Starduelle über 1.500m in Monaco

Nach erzielten Laufzeiten ist das Diamond-League-Meeting im Stade Louis II in Monaco traditionell eines der Highlights der Saison, wenn nicht das herausragende. Das könnte auch dieses Mal beim für viele letzten großen Rennen vor den in rund drei Wochen startenden Olympischen Leichtathletik-Wettbewerben in Tokio sein. Die Rennen über die „metrische Meile“ versprechen besondere Highlights.

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Wenn am 7. August im Olympiastadion von Tokio – ob vor null Zuschauern, zumindest ein paar freundlich dreinschauenden Funktionären oder dann doch einigen Fans – der Startschuss für den Olympischen Finallauf im 1.500m-Lauf ertönt, ist jetzt schon sicher, und zwar unabhängig der Ereignisse in Vor- und Semifinalläufen, dass das globale Leichtathletik-Publikum um eines der elektrisierendsten Duelle im Laufbereich gebracht wird. Timothy Cheruiyot gegen Jakob Ingebrigtsen. Der Unbesiegbare gegen den mit der großen Sehnsucht des Triumphs. Kann der Norweger in dieser Saison vielleicht sogar leichter Olympiasieger werden als ein Rennen gegen den Kenianer zu gewinnen?

RunAustria-Tipp: Das Diamond-League-Meeting in Monaco kann in Deutschland auf Sky und in der Schweiz im öffentlichen Rundfunk am Freitagabend von 20 bis 22 Uhr live verfolgt werden.

Noch nie hat er das geschafft. Das kann übrigens praktisch die gesamte Laufwelt in den letzten fast vier Jahren behaupten. Timothy Cheruiyot eilt in der Wanda Diamond League von Sieg zu Sieg, wurde Weltmeister von Doha und handelte bei den Kenya Olympic Trials mit Zitronen. Rang vier und Aus die Maus, keine Olympia-Teilnahme für den designierten (Gold-)Medaillengewinner. Daher findet das Hauptduell zwischen den beiden Stars vorerst in Monaco statt. Spätestens seit seinen Glanzauftritten in der Halle (Liévin) und beim Diamond-League-Meeting in Florenz (5.000m) wird Ingebrigtsen guten Mutes an die Startlinie treten, Cheruiyot erstmals besiegen zu können. Beim Kenianer stellt sich die Frage, wie seine Siegerzeit in Stockholm (siehe RunAustria-Bericht) von 3:32,30 Minuten zu gewichten ist. Traditionell läuft der 25-Jährige in Monaco nicht nur schnell, sondern sehr schnell. Eine Auswahl: 3:28,45, 3:28,41, 3:29,10, 3:29,97. Und da Ingebrigtsen auf dieser Bahn im letzten Jahr als Zweiter hinter dem für ihn bisher Unerreichbaren einen Europarekord (3:28,68) aufgestellt hat, dürften auch beim Norweger die Erinnerungen an das Stade Louis II bestens sein.

Ein Feld mit Final-Qualität

Sollte die Frage, ob Cheruiyot in Monaco besiegbar ist, bejaht werden, stellt sich die Frage, ob für diese Variante ein anderer Läufer in Frage kommt als Ingebrigtsen. Eher nein, wenngleich das Feld vor Weltklasse strotzt: WM-Medaillengewinner Marcin Lewandowski, Hallen-Weltmeister Samuel Tefera, der heuer ganz gut in Schuss ist, Australiens Rekordhalter Stewart McSweyn, zuletzt in Oslo mit der schnellsten Meile weltweit seit sieben Jahren, und Charles Simotwo, stolzer Sieger der Kenya Trials. Dazu der zuletzt auf der doppelten Distanz wiedererstarkte Ex-Europameister Filip Ingebrigtsen, der spanische 5.000m-Überflieger Mohamed Katir, Australiens Shootingstar Jye Edwards und der ehemalige äthiopische Jugend-Weltmeister Meseret Nberet. Hätte es den wundersamen Ausreißer bei den Kenya Trials nicht gegeben, Chronisten würden formulieren: Es könnte die Besetzung des Olympischen Finallaufs sein.

Das Programm der Laufentscheidungen beim Meeting Herculis EBS

  • 20:18 Uhr – 800m-Lauf der Frauen
  • 20:32 Uhr – 1.500m-Lauf der Männer
  • 20:49 Uhr – 3.000m-Hindernislauf der Männer
  • 21:06 Uhr – 800m-Lauf der Männer
  • 21:16 Uhr – 1.500m-Lauf der Frauen
  • 21:36 Uhr – 3.000m-Hindernislauf der Frauen

Hassan gegen Kipyegon: Teil zwei

Eine Dreiviertelstunde nach dem Rennen der Männer steht das 1.500m-Rennen der Frauen auf dem Programm und hier stellt ein Duell um den Sieg den Rest des Wettkampfs noch deutlicher in den Schatten als bei den Männern. Sifan Hassan gegen Faith Kipyegon, Faith Kipyegon gegen Sifan Hassan. Spätestens seit dem epischen Duell der beiden bei den Weltmeisterschaften in Doha, dem kollektiv schnellsten 1.500m-Rennen der Frauen seit Ewigkeiten, hat dieser Zweikampf das Potenzial, das faszinierendste Duell auf den Laufdistanzen in dieser Saison zu werden. Abseits von Olympia freilich, denn auch dieses Duell wird es in Tokio nicht geben. Hassan hat sich für das Langstreckendoppel entschieden. Oder doch nicht nur? Ein Artikel auf der Website von World Athletics spekuliert mit der unvernünftigen bis absurden Idee eines Dreifachstarts inklusive der 1.500m. Wenn eine die Leistungspalette dafür vorweisen könnte, wäre es definitiv Sifan Hassan. Und man liest, dass sie die Mittelstrecke am liebsten läuft.

Anfang Juni in Florenz trafen die beiden erstmals in diesem Jahr aufeinander, beide blieben unter 3:54 Minuten, Hassan hatte die Nase vorne. Kipyegon, ihres Zeichens Olympiasiegerin von Rio, lechzt merklich nach einer Revanche, die Klasse der Holländerin ist aber verdächtig für eine Rolle der Unbezwingbaren. 2019 ist die gebürtige Äthiopierin auf dieser Bahn einen Weltrekord über die Meile gelaufen.

Eher residieren im Hafenbecken von Monte Carlo morgen Abend Leute auf Schlauchbooten als dass eine andere Läuferin sich in die Siegerliste dieses Programmpunkts eintragen wird. Wenn überhaupt, am ehesten wäre dies noch der jungen Äthiopierin Freweyni Hailu zuzutrauen. Das bedeutet nicht, dass das Feld außer den beiden Stars keine interessanten Namen beinhaltet, sondern zeigt die Sonderklasse von Hassan und Kipyegon in ihrer eigenen Liga. Mit Hanna Klein und Sara Benfares, die gebürtige Französin, die seit drei Wochen offiziell für ihre neue Heimat startberechtigt ist, ist ein deutsches Duo an der Startlinie.

Was Rang und Namen hat

Die chronologisch letzte Laufentscheidung des Abends – und damit naturgemäß ein Höhepunkt – ist der 3.000m-Hindernislauf der Frauen. Absolut zurecht, denn mit Ausnahme der Weltjahresschnellsten Norah Jeruto und der äthiopischen Rekordhalterin Mekides Abebe sind alle Läuferinnen, die nach jetzigem Wissensstand mit Olympischem Edelmetall liebäugeln dürfen, dabei: Hyvin Kiyeng, Beatrice Chepkoech, Emma Coburn, Gesa Krause und Winfred Yavi. Kiyeng hat sowohl bei den Kenya Trials als auch bei am Sonntag in Stockholm gewonnen und dürfte demnach ernsthaft Ambitionen hegen, die Nummer-eins-Rolle im Hindernislauf-Nummer-eins-Land Kenia zurückerobern zu wollen. Weltrekordhalterin Chepkoech hinterließ weder in Eldoret noch in Schwedens Hauptstadt einen guten Eindruck, der Countdown Richtung Tokio tickt bei ihr besonders laut. Sie ist aktuell nur die Nummer sieben der Weltjahresbestenliste. Yavi glänzte vor sechs Wochen in Doha mit einer persönlichen Bestleistung. Und Coburn und Krause? Beide sind 2021 bisher nicht in jene Bereiche gelaufen, in denen man sich wohl auch in Tokio bewegen muss, um zur Siegerehrung zu dürfen – nämlich mindestens eine ganz niedrige 9er-Zeit. Aber die beiden vereint eine viel versprechende Tatsache: Beide sind noch nie so gut in die Saison gestartet, selbst nicht in den Jahren, als sie WM-Medaillen gewannen. Monaco wird Aufschluss darüber geben, wie nahe die US-Amerikanerin und die Deutsche den favorisierten Kenianerinnen schon sind.

Relativ offen dürfte der 3.000m-Hindernislauf der Männer sein. Der prominenteste Name ist Vize-Weltmeister Lamecha Girma, der allerdings sein Saisondebüt gibt. Das bedeutet, er war bei den äthiopischen Trials nicht dabei und verpasst damit Olympia. Es gibt demnach keine Anhaltspunkte, wie gut in Form der Äthiopier ist. Ihn als Medaillensammler in Tokio ersetzen soll Bikila Takele, 18 Jahre jung, Sieger der äthiopischen Trials und Zweiter in Florenz. Obwohl die großen Namen in diesem Rennen abgesehen von Grima und dem bisher in dieser Saison in bescheidener Form agierenden Kenianer Benjamin Kigen fehlen, hat der Schnitt eine hohe Qualität. Bis auf zwei Läufer haben alle Bestleistungen unter 8:20 Minuten, was insbesondere in Europa vor wenigen Jahren nicht selbstverständlich war.

Almanza am Prüfstein

Am Sonntag in Stockholm brillierten Rose Mary Almanza und Natoya Goule über 800m. Die beiden, insbesondere die auf der ganz großen Bühne doch sehr unerfahrene Kubanerin, stehen in Monaco am Prüfstand, da die taktischen Verhältnisse im Feld ganz andere sein dürften. Aus dem schlichten Grund, dass die Konkurrenz noch stärker ist. Neben Kate Grace und Catriona Bisset, die in Schweden schon dabei waren, sind Weltmeisterin Halimah Nakaayi, das schottische Duo Jemma Reekie und Laura Muir, die Äthiopierin Habitam Alemu und die Französin Renelle Lamote die prominenten Gegnerinnen der beiden aus der Karibik. Also so ziemlich ein Feld, das auch im Olympischen Finale antreffbar sein könnte.

Interessant ist die Wahl der Pacemakerin. Das ist nämlich Almanzas Landsfrau und langjährige Weggefährtin Sahily Diago, die auch schon einmal unter 1:58 Minuten gelaufen ist. Ein Fingerzeig, dass die Kubanerin das Rennen diktieren möchte. Üblicherweise ist das auch der Stil der Schottin Jemma Reekie. Und Laura Muir kann die „Ausrede“, sie teste die Unterdistanz für ihre Hauptdisziplin, dem 1.500m-Lauf, fallen lassen. Gemeinsam mit Reekie und Hallen-Europameisterin Keely Hodgkinson wurde sie für den Olympischen 800m-Lauf nominiert. In einer Disziplin, in der fünf Britinnen alleine heuer das Olympia-Limit unterboten haben, sechs sind unter 1:59,54 Minuten gelaufen.

Die Rückkehr eines alten Bekannten

1:41,89 Minuten. So schnell lief man eigentlich nicht mehr, seitdem sich David Rudisha anderen Freuden des Lebens widmete als möglichst schnell zweimal ums Stadion zu rasen. Doch genau diese Zahlen beschreiben die Siegesleistung von Nijel Amos beim Diamond-League-Meeting in Monaco vor zwei Jahren. Später belegte er beim Diamond-League-Finale in Zürich noch den zweiten Platz, sagte die WM-Teilnahme in Doha kurzfristig ab und verschwand von der Bildfläche. Nun ist der immer noch erst 27-Jährige aus Botswana, der vor neun Jahren Olympisches Silber im denkwürdigen London-Weltrekordrennen von Rudisha gewann, wieder da, in seinem ersten Rennen in Europa seit 22 Monaten.

Seine Hauptkontrahenten in einem interessanten Feld sind der Kenianer Emmanuel Korir, bisher eine so-la-la-Saison, aber für die Olympischen Spiele qualifiziert, Kenias derzeit überzeugendster 800m-Läufer Ferguson Rotich, der US-Amerikaner Bryce Hoppel, dessen Landsmann Clayton Murphy, der Brite Elliot Giles, Hallen-Europameister Patryk Dobek aus Polen, der zweifache, bosnische WM-Medaillengewinner Amel Tuka und der Kanadier Marco Arop. Warum so viele? Ihnen allen ist ohne weiteres zuzutrauen, unter 1:44 Minuten zu laufen. Der interessanteste aus diesem Kreis ist gegenwärtig Murphy. Der 26-Jährige gewann bei den Olympischen Spielen von Rio sensationell die Bronzemedaille, konnte diesen Standard aber die letzten Jahre nicht halten. Zwar lief er jährlich eine schnelle Zeit, aber Spitzenergebnisse bei den ganz großen Meetings blieben Mangelware. Häufiger werdende Ausflüge auf die 1.500m ließen Mutmaßungen zu, es wäre kein Seitensprung, sondern eine potenzielle neue Liebe. Bis zum 21. Juni 2021, als Murphy bei den US-Trials mit einer seiner besten 800m-Leistungen überhaupt (1:43,17, das ist aktuelle Weltjahresbestleistung) triumphal die alte Liebe aufleben ließ und ein Mitgrund ist, warum der so dominante Weltmeister von 2019, Donavan Brazier zu den prominentesten Nutzern der TV-Übertragung des Olympischen Rechtekönigs NBC (5,5 Milliarden Euro für Olympia-Übertragungen bis inklusive 2032, Anm.) werden könnte.

Besonders in diesen Tagen wichtig: Über 60.000 Zuschauer wie in Wembley können es im Fürstentum naturgemäß nicht sein. 8.000 der 18.500 Sitzschalen und bequemeren Sitzplätze dürfen maximal in Gebrauch genommen werden. Fast halbvolle Stadion in der Leichtathletik – selbst das ist lange, lange her.

Wanda Diamond League

Meeting Herculis EBS