Diamond-League-Auftakt mit 1.500m-Stars Muir und Ingebrigtsen

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Laura Muir und Jemma Reekie bilden in Glasgow unter der Schirmherrschaft von Andy Young das vielleicht sportlich heißeste Trainingstandem der europäischen Laufszene. Viel Zeit wollte sich das Team in diesem Winter nehmen, um den Grundstein für Erfolge bei den Olympischen Spielen bestmöglich vorzubereiten. Die 23-jährige Reekie, so argumentierte ihr Trainer, habe unheimlich von der Verschiebung der Spiele profitiert. Im vergangenen Sommer hätte sie keine Chance auf Edelmetall gehabt, 2021 sei sie eine reifere Athletin. Und die routinierte Laura Muir will in Tokio das besser machen, was 2016 im Harakirirennen von Tokio nicht gelang und in Doha bei der WM, auch aufgrund einer Verletzung im Sommer, missglückte: globales Edelmetall. Für diese optimierte Grundlage verzichteten beide, abgesehen von einer sportlich beachtenswerten Steppvisite beim hochkarätigsten Hallenmeeting der Saison in Liévin, auf die Hallensaison. Der Showdown fällt in diesem Jahr für beide im Sommer.
 

Laura Muir bei ihrem EM-Titel 2018 in Berlin. © Getty Images / Alexander Hassenstein
 

Muir mit guten Chancen auf siebte Diamond-League-Sieg

Der Countdown zählt. Beide sind in den USA mit gut in die Freiluftsaison gestartet, Muir sogar sehr gut mit zwei Totlaufe über 800m. Beim Diamond-League-Auftakt im nicht einmal 200 Kilometer Luftlinie entfernten Gateshead, südöstlich von Glasgow auf der anderen Seite der Grenze zwischen Schottland und England, ist Reekie nicht am Start. Dafür bestreitet Muir mit viel Rückenwind ihr zweites Rennen der Saison in jener Disziplin, in der sie Europameisterin ist. Und ist bei ihrem ersten Auftritt auf britischem Boden bei einem Freiluft-Wettkampf seit fast zwei Jahren klare Favoritin gegen die starke britische Konkurrenz um 800m-Läuferin Adelle Tracey, Langstreckenspezialistin Eilish McColgan und Katie Snowden, die zuletzt in Irvine alle verblüffte. Aber auch gegen die internationale Konkurrenz um Axumawit Embaye aus Äthiopien und Rababe Arafi aus Marokko.
 

Aussies wollen Ingebrigtsen auf den Zahn fühlen

Es liegt sicherlich nicht nur an ihrer Stellung als Lokalmatadorin, sondern auch an ihrer Klasse, dass Muir in die Gunst des letzten Wettkampfs des Sonntagabends in Gateshead kommt. Ein Kandidat dafür wäre auch Jakob Ingebrigtsen gewesen, der seinen ersten Freiluft-Wettkampf der Saison bestreitet. Obwohl Timothy Cheruiyot fehlt – die Kenianer befinden sich in Vorbereitung auf die Olympia-Trials – ist der Norweger nicht einmal uneingeschränkter Favorit, denn zwei starke Australier könnten ihn richtig fordern. Auf der einen Seite Oliver Hoare, der in den USA im 1.500m-Lauf 2021 bisher alles in Grund und Boden gelaufen ist und erstmals sich der Herausforderung eines absoluten Topgegners stellen muss, der ihn nicht sein Tempodiktat von vorne abspulen lassen wird, auf der anderen Seite Stewart McSweyn. Der australische Rekordhalter machte zuletzt als Tempomacher von Joshua Cheptegei in Ostrava (siehe RunAustria-Bericht) einen guten Eindruck. Alleine das inneraustralische Duell wäre schon spannend genug. Auch der (bisherige) Weltjahresschnellste ist im Rennen, Adam Ali Musab aus dem Katar, ein 26-Jähriger, der Mitte Februar seine persönliche Bestleistung pulverisierte.
 

Diamond-League-Comeback der langen Distanzen

Knapp zwei Jahre mit den viel diskutierten und heftig kritisierten Reformplänen von World Athletics, die 5.000m-Läufe und 3.000m-Hindernisläufe aus dem Programm gespickt und das TV-Fenster von 120 auf 90 Minuten verkürzt hätten, sind diese Ideen vom Tisch und die Diamond League startet im Gesicht von 2019. Also auch mit den Langdistanzen, die Pandemie bedingt somit nie wirklich weg waren. Der Kenianer Nicholas Kimeli führt den 5.000m-Lauf der Männer an, in dem auch einige starke Europäer, darunter Henrik Ingebrigtsen und Andrew Butchart, sowie die zuletzt schnellen Australier Morgan McDonald und David McNeill starten. Für den Schweizer Jonas Raess bietet sich eine hervorragende Gelegenheit, seine persönliche Bestleistung in Richtung des Olympia-Limits von 13:13,50 Minuten zu steigern. Dieses hat der Großteil des Feldes übrigens noch nicht in der Tasche.

Im 3.000m-Hindernislauf gibt es mit Soufiane El Bakkali, der schon sieben Diamond-League-Rennen gewonnen hat, einen klaren Favoriten. Mit Abraham Kibiwott und Leonard Bett sind zwei der zweiten Garde der Kenianer dabei, mit dem Franzosen Djilali Bedrani, WM-Fünfter von Doha, auch einer der stärksten Europäer in dieser Disziplin.
 

Diamond-League-Auftakt vor Publikum

Gateshead ist als Veranstalter kurzfristig für Rabat eingesprungen und eröffnet die erste Auflage der Diamond League nach der verkürzten Version im letzten Jahr. Insgesamt stehen 14 Meetings auf dem Programm, das Finale geht am 8. und 9. September in Zürich über die Bühne. Die Gesamtsieger erhalten jeweils 50.000 US-Dollar an Zusatzprämie, insgesamt schüttet die Wanda Diamond League sieben Millionen US-Dollar aus. 5,73 Millionen Euro aus. Eine besonders freudige Nachricht für die Leichtathletik-Stars dürfte jene gewesen sein, dass dem Meeting 2.000 Zuschauer beiwohnen werden.
 

Bostoner Laufentscheidung zeitlich vor jenen in Gateshead

Kurioserweise – aufgrund der natürlichen Erdumdrehung – vor dem Diamond-League-Auftakt in Gateshead geht jenseits des Atlantiks die erste Session der adidas boost Boston Games, ein Meeting der World Athletics Continental Tour der Stufe Gold, über die Bühne. Und darin sind alle vier Laufentscheidungen geplant. 800m-Weltmeister Donavan Brazier trifft in einem hochkarätigen 600m-Lauf auf den Kanadier Marco Arop, den Kenianer Michael Saruni und den Briten Jamie Webb. Bei den Frauen kehrt Ajee Wilson auf die Wettkampfbühne zurück und ist die klar stärkste Läuferin im Feld der Frauen. Vier Tage nach seinem Sieg in Ostrava hat Marcin Lewandowski einen Flug über den Atlantik hinter sich und will das Meilenrennen von Boston ebenfalls als Sieger beenden. Clayton Murphy ist sein Herausforderer, auch der Deutsche Sam Parsons ist im Rennen.
 
 
Wanda Diamond League, Gateshead

World Athletics Continental Tour