Britisches Trio im Olympischen 800m-Finale

Jemma Reekie, Alexandra Bell und Keely Hodgkinson vertreten Großbritannien und Europa im Finallauf über 800m der Frauen. Die Weltjahresschnellste Athing Mu, neben der Hallen-Europameisterin die zweite U20-Läuferin im Finalfeld, erzielte die schnellste Zeit in den Halbfinalläufen und kann die Favoritinnenrolle kaum mehr von sich weisen.

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Olympische Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass jeder Wettkampftag perfekt geeignet ist, einen denkwürdigen sporthistorischen Eintrag eines Landes zu produzieren. Das unwiderruflich größte Sportmärchen dieser Spiele für Österreichs Sportgeschichte stand dank Anna Kiesenhofer längst fest, bevor die leichtathletischen Medaillenhoffnungen ins Wettkampfgeschehen eingriffen. An Tag zwei der Bewerbe der Olympischen Kernsportart jubelte Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger (ÖTB OÖ LA) über die erste Olympische Medaille im Männersport der österreichischen Leichtathletik überhaupt. Rot-weiß-rote Olympische Laufgeschichte kann frühestens in acht Tagen geschrieben werden, wenn Peter Herzog (Union Salzburg LA) und Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) den Marathon der Männer bestreiten – die beiden sind bereits von Tokio nach Sapporo aufgebrochen.

Am Samstag versuchten sich die britischen Mittelstreckenläuferinnen an einem besonderen Eintrag. Alle drei Teilnehmerinnen schafften in den engen und heiß umkämpften Halbfinalläufen im 800m-Lauf der Frauen die Qualifikation für das Finale, womit 37,5% der Finalteilnehmerinnen aus dem Vereinten Königreich stammen und nur 25% aus Afrika und den USA. Drei 800m-Finalistinnen aus Großbritannien im Dunst der Olympischen Flamme hat es noch nie gegeben, erst zweimal waren es zwei. Letztmals 1968 in Mexiko City und davor? Exakt, in Tokio 1964, als Ann Packer eine von zwei britischen Olympia-Goldmedaillen auf dieser Distanz gewann.

Die RunAustria-Meldung über die Vorläufe im 800m-Lauf der Frauen (Freitag) und jene der Männer (Samstag) lesen Sie in den Kurzmeldungen
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Weltmeisterin Nakaayi und weitere Mitfavoritinnen im Finale vor dem Fernseher

Wie gewöhnlich war die Herausforderung, die drastische Reduktion von 24 auf acht Läuferinnen mittels drei 800m-Rennen erfolgreich zu übersehen, eine große. Nur die beiden Besten jedes Halbfinallaufs und die beiden Zeitbesten, die keine direkte Qualifikation schafften, blieben im Wettbewerb für das große und mit Spannung erwartete Finale am Dienstag um 14:25 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Während die acht Auserwählten sich freuen durften, war die Liste der Ausgeschiedenen naturgemäß auch mit prominenten Namen besetzt. Rose Mary Almanza, zweitschnellste 800m-Läuferin des Jahres, hatte als Vierte im dritten Halbfinallauf ebenso keine Chance wie die WM-Dritte Ajee Wilson aus den USA, der als Vierte im ersten Vorlauf die Kraft im Schlussspurt so gänzlich fehlte, so dass sie bereits nach 780 Metern resignierte und die Restdistanz im Wissen ihres Scheiterns mit hängenden Schultern bestritt. Da war gerade die kenianische Meisterin Mary Moraa an ihr vorbeigeflogen, bezüglich einer potenziellen Finalteilnahme übrigens für die Galerie.

Noch schlimmer erwischte es das Team aus Uganda am Tag nach der ausgebliebenen Goldmedaille im 10.000m-Lauf der Männer (siehe RunAustria-Bericht). Winnie Nanyondo, WM-Vierte von Doha 2019, blieb immerhin unter zwei Minuten, war aber nur Fünfte im dritten Vorlauf. Und die amtierende Weltmeisterin Halimah Nakaayi lief in ein arges Debakel. 2:04,44 Minuten, keine war langsamer. Weder im ersten Vorlauf noch in Summe. Was bedeutet: Aus dem Finalfeld der letzten Weltmeisterschaften vor knapp zwei Jahren sind nur zwei Läuferinnen im Olympischen Finale dabei: Silbermedaillengewinnerin Raevyn Rogers, die die Zeitregel zu Hilfe nehmen musste, und die Jamaikanerin Natoya Goule, die damals Sechste war.

Jamaikanische Erfolgslust jenseits des Sprints

40 Minuten, bevor ihre für wahnsinnig schnelle Sprintbeine bekannten Landsfrauen im 100m-Sprint in unerhöhrter Dominanz rücksichtslos alles abräumten, was an materiellem Gewinn so angeboten wird, stellte Goule konkrete Fragezeichen in den Raum, ob das Sprinterparadies aus der Karibik nicht reif für Edelmetall im Laufsport sei. Das gab es im jamaikanischen Laufsport der Frauen noch nie – jenseits der 3.000m mit Hindernissen noch nicht einmal Olympische Teilnahmen. Bei den Männern gab es einmal einen gewissen Arthur Wint, ein Jamaikaner, der im Zweiten Weltkrieg für Kanada an der Front stand, in Großbritannien studierte und lebte und sowohl 1948 und 1952 Olympisches Silber im 800m-Lauf gewann. Was wichtiger war: 1948 gewann er im 400m-Sprint auch Gold, als erster jamaikanischer Olympiasieger überhaupt.

Die 30-jährige Goule jedenfalls überzeugte im ersten der Halbfinalläufe, der sich in einer Durchgangszeit von 1:01,57 Minuten als mit Abstand langsamster erweisen sollte, indem sie in Führung liegend zum ungefährdeten Sieg in 1:59,57 Minuten lief. Sie verwies die Britin Jemma Reekie, die noch einen stärkeren Eindruck hinterließ, weil sie umsichtig lief und scheinbar nicht alles in die Waagschale warf, um unbedingt zu gewinnen, auf den zweiten Platz.

Zwei 19-Jährige bereit für große Taten

Aussichtsreichste US-Läuferin ist nicht erst seit heute die 19-jährige Athing Mu, die im zweiten Lauf die schnellste Halbfinalzeit von 1:58,07 Minuten verbuchte und ihr Rennen rotzfrech von der Spitze abspulte. Nach einer ersten Runde von unter 58 Sekunden bemühte sich die Konkurrenz zwar den Jungspunt vom Platz an der Sonne zu holen, es fehlte allerdings die Fähigkeiten. Habitam Alemu gab sich mit Rang zwei zufrieden, die Britin Alexandra Bell sicherte sich mit einem tollen Schlussspurt den dritten Platz und durfte sich sofort im Finale wähnen. Hätte nämlich eine Zeit von 1:58,83 Minuten über die Zeitregel nicht gereicht – es war die zweitschnellste ihrer Karriere, es wäre ein mittleres Wunder gewesen.

Auch wenn auch im dritten Lauf keine wirkliche Zurückhaltung zu spüren war. Rose Mary Almanza, die endlich in ein großes Finale wollte und es wieder nicht erreichte, übernahm nach einer Durchgangszeit von etwas unter einer Minute die Führung von der Chinesin Wang Chun Yu. Doch auf der Zielgerade konnte die Kubanerin ihr Tempo nicht halten und musste mit ansehen, wie die Konkurrenz vorbeisauste. Wang innen zu einer persönlichen Bestleistung von 1:59,14 Minuten zur chinesischen Olympia-Final-Premiere in dieser Disziplin, die vom taktischen Geschick wie ein alter Hase laufende 19-jährige Keely Hodgkinson außen auf Bahn vier noch einen Tick besser: 1:59,12 Minuten. Auf den Schlussspurt verlassen konnte sich auch Rogers, die in 1:59,28 Minuten den Umweg über die Zeit ins Finale nahm. Die Deutsche Katharina Trost, für die die Halbfinal-Teilnahme ein Erfolg war, kam als Achte dieses Laufs ins Ziel.

Schweizer Pech bei Olympischen 800m-Läufen

Womit wir wieder bei den Unglücklichen sind, der Begriff „Verliererinnen“ wäre zu hart. Zumal sechs Läuferinnen mit einer Zeit unter zwei Minuten ausschieden. Aus Kontinentaleuropa ist keine Läuferin im Finale dabei, da war auch einiges an Pech ursächlich. Die Schweizerin Lore Hoffmann zeigte im zweiten Lauf eine starke Leistung, spurtete auch gut und verbuchte eine Zeit von 1:59,38 Minuten, weil sie im Dreikampf um den vierten Rang dieses Laufs die Brust einen Tick gegenüber ihren Kontrahentinnen vorne hatte. Erst Rogers’ schnelle Beine auf den letzten Metern machten den Finaltraum der Westschweizerin Minuten später um eine Zehntelsekunde zunichte. Rang sieben in der Endabrechnung wird zu Rang neun unter dem Strich. Genauso knapp war Selina Büchel vor fünf Jahren in Rio am Finale vorbeigeschrammt. „Ich dachte: Schade. Aber ein neunter Platz an Olympischen Spielen ist ein sehr gutes Resultat, darum bin ich nicht enttäuscht“, wird die 25-Jährige auf der Website des Schweizer Leichtathletik-Verbandes (Swiss Athletics) zitiert, nachdem sie das drittschnellste Rennen ihrer noch jungen Karriere bestritten hatte.

Einen Tick nach Hoffmann überquerten die zweifache EM-Medaillengewinnerin Renelle Lamote aus Frankreich und die Finnin Sara Kuivisto die Ziellinie. Die 29-jährige Skandinavierin war die Sensation des 800m-Bewerbs, das lässt sich auch vor dem Finale schon feststellen. Mit einer Bestzeit von 2:00,75 Minuten angereist lief sie im Vorlauf zu einem neuen finnischen Rekord von 2:00,15 Minuten, den sie tags darauf in einem wirklich schönen Halbfinallauf für sie, auch was die Voraussetzungen mit dem Tempo von Athing Mu betrifft, auf 1:59,41 Minuten verbesserte. Die Saison hat Kuivisto übrigens mit einer Zeit von 2:01,60 Minuten begonnen und an das Olympia-Limit von 1:59,50 Minuten hatte sie wohl gar nicht gedacht. Aber die Weltrangliste half und vor Ort hat für eine Finalteilnahme gar nicht viel gefehlt.

Ergebnisse Olympische Halbfinalläufe, 800m-Lauf der Frauen

Halbfinale 1

  1. Natoya Goule (Jamaika) 1:59,57 Minuten *
  2. Jemma Reekie (Großbritannien) 1:59,77 Minuten *
  3. Mary Moraa (Kenia) 2:00,47 Minuten
  4. Ajee Wilson (USA) 2:00,79 Minuten
  5. Joanna Jozwick (Polen) 2:02,32 Minuten
  6. Elena Bellò (Italien) 2:02,35 Minuten
  7. Hedda Hynne (Norwegen) 2:02,38 Minuten
  8. Halimah Nakaayi (Uganda) 2:04,44 Minuten

Halbfinale 2

  1. Athing Mu (USA) 1:58,07 Minuten *
  2. Habitam Alemu (Äthiopien) 1:58,40 Minuten *
  3. Alexandra Bell (Großbritannien) 1:58,83 Minuten **
  4. Lore Hoffmann (Schweiz) 1:59,38 Minuten
  5. Renelle Lamote (Frankreich) 1:59,40 Minuten
  6. Sara Kuivisto (Finnland) 1:59,41 Minuten ***
  7. Noélie Yarigo (Benin) 2:01,41 Minuten
  8. Natalia Romero (Spanien) 2:01,52 Minuten

Halbfinale 3

  1. Keely Hodgkinson (Großbritannien) 1:59,12 Minuten *
  2. Wang Chun Yu (China) 1:59,14 Minuten * / ****
  3. Raevyn Rogers (USA) 1:59,28 Minuten **
  4. Rose Mary Almanza (Kuba) 1:59,65 Minuten
  5. Winnie Nanyondo (Uganda) 1:59,84 Minuten
  6. Rababe Arafi (Marokko) 1:59.86 Minuten
  7. Deborah Rodriguez (Uruguay) 2:01,76 Minuten
  8. Katharina Trost (Deutschland) 2:02,14 Minuten

* direkte Finalqualifikation
** Finalqualifikation über die Zeitregel
*** neuer finnischer Landesrekord
**** neue persönliche Bestleistung

Olympische Spiele von Tokio 2020