Barega sticht Ugandas Doppelspitze aus

Mit der richtigen Attacke zum richtigen Zeitpunkt verdiente sich der junge Äthiopier Selemon Barega den größten Erfolg seiner bisherigen Karriere: Olympisches Gold. Ugands Stars Joshua Cheptegei und Jacob Kiplimo, davor in der Favoritenrolle, freuten sich hinter der Ziellinie über Silber und Bronze.

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Es ist ein sehr großes Erbe, das Selemon Barega heute Nachmittag mitteleuropäischer Zeit im leider leeren Olympiastadion von Tokio annehmen durfte. Ein sehr, sehr großes sogar. Nämlich jenes der Doppel-Olympiasieger Haile Gebrselassie (1996 und 2000), Kenenisa Bekele (2004 und 2008) – beides überdies Baregas Landsleute und Idole – und natürlich Mo Farah (2012 und 2016). Stolz fühle er sich, stammelte der 21-Jährige in leichter Überforderung in die Mikrophone. In so jungen Jahren auf dem Olymp, es ist trotz der Begleiterscheinungen ein Ausnahmeerlebnis für den Äthiopier, der weiterhin logische Schritte aufwärts in seiner Karriereleiter macht: Junioren-Weltmeister 2016 in Bydgoszcz im Alter von nur 16 Jahren über 5.000m, ein Jahr später Weltmeister in der darunterliegenden Altersklasse U18 in Nairobi über 3.000m, Silbermedaillengewinner bei der Hallen-WM 2018 und eine Weltklasseleistung von 12:43,02 Minuten beim Diamond-League-Meeting in Brüssel Wochen später, das er gewann. Im Alter von 18 Jahren.

2019 folgte der Vize-Weltmeistertitel im 5.000m-Lauf von Doha, als er sich etwas überraschend seinem Landsmann Muktar Edris geschlagen geben musste. Sein größter Triumph gelang nun auf der doppelten Distanz. Auch, weil Barega als perfekt ausgebildeter 5.000m-Lauf die erforderliche Schnelligkeit auf der letzten Runde mitbrachte. Es war der Schlüssel zum Erfolg, Barega fand das Schlüsselloch dank des richtigen Timings mit seiner Beschleunigung 420 Meter vor dem Ziel und einer Schlussrunde von in etwa 54 Sekunden. Gegen dieses Paket im Finale hatte kein Kontrahent ein Mittel und es blieb die klare Erkenntnis, dass an diesem Tag der Beste gewonnen hat. Barega selbst wusste es beim Glockenton, wie er nachher verriet. Er darf sich nun in einem Atemzug mit den Großen des äthiopischen Sports nennen lassen. Er, der nicht aus einer Laufhochburg stammt, sondern südlich von Addis Abeba im ländlichen Umfeld als eines von acht Kindern einer Bauernfamilie aufwuchs. „In meiner Heimatregion, gab es das Laufen nicht. Niemand lief. Wir waren nicht einmal Lauffans“, erzählte er in einem Feature von Hannah Borenstein, das am 11. Mai diesen Jahres auf der Website des Leichtatheltik-Weltverband (World Athletics) veröffentlicht wurde. Zum Laufen kam er, weil seine Eltern ihn zu einer Ausbildung motivierten und zeigten sich darüber nicht erfreut. Auch weil der junge Selemon im Alter von 15 Jahren in die Hauptstadt zog. Es hat sich rentiert, Barega ist längst eine lokale Legende. Und bei der nächsten Rückkehr in seine Heimat ein globaler Laufstar mit einer Olympischen Goldmedaille um den Hals.

Achterbahnfahrt der Gefühle für Cheptegei

Eigentlich hätte der Olympiasieg nicht Selemon Baregas logischer nächster Schritt sein sollen, sondern der von Joshua Cheptegei. Alles in seinem Team war ausgelegt auf diesen Tag. Die Bewerbungen mit Weltmeistertitel 2019 und Weltrekordlauf 2020 hätten jeden restlos selbst blanco überzeugt, wären da nicht die wenig berauschten Leistungen im Kalenderjahr 2021 gewesen. Cheptegei und sein Management kommunizierten nach außen immer mit Ruhe, er sei auf Kurs. Wie diverse Medien unter Berufung auf Cheptegei selbst heute berichten, seien Beschwerden an der Achillessehne im Frühling die Ursache dafür, dass der 24-Jährige nicht in die außerirdische Verfassung des Wettkampfjahres 2020 gekommen ist.

Dementsprechend wankte Cheptegei in Tokio zwischen den Polen seiner inneren Gefühlswelt hin und her. Einerseits zeigte er positive Emotionen und freute sich über die erste Olympische Medaille seiner Karriere und zudem die erste Olympische Medaille für sein Land in dieser Disziplin überhaupt. Boniface Kiprop war 2004 als Vierter an einer Medaille vorbeigeschrammt. Der Druck auf seinen Schultern muss enorm gewesen sein. Auch aufgrund seiner Erwartungshaltung. Bereits nach den Weltmeisterschaften 2017, als er sich knapp hinter Mo Farah einordnen musste, sagte er: „Es gibt nichts, was mich aufhalten wird, den 10.000m-Lauf zu dominieren!“ Andererseits war ihm seine Favoritenrolle bewusst, die hervorragenden Vorzeichen nach der Saison 2020 und der Karriereplan, der eine einmalige Chance auf Olympisches Gold vorsah. Da nach Tokio der Umstieg in den Straßenlauf und langfristig in den Marathon erfolgen soll. Würde man es drastisch formulieren, hat Cheptegei in Tokio versagt, weil er das klare Ziel verpasst hat. Es war nicht sein junger Landsmann Jacob Kiplimo, der ihm den Rang abgelaufen hat. Ihn konnte Cheptegei gerade noch im Zaum halten, Kiplimo freute sich bei seiner Olympischen Premiere mit 20 Jahren die Bronzemedaille. Das doppelte Edelmetall löste in der Heimat Jubelstürme aus, auch bei der politischen Führung.

Berichte über die Vorläufe (3.000m Hindernislauf, Männer / 800m, Frauen / 5.000m, Frauen) finden Sie in den Kurzmeldungen
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Nicht ausreichend gerüstet für Baregas Attacke

Die Probleme im Frühjahr 2021 mögen der Grund dafür sein, warum Cheptegei das Olympische Rennen nicht offensiver bestimmte und ein höheres Tempo vorlegte. Das hätte er wahrscheinlich ansonsten aus seinem Selbstverständnis heraus zumindest ab einem bestimmten Zeitpunkt im Rennen getan, selbst bei den nicht einfachen Bedingungen. Das Thermometer im Stadion zeigte beim Start um 20:30 Uhr Ortszeit 30°C an, es dürfte in Realität ein paar Grad „kühler“ gewesen sein. Was die Aufgabe aber hammerhart machte, war die irre Luftfeuchtigkeit. Laut offiziellem Dokument des Veranstalters lag diese bei sagenhaften 98%, das lässt einen selbst im Ruhezustand beim Atmen schwitzen.

Entscheidend dafür, dass die Ugander nicht Gold gewannen, war unter dem Strich aber eine taktische Frage. Als Barega antrat, steckten Cheptegei und Kiplimo, die sich das gesamte Rennen über extrem zurückhielten und im Mittelfeld versteckten, auf den Positionen fünf und sechs fest. Der Führende genoss zudem eine Abschirmung nach hinten durch seine Landsleute Aregawi und Kejelcha, die das Duo auf der Außenbahn erst überholen musste – genauso wie den Kanadier Mo Ahmed, der bis 200 Meter vor dem Schluss mitmischte. Das kostete Mühen, die Lücke zu Barega war auf der Gegengerade der letzten Runde schon zu groß, als Kiplimo und Cheptegei in dieser Reihenfolge in die letzte Kurve einbogen. Cheptegeis Schlussspurt war absolut in Ordnung, er verkürzte den Rückstand nach vorne und überholte seinen Landsmann. Aber die kleine Aufholjagd reichte nur mehr für Silber, nicht mehr für Gold. Der Halbmarathon-Weltmeister hatte mit der 54er-Schlussrunde nicht jenen finalen Punch, den er sich erhofft hatte. Im 5.000m-Lauf mit dem Finallauf am kommenden Freitag bietet sich Cheptegei und Kiplimo die zweite Chance auf Olympisches Gold, nicht aber die Gelegenheit zur Revanche. Barega wurde nur für die längere Distanz nominiert, der äthiopische Verband vermeidet seit dem Abgang Bekeles in den Marathon Doppelnominierungen.

Eine Rennhälfte wie eine Etappe beim Radsport

Der 10.000m-Lauf der Männer war die erste Medaillenentscheidung der Leichtathletik in Tokio und für lange Zeit ein seltsamer Bewerb. Uganda hat sich offenbar für eine Teamtaktik entschieden und Stephen Kissa sollte das Tempo nach den Vorlieben der beiden aussichtsreichen Kollegen gestalten. Nach zwei Runden hatte der 25-Jährige einen beträchtlichen Vorsprung von knapp 50 Metern. Doch Kissas Tempo war nicht selbstmörderisch, sondern eines typisch für einen Tempomacher. Niemand, weder Freund noch Feind, wollte mitgehen, für Uganda blieb noch der Vorteil, dass Cheptegei und Kiplimo ihr Rennen vorerst ruhig gestalten konnten und die Äthiopier und Kenianer aufgrund der klaren Führung sich zumindest minimal in Zugzwang sahen, das Tempo in der Verfolgergruppe zu kontrollieren.

Die taktischen Verhältnisse erinnerten an ein Radrennen. Das Feld der Favoriten gewährten Kissas Vorsprung, verkleinerten ihn aber im Laufe der Zeit, um die Rennkontrolle zu haben. Nach Kilometerzeiten von 2:43, 2:51 und 2:48 Minuten versuchte Barega erstmals mit Rhonex Kipruto einen Vorstoß. Die beiden agierenden zwischen den Fronten, Barega wurde nach knapp vier Kilometern, Kipruto nach 4,3 Kilometern wieder vom Feld eingeholt. Kissas Führung wurde weiter respektiert – und zwar mit wenigen Sekunden. Im Radsport ist diese Vorgehensweise weit verbreitet, um bei einer Neutralisierung der Spitze die Gefahr sofortiger Gegenangriffe zu vermeiden.

So lief der Solist an der kurzen Leine Kilometerzeiten von 2:51, 2:54 und 2:50 Minuten, ehe nach 6,5 Kilometern die große Zeit des Stephen Kissa vorbei war. Er hatte trotz seiner Bemühungen nicht geschafft, dass es zu einem schnellen Rennen kommt – im Gegenteil, das Tempo war vier Fünftel des Rennens für die Medaillenaspiranten recht human.

Kenianische Vorstöße

Rhonex Kipruto sorgte nun für die erste Verschärfung im Rennen, wenig später drückte sein Landsmann Rogers Kwemoi die Rundenzeiten leicht. Die viertletzte im Rennen absolvierte er in 64,04 Sekunden. Die Entscheidung musste nahen, der achte und neunte Kilometer wurde jeweils in knapp 2:41 Minuten abgespult. Zwölf Mann befanden sich noch in der Spitzengruppe, darunter auch Außenseiter wie Patrick Tiernan aus Australien oder Yemaneberhan Crippa aus Italien. Spät ging die Post ab, Ahmed und Barega produzierten eine 60er-Runde tief, bevor der Glockenton zur letzten Runde erklang und Baregas goldenes Werk längst im Werden war.

Für die Kenianer, die auf den verletzten Geoffrey Kamworor verzichten mussten, blieb am Ende im Schatten des Duells Äthiopien gegen Uganda ein recht desolates Resultat mit den Rängen sieben und neun für Kwemoi und Kipruto. Angesichts der realistischen Erwartungshaltung keine Katastrophe, doch die kenianische Durststrecke im 10.000m-Lauf verlängert sich dadurch auf mindestens 66 Jahren – die nächste Chance gibt es in Paris 2024.

Hervorragender fünfter Platz von Fisher

Die größte Überraschung des Rennens war übrigens keiner der Medaillengewinner, sondern der US-Amerikaner Grant Fisher, der einen prächtigen fünften Rang nach Hause lief. Damit mischte nicht nur Ahmed im Feld der Ostafrikaner mit, was angesichts der beachtlich hohen Qualität des Feldes erstaunlich war. Der US-Amerikaner, der seinen größten Erfolg feierte, tat dies auf historischem Boden für die USA. Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio krönte sich Billy Mills zum einzigen US-amerikanischen Olympiasieger im 10.000m-Lauf. Seither schafften laut der US-amerikanischen Laufplattform „Let’s Run“ nur Frank Shorter und Galen Rupp (zweimal) eine Top-Fünf-Platzierung für die USA. Als bester Europäer folgte Morhad Amdouni auf Rang zehn, in einer Zeit von 27:53,58 Minuten. Der Schweizer Julien Wanders war von Beginn an chancenlos und kam auf Rang 21 unter Klassierten ins Ziel.

Ergebnis Olympischer 10.000m-Lauf der Männer in Tokio

Gold: Selemon Barega (Äthiopien) 27:43,22 Minuten
Silber: Joshua Cheptegei (Uganda) 27:43,63 Minuten *
Bronze: Jacob Kiplimo (Uganda) 27:43,88 Minuten

  1. Berihu Aregawi (Äthiopien) 27:46,16 Minuten
  2. Grant Fisher (USA) 27:46,39 Minuten
  3. Mohammed Ahmed (Kanada) 27:47,76 *
  4. Rogers Kwemoi (Kenia) 27:50,06 Minuten
  5. Yomif Kejelcha (Äthiopien) 27:52,03 Minuten
  6. Rhonex Kipruto (Kenia) 27:52,78 Minuten
  7. Morhad Amdouni (Frankreich) 27:53,58 Minuten
  8. Yemaneberhan Crippa (Italien) 27:54,05 Minuten *
  9. Aron Kifle (Eritrea) 28:04,06 Minuten
  10. Carlos Mayo (Spanien) 28:04,71 Minuten
  11. Marc Scott (Großbritannien) 28:09,23 Minuten
  12. William Kincaid (USA) 28:11,01 Minuten

    21. Julien Wanders (Schweiz) 28:55,29 Minuten *

* neue Saisonbestleistung

Olympische Spiele von Tokio 2020