„The Battle of the Teams“ – Marathon anders gedacht

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„Lange Zeit dachte man, Marathon sei ein Wettkampf zwischen Individuen“, heißt es auf der Website des „Battle of the Teams“. „Aber bei RunCzech haben wir uns gefragt: ,Was, wenn wir Marathon als Teamsport präsentieren?’“ Auf der Suche nach einem Alternativevent zum auf Oktober verschobenen Prag Marathon hatte das Team um RunCzech-Präsident Carlo Capalbo also die Idee, einen Marathon auszutragen, in dem vier Teams à acht Athletinnen und Athleten gegeneinander antreten. Und es sowohl eine Einzel- als auch Teamwertung gibt. Eliud Kipchoge, der sein sportliches Wirken immer offensiv als individuelle Umsetzung an der Spitze unerlässlicher Teamarbeit bezeichnet, wird die Idee vermutlich gefallen. Ob diese Innovation, die an den Naturgesetzen des Laufsports als letztendlich im entscheidenden Moment Einzelsport sägt, ist zumindest fraglich. Eine Grundvoraussetzung für ein Gelingen dessen scheint das Spektakel – und das ist aufgrund der Einschränkungen rund um die Pandemie aktuell nicht umsetzbar.

RunAustria-TV-Tipp: „The Battle of the Teams“ wird am Sonntagmorgen mit Start um 6:30 Uhr im YouTube-Livestream übertragen.

Youtube-Livestream

Eine weitere wichtige Komponente ist sportliche Spannung. Und da zeigte sich das Veranstalterteam bemüht, ausgeglichene Teams zusammenstellen. Ob dies – bei der Einteilung wurden die Leistungen in den letzten vier Jahren zu Rate gezogen – klappt, wird der Wettkampf am Sonntag zeigen. Da die Athletinnen und Athleten aber willkürlich zusammengewürfelt wurden, ist es sehr zu bezweifeln, dass eine echte Team-Atmosphäre im Sinne von Mannschaftssport auch nur ansatzweise aufkommt. Auch weil die Teammitglieder keinen bedeutungsvollen Verbund, wie etwa in einer Nationalmannschaft zeitgleich bei der Team-EM der Super Liga (siehe RunAustria-Vorbericht), repräsentieren. Letztendlich steht bei den Akteuren die individuelle Leistung im absoluten Vordergrund.

Ostafrikanischer Schwerpunkt bei der Athletenauswahl

Jede der vier Mannschaften wird von einem Lokalmatadoren oder einer Lokalmatadorin angeführt, jedes besteht aus je vier Läuferinnen und Läufern. Außer den local heros sind nur eine einzige Europäerin, Lilia Fisikovici aus Moldawien und ein einziger Europäer, Tibor Sahajda aus der Slowakei dabei, abgesehen von einer Flut kenianischer und äthiopischer Marathonläuferinnen und -Läufer noch die Japanerin Reia Iwade und der Peruaner Willy Canchaya. Als Kapitäne fungieren vier bekannte Sportpersönlichkeiten der Tschechischen Republik.

Die Teams

Team Volkswagen
Vit Pavlista (CZE) M
Lilia Fisikovici (MDA) F
Yitayal Atnafu (ETH) M
Diana Kipyokei (KEN) F
Dickson Chumba (KEN) M
Purity Rionoripo (KEN) F
Mengistu Zelalem (ETH) M
Worknesh Mola (ETH) F

Team CEZ Group
Jiri Homolac (CZE) M
Reia Iwade (JPN) F
Thomas Kiplagat (KEN) M
Bedatu Hirpa (ETH) F
Nobert Kigen (KEN) M
Ruti Aga (ETH) F
Abdi Ibrahim (BRN) M
Aberu Mulisa (ETH) F

Team Mattoni
Eva Vrabcova-Nyvltova (CZE) F
Tibor Sahajda (SVK) M
Lencho Anbesa (ETH) M
Tigist Abayechew (ETH) F
Kinde Atanaw (ETH) M
Valery Aiyabei (KEN) F
Abel Kipchumba (KEN) M
Betty Lempus (KEN) F

Team Birell
Moira Stewartova (CZE) F
Willy Canchanya (PER) M
Samuel Wanjiku (KEN) M
Birke Beyene (ETH) F
Benson Kipruto (KEN) M
Guteni Shone (ETH) F
Kenneth Keter (KEN) M
Meseret Belete (ETH) F

Hohe Reichweite, hohes Preisgeld, gute Qualität der Rennen

Eine dritte entscheidende Komponente ist das Marketing und das scheint bereits vorab gelungen. Das Rennen wird über diverse Plattformen und Livestreams de facto in die ganze Welt ausgestrahlt. Eine gute Werbung für die tschechische Hauptstadt, zumal am kommenden Wochenende keine anderen bedeutenden Straßenläufe ausgetragen werden. RunCzech schaffte es zudem, vier seiner potenten Sponsoren prominent zu platzieren – sie sind die Partner der Teams.

Das Preisgeld für das Team wird auf alle Teilnehmer eines Teams aufgeteilt, die Gesamtsumme der individuellen Preisgelder ist höher. Zusätzliche Prämien für die Führenden gibt es bei Kilometer 15 und 30. So erhofft man sich schnelle Rennen trotz des Verzichts auf Tempomacher. Insgesamt werden rund 75.000 Euro ausgeschüttet. Auch das ist ein Faktor, der zum Gelingen eines Events beiträgt: Finanzieller Ertrag für die Stars ist oft proportional zur Wertigkeit der Veranstaltung.

Und letztlich sind die sportliche Wertigkeit der Leistungen und das Standing der teilnehmenden Läuferinnen und Läufer entscheidend für das Statement, das „The Battle of the Teams“ setzen möchte. Das ganz große Zugpferd, also ein Vertreter oder eine Vertreterin der engsten Weltklasse, fehlt – kein Wunder, so kurz vor den Olympischen Spielen. Aber mit sub-2:04-Läufer Kinde Atanaw aus Äthiopien, seiner Landsfrau Ruti Aga, dem Kenianer Dickson Chumba, dessen Landsfrauen Valary Aiyabei und Purity Rionoripo sind einige sehr leistungsstarke Marathonläuferinnen und Marathonläufer am Start.

Punktesystem mit Bonuspunkten

Der Modus dieses neuartigen Wettbewerbs, der als spezieller Impuls vielleicht doch in die Zeit der Pandemie mit Marathonläufen auf Flughäfen, in Parks oder auf Schnellstraßen passt, richtet sich an das Punktesystem von World Athletics zur Bewertung der individuellen Leistungen. Die acht Leistungen jedes Teams werden zu einer Gesamtpunktezahl addiert. Wer eine persönliche Bestleistung aufstellt, erhält einen 10%igen Punktebonus. In die Wertung fallen die Top-Drei pro Geschlecht und pro Team, das bedeutet de facto, dass jedes Team im Falle eines Ausstiegs pro Geschlecht einen Reserveathleten am Start hat.

Gelaufen wird auf einem Rundkurs in der Innenstadt von Prag und damit vor einer herrlichen Kulisse nicht nur für die Aktiven, sondern auch für die Zuschauer im Livestream. Die Strecke ist allerdings nicht gänzlich flach und überwiegend von Kopfsteinpflaster belegt. Auch die Straßenbahnschienen erfordern achtsames Laufen.

The Battle of the Teams