Tristesse in den Stadien – kein Sportfest in Tokio

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In neun Tagen werden die XXXII. Olympischen Sommerspiele von Tokio eröffnet. Es wird eine moderne Inszenierung, die ihresgleichen sucht. Gewiss. Es wird gleichzeitig der Auftakt der trostlosesten wichtigsten Veranstaltung im globalen Sport, die die lebenden Generationen jemals erlebt haben. Selbst bei den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen, mitten in der Pandemie der Spanischen Grippe und im Schatten des erst beendeten Ersten Weltkriegs, war trotz Reiseeinschränkungen und eines dramatischeren Kontexts ein Gedanke an ein Zuschauerverbot laut historischen Dokumentationen unpopulär. Die japanische Strategie der Pandemiebegegnung macht es möglich, dass erstmals überhaupt keine Zuschauer die bedeutendsten Sportwettkämpfe im hochtraditionellen Erbe antiker Pionierarbeit direkt verfolgen können und dürfen, obwohl japanische Ligaspiele in diversen Sportarten in den letzten Monaten regelmäßig von Tausenden Fans besucht wurden. Olympische Wettkämpfe mit einem massiven Verlust an Emotion und Erlebnis, reduziert auf das, was Spitzensport im 21. Jahrhundert längst zu sein droht und es nun augenscheinlicher denn je ist: Business. Die Sportlerinnen und Sportler müssen, wie World-Athletics-Präsident Sebastian Coe betonte, Opfer bringen. Auch was die Art des Aufenthalts in Japan betreffen wird.

„Wir hatten keine andere Wahl“

Dass internationale Sportfans die Olympischen Spiele von Tokio nur via Medienangebote verfolgen können, war schon seit Monaten klar und fußt auf einer Logik der globalen Pandemiebekämpfung. Dass selbst Japanerinnen und Japaner nicht in die Arenen, Stadien und Hallen dürfen, ist erst seit einigen Tagen in Stein gemeißelt. Die Entscheidung wurde möglichst lange hingehalten. „Wir hatten keine andere Wahl“, verkündete OK-Chefin Seiko Hashimoto geknickt, die „Geisterspiele“ vermeiden wollte. Auch die japanische Regierung sandte stets Signale aus, die Spiele unbedingt durchführen zu wollen. Bis zum Schluss hatte sie an der Spitze des Organisationsteams auf eine Auslastung der Zuschauerkapazitäten von 50% mit einem oberen Limit von 10.000 Zuschauern, später von 5.000 gehofft. Unter strengsten Maßnahmen. Vergeblich! Obwohl Japans Premierminister Yoshihide Suga in internationalen Medien lange nachgesagt wurde, dass er auf Zuschauer bestehe. Interessant, dass nie Ergebnisse der offiziell von der Wissenschaft begleiteten Tests zur Infektionshäufigkeit in vollen Stadien im November 2020 bekannt wurden. Ein sehr verdächtiger Faktor, der brisante Fragezeichen aufwirft. Nämlich nicht nur für die Olympischen Spiele, sondern alle Sportereignisse der Gegenwart und nächsten Zukunft.

Der Olympische Sport abgenabelt von den Fans

Die Emotionen aus Wembley in London, die Party auf der Piazza del Popolo in Rom, sie sind in Japan schon länger undenkbar. Es werden Olympische Spiele im Notstand, ohne jegliche Möglichkeit zu Treffen im öffentlichen Raum. Der so wichtige Rahmen, das Emotionale, das Völkerverbindende, das Feierliche – all das wird massiv abgehen und es wird ein trauriger Eintrag in die reichhaltige Geschichte der Olympischen Bewegung. Der Olympische Sport und die Sportfans wurden räumlich getrennt, hoffentlich etwas Einmaliges. Nicht einmal zum Streckenrand der Marathonläufe in der frischen Luft über Sapporo sollen die Menschen dürfen, die aktuelle Stufe der Drohszenarien in medialer Berichterstattung sind längst private Feiern mit Sportkonsum als Ursache. Fachleute aus dem Medizin- und Gesundheitsbereich in Japan haben dringend zur Absage der Spiele, aber mindestens zur Abhaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit geraten. Zu groß war ihnen die Sorge, dass sie zum Superspreader-Event in einem Land würden, in dem Impfkampagnen aus Sicherheitsgründen viel später lanciert wurden als in Europa oder Nordamerika. Nicht alle in Japan, insbesondere aus dem Wirtschafts- und Sponsoringbereich, sind glücklich mit dieser Entscheidung. Viele Geldgeber fühlen sich in einer emotionalen Zwickmühle zwischen Für und Wider. Diskussionen, so liest man, werden noch folgen.

Schlechte Gefühlslage

Aber auch aus dem Sport gibt es kritische Stimmung. So hat Francesco Ricci, Präsident der Olympischen Sommersportarten, schon vor Wochen in einer Meldung der US-amerikanischen Presseagentur (AP) bemängelt, dass die große Sorge der bestens vorbereiteten Veranstalter die öffentliche Meinung in Japan wäre. Ein Punkt, den auch Coe ansprach, indem er die hervorragenden Sicherheitskonzepte der japanischen Veranstalter mehrfach lobte.

Schnell drifteten wichtige Personen im Sport ab in die Haltung: Besser Olympische Spiele in atmosphärischer Stille, vor Sitzschalen und TV-Kameras als keine, was das Überleben etlicher Sportarten und damit auch der Sportlerinnen und Sportler gefährdet hätte. Wenn Japans Premierminister „historische“ Spiele ankündigt, hat er dies wohl anders – positiver – gemeint als der Eindruck nachträglich haften bleiben könnte. Das TV-Spektakel wird vieles retten, aber bei weitem nicht alles.

IOC bleibt im Hintergrund

Im Gegensatz zum Europäischen Fußballverband (UEFA) hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) nie eine Publikumsgarantie eingefordert. Aus Respekt vor dem bemühten Gastgeber, der das Ziel, die Olympischen Spiele trotz massivem Gegenwind aus dem Inneren unbedingt durchzuführen, selbst in schwierigen Zeiten nie aus den Augen verloren hat. Viele Einschätzungen glauben, weniger aus Liebe zum Sport als vielmehr als außenpolitisches Signal. Es war ein auch ein politischer Abnützungskampf.

Das IOC hat dem Gastgeber stets den Rücken gestärkt, selbst wenn man selbst so manche Entwicklung zerknirscht zur Kenntnis nahm. Das ist lobenswert, denn die Entscheidungshoheit solch bedeutender Entschlüsse in diesem brisanten Kontext muss unbedingt bei den lokal und national Verantwortlichen bleiben. Nur auf die Durchführung der Spiele hatte das IOC stets gepocht, die Verschiebung 2020 war bereits so spät als möglich getroffen worden. Auch als Schutz für die Sportlerinnen und Sportler, denn laut IOC hat der Großteil der globalen Spitzensportler nur einmal in ihrer Karriere die Chance, am Sportlerhöhepunkt teilnehmen zu können. Das Athletenort sei ein sicherer Ort, insistierte IOC-Präsident Thomas Bach angesichts der hohen Impfquote unter den Sportlerinnen und Sportler weltweit.

Nur einzelne Meldungen über Athleten, die sich nicht impfen wollten, erreichten die Öffentlichkeit. Eine zahlenstarke Gruppe japanischer Ärztinnen und Ärzte hatte noch im Mai die Werbetrommel für eine Absage der Olympischen Spiele gerührt. Betten für COVID-19-Patienten in direktem Zusammenhang mit dem Sportereignis würden sie keine freihalten, ließen die Krankenhäuser der Metropole wissen.

Olympische Spiele in der „Bubble“

Die Stimmung in der japanischen Bevölkerung im Umfrage-Marathon nationaler Medien veränderte sich in den letzten Monaten kaum. Noch Mitte Juni befürchteten hochgerechnet 86% der japanischen Bevölkerung einen Anstieg der Neuinfektionen dank Olympia, vier von zehn sprachen sich für eine Abhaltung der Spiele ohne Publikum aus, über drei von zehn weitere gar für eine Absage des Sportereignisses (vgl. Kyodo News). Plumpe Vergleiche von statistischen Einträgen zu pandemischen Daten mit europäischen Ländern sind genauso unzulänglich wie Analysen der nationalen Strategie. Was die japanische auszeichnete, ist eine Abriegelung nach außen um gesellschaftliche Restriktionen im Inneren milder ausfallen zu lassen. Viele in Japan sehen mit der Einreiseerlaubnis von Sportlern, Helfern, Betreuern und Journalisten aus aller Welt einen Widerspruch dazu. Diverse Städte sagten die Unterstützung der Hauptstadt bezüglich der Beherbergung von Gästen und Athleten für Trainings- und Akklimatisierungsaufenthalte ab. Die Anzahl jener, die aufgrund der Spiele nach Japan einreisen werden, wurde in den letzten Monaten sukzessive reduziert. Die für sie vorgesehenen Verhaltensregeln und Bewegungsräume sind strikt und restriktiv. Die „Bubble“ ist mittlerweile im internationalen Sport bestens bekannt, Begeisterungsstürme löst sie keine aus.

Heikle Frage der Fürs und Widers

Natürlich finden sich Fachleute, die einer Olympia-Austragung in Japan sehr skeptisch gegenüberstehen, nicht nur in Japan. Laut eines REUTERS-Berichts bezeichnete Michael Baker von der Otago University, der als Public-Health-Experte die neuseeländische Regierung in der Pandemiezeit berät, stellvertretend für andere die Austragung der Spiele für „absurd“. „Die Olympischen Spiele werden Leben kosten. Sie sind eine optionale Aktivität. Ich liebe die Olympischen Spiele und fühle mit den Athleten, die hart dafür trainiert haben, mit. Aber es gibt weder einen Grund noch irgendeine Rechtfertigung, Olympische Spiele in diesem Kontext auszutragen.“

Demgegenüber stehen etliche Kommentare aus dem internationalen Sportjournalismus, die die Bedeutung von Olympischen Spielen als vorbildhaftes symbolisches Ereignis auf vielen gesellschaftlichen Ebenen, die über die sportliche hinausgehen, betonen und argumentieren, dass Olympische Spiele selbst und besonders in dieser Zeit unerlässlich sind. In ihrer historischen Funktion als Friedensbringer, als Verbindendes, als Strahlkraft positiver Emotionen, als Versprühen von Freude, als Hoffnungssignal für die Zukunft, als mitreißender Motivator, als Ablenkung von alltäglichen Sorgen. Zusammengefasst: als gesamtgesellschaftliche Perspektive auf etwas Besseres. Wer in den letzten Wochen weniger deutschsprachige, sondern verstärkt britische oder italienische Medienberichterstattung über den ersten Sporthöhepunkt dieses Sommers rezipiert hat, wird der Argumentation verstärkt begegnet sein, selbst ohne zugehörige TV-Bilder gesehen zu haben.

Zwischen Warnungen und Sorgen

Interpretiert man die letzten, regelmäßigen Wortmeldungen von World Athletics Präsident Sebastian Coe in diversen Medien, ist der oberste Funktionär der internationalen Leichtathletik alles andere als glücklich über die Zuschauerverbannung aus dem Olympiastadion. Noch zu Monatsbeginn sagte er dem US-amerikanischen TV-Sender NBC (online), angesichts der massiven Präventions- und Sicherheitsvorkehrungen sei er sich nicht sicher, dass die Olympischen Spiele ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die sich über die Art und Weise der Austragung der Fußball-Europameisterschaft und den Möglichkeiten im Drumherum in einigen Ländern sehr besorgt äußerte, hatte das IOC und die japanischen Organisatoren zuletzt ermahnt, bei allen Entscheidungen einen risikobasierten Ansatz zu verfolgen.

Die pandemischen Sorgen sind in Japan ausgeprägt. Das zeigt alleine die Tatsache, dass 10.000 freiwillige Mitarbeiter – etwa jede/r Achte – seine Mithilfe mit Verweis auf die Gesundheitskrise kurzfristig abgesagt hat. Die stabil Olympia-skeptischen Umfragewerte legen auch offen, dass weder der japanischen Regierung noch der Organisationsverantwortlichen gelungen ist, Überzeugung für die sicheren Spiele, die sie gemeinsam mit dem IOC seit Monaten unter angekündigter Garantie propagieren, breitzutreten.

Die Kuriosität in der Sicherheitsfrage

Der Verzicht auf Zuschauer ist abgesehen von der emotionalen Ebene für die Organisatoren ein vertretbares Opfer. Denn der wirtschaftliche Verlust durch die ausbleibenden Ticketeinnahmen ist im Verhältnis zum umfangreichen finanziellen Schlamassel durch die Gesamtsituation ein kleiner Zusatzverlust. Die Olympischen Spiele 2020 von Tokio, ohnehin die teuersten der Geschichte, werden so oder so, voraussichtlich, ein kräftiges Minusgeschäft. Eine Absage wäre dagegen ein wirtschaftliches Fiasko.

Das IOC sorgte in mühevollen Kampagnen und Überzeugungsarbeit dafür, dass der überwiegende Großteil der Sportlerinnen und Sportler sowie deren Begleitpersonen, die nach Tokio reisen, bereits einen COVID-19-Impfschutz haben. Die gesundheitlichen Sorgenfalten in der Athletenwelt selbst scheinen aber zu wenig ausgeprägt, als dass das IOC von ihrem traditionellen Plan, rund 160.000 Kondome in die Athletenpackages zu packen, abgesehen hätte. Heruntergerechnet auf erwartet 11.000 Athleten ist das eine üppige Ausbeute pro Nase, die Olympischen Spiele dauern ja nicht Monate. Immer noch, in Rio 2016 gab es die dreifache Menge.

Auch auf dieser Ebene sind Olympische Spiele hochgradig völkerverbindend. Lustig, dass im Playbook des IOC für die Olympischen Athleten steht, sie sollen die physische Interaktionen während des Tokio-Aufenthalts eindämmen und einen Zwei-Meter-Abstand zu anderen Sportlerinnen und Sportlern praktisch als Regel definiert. Immerhin hat das IOC in einem öffentlichen Statement den Ratschlag erteilt, die Athletinnen und Athleten sollen die Kondome lieber mit nach Hause nehmen. Als Souvernir? Ob sich die jeweiligen Partnerinnen und Partner darüber freuen?

Olympische Spiele 2020 in Tokio

Internationales Olympisches Komitee