Minimale Öffnungsschritte für den Sport

Symbolfoto. © Robert Jones / Pixabay

Als am erinnerungswürdigen 16. März 2020 in Österreich gesellschaftliche Einschränkungen in Kraft traten, die oft reichlich unscharf als „Lockdown“ bezeichnet wurden, war es sechs Tage her, als unser südlicher Nachbar Italien von der Regierung zur kompletten Sperrzone erklärt wurde. Und in einen wirklichen Lockdown mit praktischem Bewegungsverbot außerhalb beruflicher und gesundheitlicher Begründung ging. Jenes Land, in dem fast alle Schreckenszenarien der kommenden Monate geboren wurden. Nur vier Tage nach diesem historischen Schritt für westliche Demokratien gab Marathonläuferin Catherine Bertone dem bekannten italienischen Laufmagazin „Correre“ ein Interview mit auch heute noch bemerkenswertem Inhalt.
 

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Sport als Teil des Rechts auf Gesundheit

Sie agierte in diesem Interview nicht nur als Läuferin, die 2018 bei den Europameisterschaften von Berlin im Alter von 46 Jahren eine famose Leistung mit Rang acht im Marathon ablieferte, sondern gepaart mit ihrer beruflichen Aufgabe als Kinderärztin im Krankenhaus von Aosta im Dreiländereck Italien, Frankreich, Schweiz. Ihr Ratschlag: „Jede und jeder tut gut daran, jeglichen legalen Weg zu suchen, um zu laufen.“ Es ginge darum Endorphine zu produzieren gegen Angstgefühle und Depressionsrisiko. Ihre Forderung: „Sportliche Aktivitäten wie das Laufen sollten als Teil des Rechts auf Gesundheit angesehen werden, im aktuellen Kontext unter Beachtung der allgemeinen Regeln des Gesundheitsschutzes.“
 

Geschichten aus Verona

Die ehemalige Olympia-Teilnehmerin wurde in diesem Interview gezielt nach gesetzten politischen Maßnahmen gefragt, sie erklärte aus ihrem Fachgebiet, warum Kinder naturgemäß prinzipiell für Atemwegserkrankungen viel weniger anfällig sind als Erwachsene. Und sie plauderte aus dem Nähkästchen. Bei den italienischen Halbmarathonmeisterschaften in Verona wenige Wochen zuvor hatte sie mehrere Geschichten von Läuferinnen und Läufern gehört, die unter ihren sportlichen Erwartungen blieben und dies auf Symptome und physische Probleme schoben, die Bertone rasch als solche zur Erkennung einer COVID-19-Infektion identifizierte. Ihr Schluss: Anscheinend hätte man es mit einem epidemischen Virus zu tun, der gesunde und fitte Menschen im jungen Erwachsenenalter nicht ins Krankenhaus bringt und nicht einmal ans Bett fesselt. Ihre primäre Frage demnach war nicht jene, wie viele Italienerinnen und Italiener gesundheitlich gefährdet waren, sondern: Wie viele Menschen in Italien sind in einer solchen physischen Verfassung, die irrelevant für die Belastung des Gesundheitssystems sind? Bekanntlich ist diese Perspektive, nämlich die Perspektive auf die Gesundheit, auch heute noch mit Seltenheitswert versehen. An der gegenteiligen Perspektive hält die österreichische Strategie weiter fest, wenn man die heutigen Öffnungsschritte für den Sport analysiert.
 

Lang ersehnter Öffnungsschritt

In einer Zeit, in der 14 Monate nicht wie 14 Monate, sondern wie eine Ewigkeit erscheinen, haben die Aussagen der Marathon laufenden Kinderärztin, auch unter dem Gesichtspunkt der Tatsache, dass zum damaligen Zeitpunkt der Wissenstand über das Virus ein Mini-Bruchteil des heutigen war, Nachhaltigkeit. Und Aktualität. Denn heute, am 19. Mai 2021, macht die Österreichische Bundesregierung mit ihren „Öffnungsschritten“ einen kleinen Schritt in Richtung dessen, was Bertone empfohlen hat. Es wird neben anderen wichtig(er)en gesellschaftlichen Bereichen auch wieder mehr Sport toleriert. Dreieinhalb Monate, nachdem die Bundessportorganisation SportAustria gemeinsam mit Public-Health-Experte Hans-Peter Hutter einen flammenden Appell für Sport als Teil der Lösung der Gesundheitskrise ausriefen, da der (Vereins-)Sport die für eine sichere Begleitung von Öffnungen notwendigen Konzepte bereits hätte. Im April sprach der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) von einer „großen Enttäuschung“ und „einen herben Rückschlag für den Freizeit- und Breitensport“, nachdem erhoffte Lockerungen von politischer Seite nicht realisiert wurden (vgl. Deutsche Presseagentur).
 

Das Gesundheitspotenzial des Laufens unter den Tisch gekehrt

Freilich war in Österreich oder Deutschland das Laufen – individuell oder in Begleitung von Familienmitgliedern, Mitbewohnern und Haustieren – im Gegensatz zu Italien niemals untersagt. Während Fachleute und Sportmediziner immer wieder versuchten, auf die positiven Wirkungen der regelmäßigen Sportausübung hinzuweisen, wurde es von Politik und Massenmedien nur in seltenen Fällen als etwas Positives konnotiert. Das prangert der Sport schon seit langem an, nicht nur hierzlulande, sondern etwa auch in Deutschland, wo Sportausübung ebenfalls restriktiv verhindert wird. Laufsportjournalist Michael Reinsch stellte in seinem Kommentar in der FAZ am 1. Mai die Frage: „Warum wird der Sport derart respektlos behandelt?“ Zuvor hatte sich der Sport frustriert gezeigt über abermals nicht erfolgte Öffnungen. Ein Beispiel: Seit Anfang Mai dürfen in Deutschland maximal fünf Kinder gemeinsam kontaktfrei Sport machen.
 

ÖLV kritisiert „Verschärfungen“, „obwohl ja eigentlich gelockert werden soll“

Die ab heute, neuen gültigen COVID-19-Regeln bieten dem Sport kaum Lockerungen an und sorgen punktuell sogar für verschärfte Regeln. Der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) versprüht in seinen Ausführungen auf der Website wahrlich keine Begeisterung. Trainings fallen, ungeachtet des gesundheitlichen Potenzials der Sportausübung, weiterhin in die Kategorie „Zusammenkünfte“, die Obergrenze für Freiluft-Veranstaltungen bleibt weiterhin bei 200 Sportlerinnen und Sportler. Zum Vergleich: In Spanien, Großbritannien oder der Niederlande finden Serien von Veranstaltungen, darunter auch Laufevents (zum Beispiel der 10km-Lauf in Granollers mit 1.500 Angemeldeten Ende April) mit wissenschaftlicher Begleitung statt, an denen Hunderte oder sogar über 1.000 Läuferinnen und Läufer teilnehmen durften. Vergleichbare Bemühungen hierzulande, Fehlanzeige. Abseits der genannten Events finden beispielsweise auch in Italien oder Kroatien seit Wochen Laufevents mit etlichen Hunderten Teilnehmerinnen und Teilnehmer statt, alle mit speziellen Präventionskonzepten und oft massivem Mühen.
 

FFP2-Maskenpflicht im Freien

Für Spitzensportlerinnen und -sportler gelten im Trainingsalltag dieselben Regeln wie bisher, zusätzlich braucht es ein von einem Arzt autorisiertes COVID-19-Präventionskonzept. Eine unerwartete Verschärfung ist die neue FFP2-Maskenpflicht im Freien (!) für all diejenigen, die bei einem Training selbst nicht aktiv sind (lindere Regeln für Kinder und Jugendliche, je nach Alter). Eine völlig missglückte Pointe etwa für Olympia-Starter und Olympia-Hoffnungen und ihre Trainer, die bereits geimpft sind, um eine bestmögliche Vorbereitung auf Tokio zu wahren.
Generell gelten ab sofort auch auf Sportstätten, egal ob indoor oder outdoor, die viel zitierten „3G-Regeln“ für alle Volljährigen, was dazu führt, dass die Benutzung von Sportstätten ohne negativen COVID-19-Test als Mindestanforderung nicht mehr erlaubt ist. Außerdem wird die Datenverarbeitung für Betreiber, Vereine und Veranstaltungen wesentlich aufwändiger und komplizierter. Zwei weitere Verschärfungen, obwohl das Infektionsgeschehen sich in Österreich bekanntlich sukzessive reduziert.
 

Die Schweiz war früher dran

Auffallend ist, dass viele der neuen Regeln – und zwar dezidiert nicht die als „Verschärfungen“ versehene – bei unserem westlichen Nachbarn genau vor einem Monat eingeführt wurden. Seither ist dort Training in Gruppen in der Schweiz bis zu 15 Personen (Erwachsene, Kinder bereits seit Anfang März uneingeschränkt) möglich, wöchentlich finden mehrere Leichtathletik-Meetings statt, darunter zahlreiche für den Nachwuchs. Ein netter Schachzug vom Schweizer Leichtathletik-Verband (Swiss Athletics): Startgeldgebühren wurden ausgesetzt, pro Wettkampfresultat erhält der Veranstalter vom Verband einen Betrag von 5 Schweizer Franken (das entspricht ca. 4,50 Euro).
 

Laufveranstaltungen für alle weiterhin praktisch unmöglich

Die neuen Regeln erlauben etwa ein Lauftraining mit maximal zehn Erwachsenen (bei Einhaltung des Abstandsgebot von zwei Metern, wenn der Haushalt nicht identisch ist) und eine Sportveranstaltung, die von den zuständigen Behörden vorab genehmigt werden muss, mit bis zu 50 Teilnehmenden, die nicht unter die Spitzensport-Klausel (da sind es weiterhin maximal 200) fallen. Das bedeutet im Klartext, dass Laufveranstaltungen auch zukünftig (bis minimal 30. Mai oder 16. Juni je nach Paragraph) abgesehen von Mini-Mini-Events untersagt bleiben – eine Veranstaltung mit zig von einander getrennten Tranchen à 50 Aktiven ist nicht praxistauglich.
Die Zuschauerfrage stellt sich überhaupt nur bei strikter Trennung von Akteuren, für Leichtathletik und Laufevents heißt das de facto weiterhin ein Zuschauerverbot. Bei zugewiesenen Sitzplätzen und klarer Trennung zwischen Sportler und am Sportwettkampf Beteiligter sind im Freien bis zu 3.000 Zuschauer zugelassen, zum Beispiel in einem Fußballstadion oder bei einem Leichtathletik-Meeting in einem großen Stadion. Auch hier lässt sich ein Vergleich mit anderen europäischen Ländern anbringen: Beim Golden Spike Meeting in Ostrava (siehe RunAustria-Vorschau) dürfen heute Abend 1.500 Zuschauer ins Stadion, wenige Stunden später beim italienischen Cup-Finale im Fußball 4.300, am vergangenen Wochenende waren es beim FA-Cup-Finale in London 21.000.
 

„Ich gefährde niemanden, wenn ich alleine laufe

Catherine Bertone war im März 2020 eine in italienischen Medien durchaus gefragte Person, seither zog sie sich zurück und damit verschwand auch ihre Meinung aus der Öffentlichkeit. Am 22. März 2020 sagte sie in einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ erbost: „Ich verstehe den ganzen Hass nicht, der uns Läufern entgegengebracht wird. Ja, es ist eine ganz schwierige Zeit. Aber ich gefährde niemanden, wenn ich alleine trainiere, um meine sportlichen Ziele zu verfolgen.“ Der Anlass war ein Dekret der italienischen Regierung, der Training verunmöglichte.
Seither hat sie einen Wettkampf bestritten, Rang drei bei den italienischen Marathonmeisterschaften im Dezember, als sie unter 2:40 Stunden lief. Vor knapp vier Wochen wurde die 47-Jährige vom Italienischen Olympischen Komitee (CONI) offiziell für ihren Einsatz im Kampf gegen die Pandemie ausgezeichnet. CONI-Präsident Giovanni Malagò betonte im Dankschreiben die „menschliche Größe“ Bertones, „die Quelle des Stolzes für unsere Bewegung ist“. Die Ehrung, die sie wohl weniger ihrer kritischen Haltung als viel mehr ihrer beruflichen Tätigkeit verdankt, wird traditionell auf Basis der Persönlichkeit und der sportlichen Verdienste ausgezeichnet.