125 Jahre Olympische Spiele: Ein Funke wird zur Flamme

Das Panathinaiko Stadion beim Athen Marathon 2015. © SIP / Johannes Langer

Der 6. April ist ein besonderes Datum für den Weltsport, insbesondere wenn ein runder Erinnerungstag auf dem Programm steht. Heute vor 125 Jahren entflammte das Olympische Feuer erstmals im modernen Zeitalter. Symbolisch. 60.000 Zuschauer im Panathinaiko Stadion von Athen inklusive der kompletten griechischen Königsfamilie sollen Zeuge der Eröffnungsfeier gewesen sein. 1.503 Jahre, nachdem der römische Kaiser Theodosius I. die Olympischen Spiele der Antike untersagte und damit eine der heute bekanntesten Traditionen des Lebens in der antiken Blüte beendete. Es war eine über 1.000-jährige, bedeutungsvolle Tradition für die Gesellschaft des Antiken Griechenlands. Damals brannte das Olympische Feuer in Olympia monatelang, um die sportlichen Wettkämpfe anzukündigen. Auf dieses bedeutende Symbol hatten die Erfinder der Olympischen Spiele der Neuzeit ursprünglich nämlich vergessen, erst 1928 bei den Spielen von Amsterdam wurde die Idee wieder aufgenommen.
 

Das Panathinaiko Stadion beim Athen Marathon 2015. © SIP / Johannes Langer
 

Ein Sportfest, das Begeisterung entfachte

Besonders in der heutigen Zeit, in der eine Pandemie das Internationale Olympische Komitee (IOC) erstmals zwang, Olympische Spiele zu verschieben und deren Austragung ein Jahr nach dem ursprünglichen Termin immer noch nicht garantiert ist. In der der Olympische Fackellauf mit organisatorischen Problemen und Verboten kämpfen muss, gleichzeitig das Symbol der Hoffnung auf eine Zeit nach der Pandemie in sich trägt. In der leere Stadien das Bild der Sportwelt prägen, bietet sich ein Rückblick an. Das hauptsächlich auf die Initiative von Pierre de Coubertin, dem ersten Präsident des von ihm gegründeten IOC, realisierte Revival des antiken Sportfestes war per se auf dem ersten Blick kein großer Erfolg, obwohl es für die damalige Zeit ein riesiges Sportereignis war. Auf der einen Seite in der internationalen Signalwirkung und auf der anderen aufgrund der Qualität der sportlichen Leistungen. Aber der Funke der Olympische Flamme entzündete sich von innen heraus, dank der Begeisterung der Sportler und Zuschauer, unter ihnen im Gegensatz zur Antike auch Frauen. Zeitzeugen spürten die Besonderheit des über nationale Grenzen hinaus verbindenden Ereignisses, die Beleuchtung des als Wiederaufbau der historischen Sportstätte konzipierten Panathinaiko Stadions, das es in dieser Form heute noch gibt und welches traditionell den Zielraum des Athen Marathon darstellt, war über die Dauer der zehntägigen Spiele ununterbrochen an. Erst im Nachhinein strahlte es jene Faszination aus, die mit den Olympischen Spielen verbunden werden sollten und es heutzutage auch wird. 241 Athleten, nur männliche, aus 14 Nationen, darunter auch Österreich und Ungarn als zwei getrennte Teams aus der Monarchie, traten in 43 Wettkämpfen in zehn Sportarten an. Athleten aus Australien, den USA und Chile nahmen, wenn auch in überschaubarer Anzahl, die weite Schiffsreise nach Griechenland auf sich.
 

Eine andere Zeit

Wie lange die Zeitspanne von 125 Jahren ist, zeigt ein simpler Blick in die Historie. Der Zusatz Olympische Spiele der „Moderne“ klingt heute wie Zynismus aus einer Zeit, in der man telegraphierte und mit der Pferdekutsche reiste. Wo heute eine Europäische Union aus souveränen 27 Nationalstaaten besteht, dominierten 1896 Monarchien. Von den großen mitteleuropäischen, der Donaumonarchie und dem Deutschen Reich, bis hin zum britischen Königreich, dem geeinten Königreich Italien und dem Königreich Griechenland. Die europäischen Mächte diktierten das Weltgeschehen und teilten den kompletten afrikanischen Kontinenten mittels brutaler Kolonialisierung auf. Bis zur Verschiebung der Spiele von Tokio 2020 wurde die Erfolgsgeschichte der Olympischen Spiele der Moderne in ihrem Vierjahresrhythmus (bis 1994 fanden Sommer- und Winterspiele (ab 1924) im selben Jahr statt) nur durch zwei Weltkriege unterbrochen. Ein gravierender Unterschied zu den Olympischen Spiele der Antike, als jegliche kriegerische Handlung für die Sportwettkämpfe wie selbstverständlich unterbrochen wurde.
 

Die Erfindung des Marathon

Die größte Innovation im Wettkampfprogramm, das sich im Wesentlichen an die Traditionen aus der Antike und den etablierten Sportarten des 19. Jahrhunderts orientierte, war der Marathonlauf. Der französische Philologe Michel Bréal hatte die Idee eines Laufs von Marathon nach Athen intensiv verfolgt und lehnte sich in der Gestaltung dieser Idee an der Legende von Pheidippides an, ein Bote, der in der Antike laut Überlieferungen nach Athen gelaufen ist, um den Sieg der Athener und Spartaner im Krieg gegen die Perser zu verkünden. Bréal überredete de Coubertin zur Einführung dieser neuen Disziplin. Die historischen Unschärfen der Legende bedrohten die Gründung dessen, was noch heute unglaubliche Faszination auf die Läufer-Community ausstrahlt, nicht.
Der erste Olympische Marathonlauf, damals über die Distanz von rund 40 Kilometern, fand am 10. April statt. Zahlreiche Legenden, Geschichten und Sagen über diesen Tag kursieren seither in der Sportgeschichte und sind Zeugen davon, wie anders die Zeit damals war. Am Vortag feierten die Teilnehmer bis spät in die Nacht, der spätere Sieger soll unterwegs ein Gläschen Cognac konsumiert haben. Anderen stieg der Wein, den sie unterwegs als Erfrischung zu sich genommen hatten, in den Kopf und führte zur Aufgabe.
 

Eine Silbermedaille für den Sieger

De facto war es nicht die historische Marathon-Premiere, sondern der zweite Marathon der Menschheitsgeschichte nach einem griechischen Testevent wenige Wochen vor den Olympischen Spielen. Um 13:56 Uhr fiel am 10. April 1896 in Marathon der Startschuss, um kurz vor 16:55 Uhr erreichte Spyridon Louis gemeinsam mit dem griechischen Kronprinzen Konstantin, der den neuen Nationalhelden die letzten Schritte begleitete, das Panathinaiko Stadion. 60.000 Zuschauer sollen in Ekstase versetzt gewesen sein, dass einer ihres Volkes den Triumph nach Hause brachte. 2:58:50 Stunden lautete Louis’ Zeit. Sein Landsmann Charilaos Vasilakos, der beim Testlauf noch gewonnen hatte, wurde Zweiter vor Gyula Kellner aus Ungarn. Goldmedaille gab es damals noch keine, Louis wurde eine Medaille aus Silber überreicht, seinem Landsmann eine aus Bronze, der Dritte ging leer aus.
 

Die vergessene und die legendäre Leistung

17 Teilnehmer, davon 13 griechische, hatte der erste Olympische Marathon. Eine Frau wurde nicht zugelassen. Stamata Revithi, vergessene Laufpionierin, tat alles, um zum Start zugelassen zu werden, doch ihr wurde eine Teilnahme untersagt. Um dem IOC den Beweis nachzuliefern, dass Frauen genauso Sport betreiben können wie Männer, lief sie die Renndistanz am darauffolgenden Tag und ließ dies dokumentieren. Ihr Lauf endete vor den Toren des Panathinaiko Stadions, der Eintritt wurde ihr verwehrt. Und so endete hier im Schatten der geschichtsträchtigen Arena eine eindrucksvolle Leistung, die unter den Staub der Vergessenheit rutschte.
Nicht von Vergessenheit bedroht war Spyridon Louis, der nie wieder einen Marathon lief, aber auf ewig der erste Olympiasieger im Marathon bleibt. Er war in der Landwirtschaft und als Polizist tätigt. Er verstarb am 26. März 1940, knapp vier Jahre nach seinem unglücklichen Auftritt bei den Spielen von 1936 in Nazi-Deutschland. Der Olympia-Sportkomplex in der griechischen Hauptstadt rund um das Zentrale Olympiastadion, Hauptaustragungsort der Olympischen Spiele von Athen 2004, ist nach ihm benannt. Spyridon „Spyros“ Louis ist eine Legende. Eine Marathon-Legende.