allgemeinen Klasse. Oder sein äthiopischer Landsmann Addisu Yihune, der bei den äthiopischen Trials in Hengelo über 5.000m unter 13 Minuten geblieben ist und um weniger als eine Sekunde einen Olympia-Startplatz verpasst hat. Dasselbe gilt für Bikila Takele, Sieger der äthiopischen Olympia-Trials im 3.000m-Hindernislauf in unter 8:10 Minuten, dann in Tokio enttäuschend. Oder Diribe Welteji im 1.500m-Lauf der Frauen, ebenfalls Trials-Siegerin und ebenfalls in Tokio weit unter ihren Erwartungen. In der Weltjahresbestenliste liegt die 19-jährige Junioren-Weltmeisterin im 800m-Lauf auf Rang neun.

Die Laufbewerbe in Nairobi könnten also ausgerechnet in einem äthiopischen Goldrausch enden, zumindest auf dem Papier. Das hochmotivierte kenianische Team, seit Wochen im Trainingscamp, wird versuchen, auf heimischem Terrain dagegenzuhalten. Gold-Hoffnungen sind etwa 3.000m-Läuferin Teresiah Muthoni und 1.500m-Läufer Kamar Etiang. Das ist jener Athlet, der sich über 1.500m eigentlich für die Olympischen Spiele qualifiziert hätte, dann aber aufgrund seiner Nicht-Zugehörigkeit zu Testing Pools seinen Platz Superstar Timothy Cheruiyot überlassen musste, der Olympisches Silber mit nach Hause nahm. Auch Europa hat Medaillenchancen im Laufbereich, allen voran durch das polnische 800m-Talent Krzystof Roznicki, der den besten Vorwert aller 800m-Läufer hat. Medaillenchancen für die Schweiz gibt es durch U20-EM-Medaillengewinnerin Valentina Rosamilia, die in Abwesenheit ihrer Landsfrau Audrey Werro, in Tallinn Goldmedaillengewinnerin, sich in der Meldeliste lediglich hinter der Südafrikanerin Prudence Sekgodiso einordnet. Auch Svitlana Zhulzhyk aus der Ukraine, in Tallinn vor Rosamilia im Ziel, wird am Start sein.

Keine Angleichung der Alterslimits

Die Junioren-Weltmeisterschaften von Nairobi hätten bereits im Jahr 2020 stattfinden sollen, sind aber aufgrund der Pandemie wie alle anderen wichtigen globalen Sportereignisse abgesagt und 2021 in den Kalender reintegriert worden. Der kenianische Veranstalter bemühte sich, den Leichtathletik-Weltverband dazu zu überreden, aufgrund der Verschiebung ausnahmsweise das Alterslimit um ein Jahr zu erhöhen. Schließlich, so die Argumentation, könne ein ganzer Jahrgang ja nichts dafür, dass eine Pandemie eine Verschiebung der U20-WM provoziert hätte. Zu dieser Angleichung kam es allerdings nicht.

Junioren-Weltmeisterschaften von Nairobi 2020

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