Muskuläre Probleme lassen Theuers Traum von Olympia platzen

© ÖLV / Jean-Pierre Durand

Was 28 Kilometer lang, also genau zwei Drittel der Marathon-Distanz, nicht nur gut aussah, sondern auch die Flamme der Hoffnung entfachte, ging nur wenige Augenblick später in eine tiefe Enttäuschung über. Plötzlich akut gewordene Probleme mit der Beinmuskulatur brachten Timon Theuer (Union St. Pölten) bei der „NN Mission Marathon“ auf einem Rundkurs auf einem Flugplatz nahe Enschede erst vom Kurs sub-2:11:30 Stunden ab und zwangen ihn dann zur Aufgabe. „Bis Kilometer 28 lief alles gut. Die Bedingungen waren ideal, die Gruppe mit drei Tempomachern war wirklich gut“, so der 27-Jährige leicht wehmütig.
 
 
Der RunAustria-Bericht über den Elitemarathon in Enschede: Kipchoge und Steinruck Sieger der NN Mission Marathon
 

Timon Theuer bei der Halbmarathon-WM 2020 in Gdynia. © ÖLV / Jean-Pierre Durand
 

„Ich konnte meine Beine nicht mehr heben“

Seine Gruppe hatte die Zwischenzeit beim Halbmarathon exakt nach Marschroute in einer Zeit von 1:05:30 Stunden passiert. Wie es sich der Wiener gewünscht hatte. Das Fundament für einen Angriff auf die Olympia-Qualifikationszeit von 2:11:30 Stunden war also gelegt, mit einer halben Minute „Spazi“. Doch als bei Kilometer 29 plötzlich muskuläre Probleme auftraten, war der Traum vom Olympischen Marathon am 8. August in Sapporo geplatzt. „Ich konnte meine Beine nicht mehr heben. Die Muskulatur hat komplett zugemacht und blieb fest“, rekapitulierte der enttäuschte Theuer. „Ich bin mehrmals stehen geblieben und wieder weitergelaufen, weil ich unbedingt ins Ziel wollte.“ Bei Kilometer 37 warf er dennoch das Handtuch, „irgendwann war es sinnlos.“ Damit blieb auch sein dritter Marathon unvollendet.
 

Enttäuschung über den erneuten „Nuller“

Trotz der Enttäuschung über die Gewissheit, dass „ich mir den Olympischen Marathonlauf im Fernsehen ansehe“, stieß sich Timon Theuer weniger daran, dass er das Olympia-Limit von 2:11:30 Stunden nicht unterboten hat. „Für dieses Limit anzulaufen, ist für mich persönlich auf Messers Schneide. Da muss am Tag X alles perfekt zusammenpassen und da muss ich klar sagen, ich hatte es nicht drauf“, lautete seine ehrliche Analyse. Viel mehr störte ihn, dass er ein weiteres Mal das Marathonziel nicht sah und fand schonungslose Worte: „Das ist ein gewaltiger Tritt in den A… für den Kopf.“ Mit Hängen und Würgen hatte er davor versucht, sich irgendwie über die letzten Kilometer zu retten. Es ging nicht. „Ich bin zutiefst enttäuscht. Es ist unheimlich schade, dass ich mich für all die Arbeit und die Bemühungen im Training nicht belohnen konnte“, sagte er leicht niedergeschmettert. Dreimal hat Theuer das Limit ins Visier genommen: Beim Valencia Marathon 2020 stoppte ihn die Quarantäne vor Ort, eine Woche später bei den Österreichischen Marathonmeisterschaften in Wien gab er nach rund zwei Dritteln der Renndistanz auf, nachdem er das Tempo für das Limit nicht mehr halten konnte – der Kopf war nach dem Valencia-Schock noch nicht frei. Die „NN Mission Marathon“ war die letzte Unternehmung, Theuer legte sich unmittelbar nach dem gescheiterten Versuch fest, keinen weiteren Angriff auf das Limit für Tokio anzugehen. Der zweitschnellste Halbmarathonläufer in der österreichischen Geschichte hat damit immer noch kein Marathon-Resultat auf der Habenseite. „Wenn ich 2:12 oder 2:13 gelaufen wäre, wäre ich zufrieden gewesen“, meinte er. „Ok, dann wär’s sich’s mit dem Limit auch nicht ausgegangen, aber so ist es ein Rückschlag.“ Vor allem aus mentaler Sicht fehlt das Resultat sehr.
 

Eine erste Spurensuche

Wie es dazu kommen konnte, dass die Muskulatur den gesamten Marathon nicht mitmachen wollte, konnte er in der Erstreaktion auf das Rennen nicht sagen. Beim Halbmarathon hat er erste Anzeichen bemerkt, dass die Muskulatur viel zu früh im Rennen belastet war. Die folgende lange Gerade verlief gut und ließ die Sorge kurz vergessen, bis die Muskulatur ihm nach einer Beschleunigung aus der Wende heraus den vorläufigen K.o. versetzte. Dennoch zog Theuer im Gespräch mit RunAustria Bilanz über die vergangenen Monate und begab sich trotz einer guten Marathon-Vorbereitung auf Fehlersuche. Die Einschränkungen und Unsicherheiten durch die Pandemie hätten ihm mental zugesetzt, das hat er in den letzten Monaten mehrmals angemerkt. Rückblickend hätte er lieber in ein mehrwöchiges Trainingslager im Süden investiert als in Wien zu trainieren, der nachhallende Winter war besonders bei Dauerläufen nicht leicht zu ertragen. Vielleicht die Aufgaben an der Uni, vielleicht die fehlende Extramotivation vom Streckenrand. Besonders wenn’s schwer ist, ist die Einsamkeit am Flughafen ein Abturner. Auch Kollege Valentin Pfeil wusste letzte Woche davon zu berichten (siehe RunAustria-Bericht).
 

Neuaufbau für Kapitel zwei

Mit dem Ende des Olympia-Zyklus endet auch Kapitel eins der Marathon-Laufbahn von Timon Theuer. Dass er auch nach Enschede kein Resultat auf der Habenseite hat, stimmt ihn nachdenklich. Und lässt ihn weitsichtig in die Zukunft blicken. Nachdem das Olympia-Limit monatelang im Fokus stand, soll nun eine längere Laufpause die Akkus komplett füllen und ein Neuaufbau gelingen: „Meine Trainingsjahre sind noch überschaubar. Ich möchte im Sommer meine Unterdistanzzeiten verbessern und dann behutsam schöne, klare Ziele wiederfinden. Vielleicht dann, wenn sich die Corona-Situation entspannt hat.“ Dann kommt irgendwann auch wieder ein Marathon. Einer mit neuen, anderen Vorzeichen. Und anderen Parametern als die berühmte 2:11:30, die andere Zielsetzungen seit dem Halbmarathon von Barcelona 2020 (1:02:34) auch keinen sinnvollen Platz gegeben haben.
 
 
Der RunAustria-Bericht über den Elitemarathon in Enschede: Kipchoge und Steinruck Sieger der NN Mission Marathon
 
 
NN Running Team