Lange gesund

Langlebigkeit beschreibt einen gesellschaftlichen Wunsch. Wir meinen natürlich möglichst viele gesunde Lebensjahre. Einige aktuelle wissenschaftliche Studien sehen in regelmäßiger Bewegung nicht nur eine viel versprechende Strategie der nachhaltigen Gesundheit, sondern sogar den Schlüssel für Langlebigkeit.

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Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe des RunUp 2020

Fachgeprüfte Erkenntnisse, dass regelmäßige sportliche Bewegung die nachhaltige Gesundheit eines Menschen auf vielen verschiedenen Ebenen wohlwollend und mit durchaus eindrucksvoller Effektivität beeinflusst, gibt es seit Jahren in Kongruenz. Vor nur einem halben Jahrzehnt, als die Generation der heutigen Großeltern jung war, sah dies anders aus. Gesundheitsbewusstsein durch Bewegung war abseits einiger engagierter Pioniere und sturer Einzelkämpfer wenig verbreitet.

Anfang der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts setzte in den USA ein Fitnessboom ein, woraus sich fast parallel der Laufboom entwickelte, nach Europa überschwappte und den Freizeitsport zu einem bedeutenden Gut des heutigen Lebensstils formte. Forscher der Ball State University in der Kleinstadt Muncie im US-Bundesstaat Indiana suchten für eine Studie, die im November 2018 im Fachmagazin „Journal of Applied Physiology“ veröffentlicht wurde, gezielt Probandinnen und Probanden, die damals auf diese Fitnesswelle aufgesprungen sind, seither, fünf Jahrzehnte lang, regelmäßig sportlich aktiv waren und sich rein dem Freizeitsport, also keinem Wettkampfsport, gewidmet haben. Die Wissenschafter verglichen Daten zur muskulären Beschaffenheit und Herz-Kreislauf-Gesundheit der nun im achten Lebensjahrzehnt Befindlichen mit einer Gruppe gleichaltriger Probanden, die nie regelmäßig Sport betrieben, und körperlich fitten 20-Jährigen in einer dritten Gruppe.

Auch wenn die Studie etliche Fragen aufwarf, weil sie diverse wichtige und interessante Parameter nicht in den Vergleich aufnahm, lieferte sie zwei sehr erstaunliche Ergebnisse: Die sportlich fitten 70-Jährigen wiesen ein ähnliches Kapillarprofil und vergleichbare Enzymaktivitäten in der Muskulatur nach wie die jungen Erwachsenen. Außerdem erkannten die Forscher, dass lebenslange Fitness das Risiko von Schlaganfällen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich senkt. Die Herz-Kreislauf-Gesundheit der fitten 70-Jährigen war im Schnitt nicht nur in wesentlich besserem Zustand als bei jenen Probanden der Kontrollgruppe, sondern wies Ähnlichkeiten mit dem Zustand des Herz-Kreislauf-Systems von 30 Jahre jüngeren Menschen auf.

Eine weitere wissenschaftliche Studie aus den USA mit einem Untersuchungsgegenstand von 55.000 verstorbenen Personen bezeichnet das „Nicht-Laufen“ als höchstes Sterberisiko noch vor allen heute gängigen Alterserkrankungen. Sie kam zur Erkenntnis, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Läuferinnen und Läufern, die ihrer Leidenschaft ein Leben lang regelmäßig nachgehen, um drei Jahre erhöht. Aufgedröselt bedeutet das: Eine Stunde Laufen schenkt bei Regelmäßigkeit sieben Stunden Leben.

Ausdauersportarten trainieren das Herz-Kreislauf-System und halten es nachhaltig gesund. Den Profit genießt man täglich: Ein starkes und gesundes Herz pumpt das Blut widerstandsärmer durch den Körper, senkt den dafür notwendigen Blutdruck und die Herzfrequenz in Ruhephasen – arbeitet also insgesamt effizienter und schonender. Regelmäßiges körperliches Training ist also gleichbedeutend mit nachhaltiger Herz-Kreislauf-Gesundheit. Für das fleißige Sporteln verspricht die Medizin hinsichtlich vieler gesunder Lebensjahre lukrative Auswirkungen: Laut einer transnationalen Studie australischer Forscher ist das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen, die eine 50-minütige Laufrunde pro Woche mit moderatem Tempo absolvieren, um 30% niedriger als bei Nicht-Sportlern. Norwegische Wissenschafter beziffern in einer 2019 veröffentlichten Studie die Risikosenkung von koronaren Herzerkrankungen bei guter körperlicher Fitness auf 48%. Laut einer Untersuchung kanadischer Kollegen ist Laufsport die optimale Bewegungsform für optimierte, nachhaltige Herzgesundheit. Ein enormer gesellschaftlicher Benefit, denn Herz-Kreislauf-Erkrankungen liegen in Österreich mit großem Abstand an erster Stelle der Todesursachen (rund 39%). Sie zu reduzieren würde die gesellschaftliche Langlebigkeit merklich steigern.

Die skizzierten wissenschaftlichen Befunde demonstrieren wie viele andere, dass regelmäßige sportliche Aktivität nicht nur die Langlebigkeit fördert, sondern insbesondere die Anzahl gesunder Lebensjahre erhöht. Darunter versteht etwa die Statistikbehörde Eurostat die Lebenszeit ohne Einschränkung der physischen Aktivitäten sowie uneingeschränkte Berufsausübung. Wenn es um gesunde Lebensjahre geht, sollten Österreicherinnen und Österreicher hellhörig werden. Denn mit im Schnitt 56,9 gesunden Lebensjahren – Tendenz seit Jahren fallend – liegt die österreichische Bevölkerung weit unterhalb des EU-Schnitts von 64. Nur Slowaken, Slowenen, Esten und Letten stehen schlechter da.

Schweden und Malteser genießen im Schnitt 16, Italiener zehn, Deutsche neun und Schweizer dreieinhalb gesunde Lebensjahre mehr als wir. Neben Schweden und Malteser kommen auch die Nicht-EU-Bürger in Norwegen auf mehr als 70 gesunde Lebensjahre, die Isländer und Iren liegen nur knapp unter diesem Wert (die Zahlen stammen aus der Statistik von Eurostat für das Jahr 2018, Anm.).

Seit einigen Jahren läuft ein Pilotprojekt der Europäischen Union unter dem Titel „Active Aging“, das die Anzahl gesunder Lebensjahre der EU-Bürger bis 2020 um zwei Jahre erhöhen sollte. Mit dem Ziel, die Lebensqualität der Bevölkerung zu erhöhen, Gesundheits- und Pflegesysteme nachhaltig zu entlasten und Wirtschaftssysteme zu stärken. Die Zielsetzung wurde im EU-Schnitt bereits nach rund der Hälfte des geplanten Zeitraums erfüllt. Doch während die Anzahl der gesunden Lebensjahre in Ländern wie Deutschland, Spanien oder Italien in den letzten Jahren rapide angestiegen ist, ist sie hierzulande leicht gesunken.

In etlichen neuen wissenschaftlichen Ansätzen und Studien reift die Erkenntnis, dass die positiven Auswirkungen regelmäßiger Bewegung auf die geistige Gesundheit genauso bedeutend für ein gesundes Leben sind wie jene auf die körperliche. Es ist bekannt, dass mangelnde körperliche Aktivität einer der wesentlichen Risikofaktoren für neurodegenerative Erkrankungen im Alter ist. Interessante Erkenntnisse liefert eine brandneue Studie der University of California, die in einer Vorschau, noch ohne die übliche wissenschaftliche Gegenkontrolle, im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht wurde. Die Resultate müssen also noch bestätigt werden, allerdings halten Experten die Erkenntnisse für viel versprechend. Auf den bisherigen Wissenstand aufbauend suchten die Forscher bei Experimenten an Mäusen gezielt nach Elementen im Blut, die die Alterung des Gehirns hemmen. Sie entdeckten ein Enzym mit dem Kürzel Gpld1, welches durch körperliche Aktivität induziert in der Leber produziert wird und im Blut zirkuliert. Es wird mit der Neurogenese, der Entstehung neuer Stammzellen zur Stärkung einiger Gehirnregionen, und der Verbesserung der kognitiven Funktionen des Hippocampus in Verbindung gebracht. Der Hippocampus ist ein wichtiger Bereich im menschlichen Gehirn, da er zentral am Gedächtnis, am Lernen, an der Aufmerksamkeit und an weiteren kognitiven Prozessen beteiligt ist.

Per Blutplasmatherapie konnten die Gedächtnisfunktion und andere kognitiven Fähigkeiten bei bewegungsfaulen Mäusen verbessert werden. Über dieses Enzym wiesen die Wissenschafter die direkte Verbindung zwischen körperlicher Betätigung und kognitivem Wohlbefinden nach. Um diese positiven Auswirkungen auf die geistige Gesundheit zu genießen, sind keine sportlichen Hochleistungen notwendig. Die Forscher definieren moderate sportliche Bewegung als effektives Maß. Sie hoffen nun, dass Untersuchungen an Menschen äquivalente Studienerkenntnisse liefern werden und damit neue Wege zu alternativen Behandlungs­methoden aufzeigen können, den kognitiven Verfall zu lindern oder im Optimalfall zu verhindern.

Conclusio der Experten: Körperliche Aktivität bleibt unersetzlich, nicht nur für die körperliche, sondern auch für die geistige Gesundheit. Für alle Altersgruppen, denn alte Menschen, deren Mobilität für Sport eingeschränkt ist, könnten von einer Reihe alltäglicher Bewegungen profitieren. Eine Studie der University of Chicago aus dem Jahr 2019 zeigt, dass simple Bewegungsregelmäßigkeit in Form von Spaziergängen, der Erledigung von Einkäufen oder Gartenarbeit den Verfall des Gedächtnisses und das Fortschreiten von Demenz selbst in hohem Alter noch bremsen kann, weil durch körperliche Betätigung die Sauerstoffversorgung des Gehirns auf einem besseren Niveau bleibt.

Die Reduktion der kognitiven Gehirnleistung ist ein großes Problem der Menschheit. Geschätzt 50 Millionen Menschen leiden weltweit an Alzheimer oder anderen Demenzerkrankungen. Laut Hochrechnungen könnte sich diese Zahl bis 2050 verdreifachen. Die Alzheimerforschung setzt längst auf Früherkennung des Risikos vor Ausbruch der Krankheit. Eine Studie von Neurologen aus Boston an Probanden über 65 aus dem Jahr 2018 kam zum Schluss, dass anaerobes Training (Laufen, Wandern, Radfahren, Schwimmen, Yoga) im regelmäßigen Umfang von 52 Stunden pro Halbjahr über viele Jahre – das sind zwei Stunden pro Woche – ausreichen, dass sich die kognitiven Fähigkeiten derartig verbessern, dass eine Alzheimererkrankung präventiv verhinderbar sein könnte. Gesundheitsdaten aus Nordeuropa zeigen, dass Menschen mit dementen Familienangehörigen den möglichen Nachteil dieser verwandtschaftlichen Verbundenheit in der Entwicklung von Demenzerkrankungen durch konstante, mittelintensive sportliche Betätigung auf Null reduzieren können.

Kommen wir zurück zur in diesem Artikel erstzitierten Studie. Prognosen, Schätzungen und Expertisen hinsichtlich der zukünftigen Langlebigkeit jonglieren zwischen den biologischen Grenzen des Altwerdens und teilweise enormem Vertrauen in die Medizin und Moderne, diese Grenzen binnen weniger Jahrzehnte massiv auszudehnen. Laut diversen statistischen Erhebungen, darunter eine zum Laufsport vom Marktforschungsinstitut Spectra aus dem Jahr 2017, läuft rund ein Drittel der Österreicherinnen und Österreicher regelmäßig oder gelegentlich und kann daraus wie beschrieben Vorteile für die Gesundheit ziehen. Würden heimische Forscher in einigen Jahrzehnten eine vergleichbare Studie mit jener der Ball State University hierzulande durchführen, sollte ein positiver Effekt auf die Erhöhung der gesellschaftlichen, gesunden Lebensjahre feststellbar sein. Zumal der Anteil der Laufbegeisterten an der österreichischen Gesamtbevölkerung gegenwärtig leicht steigt.