Katirs sportliches Wohnzimmer

© Wanda Diamond League

Das Gateshead International Stadium hat für die britische und internationale Leichtathletik eine hohe Bedeutung als traditioneller Austragungsort bedeutender Wettkämpfe. Ansonsten ist das vor über einem halben Jahrhundert eröffnete, kleine Stadion in Felling, einem Vorort der Kleinstadt an der Tyne im Nordosten Englands, das seither mehrmals renoviert und erweitert wurde, objektiv nicht unbedingt ein Ort zum Wohlfühlen. Schon alleine aufgrund der durchschnittlich widrigen Wetterbedingungen, die heuer beim zweiten Diamond-League-Stopp am vergangenen Dienstag (als Ersatzort für London) eine sommerlich-angenehme Ausnahme bildeten.

Das mit dem Wohlfühlen wird Mohamed Katir ganz anders sehen. Vor zwei Monaten beim Diamond-League-Auftakt hat der in jungen Jahren von Marokko nach Spanien emigrierte Läufer sensationell den 5.000m-Lauf gewonnen. Dass dieses Ereignis keine Eintagsfliege war, zeigte sein spanischer 5.000m-Rekord in Florenz. Doch es war auch keine „Gateshead-Eintagsfliege“. Beim zweiten Besuch in 2021 markierte der 23-Jährige einen neuen spanischen Rekord im 3.000m-Lauf und feierte in einer hochklassigen Entscheidung einen prestigeträchtigen Sieg auf höchster Ebene gegen den favorisierten Stewart McSweyn.

Der Traum von der Medaille

Katir profitierte von einem sehr gut vorbereiteten Rennen, das zwölf der Top-15 eine neue persönliche Bestleistung bescherte. McSweyn gestaltete die finale Phase von vorne und hielt das Tempo hoch, als Katir auf der Gegengerade der letzten Runde sein Überholmanöver vollzog und kraftvollen Schrittes einen klaren Sieg herauslief. „Ich habe alles versucht, Katir abzuschütteln. Er war zu stark in der letzten Runde“, erkannte der Australier, der sich glücklich mit seiner Leistung zeigte, neidlos an. Katir, der nun die spanischen Rekorde im 1.500m-, 3.000m- und 5.000m-Lauf hält, stellte fest: „Es war immer mein Traum, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Diese Leistungen sind die Konsequenz harter Arbeit im Höhentraining. Ich habe enormes Selbstvertrauen.“ Ein so hohes übrigens, dass er das Wort „Medaille“ im 5.000m-Lauf in Tokio in den Mund nahm.

Deutliche Verbesserung des spanischen Rekords

Die statistische Analyse gibt zumindest vorsichtigen Anlass dafür, da Katir über eine starke Schlussrunde verfügt. In Gateshead verbesserte er den 22 Jahre alten Stadionrekord von Haile Gebrselassie in einer Siegerzeit von 7:27,64 Minuten deutlich und blieb auch nur eineinhalb Sekunden hinter dem Diamond-League-Rekord von Yomif Kejelcha, den dieser erst vor zwei Wochen in Oslo aufgestellt hat. Noch bedeutender für den neuen spanischen Langstreckenstar ist allerdings die Verbesserung des 23 Jahre alten spanischen Landesrekord von Isaac Viciosa und das gleich um satte 1,7 Sekunden. Auf der europäischen Bühne sind lediglich Mohammed Mourhit und Jakob Ingebrigtsen jemals schneller gelaufen. McSweyn, der in Tokio über 1.500m antritt, verpasste seinen eigenen australischen Rekord in 7:28,94 Minuten um nicht einmal eine Sekunde und hinterlegte einen weiteren Nachweis, in guter Form Richtung Olympia zu blicken.

Fragezeichen über Butchart

Der Rest des Feldes bestritt sein eigenes Rennen. Der Schotte Andrew Butchart wurde in einer persönlichen Bestleistung von 7:35,18 Minuten Dritter und zittert um seinen Olympia-Start. Wie schottische Medien berichten, wird ihm vorgeworfen, einen COVID-19-Test gefakt zu haben. Butchart hüllte sich in Gateshead dazu in Schweigen.

Aus dem Rennen noch zu betonen ist der achte Platz von Yemaneberhan Crippa, der seinen eigenen, zehn Monate alten italienischen Rekord auf eine Zeit von 7:37,90 Minuten verbesserte.

Verkehrte US-Welt

In der zweiten Laufentscheidung der Männer an diesem Abend, in der es Diamond-League-Punkte zu ernten gab, dürften die Sorgenfalten des US-amerikanischen Mittelstreckenlaufs – immerhin jene Nation, die den aktuellen Weltmeister im 800m-Lauf stellt – nicht kleiner geworden sein. Die Olympia-Hoffnungen Bryce Hoppel und Clayton Murphy mussten sich, chancenlos im Endspurt, mit den Positionen fünf und sechs zufrieden geben und das in einem Feld, das nicht die Qualität des kommenden Olympischen Finals hat. Beide führten das Feld hinter ihrem Landsmann und Tempomacher Erik Sowinski, der etwas schneller als geplant anging (knapp unter 50 Sekunden), in die zweite Runde, und auch noch entlang der Gegengerade, hatten auf den letzten 200 Metern aber keinen Punch mehr.

Und dennoch siegte ein US-Amerikaner: Isaiah Harris, der als Vierter wie Weltmeister Donavan Brazier bei den Trials nicht unter die Top-Drei gekommen ist, schlängelte sich eingangs der letzten Kurve an seinen Landsleuten vorbei und entschied das Rennen in 1:44,76 Minuten vor dem Kenianer Wycliffe Kinyamal (1:44,91) und dem Australier Peter Bol (1:45,22) für sich. Der Brite Jamie Webb und der Bosnier Amel Tuka gehörten dagegen zu den Enttäuschten. Harris ist der fünfte US-Amerikaner, der je ein Diamond-League-Rennen über 800m gewonnen hat.

Im Meilenrennen der Männer, einem Bewerb des Rahmenprogramms, kam es zu einem britischen Schlagabtausch. 800m-Olympiastarter Elliot Giles siegte in einer Zeit von 3:52,49 Minuten hauchdünn vor Jake Heyward (3:52,50) und Archie Davis (3:54,27 Minuten). Alle drei liefen eine persönliche Bestleistung, während Jake Wightman mit Position vier Vorlieb nehmen musste.

Grace weiterhin erfolgreich auf Europa-Trip

Die US-Trials liefen mit Rang sieben über 800m wahrlich nicht nach Wunsch für Kate Grace, aber in der anschließenden Europatour zeigt sich die Amerikanerin weiterhin von ihrer besten Seite. Nach drei persönlichen Bestleistungen in Folge im 800m-Lauf glänzte sie in Gateshead in der einzigen Laufentscheidung der Frauen, die über die Meile führte und feierte ihren zweiten Diamond-League-Erfolg in diesem Sommer. Die 32-Jährige löste sich auf der Gegengerade der letzten Runde von ihrer Mittelfeldposition, überholte ausgangs der letzten Kurve Winnie Nanyondo und dominierte den Endspurt auf eine eindrucksvolle Art und Weise. In einer Zeit von 4:27,20 Minuten markierte sie eine neue Weltjahresbestleistung, die bis dato von der international unbekannten US-Amerikanerin Amanda Eccleston gehalten wurde.

Das Rennen in Gateshead war nicht schnell, was dazu führte, dass die italienische Außenseiterin Federica Del Buono ein kompaktes Feld in die letzte Runde führte. Hinter Grace platzierte sich die Britin Katie Snowden in 4:28,04 Minuten auf dem zweiten Platz vor der US-Amerikanerin Helen Schlachtenhaufen, die ein aktives Rennen gelaufen war.

Ergebnisse Müller British Grand Prix in Gateshead 2021

3.000m-Lauf der Männer

  1. Mohamed Katir (ESP) 7:27,64 Minuten * / **
  2. Stewart McSweyn (AUS) 7:28,94 Minuten
  3. Andrew Butchart (GBR) 7:35,18 Minuten ***
  4. Jacob Krop (KEN) 7:35,34 Minuten
  5. Matthew Ramsden (AUS) 7:35,65 Minuten ***
  6. Patrick Dever (GBR) 7:37,39 Minuten ***
  7. Michael Kibet (KEN) 7:37,80 Minuten ***
  8. Yemaneberhan Crippa (ITA) 7:37,90 Minuten ****

Meilenrennen der Frauen

  1. Kate Grace (USA) 4:27,20 Minuten *
  2. Katie Snowden (GBR) 4:28,04 Minuten
  3. Helen Schlachtenhaufen (USA) 4:28,13 Minuten
  4. Marta Perez (ESP) 4:28,24 Minuten ***
  5. Winnie Nanyondo (UGA) 4:29,08 Minuten
  6. Sarah Healy (IRE) 4:29,38 Minuten ***
  7. Rebecca Mehra (USA) 4:30,80 Minuten ***
  8. Jessica Judd (GBR) 4:31,18 Minuten

800m-Lauf der Männer

  1. Isaiah Harris (USA) 1:44,76 Minuten
  2. Wycliffe Kinyamal (KEN) 1:44,91 Minuten
  3. Peter Bol (AUS) 1:45,22 Minuten
  4. Alvaro de Arriba (ESP) 1:45,26 Minuten
  5. Bryce Hoppel (USA) 1:45,45 Minuten
  6. Clayton Murphy (USA) 1:45,72 Minuten
  7. Jamie Webb (GBR) 1:45,97 minuten
  8. Saul Ordonez (ESP) 1:46,02 Minuten
  9. Amel Tuka (BIH) 1:46,25 Minuten

* neuer Meetingrekord
** neuer spanischer Landesrekord
*** neue persönliche Bestleistung
**** neuer italienischer Landesrekord
***** neue Weltjahresbestleistung

Müller British Grand Prix in Gateshead

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