Mit Optimismus das Olympia-Limit im Fokus

Timon Theuer versprüht vor seinem Angriff auf das Olympia-Limit von 2:11:30 Stunden Optimismus. Er hat die beste Marathon-Vorbereitung seiner Karriere hinter sich, außerdem sind die Bedingungen vielversprechend. Star des Events ist Olympiasieger und Weltrekordhalter Eliud Kipchoge.

© ÖLV / Alfred Nevsimal

 

  • Timon Theuer nimmt Olympia-Limit bei der NN Mission Marathon in Enschede in Angriff
  • Eliud Kipchoges erster Wettkampfstart, nachdem er den Nimbus des Unbesiegbaren verloren hat
  • Spannender Kampf um die Olympia-Startplätze im Frauen-Team des DLV

 
Eine Woche nach Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) in Siena (siehe RunAustria-Bericht) und eine Woche später als ursprünglich geplant unternimmt Timon Theuer (Union St. Pölten) am Sonntag auf einem Rundkurs auf dem Flugplatz von Enschede in Holland seinen Frühjahrsversuch, das Olympia-Limit von 2:11:30 Stunden zu unterbieten. Die kurzfristige Verschiebung, zeitlich um eine Woche, örtlich von Hamburg nach Enschede, war deshalb notwendig geworden, weil die Verantwortlichen in der norddeutschen Metropole aufgrund der Maßnahmen rund um die Pandemie die Genehmigung für den Eliteevent nicht erteilten. Die Organisatoren des Enschede Marathon sprangen ein und sagten dem ausrichtenden NN Running Team der in Holland ansässigen Agentur Global Sports Communication organisatorische Unterstützung zu. Theuer nahm die Verlegung positiv zur Kenntnis. Erstens, weil es ihm zusätzliche Long Runs bis zu einer Länge von 35 Kilometern in flottem, aber nicht zu schnellen Tempo erlaubte. Und zweitens, weil die angesagten Wetterbedingungen am Sonntag in Enschede wesentlich günstiger sind als sie in Hamburg vergangenen Sonntag gewesen wären.
 

Timon Theuer bei den Staatsmeisterschaften 2020 in Wien. © ÖLV / Alfred Nevsimal
 

Beste Marathon-Vorbereitung bisher

Neben den äußeren Bedingungen, die für den noch jungen Marathonläufer Theuer für eine erfolgreiche Erbringung der Olympia-Qualifikationszeit laut eigener Aussage Voraussetzung sind, stimmen ihn auch seine Trainingsleistungen optimistisch. „Auch wenn ich noch keine Marathonzeit stehen habe, war das jetzt meine vierte Marathon-Vorbereitung. Dabei war jede besser als die vorige und laut meiner subjektiven Einschätzung war der Entwicklungsschritt von der dritten auf die vierte der größte“, so der 27-Jährige, der seinen Testwettkampf für den Marathon Anfang März in Berlin hinlegte – 29:07 Minuten über zehn Kilometer. Wunschlos glücklich war der Wiener mit dieser Generalprobe nicht, umso besser soll die Hauptaufführung gelingen.
Theuer, der seit heuer zum A-Kader des ÖLV-Nationalteams gehört, hatte sich nach dem abgebrochenen Marathon bei den Staatsmeisterschaften in Wien im Dezember nur eine kurze Pause gegönnt, um auf gutem Niveau früh in die Vorbereitung der wohl ultimativen Qualifikationschance für Olympia einsteigen zu können. Traten im Winter noch die einige kleine Beschwerden auf, verlief das Training zuletzt gut. Weder Krankheiten noch Verletzungen traten als Störfaktoren auf, der Spätwinter ließ sich in Wien einigermaßen gut handeln, auch wenn „das Laufgefühl bei winterlichen Bedingungen immer schlechter ist als die reale Trainingsleistung.“ Lange Zeit kämpfte Theuer zusätzlich zur generellen Unsicherheit in der Szene aufgrund der Pandemie damit, dass er noch keinen attraktiven Startplatz hatte. Erst seit Anfang März ist seine Startmöglichkeit bei der NN Mission Marathon, wie die Veranstaltung sich nennt, sicher.
 
 
RunAustria-Tipp: Die NN Mission Marathon auf einem Rundkurs nahe Enschede wird im Livestream auf dem Youtube-Kanal des NN Running Teams übertragen. Start ist um 8:30 Uhr
 
 

Unterschiedliche Ambitionen könnten zu kleinen Gruppen führen

Die Starterfelder in Enschede sind wesentlich kleiner als jene letzte Woche in Siena. 32 männliche Athleten exklusive Tempomacher sind gelistet. Noch vor der ultimativen Rennvorbesprechung scheinen unabhängig der Ambitionen von Eliud Kipchoge drei Gruppen geplant: eine mit einer Durchgangszeit beim Halbmarathon von etwas unter 1:03:30, eine von 1:05:00 und eine von 1:05:30 Stunden, in die sich der Österreicher idealerweise begeben will. Kommt es so, wird es voraussichtlich eine kleinere Gruppe um Theuer, etwa mit einem Trio aus Uruguay um Landesrekordhalter Nicolas Cuevas, der das Olympia-Limit in Valencia im Dezember nur um zwölf Sekunden verpasst hatte, dem Rumänen Marius Ionescu oder Jeison Suarez aus Kolumbien. Vereinen sich die beiden letztgenannten Gruppen, was Theuer für möglich hält, wird er gezwungen sein, etwas schneller anzulaufen. „Da ist es beruhigend zu wissen, falls ich irgendwann gezwungen sein würde alleine zu laufen, dass der Wind nicht so stark sein soll wie bei anderen Marathons zuletzt“, so der 27-Jährige.
Der Grund für diese Kalkulationen ist ein einfacher: Während die Gruppe von Athleten um Theuer exakt die 2:11:30 Stunden im Fokus haben, wollen andere Athleten, die das Olympia-Limit schon erbracht haben, ihre individuelle Position mit einer stärkeren Zeit verbessern, oder sie stammen aus Ländern, in denen eine einfache Limit-Erbringung nicht für einen Olympia-Start reicht. Das gilt etwa für den Deutschen Tom Gröschel, der die Zeit des aufgrund einer Verletzung verhinderten Hendrik Pfeiffer (2:10:18) im Kopf haben dürfte, wobei er eine Bestleistung um dreieinhalb Minuten bräuchte, dem holländischen Debütanten Roy Hoornweg (drittbester Holländer im Qualifikationszeitraum ist Wien-Sieger Björn Koreman in 2:11:07) oder möglicherweise das polnische Quartett um den ehemaligen EM-Medaillengewinner Yared Shegumo. Aus Polen hat seit Beginn des Jahres 2019 zwar noch kein Athlet die 2:11:30 Stunden unterboten, doch der Lauffrühling 2021 ist noch jung. Krystian Zalewski, dessen Marathon-Debüt für den abgesagten Vienna City Marathon 2020 geplant war, holt seine Premiere am Sonntag nach.
 

Kipchoges erster Marathon nach London-Niederlage

Star des Events nahe der ostholländischen Kleinstadt Enschede, die nur einen Steinwurf von der Grenze zu Deutschland entfernt liegt, ist natürlich Olympiasieger Eliud Kipchoge. Ein halbes Jahr nach seiner ersten Marathon-Niederlage nach sieben Jahren (London 2020) ist es erstmals zumindest fraglich, dass der kenianische Superstar sich in diesem Rennen an eine Weltklassezeit orientiert. Dafür spricht, dass Kipchoge voraussichtlich mit einem hochkarätigen Team an Tempomachern ins Rennen geht, darunter der dreifache Toronto-Marathon-Sieger Philemon Rono und Kipchoges langjähriger Trainingspartner Augustine Choge. Dagegen spricht, dass er für diese Ambition keine Mitstreiter finden wird, was Kipchoge – wie öfters bewiesen – nicht braucht, weil keine weiteren sub-2:05-Läufer im Feld sind. Die prominentesten sind noch Laban Korir aus Kenia und Stephen Kiprotich aus Uganda, Marathon-Olympiasieger von 2012. Kiprotich hat zuletzt nicht mehr im Trainingscamp von Kipchoge trainiert, sondern im neuen Trainingszentrum in seinem Heimatland Uganda.
Dennoch dürfte das Rennen in Enschede für das Selbstvertrauen Kipchoges ein sehr wichtiges sein, die letzten Monate mit zeitweiliger Schließung des Trainingscamps in Kaptagat bezeichnete er unlängst in kenianischen Medien als „sehr hart“. Gerüchten zu Folge habe sein Training darunter gelitten. Eine weitere Zeit, die nicht restlos überzeugt – und da sprechen wir beim Weltbesten über Zeiten, die nicht unter 2:05 Stunden angesiedelt sind (in seiner Karriere passierte das seit 2014 nur bei den Olympischen Spielen 2016 und in London 2020), könnte seine Stellung als Nummer eins der Welt unmittelbar vor Olympia zumindest in Disposition stellen. Zumal selbst die landesinterne Konkurrenz zuletzt reihenweise mit Ausnahmeresultaten glänzte.
Nicht am Start ist die Schweizer Nummer eins Tadesse Abraham nach Anraten der Ärzte. Abraham wollte eigentlich beim Swiss Athletics Marathon an den Start gehen, wurde aber nach einem positiven COVID-19-Testergebnis im März im Trainingslager in Äthiopien ausgebremst. In Besitz der Olympia-Quali ist der WM-Neunte von Doha bereits.
 

Deutsche Marathonläuferinnen kämpfen um Olympia-Startplätze

Aus dem ursprünglich gedachten deutschen Qualifikationsrennen ist bei den Männern nichts geworden. Nur Tom Gröschel ist am Start, Simon Boch (Dresden) und Richard Ringer (Siena) haben ihre Leistungen bereits erbracht, Arne Gabius musste in Siena aussteigen, Hendrik Pfeiffer und Philipp Pflieger für Enschede absagen. Bleibt noch der intensive Kampf um die Olympia-Tickets bei den Frauen und da sind mit Katharina Steinruck, Rabea Schöneborn, Anke Esser und Laura Hottenrott gleich vier deutsche Läuferinnen am Start. Fabienne Königstein verzichtet nach missglücktem Training auf einen Frühlingsmarathon. Steinruck ist hinter Melat Kejeta und Deborah Schöneborn, die nach Problemen mit dem Sprunggelenk noch nicht für einen Wettkampf in Frage kommt, die Nummer drei im Qualifikationszeitraum und zeigte sich in den letzten Wochen mit einer 10K-Bestleistung gut in Form. Außerdem lassen erste Vorboten der Stärke des neuen Models Metaspeed für die von ASICS ausgerüstete Athletin einen spannenden Auftritt erwarten. „Verteidigen“ kann sie das Limit direkt gegen Rabea Schöneborn, die in Valencia eine Zeit von 2:28:42 Stunden gelaufen ist. Als Orientierung könnte laut einem Interview mit Steinruck auf der Website des DLV die Zeit von Rabeas Zwillingsschwester Deborah (2:26:55) dienen.
Die stärksten Läuferinnen im Feld sind nach der Absage von Tirunesh Dibaba, die sich den äthiopischen Olympia-Vorausscheidungen widmet, oder möglicherweise widmen muss, die Kenianerin Gladys Chesir und die Portugiesin Sara Moreira, deren letzter hochklassiger Marathon allerdings bereits fünfeinhalb Jahre her ist. In Wahrheit noch länger ist die Pause für Chesir, die 2017 in Amsterdam ihren bisher einzigen Marathon gelaufen ist, aber aufgrund einer Babypause seit fast genau drei Jahren keinen internationalen Wettkampf bestritten hat.
 
 
NN Mission Marathon