Ingebrigtsen läuft Europarekord – und schlägt den Weltrekordhalter

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Jakob Ingebrigtsen hat seinen ersten Nachweis für seine Ambition, im Jahr 2021 den nächsten Schritt zu machen, noch näher an die Weltklasse heranzurücken und folglich in Tokio seine erste(n) globale(n) Medaillen zu gewinnen, geliefert. Und das reichlich eindrucksvoll, denn der 20-jährige Norweger lief bei der Golden Gala Pietro Mennea, der dritten Station der diesjährigen Wanda Diamond League, die ausnahmsweise nicht in Rom, sondern in Florenz über die Bühne ging, einen neuen Europarekord im 5.000m-Lauf. Was aber noch mehr wog, war die Tatsache, dass der Nordeuropäer das Rennen gewann und damit unter anderem den Weltrekordhalter Joshua Cheptegei hinter sich ließ. Und so kam das Supertalent zur Erkenntnis: „Es wirkt so, als hätte ich heute eine Goldmedaille gewonnen.“

Cheptegei an der Spitze

Ingebrigtsen überzeugte bei seinem ersten 5.000m-Lauf seit seinem fünften Platz bei der WM in Doha, der ihn damals nicht glücklich stimmte, von den ersten Laufschritten weg. Er setzte sich direkt an die zweite Position und dirigierte so das Rennen mit. Später fand er im Mittelfeld in Stewart McSweyn eine perfekte Windschattengelegenheit und nahm das Tempo auf, das bereits nach einem Drittel des Rennens von Cheptegei diktiert wurde. Der Weltrekordhalter sorgte für konstante Rundenzeiten von 61 Sekunden.

„Natürlich kann ich bei den Olympischen Spielen gewinnen!“

Zu Rennmitte setzte sich eine Vierergruppe leicht ab, in der Ingebrigtsen sich nicht befand. Doch der Norweger reagierte und lief die Lücke einfach zu – trotz des hohen Tempos. Der Europameister positionierte sich vernünftig, als Mo Ahmed in der vorletzten Runde das Zepter übernahm und die Niederlage Cheptegeis erste Konturen annahm. Hagos Gebrehiwet folgte dem Kanadier in die letzten Kurve, doch 150 Meter vor dem Ziel begann die Ingebrigtsen-Show. Der Europameister scherte aus, überholte seine zwei Kontrahenten und lief in einer Zeit von 12:48,45 Minuten ins Ziel, haarscharf am Meetingrekord vorbei. In diesem Moment war jedoch nicht nur Ingebrigtsens erster Diamond-League-Sieg klar, sondern auch ein ewig bestehender Europarekord verbessert. 12:48,45 Minuten – das ist 1,26 Sekunden schneller als Mohammed Mourhit aus Belgien im Jahr 2000 in Brüssel gelaufen ist. Der triumphale Sieger gab im Interview Einblick in seine Emotionen: „Natürlich habe ich eine persönliche Bestleistung erwartet, schließlich war die schon zwei Jahre alt. Ich war auch ziemlich zuversichtlich, unter 13 Minuten zu laufen. Aber der Europarekord – das ist unglaublich!“

Das Rekordrennen eignet sich auch, um die ostafrikanischen Platzhirsche nicht einmal zwei Monate vor den Olympischen Spielen einen Schrecken einzujagen. Und Ingebrigtsen legte gleich den Finger in die Wunde: „Natürlich kann ich bei den Olympischen Spielen gewinnen!“

Sensationsleistung durch Katir

Gebrhewit lief in einer Zeit von 12:49,02 Minuten als Zweiter vor dem kanadischen Rekordhalter Ahmed ins Ziel (12:50,12). Doch die zweite Sensation, eine weit größere als der Sieg Ingebrigtsens, war jene von Mohamed Katir, der nachhaltig nachwies, dass sein Sieg in Gateshead nicht auf Zufall konstruiert war. Der 23-Jährige wurde in einer Zeit von 12:50,79 Minuten Dritter und verbesserte den spanischen Rekord von Alemayehu Bezabeh aus dem Jahr 2010 um über sechs Sekunden. Katir ist damit die Nummer drei der ewigen europäischen Bestenliste unmittelbar vor den Größen Mo Farah und Dieter Baumann. „Die Wahrheit ist: Ich habe gerade das Rennen meines Lebens bestritten! Das Feld war immens stark, davon habe ich profitiert. Ich bin im siebten Himmel“, jubelte der aus Marokko stammende Spanier.

Historisches Rennen für Kanadier

Während sich die kanadische Leichtathletik dank einer massiven Leistungssteigerung von Justyn Knight auf 12:51,93 Minuten, die sich dank hervorragenden Rennen auf den Unterdistanzen zwar angekündigt hatte, aber extrem ausfiel, so dass Knight nun hinter seinem Landsmann Ahmed die Nummer zwei der nordamerikanischen Bestenliste noch vor US-Rekordhalter Bernard Lagat ist, über zwei Top-Fünf-Plätze freuen durfte, rieben sich andere verwundert die Augen. Joshua Cheptegei brach wie schon beim 3.000m-Lauf in Ostrava im Finale ein. Damals konnte er den Sieg gegen schwächere Konkurrenz retten, dieses Mal fiel Rang sechs in 12:54,69 Minuten in die Wertung. Lokalmatador Yemaneberhan Crippa ist wie befürchtet noch nicht in Topform und wurde nur Neunter. Eine Schlappe gab es für Stewart McSweyn auf Position elf, ein Debakel für Weltmeister Muktar Edris. Zwei Tage, nachdem er bei den Trials einen Olympia-Startplatz verpasst hat, konnte er gerade so den italienischen Lokalmatadoren Iliass Aouani und den Australier Matthew Ramsden hinter sich lassen.

Ungläubig fantastisch

Es bedurfte tatsächlich diese Ausnahmeleistung des norwegischen Supertalents bei diesen besonderen Begleitscherscheinungen an diesem warmen Sommerabend in der Toskana um dieses großartige Rennen aus der Schlagzeile zu verbannen: Sifan Hassan, Faith Kipyegon und Laura Muir in einem 1.500m-Lauf. Das Aufeinandertreffen der Stars, das Olympischen Vorgeschmack in Florenz greifbar machte, versprach enorm viel und hielt einen Großteil dessen.

Hassan schüttelte direkt nach dem Zieleinlauf ungläubig den Kopf – wissend, dass die TV-Kamera sie im Fokus hatte, und sagte nachher im Interview mit der Diamond League, sie hätte in letzter Zeit sich einzig und allein auf den 10.000m-Lauf in Hengelo (siehe RunAustria-Bericht) vorbereitet, wollte realistischerweise unter vier Minuten laufen und sei nun überrascht. Sogar überraschter als über die Zeit am Sonntag. Ihr Verhalten im Rennen sprach eine andere Sprache. Noch in der ersten Runde ordnete sie sich vor Kipyegon und Muir hinter den Tempomacherinnen ein. Kurz vor der Zwischenzeit nach 800m von 2:07,03 Minuten übernahm sie mit einer Beschleunigung die Führung und eröffnete ein hochspannendes Finale.

Kipyegon trotz kenianischem Rekord geschlagen

Sofort gingen Kipyegon und Muir mit, eine Lücke nach hinten riss erwartungsgemäß. Hassan diktierte das Rennen, doch die kleine Kenianerin lauerte direkt in ihrem Windschatten. Die Europameisterin musste sich gut 200 Meter vor dem Ziel geschlagen geben, doch Kipyegon, deren erste Attacke eingangs der Schlussrunde Hassan robust abgewehrt hatte, ritt ihre zweite. Parallel jagten die beiden Superstars die Zielgerade hinunter, es wurde ein hochspannender Rennausgang mit dem besseren Ende für die Holländerin. 3:53,63 Minuten – das ist fast drei Sekunden schneller als ihr eigener Meetingrekord, fast fünf Sekunden schneller als die bisherige Weltjahresbestleistung. Die zweitbeste in der Karriere der 28-Jährige nach dem Ausnahmerennen der WM in Doha (3:51,95).

Kipyegon mag sich geärgert haben, das Rennen nicht gewonnen zu haben. Doch in einer Zeit von 3:53,91 Minuten brach sie ihren eigenen kenianischen Landesrekord und ist die elfte Läuferin, die in dieser Disziplin unter 3:54 Minuten geblieben ist. Und auch Muir enttäuschte als Dritte in 3:55,59 Minuten keinesfalls. Im Gegenteil, nur einmal war sie jemals schneller gelaufen – vor fünf Jahren in Paris. „Mit den Favoritinnen auf Olympia-Gold so gut mithalten zu können, fühlt sich großartig an. Ich bin wirklich zufrieden mit diesem Rennen“, sagte Muir. Die 28-jährige Schottin hält nun die acht schnellsten britischen Zeiten über diese Distanz, die Top-Ten komplettiert Kelly Holmes.

Belgischer Rekord durch Vanderelst

Der Wettkampf wurde aufgrund der unheimlichen Qualität vorne fast zu einem Zwei-Klasse-Spiel. Die zweite Gruppe wurde von der viertplatzierten Kanadierin Gabriela Debues-Stafford angeführt. Aus dem Resultat stach Hallen-Europameisterin Elise Vanderelst heraus, die ihre erste Weltklassezeit lief und den belgischen Landesrekord von Ceerle Dejaeghere aus dem Jahr 2020, übrigens gelaufen bei der Golden Gala in Rom, um zweieinhalb Sekunden pulverisierte.

El Bakkali im 3.000m-Hindernislauf siegreich

In der dritten Laufentscheidung, der chronologisch ersten des Abends, markierte Soufiane El Bakkali in einer Zeit von 8:08,54 Minuten eine neue Weltjahresbestleistung m 3.000m-Hindernislauf. Beim Diamond-League-Saisondebüt in dieser Disziplin kochte der Marokkaner, der sich nachher über die Tempomacher beschwerte, den jungen äthiopischen Trial-Sieger Bikila Tekela ab, der in 8:10,56 Minuten Zweiter wurde. Auffallend war auch die Leistung von El Bakkalis Landsmann Mohamed Tindouft, der seine persönliche Bestleistung als Dritter auf eine Zeit von 8:11,65 Minuten steigerte.

Fast unverschämt schnell liefen zwei Lokalmatadoren. Dank massiver persönlicher Bestleistungen kamen Ahmed Abdelwahed (8:12,04) und Osama Zoghlami (8:14,29) auf den Positionen vier und sechs noch vor dem intendiert schnellsten Europäer Djilali Bedrani aus Frankreich ins Ziel und schoben sich auf die Ränge vier und sieben der ewigen nationalen Bestenliste im 3.000m-Hindernislauf. Weltmeister Conseslus Kipruto stieg bereits früh im Rennen aus.

Ergebnisse Golden Gala Pietro Mennea 2021 in Florenz

1.500m-Lauf der Frauen

  1. Sifan Hassan (NED) 3:53,63 Minuten * / **
  2. Faith Kipyegon (KEN) 3:53,91 Minuten ***
  3. Laura Muir (GBR) 3:55,59 Minuten
  4. Gabriela Debues-Stafford (CAN) 4:00,46 Minuten
  5. Winnie Nanyondo (UGA) 4:00,84 Minuten
  6. Eilish McColgan (GBR) 4:02,12 Minuten
  7. Elise Vanderelst (BEL) 4:02,63 Minuten ****
  8. Lemlem Hailu (ETH) 4:03,24 Minuten

    11. Gaia Sabbatini (ITA) 4:04,23 Minuten *****

3.000m-Hindernislauf der Männer

  1. Soufiane El Bakkali (MAR) 8:08,54 Minuten *
  2. Bikila Takele (ETH) 8:10,56 Minuten
  3. Mohamed Tindouft (MAR) 8:11,65 Minuten *
  4. Ahmed Abdelwahed (ITA) 8:12,04 Minuten *
  5. Chala Beyo (ETH) 8:12,35 Minuten
  6. Osama Zoghlami (ITA) 8:14,29 Minuten *
  7. Djilali Bedrani (FRA) 8:15,87 Minuten
  8. Yemane Haileselassie (ERI) 8:16,75 Minuten

    DNF Conseslus Kipruto (KEN)

5.000m-Lauf der Männer

  1. Jakob Ingebrigtsen (NOR) 12:48,45 Minuten * /
  2. Hagos Gebrhiwet (ETH) 12:49,02 Minuten
  3. Mohammed Ahmed (CAN) 12:50,12 Minuten
  4. Mohamed Katir (ESP) 12:50,79 Minuten *
  5. Justyn Knight (CAN) 12:51,93 Minuten *
  6. Joshua Cheptegei (UGA) 12:54,69 Minuten
  7. Birhanu Balew (BRN) 12:57,71 Minuten
  8. Robert Koech (KEN) 13:12,56 Minuten *
  9. Yemaneberhan Crippa (ITA) 13:17,96 Minuten
  10. Haile Bekele (ETH) 13:18,29 Minuten
  11. Stewart McSweyn (AUS) 13:20,11 Minuten

    13. Muktar Edris (ETH) 13:25,98 Minuten

* neue Weltjahresbestleistung
** neuer Meetingrekord
*** neuer kanadischer Landesrekord
**** neuer belgischer Landesrekord
***** neue persönliche Bestleistung
****** neuer Europarekord im 5.000m-Lauf der Männer
******* neuer spanischer Landesrekord

Golden Gala Pietro Mennea

World Athletics