Bewegungsmangel – das enorme Gesundheitsrisiko

© SIP / Johannes Langer

„Bewegungsmangel ist ein globaler Killer!“ Der Schweizer Redakteur Alain Niederer fand am 2. April 2021 in einem ausführlichen Bericht für die „Neue Zürcher Zeitung (NZZ)“ (online) bereits in der Schlagzeile drastische Worte. Besonders im aktuellen Kontext ist das berechtigt, denn Niederer zitiert eine Schätzung von Wissenschaftern aus Nordamerika, die besagt, dass jährlich über eine Million mehr Menschen weltweit an körperlicher Inaktivität versterben als an den Folgen der SARS-Cov-2-Pandemie seitdem diese gezählt werden. Rund vier Millionen Menschen waren das – vor Start der Pandemie. Eine im Sommer 2020 im Fachmagazin „The Lancet Global Health“ veröffentlichte Studie der Universitäten von Cambridge und Edinburgh wählte den umgekehrten Ansatz, die Erkenntnisse sind ebenfalls eindrucksvoll. Die Analyse von Daten aus 168 Nationen brachte das Forscherteam zur Erkenntnis, dass weltweit jährlich 3,9 Millionen vorzeitige Sterbefälle durch sportliche Bewegung verhindert werden.
Etliche Forscherinnen und Forscher weisen darauf hin, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 Rahmenbedingungen schaffen, die körperliche Inaktivität in zahlreichen Ländern begünstigen – und damit natürlich auch die mittel- und langfristigen gesundheitlichen Folgen daraus. Das sind etliche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme, Diabetes, Beschwerden im Stützapparat, Krebserkrankungen oder Adipositas. In den Fokus einiger medialer Berichte geraten dabei die Minderjährigen. Michael Reinsch kommentierte am 14. April 2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit dem Titel „Eine verlorene Generation“.
 

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Chronische Inaktivität als höchstes Sterberisiko

Der 14. Pandemiemonat sah in der deutschsprachigen Medienwelt mehr Platz für die gesundheitsfördernde Bewegung in die Pandemieberichterstattung vor als zuvor. Am 18. April 2021 widmete die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ dem Thema Bewegungsmangel und dessen Folgen einen ausführlichen Bericht. Nahezu 10% der deutschen Kinder unter 14 Jahren entwickelten im ersten Pandemiejahr Übergewicht, beklagt Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendliche, darin. Es ist eine Tendenz, die sich seit Jahren kontinuierlich ins Negative bewegt. Ein wesentlicher Kritikpunkt der Gegenwart: In Deutschland stehen der Kinder- und Jugendsport sowie der Schulsport praktisch still, noch extremer als in Österreich. Und dabei galt chronische Inaktivität bereits vor Pandemiebeginn als das höchste Sterberisiko in der westlichen Welt. Für alle, nicht nur für die neue Generation.
 

Inaktivität und Übergewicht

Häufig gehen Bewegungsmangel und Gewichtszunahme bzw. Übergewicht Hand in Hand. Auch auf dieser Ebene lässt sich mit wissenschaftlichen Befunden eine drastische Verschlechterung des gesundheitlichen Körperzustands in den letzten 13 Monaten feststellen. Laut den Daten von im November 2019 auf der Website RunRepeat veröffentlichten Umfrageergebnissen unter fast 20.000 Menschen aus 140 Ländern weltweit legte mehr als einer von drei Menschen seit Pandemiebeginn an Gewicht zu, mehr als 70% aus diesem Anteil binnen eines halben Jahres mehr als zwei Kilogramm Körpergewicht. Diese Messeinheit „ein Drittel“ scheint ein kritischer Wert im Themenfeld Bewegungsmangel und Übergewicht. Bereits vor Pandemiebeginn galt jedes dritte Kind in Österreich als übergewichtig, diagnostische Hauptursache: zu wenig Bewegung. Und rund ein Drittel der österreichischen Gesellschaft wird zur Gruppe der „Sportverweigerer“ gezählt bzw. zur Gruppe jener, die durch Sportinitiativen nicht erreichbar sind. Abhängig von Studienergebnissen variiert diese Zahl zwar deutlich, insbesondere, wenn es um subjektive Einschätzungen in Umfragen geht. Eine Studie der Public Health Abteilung der MedUni Wien kommt sogar zu einem verschärften Befund. Demnach sind in Österreich zwei von fünf Erwachsene kaum körperlich aktiv.
 

Bewegung: ein verkanntes Potenzial in der Pandemiebekämpfung

Nachdem seit über einem Jahr fast kaum Themen einen Platz in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bekommen haben, die die Pandemie nicht durch die Krankheitsperspektive betrachtet haben, sind die längst etablierten sportmedizinischen Erkenntnisse darüber, dass regelmäßige Bewegung auf diversen Ebenen ein enormes gesundheitsförderndes Potenzial im allgemeinen gesellschaftlichen Wohlbefinden und für einen unmittelbaren Immunschutz gegen ein Infektionsrisiko hat, scheinbar komplett in die Vergessenheit geraten. Daher ist es – vielleicht sogar ungewollt – zynisch, wenn der ORF am 14. April 2021, also 13 Monate nach den ersten restriktiven gesellschaftlichen Maßnahmen in Österreich mit Reduktion der Bewegungsmöglichkeiten und -vielfalt, eine gänzlich ohne überraschende Erkenntnisse ausgestattete, aber tatsächlich repräsentative Studie aus dem „British Journal of Sports Medicine“ zitiert und die Meldung mit dem Titel „Bewegung senkt Risiko für schwere Verläufe“ (bei COVID-19) versieht. Bewegungsarmut sei für den Krankheitsverlauf ein enormes Risiko, lautete ein markanter Satz in der Darstellung von Erkenntnissen des Offensichtlichen. Eine Zahl aus der Studie: Inaktive Menschen haben ein um 250% höheres Risiko, eine Infektion mit SARS-Cov-2 nicht zu überleben als jene Menschen, die sich an die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (das sind 150 Minuten pro Woche in moderater Intensität, Anm.) halten.
 

Fehlt unserer Gesellschaft Wissen zu Gesundheitserhaltung?

Natürlich sind solche Beiträge für Leserinnen und Leser einer Online-Plattform für Läuferinnen und Läufer sowie Mitglieder der heimischen und globalen Laufbewegung irritierend. Möglicherweise deshalb, weil die Bildung im Spezialbereich Gesundheit und das Wissen über Gesundheitserhaltung durch einen entsprechenden Lebensstil in der Gesellschaft unsererseits einfach überschätzt wird. Nicht nur der ORF steckt etwas aus Sicht der Lauf-Community de facto Selbstredendes in klingende Schlagzeilen. Der Spiegel widmete dieser Studie ein ausführliches Interview mit Studienleiter Robert Sallis von der University of California. Seine Einschätzung: Sport sei wichtiger als je zuvor. Mit kontinuierlicher Bewegung würden sich Menschen besser gegen diese Art von Krankheiten wappnen. Und: Nicht alles dafür zu tun, Orte zur Ausübung von sportlicher Bewegung bedingungslos offen zu halten, sei für Sallis in vielen Ländern ein schwerer Fehler in dieser Pandemie gewesen.
 

Regelmäßige Bewegung als wirksamste Gesundheitserhalterin

Wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahre liefern beeindruckende Zahlen und Fakten, die klar aufzeigen, warum die Einschätzung Sallis’ auch in außergewöhnlichen Zeiten ihre Berechtigung hat. In einer Kohortenstudie mit 122.000 Probandinnen und Probanden, deren Fitnesszustand über einen durchschnittlichen Zeitraum von achteinhalb Jahren in Bezug auf das allgemeine Sterberisiko beobachtet wurde, kam ein Forscherteam um Kyle Mandsager von der Clevelend Clinic Foundation zu deutlichen Aussagen. Gestiegene kardiorespiratorische Fitness hatte die größte Wirkung auf das Senken des allgemeinen Sterberisikos auf alle relevanten mit hohem Sterberisiko in Verbindung stehenden Krankheiten – noch deutlicher als etwa das Beseitigen anderer Risikofaktoren wie beispielsweise eine Beendigung der Nikotinsucht. Diese Studie wurde 2018 im „JAMA Network Open“ publiziert. Eine erhebliche kardiorespiratorische Fitness lasse sich der Studie zu Folge mit moderater, aber regelmäßiger Bewegung erreichen.
 

„Bewegungsmangel ist die heimliche Seuche im Hintergrund“

Diverse den Sport verteidigende Institutionen bewerben sportliche Bewegung basierend auf aktuellem Wissensstand seit Monaten unermüdlich als Lösungsansatz für das gesellschaftliche und gesundheitspolitische Schlamassel. Sie taten sich schwer, bei Entscheidungsträgern auf offene Ohren zu treffen. Stellvertretend für zahlreiche Initiativen und Bemühungen sei die Bundessportorganisation „Sport Austria“ genannt. Ihr Präsident Hans Niessl fasste bei einer im ORF live übertragenen Pressekonferenz Anfang Februar zusammen: „Ein Tag ohne Sport ist ein verlorener Tag.“
Erst am 14. April 2021 erinnerte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in einer Pressemeldung an die Relevanz einer stabilen gesellschaftlichen Gesundheit, die auf einem gesunden Lebensstil fußt. Andreas Silbersack, Vizepräsident für Breitensport und Sportentwicklung im DOSB, replizierte die eingangs erwähnten, drastischen Wortmeldungen in der Medienlandschaft in einem Statement: „Bewegungsmangel ist die heimliche Seuche im Hintergrund, unter der Kinder und Jugendliche im wahrsten Sinne des Wortes zunehmend leiden. Die Pandemie verstärkt den Trend zur Inaktivität weiter. Unser Nachwuchs braucht dringend wieder Zugang zum Sport, damit wir die physischen, psychischen und sozialen Folgen des langjährigen Trends und des verlorenen Corona-Jahres bekämpfen können.“