Die Legende des Fauja Singh

Österreichs damaliger Marathonrekordhalter Günther Weidlinger mit Fauja Singh im Rahmen des Frankfurt Marathon 2011. © SIP / Johannes Langer

Am heutigen 1. April wird Marathon-Legende Fauja Singh 110 Jahre alt. So steht es in seinem britischen Reisepass. Für viele ist der Inder das unwahrscheinlichste und eindrucksvollste Phänomen im Marathonlauf, für andere ein potenzieller Betrüger. Weil er sein Geburtsdatum, laut Wikipedia der 1. April 1911 in der indischen Region Punjabi, nicht mit offiziellen Dokumenten belegen kann, erkennt das Guiness-Buch der Rekorde seine Rekordleistungen nicht an. Es gäbe keine Geburtsurkunde, habe die indische Regierung einst bestätigt. Der damalige Chefredakteur der Guiness Weltrekorde sagte einmal gegenüber der BBC: „Wir würden es lieben, ihm den Rekord zuzusprechen. Wir würden es lieben, zu sagen, es ist ein echter Rekord. Das Problem ist: Es gibt einfach keinen Beweis dafür!“ Auch alle anderen Rekordleistungen Singhs sind nicht offiziell zertifiziert, was seinen Heldengeschichten keinen Abbruch tut.
 

Österreichs damaliger Marathonrekordhalter Günther Weidlinger mit Fauja Singh im Rahmen des Frankfurt Marathon 2011. © SIP / Johannes Langer
 

Die erstaunliche Karriere des „Turbo-Tornado“

Seine sportlichen Leistungen wirken surreal bis fantastisch und wundersam. Nach einem arbeitsreichen Leben als Kleinbauer in seiner Heimat und dem Tod seiner Frau zog Fauja Singh gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu seinem Sohn nach Großbritannien und begann zu laufen, was er laut eigenen Angaben bereits im Schulalter getan hatte. Es war sein Ausweg aus einer mentalen Lebenskrise.
2000 feierte er im Alter von 89 Jahren sein Marathon-Debüt in London, 2003 stellte er in Toronto einen bis heute unerreichten Weltrekord für die Altersklasse M90 auf: 5:40:04 Stunden. Sein Markenzeichen, sein Turban. Kein Wunder, dass seine Biografie den Namen „Turban-Tornado“ trägt. Es ist sein Spitzname.
Auch in den Folgejahren lieferte Singh Laufleistungen, die erstaunen. 2010 absolvierte er in Luxemburg im Alter von 99 Jahren einen Halbmarathon, nie war ein Finisher auf dieser Distanz älter. Ein Jahr später wurde Singh in Toronto zum ersten Hundertjährigen erklärt, der jemals einen Marathonlauf absolviert hat. In 8:25:16 Stunden, die Nettozeit war 14 Minuten schneller. 2013 beendete er im Alter von fast 102 seine Laufkarriere beim Hongkong Marathon, wo er einen 10km-Lauf bestritt. Er hält zahlreiche britische Altersklassenbestleistungen auf diversen Sprint- und Laufdistanzen. In seiner späten Karriere sammelte der Vater von sechs Kindern und Großvater von 13 Enkeln nicht nur Ruhm und Ehre für seine Rekordleistungen, sondern er erhielt offizielle Auszeichnungen in seiner Wahlheimat und sahnte als Modell für eine Werbekampagne von adidas vermutlich ordentlich ab. Als Läufer sammelte er viel Geld für wohltätige Zwecke in Großbritannien.
 

Ein spätes Leben als Star

Sein Auftritt beim Frankfurt Marathon 2011 – ein inszenierter Showauftritt – war tatsächlich eine Show. Dieser Eindruck verfestigt sich, wenn man in alten deutschen Online-Medienberichten schmökert. Von einem Mann, der in der Szene angehimmelt wird, gerne Fotos schießt und kaum ein Wort englisch spricht, obwohl er damals bereits 15 Jahre lang in Großbritannien wohnte. Er gilt als Laufwunder, als Vorbild und Inspiration für Läuferinnen und Läufer, auch im fortgeschrittenen Alter (beinahe) alles erreichen zu können. Als Motivation, die eigenen Möglichkeiten bis zum Ultimativen ausloten zu können. Andere haben Zweifel an der Legende.
 

Wie realistisch ist ein solches Phänomen?

Eine Legende ist per literarischer Definition eine Darstellung historischer Ereignisse unter Zuführung übertriebener oder verfälschter Elemente. Leise Zweifel an der Wahrhaftigkeit seiner Lebensgeschichte schweben über Fauja Singh, Informationen für einen konkreten Verdacht fehlen aber abseits der nicht existenten Geburtsurkunde. Ob es diese Zuführung gibt oder nicht, weiß man nicht. Ob alles Bekannte über den Wunderläufer korrekt ist, auch nicht. Also ist es auch eine Glaubensfrage, ob ein derartiges Phänomen in einer Bewegungsform, deren Ausübung aus biologischen Gründen üblicherweise längst in jüngerem Alter als bei Fauja Singh erheblich eingeschränkt wird, möglich ist. Und hier setzen einige Läufer und Trainer mit ihren „Aber“ an.
Singhs Trainer behauptete einmal, die Knochen des Hundertjährigen wären vergleichbar mit jenen eines 35-Jährigen. Im englischsprachigen Wikipedia-Artikel wird berichtet, dass Fauja Singh erst im Alter von fünf Jahren gehen konnte und so schwache und dünne Beine hatte, dass er nur kurze Strecken gehend überwinden konnte.
 

Dharampal Singh Gudha: Der älteste Mann der Welt ein Läufer?

Wer am heutigen Tag über Fauja Singh schreibt, muss auch Dharampal Singh Gudha erwähnen. Auch er ist Läufer, auch er ist Inder, auch sein Geheimnis sind Lebensstil und gesunde Ernährung. Und er will für sich beanspruchen, der älteste Marathonläufer der Welt zu sein. Er sei am 6. Oktober 1897 geboren, laufe Zeit seines Lebens und habe seit 1970 an unzähligen Marathonläufen teilgenommen, den letzten offenbar im Jahr 2016 im Alter von 119 Jahren. Auch er verweist auf seinen Pass, inklusive des genannten Geburtsdatums, und auch von ihm gibt es, wie augenscheinlich in Indien in dieser Zeit üblich, keine offizielle Geburtsurkunde. Gilt Fauja Singhs Geschichte als offiziell unbescholten, glauben nicht einmal die Funktionäre im indischen Leichtathletik-Verband die Geschichte von Dharampal Singh Gudha. In einem ausführlichen Artikel der New York Times aus dem Jahr 2016 vor den Masters-Weltmeisterschaften in Perth werden große Zweifel an der Geschichte des Inders laut. Würde sie stimmen, wäre Gudha vermutlich der älteste Mann der Welt überhaupt. Und würde noch nicht erklären, warum er trotzdem die Fitness für Laufaktivitäten hätte. Viel eher, so deuten die Recherchen der New York Times in Indien hin, sei Singh Gudha um die 80 Jahre alt.
Und so legt die Geschichte von Dharampal Singh Gudha automatisch – ob unverdienterweise oder nicht – einen Schatten über jene von Fauja Singh. Urenkel haben laut diversen Medienbeiträgen übrigens weder Fauja Singh noch Dharampal Singh Gudha.