Die neue Olympia-Hoffnung aus Kuba

Rose Mary Almanza lief beim Diamond-League-Meeting in Stockholm zu einem neuen Meetingrekord im 800m-Lauf und ist die zweitschnellste 800m-Läuferin des Jahres. Auch Trials-Schock Timothy Cheruiyot und Hindernislauf-Europameisterin Gesa Krause überzeugten.

© Wanda Diamond League

Als zu Sommerbeginn 2019 klar wurde, dass die neue Regelung des Leichtathletik-Weltverbands (World Athletics) für DSD Athletinnen (zumindest vorübergehend) hält, stellte sich unweigerlich die Frage, wie sich die 800m-Spitze hinter Caster Semenya, Francine Niyonsaba und Margaret Wambui gestalten würde. Wie so häufig eröffnen neue Chancen rasche Wege zu einer neuen Qualität und so stieg diese im 800m-Lauf der Frauen sukzessive und zuletzt rasant. Vier Läuferinnen haben im laufenden Kalenderjahr, das ja bei weitem noch nicht abgeschlossen ist und in dem der anvisierte Höhepunkt der sportlichen Leistungen noch bevorsteht, die Zeit von 1:57 Minuten unterboten, acht die Zeit von 1:58. Mehr waren es zuletzt 2018 in ersterem und 2017 in zweiterem Falle, aber damals ohne DSD-Athletinnen nicht vorstellbar. So ist es im Jahr 2021 eine breite Front an Medaillenkandidatinnen bei Olympia auf sehr hohem Niveau, die Favoritenrolle vakant. Vor zwei Jahren war das freilich noch anders. Ajee Wilson, die in den Jahren davor als einzige in die Nähe von Semenya und Co. kam, war prädestiniert, die 800m-Rennen zu dominieren. Was sie zuweilen auch tat, bis bei den Weltmeisterschaften von Doha der Stern von Halimah Nakaayi aufging.

Duell der Mittelamerikanerinnen

Zum Kreis der Medaillenkandidatinnen in Tokio gehört spätestens seit dem gestrigen Diamond-League-Meeting in Stockholm auch Rose Mary Almanza. Bei ihrem ersten Auftritt in der höchsten Meetingserie der internationalen Leichtathletik (kurioserweise auch damals in Stockholm, Platz sechs) stürmte die bald 29-jährige Kubanerin zu einer persönlichen Bestleistung von 1:56,28 Minuten. In einem beeindruckenden Rennen, in dem sie als einzige die Tempohärte bewies, in der ersten Runde mit der Tempomacherin mitzugehen. Als Natoya Goule, als Jamaikanerin ebenfalls aus dem Sprinterparadies Karibik stammend, die kleine Lücke zur Führenden bis zum Eingang in die letzte Kurve schloss, behauptete Almanza die Innenkante, ging als Führende auf die Zielgerade und gewann das Rennen mit dem geringen Vorsprung von 0,16 Sekunden. Ein glänzender Auftritt von beiden, schließlich blieben beide unter dem 23 Jahre alten Stadionrekord von Maria Mutola. Goule verpasste ihren eigenen jamaikanischen Landesrekord nicht einmal um drei Zehntelsekunden. In der langen Tradition des kubanischen Mittelstreckenlaufs waren nur Kontinentalrekordhalterin Ana Fidelio Quirot, zweifache Weltmeisterin und zweifache Olympia-Medaillengewinnerin, sowie Zulia Calatayud, Weltmeisterin von Helsinki 2005, jemals schneller als Almanza. Dennoch ist Almanza bisher international kaum wahrgenommen.

Noch fehlt der große internationale Erfolg

Das liegt vorwiegend daran, dass die 28-Jährige bis zu ihrem ersten Diamond-League-Sieg in Stockholm 2021 auf dem internationalen Terrain nicht überzeugen konnte. 2010 wurde sie Vierte bei der Junioren-WM, in den folgenden Jahren lief sie stets Spitzenzeiten. Nur 2013 und 2018 scheiterte sie haarscharf an der Zwei-Minuten-Marke, 2015, 2016, 2020 und 2021 blieb sie jeweils unter 1:59 Minuten. Doch bei den Saisonhöhepunkten wiederholte sich immer dasselbe Spiel: Bei den Weltmeisterschaften 2015, 2017 und 2019 schied sie jeweils im Halbfinale recht deutlich aus, bei den Olympischen Spielen 2016 sogar im Vorlauf. Sich anbahnende Vorschusslorbeeren verwelkten schnell. Ändert sie das in Tokio, ist ihr die Wende in der internationalen Reputation sicher.

Hodgkinson als britische Nummer eins nach Tokio?

Der Doppelsieg der Läuferinnen von den karibischen Inseln in Stockholm ist insofern bemerkenswert, als dass die beiden durchaus namhafte Konkurrenz deutlich distanzierten. Kate Grace, am Donnerstag Siegerin in Oslo (siehe RunAustria-Bericht), lief zwar eine persönliche Bestleistung von 1:57,34 Minuten, hatte aber eine Sekunde Rückstand. Hallen-Europameisterin Keely Hodgkinson, die sich mit einem beeindruckenden Auftritt bei den britischen Meisterschaften ihr Olympia-Ticket geholt hat, freute sich ebenfalls über einen sogar deutlichen „Hausrekord“ von 1:57,51 Minuten, war im Kampf um den Sieg aber ebenso chancenlos. Die 19-Jährige ist nun die Nummer drei der ewigen Bestenliste hinter Kelly Holmes und Kirsty Wade, übrigens deutlich vor Jemma Reekie und Laura Muir, mit denen sie das britische Trio in Tokio bildet.

Der Seriensieger macht wieder Seriensieger-Sachen

Es ist zurzeit ein Rätsel, wie der Kenianische Leichtathletik-Verband (Athletics Kenya) auf die Idee gekommen ist, erst kundzutun, bei den Kenya Trials nur den ersten Beiden einen Startplatz bei den Olympischen Spielen zu garantieren und die dritte Nominierung in Ausnahmefällen nicht dem oder der Drittplatzierten der Trials zu geben, und dann diese Klausel nicht anzuwenden, als Timothy Cheruiyot ins Strudeln kam. Muskuläre Beschwerden sollen ihn in Eldoret behindert haben, als er nur Vierter wurde. Ein Ereignis, das der 25-Jährige nicht mehr kannte. Seit über zwei Jahren hat er jeden einzelnen Wettkampf, an dem er teilgenommen hat, gewonnen – größtenteils in der Diamond League und natürlich bei der WM 2019.

Die Entscheidung von Athletics Kenya wurde als endgültig kommuniziert. Was Cheruiyot nach dieser großen Enttäuschung also noch bleibt, ist die Restsaison in der Diamond League zu nutzen, um zu demonstrieren, dass sein nationaler Verband einen Fehler gemacht hat. Begonnen hat er damit in Schwedens Hauptstadt. Cheruiyot gewann den 1.500m-Lauf, in dem mit Jakob Ingebrigtsen und Oslo-Sieger Stewart McSweyn (über die Meile) die beiden vermeintlich größten internationalen Kontrahenten freilich fehlten, nicht in seiner üblichen Art mit Dominanz vom ersten Meter an. Sondern im Stile eines Meisterschaftsläufers. Mit Kontrolle bis zum Glockenton und einer enormen Beschleunigung in der letzten Runde für eine klare Vorentscheidung zu einem Sieg in 3:32,30 Minuten. Als ob er ein Zeichen aussenden und dies mit geballter Jubelfaust noch verdeutlichen wollte.

Hinter Cheruiyot setzte sich der Spanier Ignacio Fontes mit dem mit Abstand besten Rennen seit Wochen bestens in Szene. In 3:33,27 Minuten ging sich sogar eine persönliche Bestleistung aus. Um in die Top-Ten der ewigen spanischen Bestenliste zu kommen, muss man allerdings eine Zeit unter 3:33 anbieten.

Fragezeichen hinter Chepkoech – Krause stark

Die Rolle, die Timothy Cheruiyot im 1.500m-Lauf der Männer einnimmt, wäre eigentlich für Beatrice Chepkoech im 3.000m-Hindernislauf der Frauen vorgesehen. Die Weltrekordhalterin war die dominierende Figur der letzten Jahre, doch bei ihrem ersten internationalen Auftritt 2021 erlitt sie in Stockholm eine krachende Niederlage. Nicht nur, dass ihre Landsfrau Hyvin Kiyeng, die anfangs des dritten Kilometers die Führung übernahm, rasch davon zog und bestätigte, warum sie kenianische Meisterin wurde. Eingangs der Zielgerade musste der kenianische Star auch den deutschen Star Gesa Krause ziehen lassen. Kiyeng pulverisierte in einer Zeit von 9:04,34 Minuten den Meetingrekord von Olympiasiegerin Ruth Jebet. Krause lief die drittschnellste Zeit ihrer Karriere, 9:09,13 Minuten. Die 29-Jährige liegt nun auch in der Diamond-League-Qualifikationswertung auf Rang zwei hinter Kiyeng und zeigte sich im auf der Website der Diamond League veröffentlichten Interview sehr glücklich mit ihrer Leistung. Ihre Landsfrau Elena Burkard freute sich auf Rang acht über eine persönliche Bestleistung von 9:27,81 Minuten.

Rotich schnappt sich Arop

Sieger in der vierten Laufentscheidung des Nachmittags, in welcher Diamond-League-Punkte zu sammeln waren, war der Kenianer Ferguson Rotich, einer der wenigen Topstars des Landes, welche vor Olympia aus der Heimat noch nach Europa reiste. Die Pandemie drängt den nationalen Verband hier zur Vorsicht, das „Super-Meeting“ von Monaco am 9 Juli mag eine Ausnahme sein. Das Rennen im von der Sonne erstrahlten, alt ehrwürdigen Olympiastadion von Stockholm bei, den langen Coronamonaten wegen, ungewohnt lauter Zuschauerkulisse durch das begeisterte schwedische Publikum, wurde lange Zeit von Marco Arop aus Kanada dominierte, der in einer Zeit von 1:44,00 Minuten zu einer persönlichen Bestleistung stürmte. Doch Rotich schlängelte sich aus dem Hinterfeld auf den letzten Metern noch am 22-jährigen Nordamerikaner vorbei und siegte in 1:43,83 Minuten. „Rotich ist sehr erfahren, er weiß genau, wie er seinen Endspurt lancieren muss und ja, so hat er mich geschnappt“, erkannte Arop fair an. Auch der drittplatzierte Elliot Giles, der es aus dem hoch qualitativen britischen 800m-Team ins Olympia-Aufgebot geschafft hat, und der spanische WM-Finalist Adrian Ben freuten sich ebenso über persönliche Bestleistungen: 1:44,18 bzw. 1:44,51 Minuten.

Beachtlich war, dass der Kenianer Jonathan Kitilit nur in den B-Lauf kam. Seine Klasse konnte der 27-Jährige, Siebter bei den Kenya Trials, dennoch belegen: 1:44,68 Minuten ist für einen Sieger aus einem B-Lauf beeindruckend, zumal der zweitplatzierte Brite Archie Davies nur einen Hauch langsamer war.

Ein Laufhighlight im Vorprogramm

Weiters erstaunlich war, dass der 1.500m-Lauf der Frauen, wohl aus Zeitgründen, ins Vorprogramm abkommandiert wurde. Das Niveau erinnerte sogar nicht an Vorprogramm. Die Äthiopierin Diribe Welteji gewann in 4:00,68 Minuten vor den US-Amerikanerinnen Shannon Osika (4:00,93) und Helen Schlachtenhaufen (4:01,09). Wie Schlachtenhaufen liefen auch Esther Guerrero aus Spanien (4:02,41) und Karoline Bjerkeli Grövdal (4:03,07) neue persönliche Bestleistungen. Deutschlands Olympia-Starterin Caterina Granz belegte Rang acht (4:08,90).

Auch im 3.000m-Hindernislauf der Männer gab es einen äthiopischen Sieg: Mit einer persönlichen Bestleistung von 8:20,27 Minuten setzte sich Samuel Firewu klar gegen den Briten Zak Seddon und den Spanier Ibrahim Ezzaydouni durch. Favorit Amos Kirui aus Kenia musste sich mit Position vier zufrieden geben, zwei Ränge vor dem Deutschen Jens Mergenthaler.

Ergebnisse Bauhaus Galan 2021 in Stockholm

800m-Lauf der Frauen

  1. Rose Mary Almanza (CUB) 1:56,28 Minuten * / **
  2. Natoya Goule (JAM) 1:56,44 Minuten
  3. Kate Grace (USA) 1:57,34 Minuten **
  4. Keely Hodgkinson (GBR) 1:57,51 Minuten **
  5. Catriona Bisset (AUS) 1:59,13 Minuten
  6. Lovisa Lindh (SWE) 1:59.76 Minuten
  7. Hedda Hynne (NOR) 1:59.82 Minuten
  8. Worknesh Mesele (ETH) 2:02,07 Minuten

800m-Lauf der Männer

  1. Ferguson Rotich (KEN) 1:43,83 Minuten
  2. Marco Arop (CAN) 1:44,00 Minuten **
  3. Elliot Giles (GBR) 1:44,05 Minuten **
  4. Adrian Ben (ESP) 1:44,18 Minuten **
  5. Isaiah Harris (USA) 1:44,51 Minuten
  6. Amel Tuka (BIH) 1:44,94 Minuten
  7. Andreas Kramer (SWE) 1:45,05 Minuten
  8. Jamie Webb (GBR) 1:55,31 Minuten

B-Lauf

  1. Jonathan Kitilit (KEN) 1:44,68 Minuten
  2. Archie Davies (GBR) 1:44,72 Minuten **
  3. Piers Copeland (GBR) 1:45,77 Minuten **

1.500m-Lauf der Frauen

  1. Diribe Welteji (ETH) 4:00,68 Minuten
  2. Shannon Osika (USA) 4:00,93 Minuten
  3. Helen Schlachtenhaufen (USA) 4:01,09 Minuten **
  4. Esther Guerrero (ESP) 4:02,41 Minuten **
  5. Karoline Bjerkeli Grövdal (NOR) 4:03,07 Minuten **
  6. Tigist Ketema (ETH) 4:04,96 Minuten
  7. Sarah Lahti (SWE) 4:08,00 Minuten
  8. Caterina Granz (GER) 4:08,90 Minuten

1.500m-Lauf der Männer

  1. Timothy Cheruiyot (KEN) 3:32,30 Minuten
  2. Ignacio Fontes (ESP) 3:33,27 Minuten **
  3. Ronald Kwemoi (KEN) 3:33,53 Minuten
  4. Ronald Musagala ((UGA) 3:33,99 Minuten
  5. Adam Ali Musab (QAT) 3:34,76 Minuten
  6. Bethwel Birgen (KEN) 3:34,77 Minuten
  7. Brahim Kaazouzi (MAR) 3:53,32 Minuten
  8. Joshua Thompson (USA) 3:37,23 Minuten

3.000m-Hindernislauf der Frauen

  1. Hyvin Kiyeng (KEN) 9:04,34 Minuten *
  2. Gesa Felicitas Krause (GER) 9:09,13 Minuten
  3. Beatrice Chepkoech (KEN) 9:10,52 Minuten
  4. Purity Kirui (KEN) 9:16,91 Minuten **
  5. Leah Falland (USA) 9:16,96 Minuten **
  6. Rosefline Chepngetich (KEN) 9:22,30 Minuten
  7. Geneviève Gregson (AUS) 9:23,24 Minuten
  8. Elena Burkard (GER) 9:27,81 Minuten **

3.000m-Hindernislauf der Männer

  1. Samuel Firewu (ETH) 8:20,27 Minuten **
  2. Zak Seddon (GBR) 8:23,22 Minuten
  3. Ibrahim Ezzaydouni (ESP) 8:24,40 Minuten
  4. Amos Kirui (KEN) 8:30,39 Minuten

    6. Jens Mergenthaler (GER) 8:40,78 Minuten

* neuer Meetingrekord
** neue persönliche Bestleistung

Wanda Diamond League

Bauhaus Galan 2021