29:06,82 – Hassan pulverisiert Weltrekord im 10.000m-Lauf

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Sie sei so gut in Form wie noch nie zuvor, kündigte die schüchternde Sifan Hassan noch am Vortag ihres Weltrekordversuchs in Hengelo an und versprühte Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Dann trat sie am Sonntagnachmittag bei nahezu idealen äußeren Bedingungen und mit der Gewissheit, die Unterstützung des zugelassenen Heimpublikums im Fanny Blankers-Koen Stadion von Hengelo (bis zu 10.000) auf ihrer Seite zu wissen, im neuen Look an die Startlinie. Halblange Haare, sorgfältig geflechtet. Und natürlich modernste Technologie unter den Fußsohlen. Ihr Manager Jos Hermens, der starke Mann hinter dem traditionsreichen Meeting, ließ es sich nicht nehmen, seine Athletin aus der ersten Reihe anzufeuern.

Er beobachtete direkt von der Laufbahn Wudersames. 29:06,82 Minuten. Damit verbesserte die 28-Jährige den bestehenden Weltrekord im 10.000m-Lauf der Frauen von Almaz Ayana auf ihrem Weg zur Olympischen Goldmedaille in Rio 2016 um sage und schreibe fast elf Sekunden. Ihren eigenen Europarekord um eine halbe Minute, den Meetingrekord von Liz McColgan um fast zwei Minuten. „Wow! Einen Weltrekord zu laufen, hier in Hengelo – das ist etwas, wovon ich geträumt habe“, jubelte die aus Äthiopien stammende Niederländerin. „Es ist die perfekte Bestätigung der harten Arbeit, die ich auf dem Weg zu den Olympischen Spiele in mich gesteckt habe. Ich bin so glücklich, diesen Moment mit dem holländischen Publikum teilen zu dürfen.“

Ein Uhrwerk

Naturgemäß ist ein Weltrekordlauf immer eine fantastische Leistung, aber es war in jeder Faser ein höchstgelungener Wettkampf für Sifan Hassan. Die Arbeit der Tempomacherinnen Diane van Es und Jackline Rotich benötigte sie nur wenige Minuten. Bereits nach zweieinhalb Kilometern hatte sie die zweite Pacemakerin abgehängt und begab sich in ihren unfassbaren Rhythmus nach Marschplan: 2:55 Minuten pro Kilometer. Die Wavelight-Technologie wies ihr den richtigen Weg. Die Konstanz war dennoch berauschend, die maximale Abweichung der beiden Pole der Kilometerzahlen lag unter einer Sekunde. Trotz all der Überrundungen, sie überrundete das komplette Feld mindestens einmal. Und natürlich mit Ausnahme des letzten Kilometers, auf dem sie noch einmal ein Feuerwerk abbrannte. Trotz neun Kilometer in Weltrekordtempo überflog sie den finalen Kilometer in einer Zeit von 2:45,77 Minuten (letzte Runde ca. 64 Sekunden). Ihre erste Reaktion nach Zieldurchlauf zeigte, dass sie selbst ungläubig ob ihr Meisterwerk war.

Sifan Hassans zehn Kilometerzeiten
2:56,12 – 2:56,07 – 2:55,72 – 2:55,42 – 2:55,44
2:55,69 – 2:55,93 – 2:55,48 2:55,20 – 2:45,77 Minuten

Spätestens seit dieser Ausnahmeleistung in Hengelo ist Sifan Hassan bei den Olympischen Laufbewerben The Women To Beat. Nie zuvor hatte eine Läuferin eine derartig breite Leistungspalette auf allerhöchsten Niveau: Bestleistungen von 1:56,81 im 800m-Lauf, 3:51,95 Minuten im 1.500m-Lauf, Weltrekord über die Meile (4:12,33), 14:22,12 Minuten im 5.000m-Lauf und nun der Weltrekord über 10.000m. Dazu kommt die Weltbestleistung im Ein-Stunden-Lauf (18,930 Meter) sowie der Halbmarathon-Europacup von 1:05:15 Stunden. Wie hoch qualitativ der Weltrekordlauf von Hengelo ist, zeigt nicht nur die massive Verbesserung der Vorgängermarke, sondern auch der folgende Vergleich. Der 10.000m-Weltrekord von Sifan Hassan beträgt 111,19% der Weltrekordzeit von Joshua Cheptegei. Der 5.000m-Weltrekord von Letesenbet Gidey 112,08% der Weltrekordzeit von Cheptegei, Hassans Bestleistung, die wohl in absehbarer Zeit verbessert wird, sogar 114,13%.

Etliche Olympia-Limits

Der 10.000m-Lauf im Rahmen des World Athletics Continental Tour Meetings (Gold) in Hengelo geht in die Leichtathletik-Geschichte ein. Nicht nur für Sifan Hassan als strahlende und überragende Siegerin. Sie ist die erste europäische Weltrekordhalterin in dieser Disziplin seit Ingrid Kristiansen, deren Bestzeit von 30:13,74 Minuten aus dem Jahr 1986 sieben Jahre später von der Chinesin Wang Jun Xia pulverisiert wurde. Und es ist ein „echter“ europäischer Weltrekord, schließlich hat Hassan erst in ihrer Wahlheimat Niederlande mit dem ernsthaften Laufsport begonnen.

Auf individueller Ebene war der Lauf aber auch für die weiter klassierten Läuferinnen, die auf der Jagd nach dem Olympia-Limit von 31:25,00 Minuten ihre eigenen Tempomacherinnen hatten, ein besonderer. Irine Jepchumba, eine de facto unbekannte 22-Jährige, lief eine Zeit von 30:37,24 Minuten und war knapp vor ihrer kenianischen Landsfrau Daisy Cherotich Zweite (30:37,31). Aus dem Resultat heraussticht die Leistung von Rose Davies, die sich mit einer Zeit von 30:54,89 Minuten auf Rang zwei der ewigen australischen Bestenliste hinter Benita Willis-Johnson setzte. Und der achtplatzierten Südafrikanerin Dominique Scott, die auf Position zwei der ewigen südafrikanischen Bestenliste hinter Elana Meyer bleibt, aber wesentlich näher an den nationalen Rekord gerückt ist.

Reekie kontrolliert 800m-Lauf

Im Gegensatz zum 10.000m-Rennen wurde der hochkarätige 800m-Lauf der Frauen kein Tempolauf, sondern ein taktisches Rennen, bei dem der Positionskampf eine höhere Bedeutung als die Endzeit bekam. Die Tempomacherin finishte die erste Runde nach 59,18 Sekunden, das von Jemma Reekie angeführte Feld passierte aber erst nach rund einer Minute die Zwischenzeit bei Halbzeit. Die junge Schottin kontrollierte das Rennen mit der zweifachen EM-Medaillengewinnerin Renelle Lamote an ihrer Seite von vorne und lag das gesamte Rennen über an vorderster Front. Auch nach Beendigung des Endspurts, die Zeitnehmung stoppte bei 2:00,77 Minuten.

Reekies Landsfrau Laura Muir war recht untypisch für sie lange Zeit im Mittelfeld eingebaut, befreite sich eingangs der Zielgerade aus ihrer Situation auf der Innenbahn und kam mit einem starken Endspurt noch auf Rang zwei – 2:00,95 Minuten. Ellie Baker komplettierte noch vor Lamote den britischen Dreifachsieg. Weltmeisterin Halimah Nakaayi fehlte bei ihrem ersten Saisonrennen noch der Kick auf der Zielgerade, am Ende wurde sie Sechste in 2:02,52 Minuten.

Siege für Borkowski und Wightman

Der 800m-Lauf der Männer wurde von einem Fehlstart eröffnet. Das war fast schon das Spektakulärste an diesem Wettkampf, denn nach Beendigung der ersten Runde war jegliche Hoffnung auf Topzeiten dahin. Mateusz Borkowski übernahm vor der letzten Kurve die Führung von Benjamin Robert und behielt sie bis zum Schluss. Der Pole siegte in 1:47,02 Minuten vor Robert und Elliot Giles, der bei seinem ersten Freiluft-Wettkampf der Saison über 800m noch die Endschnelligkeit vermisste.

Der Sieg im 1.500m-Lauf, bei dem das Feld das Tempo des Tempomachers ebenfalls nicht aufnahm, ging an den Briten Jake Wightman, der in einer Zeit von 3:34,67 Minuten Abel Kipsang aus Kenia und Jesus Gomez aus Spanien mit einer Sekunde Vorsprung auf die weiteren Plätze verwies.

Ergebnisse FBK Games in Hengelo 2021

10.000m-Lauf der Frauen

  1. Sifan Hassan (NED) 29:06,82 Minuten *
  2. Irine Jepchumba (KEN) 30:37,24 Minuten **
  3. Daisy Cherotich (KEN) 30:37,31 Minuten **
  4. Rose Davies (AUS) 30:54,89 Minuten **
  5. Joyce Chepkemoi (KEN) 30:59,01 Minuten **
  6. Gloriah Kite (KEN) 31:13,04 Minuten **
  7. Mercyline Chelangat (UGA) 31:15,01 Minuten **
  8. Dominique Scott (RSA) 31:19,89 Minuten **

1.500m-Lauf der Männer

  1. Jake Wightman (GBR) 3:34,67 Minuten
  2. Abel Kipsang (KEN) 3:35,63 Minuten
  3. Jesus Gomez (ESP) 3:35,70 Minuten
  4. Charles Simotwo (KEN) 3:35,81 Minuten
  5. Ismael Debjani (BEL) 3:36,01 Minuten
  6. Ronald Kwemoi (KEN) 3:36,11 Minuten
  7. Ignacio Fontes (ESP) 3:36,90 Minuten
  8. Piers Copeland (GBR) 3:37,62 Minuten

800m-Lauf der Frauen

  1. Jemma Reekie (GBR) 2:00,77 Minuten
  2. Laura Muir (GBR) 2:00,95 Minuten
  3. Ellie Baker (GBR) 2:01,02 Minuten
  4. Renelle Lamote (FRA) 2:01,85 Minuten
  5. Catriona Bisset (AUS) 2:01,85 Minuten
  6. Halimah Nakaayi (UGA) 2:02,52 Minuten
  7. Adelle Tracey (GBR) 2:02,63 Minuten
  8. Hanna Green (USA) 2:02,68 Minuten

800m-Lauf der Männer

  1. Mateusz Borkowski (POL) 1:47,02 Minuten
  2. Benjamin Robert (FRA) 1:47,15 Minuten
  3. Elliot Giles (GBR) 1:47,22 Minuten
  4. Daniel Rowden (GBR) 1:47,24 Minuten
  5. Kyle Langford (GBR) 1:47,60 Minuten
  6. Saul Ordonez (ESP) 1:47,65 Minuten
  7. Tony van Diepen (NED) 1:47,86 Minuten
  8. Eliott Crestan (BEL) 1:48,15 Minuten

* neuer Weltrekord im 10.000m-Lauf der Frauen
** neue persönliche Bestleistung

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World Athletics Continental Tour