Olympia 2020, Vorschau: Die Flamme brennt, Leichtathletik startet am Freitag

Vor drei Tagen wurden die XXXII. Olympischen Sommerspiele von Tokio eröffnet. Es war der trostloseste Einlauf der Nationen in der reichhaltigen Olympischen Geschichte. 68.000 freilich in bunten Farben gestaltete Sitzschalen und die Augen von rund 900 Ehrengästen beobachteten die Show. Der japanische Kaiser Naruhito verzichtete auf das japanische Wort für „Feier“, als er die Spiele offiziell eröffnete. Die sportlichen Wettkämpfe und Leistungen der gut zwei Wochen in Japans Hauptstadt mitsamt Inszenierung werden entschädigen. 339 Medaillenentscheidungen in 33 Sportarten mit rund 11.000 beteiligten Athletinnen und Athleten stehen auf dem Programm. Auch die Leichtathletinnen und Leichtathleten, die traditionell in der zweiten Woche dran sind.

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Es war dem japanischen Tennisstar Naomi Osaka, selbst eine Kandidatin auf Olympisches Gold, vorbehalten, am späten Freitagabend japanischer Zeit die Olympische Flamme im neuen Olympiastadion von Tokio zu entzünden. Es war nicht nur der Höhepunkt der Eröffnungsfeier, sondern auch des verkürzten und von Problemen mit COVID-19-Maßnahmen überhäuften Staffellaufs. „Strong together“ ist die Botschaft, die von der Olympischen Flamme in diesen besonderen Zeiten ausgehen soll. Stärker denn oftmals zuvor genießen die Olympischen Spiele im aktuellen Kontext eine hohe gesellschaftspolitische Bedeutung rund um den Globus – ein Segen und eine Herausforderung!

Leere Tribünen

Die Pandemie war das bestimmende Thema im Vorfeld der Olympischen Spiele, nicht nur aufgrund der notwendig gewordenen Verschiebung um ein Jahr. Japans Verantwortliche entschieden sich nicht nur, ausländischen Fans den Eintritt nach Japan zu verbieten, sondern die Spiele gänzlich vor leeren Tribünen durchzuführen. Diese Entscheidung wurde im Kontext anstehender, wichtiger politischer Wahlen für die Regierungspartei getroffen, aber auch im Kontext der Tatsache, dass Ligaspiele in diversen Sportarten seit Wochen von Tausenden Zuschauern im Stadion verfolgt werden dürfen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hielt sich geduldig an die Entscheidungen der japanischen Verantwortlichen und will nun aufgezeichnete Fan-Atmosphäre einspielen – und zwar nicht nur das TV-Publikum, sondern auch für die Olympioniken. Ein eher kläglicher Versuch der Inszenierung.

Klare, strenge Regeln

Täglich berichten Medien von den Zahlen der mit positiven Testergebnissen registrierten Personen in direktem Zusammenhang mit den Olympischen Spielen von Tokio, noch intensiver als bei der Fußball-EM im vergangenen Monat. Das gesundheitliche Gefahrenpotenzial für die Mitglieder der Delegationen ist überschaubar, nicht nur weil der Großteil bereits gegen SARS-Cov-2 geimpft sind. Das drohende Szenario lautet, dass ein positives Testergebnis eine Sportlerin oder einen Sportler um eine „Once-in-a-Lifetime“-Chance bringt. Der Kontakt zur Außenwelt ist für Athleten, Trainer, Betreuer, Offizielle und Medienverantwortliche aufgrund strengster Verhaltensregeln praktisch nicht möglich. Sicherheit ist das oberste Gebot, für die Tokioter Bevölkerung bestehe keine COVID-19-Gefahr durch die Spiele, versprach IOC-Präsident Thomas Bach.

Selbst Ein- und Auszugszeiten ins Olympische Dorf wurden auf das Minimalste reduziert, so dass bis auf die Fahnenträgerinnen und Fahnenträger keine Vertreter aus der Leichtathletik bei der Eröffnungsfeier vor Ort sein konnten. Dort wurde jede Nation erstmals von einer Sportlerin und einem Sportler als gemeinsame Fahnenträger in die Arena geführt – ein erfreuliches Signal für das Streben zur Gleichstellung der Geschlechter. Unter den nicht weniger als 69 Fahnentragenden aus der Leichtathletik aus 205 teilnehmenden Nationen befanden sich 17 Läuferinnen und Läufer. Die bekanntesten sind die 800m-Läufer Amel Tuka und Deborah Rodriguez sowie Marathonläuferin Nazret Weldu.

Die Olympischen Fahnenträger aus dem Laufsport:

  • Albanien: Luiza Gega (3.000m-Hindernislauf)
  • Andorra: Pol Moya (800m)
  • Äquatorialguinea Benjamin Enzema (1.500m)
  • Bosnien und Herzgowina: Amel Tuka (800m)
  • Dominica: Dennick Luke (800m)
  • Eritrea: Nazret Weldu (Marathon)
  • Mauretanien: Abidine Abidine (5.000m)
  • Osttimor: Felisberto de Deus (1.500m)
  • Ruanda: John Hakizimana (Marathon)
  • St. Vincent & Grenadinen: Shafiqua Maloney (800m)
  • Sao Tome & Principe: D’Jamila Tavares (800m)
  • Solomonen: Sharon Firisua (Marathon)
  • Somalia: Ali Isow Hassan (1.500m)
  • Südsudan: Abraham Guem (1.500m)
  • Uruguay: Deborah Rodriquez (800m)
  • Zentralafrikanische Republik: Francky Mbotto (800m)
  • Olympisches Flüchtlingsteam: Tachlowini Gabriyesos (Marathon)

Isolationsärger bei Briten

Erste Medienberichte aus Japan erzählen aber davon, dass die „Bubble“ für die Delegationen bei der Anreise aus organisatorischer Überforderung nicht so gut klappte, wie angekündigt. Der pandemischen Einfluss auf die Spiele brachte im Vorfeld einige kuriose Situationen. Weil ein Ergebnis eines vor Abflug in Melbourne getätigten COVID-19-Tests eines Mitglieds des australischen Leichtathletik-Nationalteams (kein Athlet) einfach nicht übermittelt wurde, ging das ganze Team im Trainingslager in Cairns im Nordosten Australiens für etliche Stunden in Einzelisolation. Der Chef de Mission, Ian Chesterman lobte dieses Verhalten auch noch und meinte, der negative Einfluss auf die Sportler wäre minimal gewesen. Übrigens, die betroffene Person wurde negativ getestet.

Weniger lustig hatten es sechs Mitglieder der britischen Leichtathletik-Nationalmannschaft, die nach Ankunft in Japan in Isolation geschickt wurden, weil ein Passagier an Bord, der nicht der britischen Delegation angehört, nach der Landung ein positives Testergebnis abgab. Der britische Chef de Mission, Mark England betonte, man würde selbstverständlich die Sicherheitsprotokolle respektieren und man hoffe, bald möglichst wieder trainieren zu können. Trainieren durften die Athleten wieder, sonst aber ihr Hotelzimmer in Yokohama nicht verlassen. „Elfmal bin ich in den vergangenen sechs Tagen negativ getestet worden und außerdem zweifach geimpft. Meine Olympische Erfahrung ist Einsamkeit!“, ärgerte sich Hindernisläufer Zak Seddon via sozialer Medien, zitiert in der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Laut dem Medienbericht droht allen eine 14-tägige Quarantäne, positive Tests oder gar Krankheitssymptome gibt es keine. Das britische Olympische Komitee (BOA) hat Beschwerde eingelegt und pocht auf eine Lösung.

Protestverbot für Sportlerinnen und Sportler

Es gibt weitere global bedeutende Themen, die im Kontext zu den Olympischen Spielen von Tokio stehen. Zum Beispiel Diskriminierung. Und hier setzte der Gastgeber gleich ein drastisches Zeichen. Am Vortag der Eröffnungsfeier tauchte laut eines Berichts von „France 24“ ein Video auf, in dem der vorgesehene Showdirektor bei der Eröffnungsfeier, Kentaro Kobayashi 1998 in einem Sketch den Holocaust verharmlost haben soll. Das Organisationskomitee feuerte den Mann umgehend.

Zeichen und Botschaften, die auf Rassismus aufmerksam machen, will das IOC dagegen in Tokio unter Androhung einer Sperre keine sehen. So soll kein Athlet oder kein Athlet in die Knie gehen, wie in der NFL bereits Standard oder einige Fußballnationalmannschaften während der Europameisterschaft. Regel 50 der Olympischen Charta verbietet jeglichen Protest oder jegliche politische Botschaft, „um die Neutralität des Sports und der Olympischen Spiele zu bewahren“. Wie die BBC am 22. April online berichtete, sprachen sich in einer Umfrage unter über 3.500 Athleten – darunter gut die Hälfte Olympia-Teilnehmer, die andere Hälfte potenzielle, 185 Nationen waren an der Umfrage beteiligt, fair verteilt auf beide Geschlechter – zwei von drei dafür aus, das das Olympische Podium und weitere Schauplätze frei von Protestbotschaften bleiben sollen.

Kritik an IOC

Diese Studie wurde vom US-amerikanischen Sportjournalisten Rich Perelman (The Sports Examiner) mit einer Detailanalyse zerlegt. Denn der Großteil der Stimmen der Umfrage kam aus den drei großen asiatischen Sportnationen China, Japan und Südkorea sowie der Europäischen Union, während andere Kontinente kaum vertreten waren. Die Top-Fünf der Gegner von Protesten und Demonstrationen nach Nationen laut Perelman: China, Russland, Frankreich, Japan und die USA, in dieser Reihenfolge. Athleten aus Mexiko, Italien, Brasilien und Kanada sahen die Sachlage anders.

Die Haltung des IOC provozierte einiges an Kritik, auch unter Athleten. Der dunkelhäutige britische Sprinter Adam Gemili schimpfte gegenüber Sky Sports, die Black-Live-Matter-Bewegung sei weit mehr als politisch. Es ginge um das Gute im Menschen und Gleichberechtigung für alle. Er würde, sofern er eine Medaille gewinne, auf dem Stockerl in die Knie gehen, versprach er. Als die erste britische Fußballerin vor Ankick das weltbekannte Protestsignal gegen Rassismus vollführte, kam laut eines Berichts der britischen Tageszeitung „The Guardian“ die Anordnung vom IOC an das Social-Media-Team des Veranstalters, solche Fotos nicht in die Welt zu schicken. Nachdem weitere Fußballerinnen dem Beispiel folgten, gab sich Thomas Bach bei einer Pressekonferenz kleinlaut. Er sehe keine Verletzung der Regel 50.

Viel mehr konzentriert sich der Deutsche auf das Signal, dass die Olympischen Spiele an sich in dieser schwierigen Zeit aussenden sollen. „Heute ist ein Tag der Hoffnung. Ja, es ist ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben. Aber lasst uns diesen Moment wertschätzen, weil wir endlich alle zusammen hier sind“, appellierte der IOC-Präsident bei der Eröffnung. The Show has begun! Die Leichtathletik bringt ihren Teil ab Freitag ein.

Das Programm – die Olympischen Laufentscheidungen (nur Finalläufe)

  • Freitag, 30. Juli 2021, 13:30 Uhr (MEZ): 10.000m-Lauf der Männer
  • Montag, 2. August 2021, 14:15 Uhr (MEZ): 3.000m-Hindernislauf der Männer
  • Montag, 2. August 2021, 14:40 Uhr (MEZ): 5.000m-Lauf der Frauen
  • Dienstag, 3. August 2021, 14:25 Uhr (MEZ): 800m-Lauf der Frauen
  • Mittwoch, 4. August 2021, 13:00 Uhr (MEZ): 3.000m-Hindernislauf der Frauen
  • Mittwoch, 4. August 2021, 14:05 Uhr (MEZ): 800m-Lauf der Männer
  • Freitag, 6. August 2021, 14:00 Uhr (MEZ): 5.000m-Lauf der Männer
  • Freitag, 6. August 2021, 14:50 Uhr (MEZ): 1.500m-Lauf der Frauen
  • Samstag, 7. August 2021, 0:00 Uhr (MEZ): Marathonlauf der Frauen (in Sapporo)
  • Samstag, 7. August 2021, 12:45 Uhr (MEZ) 10.000m-Lauf der Frauen
  • Samstag, 7. August 2021, 13:40 Uhr (MEZ): 1.500m-Lauf der Männer
  • Sonntag, 8. August 2021, 0:00 Uhr (MEZ): Marathonlauf der Männer (in Sapporo)

Olympische Spiele Tokio 2020