Duell der 19-Jährigen zu neuen Rekorden

Zwei Teenager dominierten das 800m-Finale der Frauen und leiten vermutlich eine neue Ära ein. Caster Semenya ausgenommen war zuletzt das früh verglühte kenianische Wunderkind Pamela Jelimo so schnell wie Goldmedaillengewinnerin Athing Mu. Im August 2008, kurz nachdem sie in Peking Olympiasiegerin wurde.

© Public Domain Pictures / Pixabay

Olympische Spiele sind immer der Höhepunkt einer Olympiade. Das hauptsächliche Ereignis, auf das Läuferinnen und Läufer vier (in diesem Falle notgedrungen fünf) Jahre akribisch hinarbeiten um genau bei diesem Wettkampf in Topform zu sein. Sie sind aber gleichzeitig der Auftakt in eine neue Olympiade. Nach negativen Schlagzeilen und Diskussionen um die Zulassung der zweifachen Olympiasieger Caster Semenya zum 800m-Lauf der Frauen hat sich diese Disziplin mit diesem Rennen in Tokio aus diesem Schatten befreit. Und zwar mit einem besonderen Feuerwerk. Denn egal wie man zu dieser Diskussion steht, sie hat der Disziplin und allen, die sie leidenschaftlich ausüben, geschadet. Und justament im ersten Olympischen Finale nach Beschluss der neuen DSD-Regularien von World Athletics florierten die Leistungen und neue Stars sind geboren.

Jugend an der Macht

Athing Mu, 19 Jahre jung, US-Amerikanerin ist die neue Olympiasiegerin in einer Fabelzeit von 1:55,21 Minuten. Vier Zehntelsekunden schneller als der vier Jahre alte US-Rekord von Ajee Wilson, die im Halbfinale gescheitert war. Ohne Unterstützung einer Tempomacherin, sondern gnadenlos gut von vorne weg. Ein Start- und Zielsieg über jeden der einzelnen 800 Meter. Als jüngste seit Jelimo 2008. Keely Hodgkinson, ebenfalls 19 Jahre jung, die in Großbritannien längst mit der Legende Kelly Holmes verglichen wird, gewann Silber in 1:55,88 Minuten, 0,33 Sekunden schneller als Holmes’ 26 Jahre alter britischer Rekord und die zweitschnellste Zeit einer Europäerin im laufenden Jahrhundert nach Jolanda Ceplak vor 19 Jahren. Die totale Jugend auf dem Stockerl mit einem Durchschnittsalter von 20 Jahren verhinderte einzig und allein das Aufeinandertreffen zweier bipolarer Ereignisse: der Superspurt von Raevyn Rogers und Jemma Reekie, der auf der Innenbahn die Kraft ausging. Ersteres war übrigens ein leichter Trugschluss: Die letzten 100 Meter von Rogers waren genauso schnell wie jene von Mu und nur minimal schneller als jene von Hodgkinson, aber um satte 1,3 Sekunden schneller als jene von Reekie. Für eine, die zur Glocke Letzte war und ausgangs der letzten Kurve nur Alexandra Bell hinter sich wusste, ist Bronze dennoch ein euphorisierendes Ereignis. Zurecht, mit persönlicher Bestleistung!

Zweiter US-Olympiasieg über 800m

Es wirkte verdächtig easy, wie Athing Mu als Zweitjüngste im Feld wie selbstverständlich das Zepter an sich riss, die erste Runde in sichtlich lockerem Schritt in 57,82 Sekunden beendete, dann beschleunigte und auf der Zielgerade allen die blinkenden Rücklichter unter die Nase rieb, um einen Negativsplit zu verzeichnen: 57,39 Sekunden für die zweite Runde. Sie war die Favoritin als Weltjahresschnellste, aber sie war gänzlich ungefährdet, obwohl fast das gesamte Feld persönliche Bestleistungen lief. Mu ist erst die dritte US-amerikanische Läuferin mit Olympia-Gold nach Madeline Manning Mims, die andere über 800m und zwar vor 53 Jahren, und die unvergessene Joan Benoit im Marathon von Los Angeles 1984.

Taktisch perfekte Rennen von Mu und Hodgkinson

So glorreich, so historisch der Auftritt von Mu war, so langweilig war der sportliche Wettkampf um die Goldmedaille. Wie grandios hätten über 60.000 Zuschauer im Stadion dieses herausragende Rennen dennoch gefeiert. Auch wenn Hodgkinson im Ziel kaum glauben konnte, was ihr da vor zigtausenden bunten Sitzschalen geglückt war – nämlich eine Zeit von 1:55,88 Minuten. Irre Regionen für eine Läuferin, deren Bestleistung vor einem Jahr noch um fast sechs Sekunden (!) langsamer war. Trotz der Freude ist es fast ärgerlich, dass einer derartige Spitzenleistung „nur“ zu Silber reichte. Die 19-Jährige wies erneut nach, warum sie aufgrund ihrer Rennintelligenz in den Himmel gelobt wird. Als Natoya Goule, die wirklich alles in die Waagschale warf, um endlich globales Edelmetall zu gewinnen und am Ende als enttäuschte Achte die Arena verließ, anfangs der zweiten Runde eine kleine Lücke zur Amerikanerin schloss, postierten sich die beiden Britinnen im Rücken von Habitam Alemu auf der Innenbahn. Erst Reekie, die in eine Lücke schoss, dann Hodgkinson, die nach hinten eine Lücke aufriss. Die Schottin blieb innen und schien damit Erfolg zu haben, doch das irre Tempo war ihr eine Nummer zu groß. Die Engländerin attackierte außen, musste anerkennen, dass Mu von einem noch anderen Planeten kam, obwohl sie selbst wie nicht von diesem Planeten lief, und beendete ein individuell perfektes Rennen als Zweite.

Große Träume werden real

Dass Reekie ihr Edelmetall noch verlor, war 60 Meter vor dem Ziel trotz zittrigem Schritt fast noch ausgeschlossen, 30 Meter vor dem Ziel schrillten erste Alarmglocken trotz eines beachtlichen Abstands und tatsächlich schob sich Rogers, WM-Zweite von Doha 2019, im letzten Atemzug noch zur Siegerehrung. 1:56,81 Minuten, persönliche Bestleistung. Genauso wie für Reekie, Wang und Bell. Dieses Rennen hätte auch Alleskönnerin Sifan Hassan nicht mit unumschränkter Sicherheit gewonnen. Und wer weiß, vielleicht nicht einmal die ehemals unschlagbare Semenya.

Für den 800m-Lauf ist es besser, diesen hypothetischen Gedanken nicht einmal anzuschlagen. Und dennoch gilt nicht zum ersten Mal in der Sportgeschichte die Feststellung: In der Zeit, als gegen Semenya kein Kraut gewachsen war, konnten andere nicht groß träumen. Und performten entsprechend. Jetzt träumten Athing Mu und Keely Hodgkinson und auch andere groß, die beiden genannten sehr groß sogar. Und Olympische Spiele sind genau die richtige Bühne, um große Träume an einem idealen Tag in die Realität umzusetzen. Den großen Sport bilden große Emotionen. Die beiden zauberten Laufzeiten auf die Bahn, die viele, viele Jahre einer anderen Zeit oder anderen biologischen Voraussetzungen zugeschrieben wurden. Bei 28°C Lufttemperatur und 82% Luftfeuchtigkeit übrigens.

Ergebnis Olympischer 800m-Lauf der Frauen in Tokio

Gold: Athing Mu (USA) 1:55,21 Minuten *
Silber: Keely Hodgkinson (Großbritannien) 1:55,88 Minuten **
Bronze: Raevyn Rogers (USA) 1:56,81 Minuten ***

  1. Jemma Reekie (Großbritannien) 1:56,90 Minuten ***
  2. Wang Chun Yu (China) 1:57,00 Minuten ***
  3. Habitam Alemu (Äthiopien) 1:57,56 Minuten ****
  4. Alexandra Bell (Großbritannien) 1:57,66 Minuten
  5. Natoya Goule (Jamaika) 1:58,26 Minuten

* neuer US-amerikanischer Landesrekord
** neuer britischer Landesrekord
*** neue persönliche Bestleistung
**** neue Saisonbestleistung

Olympische Spiele von Tokio 2020